Casseler Neueste Nachrichten
Caffeler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
Nummer 194,
Fernsprecher 951 und SSL
Donnerstag, 25. Juli 1912
2. Jahrgang,
Fernsprecher 951 und 952.
-au.
Ministerium der geistlichen Angelegenhei-
UEh «Laib »je la (der bisdeffa» Unter, liein« Richte^ Im schwarzen Gehrock, mit ägj
V-Zug aus Berlin hevanbrauste. Einigen der Arbeiter gelang es noch im letzten Moment, zur Seite zu springen. Zwei andere Arbeiter wurden aber überfahren. Der eine wurde sofort getötet, der andere erlitt schwere Verletzungen und wurde nach dem KranSerchaus in Frankfurt a. O. gebracht, wo er bald nach der Einlieferung verstarb.
das
staatssekretär) wird Unterrichtsminister. Die Portefeuilles für öffentliche Arbeiten, Post uita Ackerbau bleiben vorläufig unbesetzt. Ferid Pascha übernimmt das Ministerium des In- nern, Hilmi Pascha wird Justizminister; Mahmud Muchtar Pascha (der Sohn des Großwesirs) wird Marineminister; das Kriegsministerium übernimmt Nazim Pascha, Finanzminister wird der frühere Mini» ster Zia Pascha, Scheich ul Islam ist Djemal Eddin Effendi. In eingrweih- ten Kreisen wird allerdings versichert, daß das gegenwärtige Ministerium lediglich den Cha- ratter eines Uebergangsministeriums trage und bald einem Kabinett Kiamil Pascha Platz machen werde.
Mann, der sich in fast zwei Monate langer Haft zu innerer Ruche durchgerungen hat, trat vor
3nfertionSpretfe: $U sech«geft>aUene 8eit« für einheimische SeschLste 15 Pfg^ für aus. wirttge Inserate 25 Pf, Reklnmeziite für einheimische VeschLfte to Pf, für aaärolrtlg« SeschLft« SO Pf. Beilagen für Me SefamtauRage werden mit 5 Rar! pro Saufen» de- rechnet. Wegen ihrer dicht« Setbreitung in der Reslden, und der Umgebung sind die Saftetet Neuesten Nachrichten «bt vorzügliches Anserttonsorgan. «rschüftSstelle: Nötnische Straße 5. Berliner Beriretnng: SW, Friedrichstraße 18, Telephon: Amt Moritzplah 678
8i« Prinz verschwunden!
Prinz Cäsar von Bourbon verschwunden; das Rätsel einer prinzlichen Hochzeitsreise.
Wer eine gute Belohnung verdienen will, mache sich auf die Suche nach dem Prinzen Karl Wbert Edgar Sergius Cäsar von Bourbon, ehemals wohnhaft in Mailand, dann in London, neuerdings in Paris und gegenwärtig vermutlich in . . . Amertta. Nachrichten über seinen Verbleib nimmt entgegen die Prinzessin Johanna Maria Luise von Bourbon, oder auch Mr. Bahford, Eheschei- dungsrichter in London. Bei diesem verschollenen Prinzen handelt es sich um einen Sprossen der Bourbonen aus Neapel. Ueber den Fall werden folgende Einzelheiten bekannt:
London, 24. Juli.
(Privat-Telegram m.)
Prinz Cäsar von Bourbon lebte ftii. her in Mailand, als er eines Tages (es war im Januar 1910) die Bekanntschaft eines Fräuleins Jeann« Delaporte machte, einer alleinstehenden, unabhängigen jungen Dame, di« von ihren reichlichen Renten lebte. Der Prinz vermocht« einer so schönen Mitgift nicht zu widerstehen, Fräulein Delahorte ihrerseits nicht der Verlockung, Prinzessin zu werden. Man beschloß also zu heiraten; die Hochzeit wurde denn auch im letzten April in London mit großem Pomp gefeiert. Und nun kam di« Hochzeitsreise, deren Ziel zunächst Paffs war. Der junge Ehemann reiste seiner Gattin vomus. Als sie in Paris eintraf, brachte er sie in einem der vornehmsten Hotels im Quartier der Ehamps Elysses unter. Unter irgendeinem Vorwand verließ er sie dann, um „in einer Sekunde" zurück zu sein. Aus der einen Sekund« aber wurden fünf, aus den Mnuten Stunden, kurz: Der Prinz blieb s«it jenem Augenblick verschollen. Das sind nun drei Monate her. Nachforschungen, die sofort angestellt wurden, ergaben, daß der Prinz nur das Gepäck seiner Gattin nach dem Hotel hatte befördern lassen, nicht aber sein eigenes. Man bemüht« di« bekannte Pariser Auskunftei Tricoche und Caoolet, aber vergebens. Indessen wollte es der Zufall, daß die Prinzessin ihren Gatten bei den Rennen in Matsons-Lafitt« überrascht«, am Arme einer „neuen" Prinzessin. Eh« der Prinz aber noch gestellt werden konnte, hatte er sich durch dir Flucht entzogen und alles Wetter« Suchen blieb vergeblich. Die Prinzessin hat nun die Gerichte in Anspruch genommen und betreibt hier, mit Eifer ihre Ehescheidung.
Bte Saftetet Neuesten Nachrichten erscheinen wöcheuMch sechsmal und «toar ab en bi Ter « W bd freier Wmg ins ^uS. Mangen 'ä>5y,eit obeT den Boten entgegengenernmen. Druckerei, Verlag
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Ein paar Beispiel«: Das kamorristisch durchwühlte Italien, voll von einer Korruption, die au die Zeit der spätern römischen Kaiser erinnert; Frankreich, in dem di« Apachen «in mittelalterliches Räuberunwesen etablieren; England, Ar dem der höchst«, veffetaertste Luxus an so viel Qual, an so erbarmungslos mit angefhenvs hungerndes Elend streift, wie es kaum vor der großen französischen Revolution tat Volke herrschte! So müßte man fast verzweifeln am Fortschreiten der Menschheit überhaupt, wenn man sieht, wie trotz allen Humanitäts-Geklingels die krassesten Formen sozialen Rückstands immer wieder brutal vors Auge treten. Nicht immer aber liegen die Ursache dieser erschreckenden Reattionsphasen so klar am Tage wie bei denen, die sich jetzt in Newhork enthüllt haben. Es liegt hier an der Gemeinsamkeit der Polttik und der ad- ministtativen Gewalt. Jeder neue Präsident bringt seine neuen Beamten mtt und gleichzeitig mit den Spitzen wechselt durch eine weitverzweigte Protektion der gesamte riesige Be- amtenapparat. Aemter werden ergattert, erkauft und erschwindelt, und Jeder sucht während der kurzen Zeit seiner Amtswirksamkeit sein-Schäfchen auf diese oder jene Weise ins Trockne zu bringen. Eine Folg« dieses Systems sind unter vielen andern dann die Poliizeikom- miffare, von denen man eben jetzt gehört hat, daß sie sich nach verhältnismäßig ganz kurzer Tä- ttgkett als reiche Leute ins Privatleben zurückziehen. Es läßt sich natürlich nicht aus- denken, wieviel Ungerechtigkeit und Unterdrückung an allen diesen „ersparten" Dollars hängt. Die Korruption aber ist die eigentliche amerikanische Macht; die Korruption ist die Nährmutter amerikaN?sch«r Politik und di« Korruption ist auch die Hoffnung aller Derer, die den Spuren eines Washington oder Lincoln zu folgen vorgeben, in Wirklichkeit aber frech« Egoisten tat Ringen um «itznen Vorteil sind. Amerika ist statt und kann ein Geschwür am Staatskörper überdauern, ohne Schaden zu nehmen, aber der giftige Sumpf der Korruption, über'dem stolz und hoch das Sternenbanner weht, verpestet «ine Amo- sphäre, in der Freiheit und Knechtschaft, Idealismus und brutale Eigensucht, Gut und Böse wie in einem Unkrautgarten friedlich nebenein
ander gedeihen .. .!
Aus Abgrund-Tiefen!
Vloffe« zur Newyorker Polizeimord. AffS- re; im Land des Dollars und der Korruption.
Amerikanische Sensationen sind wohlfeil, und Das, was in Dollarika die Gemüter erregt, läßt uns meist kühl. Aber auch das typische A a n k « e - M i l i e u mit seinem üblen Niederschlag von Sumpf und Schande birgt Probleme und Entwicklungs-Symptome, die mit der kulturellen Entartung in der Sphäre des Erdostens manches gemein haben. In Newyork ist auf offener Straße ein Mensch erschossen worden, und dieser Mord hat enthüllt, was Eingeweihte sicherlich längst wußten, was aber nun aller Welt offenbar wird: Daß die Millionenstadt am Hudson, daß vermutlich alle großen Städte Amerikas in einem Zustand absoluter Rechtlosigkett leben! Es vollzieht sich etwas Aehnliches, wie damals, als Darwin das schöne, Jahrtausende alte Märchen vom „GotteSfrieden in der Natur' zerstörte und darauf hinwies, daß sich unausgesetzt und in den allergrausamsten Formen der Kampf ums Dasein vollziehe. Wer der Ansicht ist, daß dieses sich gigantisch entwickelnde, in seinem Fortschretten für unsre alten europäischen Begriffe kaum noch faßbare Amerika durch Recht und Gesetz auf der graben Bahn der Entwicklung erhalten werde, der irrt weit: Unter her Oberfläche des Alltags lauern das Verbrechen und die Rechtlosigkeit, unterstützt durch eine Korruption, die selbst unsre, durch russische Vorkommnisse geschulten Begriffe turmhoch übersteigt. Manches schwält da in einem andern Licht, als es früher fchien. Das blitzartige Emporschnellen von Existenzen, deren Namen gestern noch niemand kannte, zu einer Machtfülle, die oft die europäischer Herrscher wett übersteigt, das eiserne Sich- durchsetzen mancher Persönlichkeiten, das man gern auf das Konto überragender Energiekräfte fetzte, die für uns eben den markantesten Bestandteil deS Amerikanismus ausmachten diese wirttich oder scheinbar erfolglosen Kämpfe der Präsidenten und andrer Träger der Staatsgewalt gegen die menschenmordenden Trusts, mit einem Wort all Das, was vor unsrem Auge auftaucht, wenn heut der Name Amerika genannt wird: Steht das nicht vielleicht alles weit mehr auf dem Grunde der Niedertracht, flrupelloS ausgenutzter Gewissenlosigkeit, als auf dem Boden menschlicher Energien, die uns ganz unwahrscheinlich dünkten?
Der Fall Rosenthal ist ebenso ein Symptom amerikanischer Entwicklung, wie manches andre Ereignis, das unserm Auge unfaßbar scheint. An Dem gemessen, was durch den einen Reval- verschuß aufgedeckt wurde, erscheint der Fall fast kleinlich. Der Besitzer einer Spielhölle wird auf offener Straße ermordet. Eine Reihe von Nebenerscheinungen macht die Affäre höchst auffällig. Die großen Zeitungen sind erheblich lange, bevor der Mann ermordet wird, mit Anfragen bestürmt worden, ob der Mord schon geschehen sei. Es haben also offenbar Hunderte von Menschen schon vorher darum gewußt. Der Ott der Tat ist von Polizeileuten förmlich umlagett gewesen, ohne daß einer von ihnen nur daran gedacht hat, den Mord zu verhindern. Schließlich wird festgestellt, daß der Mord das Werk einer seltsamen Kompagnie sei: Der Polizei selbst und des Newyorker Verbrechertums! Diese beiden (Polizei und Verbrechettum), die in geordneten Staatswesen gewissermaßen die äußersten Anttpoden der menschlichen Gesellschaft bilden (hier Jene, die sich ttefer als alle redlichen Menschen, außerhalb aller Ordnung gestellt haben, dott Jene, denen der tägli-^e Kampf zur Hütung dieser Ordnung übettra- gen ist, durch die das Beisammensein vieler Menschen erst zum staatlichen Gebilde wird): Diese Beiden sind in dem großen Newyork ein6! So ineinander verwoben und verfilzt, so eng verbunden durch Niedriakett und Verbrechen. daß die Grenzlinie kaum noch zu ziehen ist. Ein zweideutiges Subjekt, das diese Gemeinschaft aufdecken wollte, ließen sie ermorden. Der Staatsanwalt ist nun schaff auf der Spur der Polizei (die in Newyork eine kommunale Einrichtung ist), aber man muß fürchten, daß es ihm kaum gelingen wird, diese tausendköpfige Hydra des Verbrechettums zu Pak- ken. die mtt den Besitzern von Spielhöllen und Straßenräubern Halbpart macht. Vielleicht aber auch, daß alles dies gar nicht Erscheinungen sind, die sich nur auf Amerika beschränken: Vielleicht stehen wir nur vor Teileffcheinungen jener seltsamen kulturellen Kreislaufs, der sich bei näherm Zusehen in irgend einet Form in allen Staaten kundaibt.
Bom Schnellzug überfahren!
Das Unglück ans der Probefahrt, (Privat.Telegramm.)
Aus Frankfurt a. O. wird uns telegra- chisch gemeldet: Während einer Probefahrt auf der neugebauten EisenLachnstrecke bei Rosengarten. ht der Nähe von Frankfurt a. O^ betraten heute früh mehrer« Streckenarbeiter das Geleise der FerNaÜL«, ohne gu beachten, daß M
Immer neue Sensationen!
(Privat-Telegram m.)
Newyott, 24. Juli.
Noch immer find die eigentlichen Mörder Rosenthals auf freiem Fuße. Gestern verfügte der amtterende Richter Feinberg, daß die fünf bereits Arretierten in Haft behalten werden, da der Verdacht begründet erscheint, daß sie an der Ermordung Rofenthals teilge- ntMtmen haben. Die Polizei behaupttt, einen der Täter in Händen zu haben. Die drei an= deren Entflohenen sind wahffcheinlich beretts außer Landes. Die öffentliche Meinung geht dahin, daß die Polizei nur scheinbar sich Mühe gibt, die Mörder ausfindig zu machen, die Wittlich Schuldigen jedoch entkommen ließ. Die Aufregung der Bevölkerung ist der- att,grotz, daß die Multimillionäre Morgan Speyer und Schievelin dem Staatsanwalt u n - beschränkte Privatmittel zue Verfügung stellten, um die Mordaffäre durch Pri- vatdrtektivs aufkläreu zu lassen. Im Osten der Stadt fattii an einem der letzten Abende zwischen Apachen ein regelrechter Revolver karnpf auf offener Straße statt. Es wurden zahlreiche Schüsse gewechselt, durch die zwei Kinder tödlich verwundet wurden. Als die Polizei auf dem Schauplatz effchien, waren die Revolverhelden verschwunden. Von den verhafteten Spielern Weber, Paul und Sullivan werden die beiden ersteren des Mordes an Rosenthal bffchuldigt, der dritte ist ein wichtiger Augenzeuge. Es steht jetzt fest, daß die Polizei eine halbe Stunde vor dem Verbrechen alle Taxameterdroschken aus der Gegend des Mettopolhotels, vor dem Rosenthal effchoffen wurde, entfernen ließ, da- mtt niemand die Verbrecher eerfolgen könne.
Sm Sanne einet Stau.
Prokurist Kroher vor seine« Richtern; Ur« teil r Zwei Zähre und drei Monate Gefängnis!
Die Ferienstrafkammer des Landgerichts Cassel verurteilt« heute de« Prokuttsten Karl Kroher der Jute- fpinnerei und Weberei Cassel in Ro. thenditmow wegen Veruntreuung von rund fünfzigtaufend Mark zu zwei Jahren drei Monate« Gefängnis. Sechs Wochen Unter- suchungshaft werden dem Verurteilten ungerechnet. Der Verurteilte erklärte, auf das Rechtsmittel der Revision ver. zichten und di« ihm auferlegte Sfta. st sofort antreten ju wollen.
Vor dem Forum der Ferienswa flamm er des Landgerichts Cassel ernffüllte sich heute das Schicksal eines Manes, der durch feine Leidenschaft für eine Frau zum Verbrechen getrieben wurde. Hinter den Schranken der Anklage bank effchien der siebenundvterzig Iah. re alte, verheiratete Prokurist Karl Kro. her, der feit elf Jahren in verantwortungsvoller Vertrauensstellung bei der bekannte« Großsirma Jutespinnerei und Weberei Cassel in Rothenditmold stand. Ei«
Das neue Türken Kabinett. M
Kiamil-Pascha hinter der Szene?
(Privat-Telegram m.)
Konstantinopel, 24. Juli.
Die Ministerliste ist gestern abend end- gültifl festgesetzt worden. Sie wurde im letzten Augenblick dahin abgeändett, daß Gabriel Roradhungen daS Ministerium des Aeußern übernimmt, während Kiamil Pa- scha zum Präsidenten des Staatsrats ernannt worden ist. Die übrigen RessottS wurden wie olgt »erteilt: Mahmud Pascha übernimmt
Großfeuer-Katastrophe ht London.
Zwölf Personen tot, viele schwer verletzt!
Der Draht meldet aus der englischen Hauptstadt eine schwere Brandkatastrophe,der zahlreiche junge Menschenleben zum Opfer fielen. Bisher zählt man zwölf Tote, doch ist zu befürchten, daß die Zahl der Opfer noch erheblich steigen wird, da noch nicht alle Leichen geborgen sind. Außer den Toten sind auch viele Schwerverletzt« zu beklagen, die zum Teil schreckliche Brandwunden erlitten Haden und wohl kaum mtt dem Leben davonkommen werden. Ueber die Katastrophe gehen uns folgende Meldungen zu:
London, 24. Juli.
(Privat-Telegram m.)
Gestern in den späten Nachmittagstunden wurde die Bevölkerung der City durch einen furchtbaren Brand in Schrecken versetzt. In allernächster Nähe der Bank von England geriet eine große Luxuspapierfabrik in Brand. Obwohl die Feuerwehr in kürzester Zeit am Platze war, war es nicht mehr möglich, alle Personen aus den Flammen zu erretten. Zehn in der Fabrik beschäftigte Mädchen sind, soweit bisher festgestellt werden konnte, bei lebendigem Leibe verbrannt, während viele ihrer Arbeitskolleginnen zwar gerettet werden konnten, aber mit entsetzlichen Brandwunden bedeckt waren, so daß noch viele der Geretteten ihr Leben werden lassen müssen. DaS Gewirr der engen Straßen und lichtschachfförmigen Höfe erschwerte die Rettungsarbeiten der Feuerwehr ungemein. Das Feuer griff mit rasender Geschwindigkeit um sich, und als die Feuerwehr auf dem Platze erschien, war das Treppenhaus schon so verqualmt, daß die Wehr trotz der Rauchhelme nicht durchdringen konnte. Viele Mädchen wagten den Sprung au8 dem sechsten Stockwerk, um zwar den Flammen zu entgehen, aber mit zerschmetterten Gliedmaßen blieben sie auf dem Pflaster liegen. Mit großem Heldenmut versuchte die Feuerwehr immer wieder in das Haus einzudringen, doch als man einsah, daß dies Vorhaben unmöglich sei, stieg man auf die Dächer der Nachbarhäuser, von wo es auch gelang, noch viele der Arbeiterinnen zu retten. Schrecklich war daS Gestöhn und Geschrei der mit dem Tode Ringenden; dazwischen ertönten laut und gellend die Signale der Feuerwehr. Wie groß die Zahl her sämtlichen ums Leben gekommenen Arbeiterinnen und Arbeiter ist, konnte bisher noch nicht ffftgestellt werden. Wie es heißt, soll daS Feuer dadurch entstanden fein, daß ein Selm« tiegel umstürzt«, dessen Inhalt alsbald in Flammen geriet. Im Laufe der Nacht sind zwei der schwerverletzten jungen Mädchen im Hospital gestorben, sodaß sich die Zahl der To- ten auf zwölf erhöht.
Sxplofiovs-Katastrophe in Paris.
(Privat-Telegram m.)
Wie uns aus Paris gemeldet wird, hat in der vergangenen Nacht eine schwere Gasexplosion die Charenton-Brücke zum größten Teil zerstört. Um halb ein Uhr nachts ging ein Passant über die Brücke, die ganz einsam dalag. Der Spaziergänger zündete sich eine Zigarette an und warf das Streichholz achtlos weg. Kaum hatte er die Brücke passiert, als eine furchtbare Detonation erfolgte. Das Streichholz war in eines der Abflußrohre gefallen und hatte dort die Gase zur Explosion gebracht. Die ganz« linke Seite der Brücke flog in die Luft und stürzte zum Teil in das Wasser. Durch die Ex- vlosion wurde die Wasserleitung zerstört und die Wassermassen überschwemmten daS ganze Stadtviertel. Der angerichtefe Schaden ist sehr groß.