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Casseler Neueste Nachrichten

Caffeler Abendzeitung

Hesstsche Abendzeitung

Nummer 189,

ffernf»te*er 951 trab 952.

Freitag, 19. Zuli 1912

2. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Die Gattin des unter Spionageverdachts stehenden Hauptmanns Kostewitsch hatte sich beschwerdeführend an die Petersburger Re­gierung gewandt, da sie der Ansicht war, daß die hiesige russische Botschaft sich nicht genü­gend um den Verhafteten kümmere und sich nicht für ihn verwende. Daraufhin ist nun die Botschaft von Petersburg angewiesen worden, dem Verhafteten einen Verteidiger zu be- stellen. Gleichzeitig sind zu diesem Zwecke fünftausend Rubel angewiesen worden. Weiter wird aus Leipzig gemeldet: In der Spionageaffäre Kostewitsch haben auch in Düsseldorf mehrere Vernehmungen stattgefunden. Der Untersuchungsrichter beim Reichsgericht ist von Berlin nach Düfleldorf ge­reist und wird dort die Angelegenheit verfol­gen. Näheres ist nicht bekannt. Daß an eine Freilassung Kostewitschs nicht zu denken ist, geht aus diesen Tatsachen klar hervor.

Sauber in der Hohen Tatra (Privat.Telegramm.)

Die Tragödie eines Aristokraten

(Privat-Telegramm.)

3afettüm«pretfe: Die fedtfgefpaltene 3tüt für -tnhiimtsch« »eschaste 15 vfg., für au», »artige 3nftrate 25 Pf, StetlamejeUe für einheimisch« Äeschift, to Pf, für aulmittige Geschäfte W Pf. Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend be» rechnet. Stegen ihrer dichten Verbreitung in der Restden, und der Umgebung stnd die «affeler Steuerten Nachrichten ein vorzügliche» Jnserttoniorgan. »esch-iftsrtelle: »Ölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 18, Telephon: Hmt Moritzplatz 67»

Krisen und Gefahren überall!

(Privat-Telegramm.)

DaS Mimsterimn. dem derHaßderAr- m e e galt, ist nun zwar beseitigt, aber damit ist die Gefahr noch nicht gebannt: Die Offiziere haben noch eine Reihe anderer Forde­rungen aufgestellt, deren Erfüllung gleichbe­deutend wäre mit der völligen Abdan­kung des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt. Daß die Offiziere entschlossen sind, unter Umständen mit Gewalt für ihre Forderungen einzutreten, beweist die Taisache, daß der unmittelbare Grund der De­mission des Kabinetts di« Haltung der höhe­ren Offiziere des ersten Armeekorps ge. wesen sein soll. Hätte das Ministerium gestern nicht demissioniert, so wären mehrere hohe Of. ftziere auf der Pforte erschienen, um di« Demission des Kabinetts zu verlangen. Man behauptet, die Psorte stütze sich nunmehr auf die Zöglinge der Mili ärschule. Der Sultan sprach sein Bedauern über die Demission des Kabi­netts aus. Da der Großwestr aber auf dem Rücktritt verharrte, nahm der Sultan die De­mission an und verfügte, daß sämtliche Mit- al.eder des Kabinetts bis zur Bildung eines

Wieder eine Fliegerkatastrophe!

Leutnant Preußer abgestürzt «nd getötet, (Telegramm unsers Korrespondenten.)

Leipzig, 18. Juli.

Ein schweres Fliegerunglück, bei dem ein junger hoffnungsvoller Offizier de« Tod and, ereignete sich heute morgen gegen acht Uhr ans dem Flugplatz Lindenthal bei Leipzig. Der Flieger-Leutnant Brrutzer

neuen Kabinetts die Regierungsgeschäfte weiter­führen. Man fleht der weiteren Entwicklung der Dinge mit großer Besorgnis ent­gegen.

Rosenthal und die Polizei.

Wie Wetter aus Newyork berichtet wird, gestaltet sich die Polizeimord-Affäre immer verwickelter, und es scheint, daß außer Polizeibeamten auch Spielhöllenbesitzer an der Ermordung beteiligt gewesen sind. Rosenthal hatte dem Staatsanwalt Mitteilungen gemacht, die andere Spielhöllenbesitzer sowohl als auch höhere Polizeibeamte in das Zuchthaus zu bringen geeignet sind. Er hat Polizei- bvamt« namhaft gemacht, die von Zett zu Zett zweitausend Mark erhielten, um ihr Schwei- gen zu erkaufen. Rosenthal selbst hatte lange Zeit geduldig diesen Tribut an die Polizei entrichtet. Als man aber trotzdem seine Spiel- äle überfiel, drängte es ihn, Rache zu üben, und die Folge war seine Anzeige beim Staatsanwalt.

Sechs verlorene Millionen! Wirtschaftliche Wirkungen der fürstlichen Steuerfreiheit; die Ltppe^in der Opposition.

Der politische FottschritMrnd die wittfchaft- liche Erkenntnis sind Güter, die vom Grenz, strich nicht abhängig sind und die offenbar auch mit der Größe des Jnteressenkreises nichts zu tun haben. Im Deutschen Reichstag hat man sich vor Monden in hitzigem Gefecht über die ethischen Zwangsmotive der fürstlichen Steuerfreiheit gestritten und die Mehr, heit des Parlaments hat den Grundsatz prokla­miert, daß der fürstliche bezw. landesherrliche Besitz sogar im unverdierzten Wertzuwachs -von der gesetzlichen Steuer frei zu halten sei. Man steht also im Reichshaus auf dem Standpuntt, daß die allgemeine Steuerpflicht an der äußer­sten Peripherie fürstlichen Wirtschaftsinteresses Ha lt zu machen hat, ganz gleichgül ig, in wel. chem Umfang und in welchem Verhält, ni s zum übrige» Besitz sich diese Interessen geltend machen. Eiftiger noch als im Reichs­parlament Pflegt man im preußischen Landtag - für die Steuerfreiheit der Landesfürsten die Lanze zu rühren, und wenn auch die rechts­historischen und ethischen Argumente, die für das Fürstenprivileg ins Treffen geführt wer­den, manche überaus durchsichtige Stelle er­kennbar werden lassen, so scheint doch im Reich und in Preußen in der Mehrheit der Geister die Auffassung zu leben, daß eine Besteuerung des Fürstenguts eine Antastung der den Kronträgern gewährten Privilegien und eine Schmä­lerung ihrer traditionellen Rechte bedeute.

Konstantinopel, 18. Juli.

(Privat-Telegramm.)

DaS gesamte Kabinett Said Pascha hat ge­stern nachmittag seine Demission einge­reicht. Die Demission erfolgte besonders des­halb, weil Churchid Pascha, der neben dem Ma. rino.ninisterium interimistisch auch das KriegS- ministerium verwaltete, beide Portefeuilles a b - geben wollte und so hatte Muhdar Pascha seine Zusage, das Kriegsministerium zu über­nehmen, an Bedingungen geknüpft, die der Mehrheit der Minister unannehmbar erschien. Der Rücktritt des Kabinetts, dem die Kammer erst zwei Tage vorher ein imposantes Vertrau. enSvotum erteilt hatte, machte auf die Depu­tierten einen niederschmetternden Eindruck. Die jungtürkischen Abgeordneten hielten sofort nach Bekanntwerden der Nachricht eine Sitzung ab in ihrem Fraktionszimmer, in der die Gründe des Rücktritts stürmisch erörtert wurden Der Sultan bot dem türkichen Bot. schaster in London, Tewfik Pascha, das Großvezttat an. Das Komitee ist hiermit zu- stieden. Die Antwort steht noch aus.

vom Sächsischen Infanterie-Regiment Nr. 107 in Leipzig, kommandiert zur Kadettenanstalt i« Dresden, unternahm als Schüler des Fliegers Kahnt einen Aufstieg. Leutnant Preicher wollte einen Achterflug unternehmen, bekam dabei Rückenwind und statt eine Rechtskurve zu nehmen, gab er das Tiefsteuer. Dabei unter­lief dem Leutnant noch der Fehler, daß er den Motor nicht ab stoppte. Das Flugzeug sauste dann mit voller Motorgcwalt in ein Kornfeld, wo es sich in den Erd­boden einbohrte. Noch einmal bäumte sich der Apparat, überschlug sich zweimal und begrub dann den Offizier unter seinen Trümmern. Be­wußtlos und blutüberströmt wurde Leutnant Preußer unter dem Trümmerhaufen hervorge­zogen. Dem Unglücklichen war die S chä d e l. decke zum Teil gespalten und a«s der Schläfe war ihm ein Stück in Größe eines Fünfmarkstückes herausgerissen. Außerdem hatte der Flieger das Genick gebrochen und ferner zweimal den linken Arm und den rechten Fuß. Etwa eine halbe Stunde nach dem Absturz verschied Leutnant Preußer, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, Leutnant Preußer stand erst im dreiundzwan- zigsten Lebensjahre.

Krakau, 18. Juli.

Wie hiesige Blätter aus Zakopane mel­den, wird dort eine russische Studentin vermißt, die einen Abstieg von der Hohen Tatra unternommen hatte. Der Weg, den die Studentin nahm, ist absolut ungefährlich, so daß ihr Verschwinden räffelhast ist. Hunderte

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m^rnttab« bet Redaktion nur von 1 bt» 3 Uhr

-Stell«: J«d« Mittwoch und ArrU-s non b abend». Berliner «ertretung: SW, Friedrichftr 16, Telephon amt tRortSplag 676.

tamme einer der vornehmsten Familien Deutschlands. Seine Mutter sei eine hervor- ragende Künstlerin. Die Familie Hohentha! ist in Sachsen begütert und ein Graf Hohentha! war bis vor einigen Jahren sächsischer Mini terprästdent.

Der Polizeimord in Newyork.

Aus dem Sumpf amerikanischer Korruptton.

Wir berichteten gestern bereits über den skandalösen Polizeimord in Newyork, dem der Spielsaalbesitzer Rosenthal zum Opfer gefallen ist. Es kann nach Lage der Sa­che keinem Zweifel unterliegen, daß Rosenthal tatsächlich auf Veranlassung von Polizei­beamten erschossen worden ist, weil er die Beamten der Beteiligung an verbotenen Glücksspielen und am Fatschspiel beschuldigt hatte. Die Affäre droht zum regelrechten Skan­dal zu werden und den neuesten Depeschen aus Newyork zufolge, stehen sensationelle Verhaftungen bevor. Ueber die Vorge­schichte und die Ausführung des Verbrechens erhalten wir folgende Mitteilungen:

Newyork, 18. Juli.

(Privat-Telegramm.)

Die Ermordung tes Spielsaalbesitzers Her­mann R o s en t h a l geschah zu einer Zett, wo das Verznügungsviettel zu Newyott voll von Menschen war. Es war vereinbart wor­den, daß Rosenthal vorgestern den Staatsan­walt in dessen Privatwohnung besuchen sollte, um dort den Z e u g e n e i d zu leisten, daß die Polizei Beziehungen zu seiner Spielhölle hat­te. Rosenthal hatte mehrere Polizeibe - amte der Erpressung beschuldigt, und insbesondere von Charles Baker, einem- hern Polizeibeamten, ausgesagt, er seistil­ler Teilhaber" seines ^nelsaales gewe­sen. Dem Staatsanwalt gegenüber hatte Ro- senchal die Befürchtung ausgedrückt, es könne ihm ein Leid zugefügt werden. Vorgestern wurde wiederholt in seiner Wohnung telepho­nisch anzeflingelt, und man warnte ihn. Ja, man forderte ihn auf, sich aus her Stadt zu flüchten, wenn ihm sein Leben lieb sei und er sich vor der Polizei retten wolle. Seine Frau flehte ihn an, nicht aus dem Hause zu gehen. Seit einiger Zeit wurde et Tag und Nacht verfolgt, und ihm ahnte, daß es nur eine Frage der Zeit fein würde, bis ihm ein Unheil zustoßen werde. Um Mitternacht trat Rosen­thal in den Speisesaal des Metropolhotels ein und bestellte ein Souper. Wegen der sensatto- netten Natur feiner Enthüllungen erregte <r dort allgemeine Aufmerksamkeit. Infolgedessen herrschte im Speisesaal ein Augenblick lang be­tretenes Schweigen, als er eintrat. Nachdem Rosenthal fein Abendessen verzhrt hatte, rauch­te er ruhig einige Zigarren. Gegen zwei Uhr nachts schickte er sich an, wegzugehen. Da trat ei« gutgekleideter Herr auf ihn zu und Tagte: Hermann, ein Mann drauß en möchte mit Dir sprechen!" Rosenthal zahlte ruhig seine Zeche und ging mit dem Fremden hinaus. Auf der anderen Seite der Straße stand ein Automobil, in dem sich fünf Männer und der Chauffeur be>fanden.Wer wünscht mich zu sprechen?" fragte Rosenthal. Kaum hatte er den Bürgersteig betreten und war in den Schein einer elektrischen Straßenlaterne getreten, so ging der Fremde zur Seite. Im selben Augenblick spran­gen die fünf Leute aus dem Automobil, stürzten auf ihn zu und richteten eine Revolversal- v e aus ihn. Rosenthal war von mehreren Ku­geln gettoffen und brach tot zusammen.

Paris, 18. Juli.

Der Selbstmordversuch eines deut­schen Aristokraten erregt hier ungewöhn­liches Aufsehen, da die Umstände, unter denen er erfolgte, höchst mystisch sind. Der bei der holländischen Gesandtschaft als Dolmetscher fungierende William Bullmann kehrte gestern in Begleitung seines Freundes, des Grafen Hohenthal, in seine Wohnung zurück. Kaum hatten sie die Wohnung betreten, als der Graf das Fenster aufriß und sich in die Tiefe stürzte, wo er schwer verletzt liegen blieb. Der Verletzte wurde nach dem Kranken­haus gebracht, wo sein Befinden zu den schwer­sten Bedenken Anlaß gibt. Graf Hohenthal gibt an, er sei Reichsdeutscher und ent-

ung der Fürsten sich auf einhistorisches" Recht gründet, ist eine unbewiesne Tatsache; selbst aber, wenn es der Fall wäre, müßte die auf historischen Voraussetzungen aufgebaute Tradi- tton den Notwendigkeiten und wirtschaftlichen Zwangsgeboten der n e u en Zeit Weichen, denn das zwanzigste Jahrhundert würdigt wohl die politischen Rechte der Gekrönten, kann aber die aus diesen Rechten hergeleiteten wirtschaft­lichen Privilegien nicht gutheißen, weil sie sich auf Voraussetzungen gründen, die heut nicht mehr gegeben und die in mancher andern Beziehung denn auch tatsächlich längst gefal­len sind. Dem kleinen Parlament der Lipper gebühtt das Verdienst, in der vielumstrittnen Frage zum erstenmal ein entscheidend und befreiend Wott gesprochen zu habe« und es wär« zu begrüßen, wenn die dort mit erfreuli­chem Nachdruck geltend gemachte Erkenntnis auch anderwäris Früchte tragen würde, denn es handelt sich in der alten Streitfrage zweifel­los nicht um ein Rechtsprinzip, sondern um eine Frage des Gerechtigkeitsempfin­dens, deren ethischer Wett lediglich von der Kopfzahl ihrer Freunde «nd Gegner be­stimmt wird. f. h.

Noch ein Flieger-Absturz!

(Privat-Telegramm)

Wie uns aus Berlin berichtet wird, un» ternahm gestern abend auf dem Flugplatz Jo­hannisthal der Flugschüler Leutnant Li­man vom Infanterie-Regiment Nr. 118 eini­ge Rundflüge. Durch die zahlreichen anderen -lugmaschinen scheint der Offizier verwirtt ge­worden zu sein. Er verlor plötzlich die Her r- schäft über seinen Apparat. Aus einer Höhe von fünfzehn Mttern stürzte das Flug­zeug zur Erde. Die Flugmaschine wurde zertrümmert. Leutnant Liman erlitt eine "chmerzhafte Verletzung am Kugelgelenk des rechten Armes und wurde nach dem Britzes Krankenhaus gebracht.

Rücktritt des türkischen Kabinetts!

Zwei Tage nach dem Kammer-Erfolg.

Die Türkei kommt aus den inneren Schwie- rcgkeiten nicht heraus: Erst der Krieg um Tri­polis, dann die Meutere, im Heer und der Rücktritt des Kriegsministers und nun die Geiamt-Demifsion des Kabinetts! Zwei Tage nach dem großen Erfolg, den der Großwestr Said Pascha in der Deputiert em kam mer errungen hat, ist er von seinem Am e zu ruckgetreten und mit ihm das gesamte Ministe num! In politischen Kreisen Konstantinopels hat das Ereignis fast kar keine Ueberrasckuna terborgerufen: Das Vertrauensvotum der Wil .enslosen Kammer, die von der Komiteeparte beherrscht wird, und in noch höherem Grade die Uebernahme des Kriegspotteseuittes- durch den als jungtürkffchen Vertrauensmann und Alba- nesenfelnd bekannten Mahmud Mnkthar Pascha halten im Heere geradezu revolutio- Nlerend gewirkt, und die meisten Offiziere hat­ten nach Schluß der Kammerfltzung erklärt, daß ie auf eine politische Betätigung erst dann verzichten würden, wenn die Komitee-Regie­rung aus her Armee und dem Parlament vott- tändig verschwunden fein werde. Dem Druck dieser Tatsachen hat das Kabinett nicht wider­stehen können. Wir erhalten folgende Meldung:

Ob diese Auffassung den tatsächlichen Ver­hältnissen und der Rechtslage unsrer Zett an­gemessen ist, ober nicht, mag dahingestellt bltt- ben, jedenfalls berührt im Nachhall der jüngst benommenen Debatten erfreulicher und volks- tümlicber, was nunmehr die Landtagsboten von Lippe, die Repräsentanten des Volkswil- lenS im klein st en denffchen Bundesstaat, zur Frage der fürstlichen Abgabe-Freichttt knapp und bündig in Form eines Parlamentsbe- schlusses erklätt haben. Die Regierung deS Fürsten zur Lippe hatte dem Landtag den An­trag unterbreitet, das Kronfideikommiß von der Pflicht zu befreien, zu den Gehältern der Staatsbeamten (wie es bisher der Fall war) zehn Prozent beizusteuern. Es muß hier ringe, schaltet werden, daß das Kronfideikommiß ein ausgedehnter Besitz (ähnlich den preußischen Krondomänen) ist, dessen Einkünfte indessen der Krone nur insoweit zufließen, als sie die auf de« Erträgnissen ruhenden Abgabepflichten (zu denen verfassungsmäßig auch die Beisteuerung von zehn Prozent der zur Besoldung der Staatsbeamten ettorderlichen Summe gehört) übersteigt. Jahrzehnte hindurch ist dieser Do- minialzehnte vom Landesfürsten auch ohne Murren gezahlt worden, bis es setzt der Lippe, schon Regierung einfiel, beim Landtag die Aufhebung der Abgabepflicht zu bean­tragen.

Und das kleine Kämmerchen des Lippe- schen Landes hat prompt geantwortet: Es hat es abgelehnt, die Vorlage der Regierung überhaupt zu erörtern, und seinen Präsi­denten beauftragt, der Regierung die Gründe cheser Weigerung in nicht mißzuverstehender Werse klarzulegen. In der Begründung deS Beschlusses wird ausgeführt, daß ,das Land im Ringen um seine Selbständigkeit, an deren Erhaltung die Krone ein ebenso große? Inter­esse habe wie das Land, die ©leuerfraft seiner Bürger aufs höchste werde anspannen müssen und infolgedessen den nach dem Gesetz ihm zu- stehenden Anspruch nur bann aufgeben tön. ne, wenn ihm ein entsprechend gleichwertiger Ersatz geboten werde." Die EttlSrung der Volks­boten von Lchpe läßt also an Deutlichkeit und Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig, und wenn sich auch daS kleine Parlament dem Für- sten gegenüber insoweit im Vorteil befand, als es sich aus ein bestehendes Gesetz stüt­zen konnte, so hat es doch den anerkennungs- werten Mut befeffen, die Frage der fürst­lichen Abgabenfreihett einmal prinzipiell und vom Standpnickt volkstümlichen Rechtempfindens aus anzuschneiden, und ist dabei zu einem Entscheid gelangt, den man nach Sage der Dache als einen glücklichen bezeichnen kann.

Nach einer oberflächlichen Schätzung gehen Reich und Staat Jahr um Jahr rund sechs Millionen Markau Abgaben und Sten, er« verloren, die durch die Steuerfreiheit des füttllichen Besitzes (nicht etwa her baren Ein­kommen) der Reich- und Landeskasse entzogen werden. Daß bi« Steuer, und Abgabebesrei-

Sensationen vom Tage.

Kostewitsch und die russische Botschaft.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 18. Juli.