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Rr. 182. L Jahrgang._________________

«et geleitet hatte, und dann hielt der Zug. Im nächsten Augenblick, nachdem die Tür des ersten Salonwagens geöfnet war, erschien die Kaiserin in blauem Straßenkleid und mausgrauen, Hut; daim folgte die schlanke, jugendliche Prinzeß Viktoria Luise, nach allen Seiten freundliche Grüße spendend. Die Prinzessin war mit gelbbraunem Staubmantel bekleidet. Schließlich entstieg noch dem Wa­gen Prinz Oskar von Preußen, der sich gestern erst entschlossen hatte, mitsamt sei­ner Kaiserlichen Mutter und seiner Schwester nach Cassel-Wilhelmshöhe zu kommen. Der Prinz trug Hellen Sommerpaletot und englische Sportmütze. Nachdem die Kaiserin die Mel­dung des Polizeiinspektors entgegcngenommen und die militärische Ehrenbezeugung erweisen­den Herren begrüßt hatte, bestiegen die Kaise­rin, Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Os­kar die erste Zweispänner-Equipage, die Pferde zogen an, und in rascher Fahrt ging es die stetlr Straße empor

zur Wilhelmshöher Allee.

Bevor noch die dort harrenden Menschenmen­gen das erste Hoch ausbringen konnten, nickte die Prinzessin bereits dem Publikum zu, freundlich und lächelnd. Nun brausten Hurras und Hochrufe den kaiserlichen Gästen entgegen, Tücher wehten und Hüte wurden geschwenkt! Mit Begeisterung wurde die Kaiserin empfan­gen. Die Kaiserin selbst sah überaus frisch und heiter aus und dankte ebenfalls lächelnd für die ihr und ihren Kindern bereiteten Ova­tionen. Auf dem ganzen Wege wiederholte sich dieses Schauspiel. So kam die Equipage an der Wache vorüber. Die Wache trat ins Ge­wehr, die Augen der Musketiere gingen nach links und der Tambour schlug die Trommel. Dann bog die Equipage in das Schloß ein. . . Bald kamen auch die übrigen Equipagen mit dem Gefolge, in dem man die Hofdamen Grä­finnen Plessen und Rantzau, Kammerhern von Spitzenberg und Leibarzt Geheimrat Dr. Zunker bemerkte. Inzwischen wurde das Gepäck aus dem Sonderzuge geladen und auf mehreren Wagen nach dem Schlosse befördert. Langsam verlief sich die Menge, nachdem die Absperrung ausgehoben und das Polizeikom­mando abgerückt war. Nur am Schlosse blieb eine stärkere Abteilung Schutzleute zurück. Der kaiserliche Sonderzug, der die Aufmerksamkeit aller Passagiere der Wllhelmshöhe paisieren- den Züge und des Publikums in Anspruch nahm, dampfte später nach Cassel, wo er vor­läufig in dem eigens für diesen Zweck be­stimmten Schuppen verbleibt. Die Kaiserin nahm dann im Schloßgarten mit Sohn und Tochter das Frühstück ein und wird heute vor­aussichtlich den ganzen Tag über im Schloß bleiben. Somit ist Cassel-Wilhelmshöhe von heute ab in der Tat wieder: Kaiserliche Residenz .. .! r. h.

Der Kaiser auf der Rordlandfahrl.

Aus Swinemünde berichtet uns ein Privat-Telegramm: Der Kaiser hat heute morgen kurz nach acht Uhr an Bord der Hohenzollern" unter dem Salut der Festung die Nordlandsfahrt von Swinemünde aus angetreten. Als Begleitschiffe nehmen der KreuzerBreslau" und das Depeschcnboot Sleipner" an der Nordlandreise teil.

Eine gescheiterte Verlobung?

Prinz Adalbert «ud Großfürstin Olga.

Die Verlobungsgerüchte, die mit der Kaiserbegegnung in Baltisch-Port in Zusammenhang gebracht wurden und von denen auch wir Notiz genommen haben, geben nun einem Pariser Blatte Anlaß zu folgenden Aus­lassungen: Seit einiger Zeit bemerkte man ver­wundert, daß die europäische Presse Mitteilun­gen von einer projektierten Verlobung

Casseler Reue zwischen dem Prinzen Adalbert von Preu­ßen und der Tochter des Zaren, Großfür­stin Olga, veröffentlicht. Es kann sein, daß Kaiser Wilhelm die Absicht gehabt hat, seinen dritten Sohn zu verheiraten. So hat er ibn bereits nach Dänemark gesandt, um ihn dort mit der Prinzessin Thyra zu vermählen. Dann hat er ihn veranlaßt, sich nach Schweden zu begeben, damit der Prinz dort mit der Schwester der Kronprinzessin, Margarethe von Schweden, der englischen Prinzessin Viktoria Patricia zusammenkomme. Diese Heiratspro­jekte sind jedoch alle gescheitert. Was die Großfürstin Olga anbetrifft, so ist niemals von einer Vermählung zwischen ihr und dem Prinzen Adalbert die Rede gewesen. Alle die­jenigen, die in russischen Hoskreisen informiert sind, wissen, daß die Großfürstin Zuneigung für ihren Verwandten, den jungen

Grotzfürftsn Dimitri Pawlowitsch, besitzt, die von der ganzen kaiserlichen Familie gebilligt wird. Ferner ist die Tatsache bekannt, daß man vor vierzehn Tagen, das heißt, als man bereits wußte, daß Prinz Adalbert mit seinem Vater nach Baltisch-Port kommen wür­de, die in Aussicht genommene Vermählung der Großfürstin Olga mit dem Großfürsten Dimitri offiziös ankündigte. Wenn die Verlobung nicht offiziell proklamiert wurde, so geschah dies deshalb, weil die Tochter des Zaren noch nicht siebzehn Jahre alt ist. Aber diese Hochzeit ist nicht die einzige, die in der kaiserlichen Familie geplant ist. Es gilt hier als sicher, daß Prinz Arthur von C o n n a u g ht, ein Vetter des Königs von England, sich mit der Großfürstin Irene Alexandrowna, einer Nichte des Zaren, vermählen wird. Diese Hei­rat ist zwar schon seit längerer Zeit beabsichtigt, aber wegen der Jugend der Prinzessin nicht of­fiziell verkündet worden. In diesen Tagen er­reicht die Prinzessin ihr siebzehntes Lebensjahr und dann wird die Verlobung öffentlich be­kannt gemacht werden. Die Vermählung wird in Petersburg stattfinden. Es heißt, daß der König von England aus diesem Grunde nach Rußland kommen wird, nachdem er vorher in Paris und Berlin seine Antrittsbe­suche gemacht hat.

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England hinter der Szene?

Die vorstehenden Mitteilungen des Pariser Blattes erfahren eine gewisse Bestätigung durch eine Nachricht, die aus französischen politi­schen Kreisen stammt. Danach ist es nicht richtig, daß man in Pariser und Petersburger Kreisen niemals an eine Heirat zwischen dem Prinzen Adalbert von Preußen und der Großfürstin Olga von Rußland gedacht hat. Vielmehr ist es in unterrichteten politischen Kreisen kein Geheimnis, daß die Begegnung von Baltisch-Port als Hauptzweck eine Verlo­bung des Prinzen mit der Großfürstin hatte. Daß dieses Projekt nicht zustande gekommen ist, wird in Paris aufenglischenEinfluß zurückgeführt.

Herr Kokowzow erzählt...!

Harmonisch, gehoben und ohne Mißklang".

(Privat-Telearamm.)

Petersburg, 10. Juli.

Der russische Ministerpräsident Kokow­zow hat sich über die Entrevue von Baltisch- Port wie folgt ausgesprochen: Ich habe bei der Kaiferbezegnung durch mehrmalige längere Unterhaltungen mit Kaiser Wilhelm und durch vielfachen Meinungsaustausch mit dem Reichs­kanzler von Bethmann Hollweg die feste Ueber. zeugung gewonnen von der aufrichtigen Friedensliebe und der wahren Freundschaft des deutschen Staatsober­hauptes für Rußland, sowie von der Offen­heit und Ehrlichkeitder deutschen Politik.

e Nachrichten

Die persönliche Annäherung der Monarchen und der Staatsmänner beider Reiche, sowie die er­schöpfende Aussprache hat nicht vorübergehend, sondern dauernd zur Festigung des gegenseiti­gen Vertrauens und der achtungsvollen Freund­schaft zwischen Rußland und Deutschland ge­führt. Die Stimmung während der fast drei­tägigen Begegnung war unausgesetzt unver­gleichlich harmonisch und gehoben und nicht durch den geringsten Mißklang gestört.

Die Politik de» Lager. Kultusminister und Lehrer.

Ein Privattelegramm meldet uns aus Stuttgart: Zwischen dem würftem- bergischen Kultusminister Fleischhauer und dem württembergischen Volksschul- lehrerverein ist es zu einem ernsten Konflikt gekommen. In dem Organ des Vereins war ein Aufsatz erschienen, in dem das Verhalten des Ministers bei der Vertre­tung des Lehrerbesoldungsgesetzes sehr scharf kritisiert und unter anderem gesagt wurde, er habe »wie ein ostelbischer Landrat gesprochen". Der Minister erklärte daraufhin dem Vorsitzen­den des Vereins, Landtagsabgeordneten Löh­ner, daß er alle Beziehungen zu dem Verein ab breche und keine Deputation mehr empfangen werde. Die Leitung des Lehrer­vereins erklärt demgegenüber, daß sie lediglich in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe, als sie gegenüber dem Minister in die Opposition eintrat. Die nächste Frage ist jetzt: Was nun . . .?

Nach der Glatzer Luxiade.

Aus Berlin wird uns berichtet: Die Flucht des Hauptmanns Lux hat ge­zeigt, daß die Festungshaft zu milde gehandhabt wurde. Es sind deshalb jetzt Deck­blätter zur Militärstrafvollstreckungsvorschrift herausgegeben worden, die eine wesentliche Verschärfung bedeuten. Als Grundsatz kann die Bestimmung gelten: Wenn auch die Festungshaft eine Art Ehrenhaft ist, so muß doch die zwangsweise Freiheitsent­ziehung gewährleistet sein. Zur Durchfüh­rung dieses Grundsatzes sind folgende Anord­nungen neu getroffen worden: Wo die Ver­hältnisse es erfordern, sind die Gefangenen einzuschließen und in Stuben mit ver­gitterten Fenstern unterzubringen; bei flucht- verdächtigen Personen, wie wegen Hochverrats, Landesverrats oder Verrats militärischer Ge­heimnisse Verurteilten, hat das grundsätz­lich zu geschehen. Die Stuben sind in regel­mäßigen Zeitabschnitten und überraschend zu untersuchen; die Gefangenen dürfen keinen Schlüssel zu ihren Stuben haben.

Politische Chronik.

Keine neuen Reichsanleihen! Wie aus Ber­lin berichtet wird, wurde den mit der Ausstel­lung des neuen Reichsetats beschäftigten Reichsämtern auch in diesem Fahre die Erklä­rung des Reichskanzlers zugestellt. die Ausla­gen innerhalb des Einnahme-Vor­anschlages zu halten. Es sei der Wille der Reichsregierung, auch für das kommende Etats­jahr an der Ausschließung neuer Reichs- anleihen festzuhalten.

Eine Reise der Kaiserin nach Marienbad? Wie das Pilsener Tageblatt erfährt, erwartet Prinz Adalbert von Preußen, der vor­gestern zum Kurgebrauch in Marienbad einge­troffen ist, in drei Wochen den Besuch seiner Mutter, der Kaiserin und seiner Schwester, der Prinzessin Viktoria Luise. Die Kaiserin wird sich von Wilhelmshöhe nach Marienbad begeben.

Pariser Sommer-Spuk? Ein Privat- Telegramm meldet uns aus Paris: Die

Donnerstag, 11. Juli 1912.

Zeitung »Eclair" veröffentlicht eine im aufge­regten Ton geschriebene Note, in der sie den englischen Botschafter in Paris be­schuldigt, sich zu sehr mit der inneren Politik zu befassen und int Trüben zu fischen, indem er versuche, die Rückkehr des früheren Minister­präsidenten Clemencoaus zur Regierung zu erleichtern.

Reue» vom Lage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

Rudolf Stallmann in London freigefpro- chen. Der bekannte Spielerkönig Rudosi Stallmann, besser bekannt unter dem Na­men Baron Korsf-König, der gegen das vom Polizeigericht gegen ihn ergangene Auswei- sungsurtetl Revision eingelegt hatte, wurde vom Londoner Zivilgericht nach länge­rer Verhandlung frrigesprachen und aus der Hast entlassen.

sx Tie Hinrichtung eines Vatermörders. Die grauenvolle Tat eines entmenschten Sohnes hat nunmehr auf dem Schafott die Sühne ge­sunden. Der am zwanzigsten März wegen Giftmordes, den er an seinem Vater, dem Be­sitzer des »Schwelmer Tageblatts", beging, vom Schwurgericht Hagen (Westfalen) zum Tode verurteilte Kaufmann Rudolf Miethe, ist am Mittwoch früh auf dem Hofe des Gerichts­gefängnisses in Hagen hingerichtet worden.

xz Wieder einer! Nach Unterschlagung von siebzehntausend Mark ist der Buchhalter Fried­rich Jüttner aus Okersheim (Rheinfalz) verschwunden. Er war bei der Hilfsfabrik Okersheim der mechanischen Weberei Linden bei Hannover angestellt und hat das Geld in der Zeit veruntreut, während er den Kassierer der Fabrik vertrat.

~ Die Verzweiflung einer Mutter. Eine Arbeiterfrau in Groß-Berlin, die von ihrem Manne, einem Trunkenbold, in roher Weise mißhandelt wurde, versuchte sich mit ihrer zweijährigen Tochter das Leben zu nehmen. Ein Schlafbursche fand beide bewußtlos in der mit Gas gefüllten Küche liegen. Der her- beigeruseuen Feuerwehr gelang es, mit Hilfe des Sauerstoffapparates Frau und Kind in das Leben zurückzurusen. Beide wurden nach dem Krankenhaus gebracht.

Eine Badeanstalt in Flammen. Ein ge­waltiges Feuer, das in der Nacht zum Mitt­woch zum Ausbruch kam, zerstörte die Müller- sche Badeanstalt in Niederschöneweide bei Ber. litt. Der Schaden wird auf 40 000 Mark bezif­fert, ist aber durch Versicherungen gedeckt. Die Entstehungsursache des Feuers konnte noch nicht ermittelt werden. Aus vierzehn Schlauch­leitungen mußten ungeheure Wassermengen in die Gluten gegeben werden.

Die explodierte SpirituSkanne. Die oft gerügte Unvorsichtigkeit mit Spiritus brachte über eine Münchener Familie schweres Leid. Eine Metzgersfrau goß auf glühende Kohlen Spiritus, die Spirituskanne explodierte und die Frau sowie ihre beiden am Boden spielen­den Kinder wurden so schwer verletzt, daß an ihrem Auskommen gezweifelt wird.

ur Ein fingierter Juwelenraub. Der Ju­welenhändler Äouvier in Paris erstattete der Polizei die Anzeige, daß ihm aus einem eisernen Schrank Schmucksachen im Werte von hunderttausend Francs gestohlen worden seien. Die Widersprüche, in die er sich verwickelte, er­regten den Verdacht des Polizeikommissars und nach scharfem Verhör gestand Bouvier, daß er den Einbruchsdiebstahl fingiert habe, um eine Versicherungssumme von dreihundertfünfzig­tausend Francs zu erhalten. Bouvier wurde verhaftet.

ts Großfeuer in einer Oelfabrik. In einer großen Oelfabrik in Marseille brach Großfeuer

IBlympiaiir.

Stockholm in den olympischen Tagen, von Cunnar Bjurman.

Von ungezählten Reisenden ist Stock- h o l m, die Mälar-Stadt, als dasVenedig des Nordens" und als eine der allerschö n ft c n Städte der Welt begeistert gepriesen worden und nun, da über Nacht aus aller Herren Län­der ein Heer willkommener Gäste bei uns ein­gezogen, sind wir stolz, wenn wir immer wie­der im Gespräch diesen Ruf unserer Heimatstadt bestätigt hören. Dem sommerlichen Stockholm wird es leicht, Bewunderer zu finden; im lich­ten Sonnenglanze spiegeln sich die auf felsigem Grunde aufgetürmten hellen Bauten in den Meeresarmen, weiß, gelb und blau: Das ist der heitere Akkord, der alle Seelen umfängt und froh stimmen muß. Drunten auf dem Norrström und im Mälar gleitet geschäftig ein ganzes Heer von kleinern und größern Dampfbooten von der Stadt zu der herrlichen Umgebung. In einer halben Stunde tragen uns diese in dem festlichen Weiß strahlenden Boote aus dem Getriebe des Stadtlebens fort, inmitten einer ländlich schönen Natur lassen sich friedlich stille Stunden verträumen. Die meisten aber zieht cs doch hinaus in die Schären, in kaum einer Stunde ist Waxholm. die berühmte Feste, erreicht und von der Altane des Gasthofes schweift der Blick über die in Sommerfarben strahlende Insel und den leuchtenden Meer­busen.

Aber auch Dem, der im Herzen der Stadt verharrt, bleibt Stockholm in diesen Tagen das Gefühl der Sommerlichkeit nicht schuldig. Am Abend, wenn mit dem Heimgang der Sonne der westliche Himmel flammend erstrahlt, sitzen wir in stiller Betrachtung auf der Operntcrrässe und solche Abende werden dem Fremden zur Erinnerung, die nicht leicht verblaßt. Denn alle Dikge gleiten hier an solchen Sommerabenden in das Reich einer seltsam traumhaften Un­wirklichkeit; in jenem wunderlichen Zwielicht, mit dem die Dämmerung in die belle nordische Sommernacht binüberfließt, lockern sich die Konturen und alle schwere Körperlichkeit scheint in duftiger Zartheit zu versinken. Schon ist die Nacht gekommen, wir spüren es kaum, so bell und bläulichweiß sind diese nordischen Nächte, daß wir ohne Licht noch lesen tön11611- uzenn längst unten in den Wassern der Widerschein von unzähliaen Lichtersäulen zittert und «üm-

mert. Dann leuchtet die Luft in einem seltsam südlichen Dunkelblau, das harmonisch mit jener ungewohnten Helle des Himmelsscheins ver­schmilzt, und in diesem zauberhaften Hinter­grund liegen in edler Ruhe die mächtigen Um­risse des alten Königsschlosses, das als Bau in seinem Wohlklang der Proportion sei­nes Gleichen sucht.

Jetzt freilich, mit den olympischen Spielen, ist unsere Sommerstadt auch eine kosmopolitische Stadt geworden. Die Laute fremder Sprachen erklingen auf allen Straßen und auf allen Terrassen, und überall begegnen wir ganzen Scharen von Männern, deren Hüte mit Bändern fremder Nationalfarben geschmückt sind. Das sind dieHelden des Tages", die Teilnehmer an den Svortkämpfen in dem neu­erbauten gewaltigen Stadion. Als am Sonn­abend die olvmpischen Sviele durch den- nig und den Kronprinzen festlich eröff­net wurden und die ersten Kämpfe begannen, gab es natürlich einen ungeheuren Jubel, als ein Schwede (im Speerwerfen) den ersten Sieg errang und als erste Siegesflagge die schwedi­schen Farben gehißt werden konnten. Diese Begeisterung der Stockholmer kommt auch den Gästen zugute. Man kann sich schwerlich vor­stellen, mit welcher leidenschaftlichen Span­nung die ganze Stadt hier den Verlauf der Kämpfe verfolgt.

Den Zeitungsjungen werden die Blätter buchstäblich aus den Händen gerissen, dasAf- tonblade" veröffentlicht alle wichtigen Nach­richten auch in deutscher und englischer Sprache und täglich erscheint auch ein besonderes illu­striertes SportsblattStadion", das, in eng­lischer Spraye abgefaßt, nachmittags während der Spiele verbreitet wird. Auf einem der be­kanntesten Plätze Stockholms, auf dem Stu­re p l a n, drängt sich den ganzen Tag hindurch eine erwartungsvolle Menschenmenge vor der Fassade eines großen Warenhauses, an der stän­dig die Resultate der Kämpfer angeschlagen werden. Im Stadion selbst und seiner Umge­bung entwickelt sich dann, hauvtsächlich an den Nachmittagen, ein malerisches Volkstrei­ben, Die Stockholmer selbst sind freilich ein wenig enttäuscht, sie hatten auf eine größere Schar von Gästen gehofft. Gegenwärtig weilen wohl etwa fünfund z anz i giausend Fremde in unserer Stadt, aber diese Zahl bleibt weit hinter den Erwartungen und Vorbe­reitungen zurück. Stockholm war bereit, auch das Vier- oder Fünffache dieser Zahl zu be­

herbergen. Daher sind auch die Zimmerpreise verhältnismäßig billig geblieben. Erst am dreinndzwanzigsten Juli gehen die olympischen Spiele zu Ende. Die neue Verbindung über Saßnitz-Trelleborg ist bequem: Vielleicht sehen wir uns bald in der schönen Mälarstadt wie­der ...!

Volksfestspiele im Münchener Hoftheater. Zwischen dem Verein Münchener Volks- festspiele und der Generalintendanz der Königlichen Hoftheater ist soeben ein Uebereiu- kommeu geschlossen worden, wonach die Veran­staltungen der Polksfeftspiele, die 1910 und 1911 in der Festhalle des Städtischen Ausstel­lungsparkes ihre Stätte gesunden haften, dies­mal im Münchener Hof- und National- th eater stattfinden. Zur Aufführung gelangt Calderons MysteftumDer standhafte Prinz', deutsche Nachdichtung von Georg Fuchs. Es finden im ganzen fünf Festaufführungen statt, die erste im Anfang September.

L Ein Jugendwerk Liouardos. Ein unbe­kanntes Jugendwerk Liouardos ist eine köstliche Maria mit dem Kinde, die sich in der Sammlung der Fran Benois in St. Peters­burg befindet unfo die vor einiger Zeit von Professor Hauser im Berliner Kaiser-Friedrich- Museum wiederhergestellt worden ist. Aus Grund eines umfangreichen Materials weist der Direktor der Casseler Gemäldega­lerie in der neuestenZeitschrift für bildende Kunst" nach, daß sich diese Lionakdosche Kom­position gegen Ausgang des fünfzehnten Jahr- hundetts und den Beginn des folgenden einer außerordentlichen Beliebtheit erfreute.

Die Memoiren eines Mmisterpräsiden- nssterpräsidenten Milowanowitsch dessen uns aus Wien: Die serbische Regierung bat bekanntlich sofoft nach dem Ableben des Mi­nisterpräsidenten Milowanowifch dessen gesamten Aufzeichnungen über seine Minister­tätigkeit mit Beschlag belegen lassen, weil bei der Veröffentlichung der Memoiren aufse - hcnerregende Mitteilungen erwar­tet wurden. Der Coup der serbischen Regie­rung scheint jedoch nicht vollauf gelungen zu sein, denn Milowanowitsch muß bei Lebzeiten schon eine Ahnung von Dem, was sich nach sei­nem Tode ereignen würde, gehabt haben. Aus diesem Grunde hat er denn auch einen Teil seiner Aufzeichnungen nach Wien ae»

schafft, hierzu ein fast vollständiges Dupli­kat seiner in Belgrad befindlichen Originalpa­piere. Die »Aufzeichnungen eines Staats­mannes" dürsten im nächsten Frühjahr heraus- kommen. *

Herodes und Mariamne". Es darf als Kuriosum betrachtet werden, daß Hebbels Ehe­tragödie dickblütiger und grüblerischer Charak- tere in Leipzig erst dreiundsechzig Jah­re nach der Entstehung zum ersten Male am Sonnabend aufgcführt wurde. Der neue In­tendant Martersteig versuchte zum ersten Male während seiner Leipziger Tätigkeit mit dieser Aufführung eine Tragödie auf der sogenannten Stilbühne aufzuführen, und dieser Persuch ist als durchaus gelungen zu betrachten. Der Ver­such sand denn auch einen für Leipzig bemer­kenswert starken Beifall.

Strindbrrg und Lllrn Lev.

Man schreibt uns: Als kürzlich verlautete, Max Dauthendey, der Münchener Lyri­ker und erfolgreiche Autor derSpielereien ei­ner Kaiserin" habe eine Komödie geschrieben, in der Strindberg persönlich austrete, hat Dauthendey diese Nachricht bestritten. Jetzt liegt dieDauthendeysche Komödie vor und der Leser kann sich überzeugen, daß doch August Strindberg darin erscheint. Die Komödie führt den TitelHafa" (Verlag Ernst Rohwolet, Leipzig) und gibt eine Spiegelung flandinavi- schen Bohemienlebens. Man begegnet einer Reihe von Charakterköpfen, deren Wesenheit ei­nander durch ihren Antifeminismus verwandt ist, bis sie in geheimnisvollen Berghütten wie­der auf Evasschwestern stoßen und ihnen un­terliegen. Die Hauptperson ist der Dichter und Naturwissenschaftler Tavelung, ein dämo­nischer Weiberhafscr, der aber bereits fünf Frauen gehabt hat. Aus tausend Einzelzügen, die Dauthendey zusammengetragen hat, erkennt man deutlich ...August Strindberg. Eine Emanzipierte des Dramas hatdes Jahrhundert des Kindes" entdeckt: Unschwer erkennt man Ellen Key. Eduard Munch, der norwegische shmbolisttsche Maler und dex polnische Dichter Przbyszewski finden sich in dem Drama wieder, das etwa als skandinavi- sches Gegenstück zu WolzogensLumpengesin. del" angesehen werden kann. K. _W,