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Casseler Neueste Nachrichten

fff!

Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

2. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Donnerstag, 11. Juli 1912

Nummer 182

Fernsprecher 951 und 952.

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Bomben-Luftsrhiffe für Tripolis!

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haben.

Die neuen Steuerplane.

Dt» «affeler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend». Der SbonnementSvretS beträgt monatlich so Psg. bet tretet Zustellung in» Hau». Sestellungen werden jederzett von der Geschäftsstelle ober den Boten entgegengenommen. Druckeret, Verlag und Siedaktiou: Echlachthofftraße 28/30. Sprechstunde» der Redaktion nur von 1 bl» 3 Uhr nachmittag», Sprechstunden der Auskunft - Stelle: geben Mittwoch und Freitag von 6 613 8 Uhr abenb». Berliner Vertretung: SW Friebrichstr. 16, Telephon: Amt Morttzplatz 676,

Etwa achthundert Monarchisten, unter ihnen viele Priester, haben iu Cabeiceiros die Mo- narchie als wiederhergestellt eröärt. Eine Anzahl von Verschwörern versuchten nachts in Cerolira einzudringcn, wurde aber nach zweistündigem Kampf mit schweren Ver­lusten zurstckgeworfen. Der Duro schwemmt viel« Leiche« von Rovaliften an. Der

Der Kamps um erneu Thron.

Die Monarchie in Portugal proklamiert.

(Privat-Telearamm.)

Lissabon, 10. Juli.

Berlin, 10. Juli.

(Privat-Telegram m.)

Die Petersburger Nowoje Wremja hatte an­gedeutet, daß die Verhaftung des Hauptmanns Kostewitsch aus dem Grunde erfolgt sei, weil die deutsche Regierung bei Kostewitsch eine angebliche Instruktion des russischen Gene­ralstabs an Kostewitsch aus Petersburg entdeckt habe, in der vorgeschrieben worden sei, gewisse militärische Geheimnisse auszu­schnüffeln. Die Fälschung dieser angeb­lichen Instruktion stehe jetzt aber außer Zweifel. Dazu bemerkt dieVoffische Zeitung": Diese Meldung wird von zuverlässiger Seite de m e n - tiert und als eine Phantasicnachricht bezeich­net. Das Belastungsmaterial gegen Kostewitsch ist allerdings vorerst so gering, daß man die völlige Uebersctzung aller von dem Spion N i - kolsky in Düsseldorf beschlagnamten Schrif­ten abwarten muß, ehe sich über die tatsächliche Schuld des verhafteten Hauptmanns Kostewitsch ein Urteil bilden läßt. Ob Kostewitsch freige- laffen werden wird, läßt sich heute noch nicht beurteilen.

Mn Römersieg in Tripolis?

Die Italiener erobern Mesurta!

Das nun schon mondelang dauernde K r i e g s s p i e l im Norden Afrikas hat neu­erdings den Italienern wieder einmal einen Erfolg gegönnt, der sich in der Darstellung ita­lienischer Meldungen alsentscheidender Sieg" offenbart. Was es mit diesem Siege allerdings für eine Bewandtnis hat, wird sich erst beur­teilen lassen, wenn auch türkischerseits Nachrichten über den Kampf vorliegen, denn bisher haben bekanntlich die einzigenHelden­taten" im Tripolis-Krieg darin bestanden, daß Römer und Türken sich gegenseitig die Siegerpalme im ... Erfinden von Siegs­depeschen streitig machten. Ueber die Eroberung von Mesurta liegt in Rom folgende Meldung vor:

Hauptmann Concesro liegt noch an der Grenz« in der Nähe von Montalegre. Kavallerie durch- treist das Gebiet von Chaves, Montalegre und Balenca, um alle zersprengten Royalisten zu er­greifen und niederzuschießen. Der Ma- rincleutnant Manuel Soares, der als mo­narchischer Verschwörer festgcnommcn, kürzlich aber freigelassen worden war, wurde gestern abend von einem Carbonari durch vier Revol- verschnfle getötet. Der Carbonari wurde verhaftet.

Zst Spion Kostewitsch unschuldig?

Gefälschte Petersburger Instruktionen".

Die Berliner Spionageaffäre Kostewitsch gestaltet sich immer rätselhafter. Während zu­erst bekanntlich behauptet wurde, Koste­witsch sei erst daun verhaftet worden, als das Belastungsmaterial gegen ihn einwandftei festgestellt gewesen sei, heißt es jetzt, der Haupt­mann sei wohl kaum als Spion anzuspre­chen und die Untersuchung gegen Kostewitsch habe wenig belastendes Material ergeben, daß die Freilassung demnächst erfolgen dürste. Das ist jedenfalls eine befremdliche Wandlung inner­halb weniger Tage, und man ist berechtigt, die neuesten Meldungen über die Angelegenheit mit einigem Mißtrauen aufzunehmen. Wir erhalten heute folgende Nachricht.

gnferttontoretfe: Srte fechSgespaUen« Zelle für einheimische »-schälte Psg., fitr au»- i roärttge Inserate 25 Pf Reklamezelle für einheimische Beschütte 43 Pt., für <ux»raärtige | Seschäft, 60 Pt. Beilagen für bl» Sesamiauslage werben mit 5 Mark pro Tausend de. , rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung In der Resiben, und bet Umgebung ftab bte j Saftetet Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» JntertionSorgan. Geschäftsstelle: Koln-.sche ! Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friebrichstr»»- 16, Telephon: Amt Moritzplatz«7« |

Rom, 10. Juli.

(Telegraphischer Bericht.)

Gestern ist hier folgende Depesche des Gene­rals Camerana aus Tripolis eingrgangen: M e s u r a t a ist in unserer Gewalt. Am Dienstag nachmittag um drei Uhr, genau einen Monat nach unserem Siege bei Zanzur, ist, un­ter den freudigen Rufen: Es lebe Italien! die italienische Flagge auf der Kasbah von Mesu- rata gehißt worden. Um vier Uhr morgens gingen alle verfügbaren Truppen zum An­griff vor, während die Kriegsschiffe die Küste von Kap Zuruk bis Zeira überwachten. Unser rechter Flügel sollte von den Höhen an der Küste auf schwierigem Terrain voller Hinter­balte den linken Flügel des Feindes umfassen, während im Zentrum die Hauptmacht auf offe­nem Gelände vorrückte und die Kavallerie un­fern linken Flügel schützte. Der Kampf begann sofort sehr lebhaft. Die gesamte verfügbare Artillerie trat bald in Tätigkeit und beschoß sehr wirksam die feindlichen Schanzen. Der Feind, der in stark befestigter Stellung am Ost­rande der Ooasis von Mesurata stand, leistete erbitterten Widerstand, aber weder sein heftiges Feuer noch sein Widerstand konn­ten den stürmischen. Angriff unserer tapsere» Truppen aushalten. Der Kampf nahm alsbald den Umfang einer großen Schlacht an. Der rechte, italienische Flügel fand stärkeren Widerstand', aber verstärtt durch ein Bataillon Reserve, warf er sich mit unwiderstehlicher Wucht auf den Feind, durchbrach feine Flanke und griff ibn von rückwärts mit dem Bajonett an. Um zehn Uhr befand sich der Feind hier in voller Flucht gegen den rechten Flügel des Feindes, der das hindernisreiche Terrain ausnutzte und immer wieder hartnäckigen Wi­derstand leistete. Die Italiener drangen bis nach Mesurata vor und eroberten die Stadt, die vom Feind in planloser Flucht verlassen worden war.

der Oberbahnhossvorsteher den am Zelt befindlichen Herren, daß der Sonder- zug bereits signalisiert sei. Erwartungsvoll wandten sich nun alle Blicke nach Kirchditmold zu, von wo aus dann auch die gelbblauen Sa­lonwagen des Kaiserzuges gesichtet wurden. Brausend fuhr der aus sechs Wagen bestehende Zug in den Bahnhof ein, schnaubend stoppte die Maschine, deren Fahrt Oberbaurat Br-k>.

Weder Dividenden» «och Befihsteuer!

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 10. Juli.

Di» ministeriellen Berliner Politischen Nach­richten teilen mit, daß in den Vorschlägen, die das Reichsschatzamt aus Grund der B-sitzsteuel- Resolution des Reichstags den verbündeten Regierungen vorlegen wird, eine Dividen-

6in Sommernachts-Traum.

Liebenberg in der Uckermark: Ein Idyll!

Ueber den Gefilden der Uckermark wölbt sich der Sommerhimmel wie ein stahlblaues Kup­peldach. Bon der Station Loewenberg aus führt der Weg eine Meile weit durch saftgrüne Fluren, an erntefchweren Feldern entlang gen Liebenberg, dessen Helle Dächer verstohlen durch den Laubwald blinken: Ein Idyll im Sommersonnenbrand, eine Oase in der grauen Wüste des Märker Sandes. Drunten im Dorf,das wie eine Bastei dem Horst der E u l e n b n r g e r vorgelagert ist, empfängt den Fremden der for- schende Blick des Argwohns: Die Liebenberger, wider Willen der großen Welt draußen bekannt und vertraut geworden, wittern in Allem, das nicht im dürren Boden der Uckermark Wurzel schlug, Gefahr, sehen im harmlosen Wandrer mit dem Reisestock in der Hand den Kundschaf­ter mächtiger Feinde und scharen sich in trutziger Entschlossenheit vor der Neugier wie vor einem Verhängnis abwehrend zusammen. Der Wirt im Dorf und der Tagelöhner, der Ackerknecht und der Händler: Sie scheinen allesamt geeint und verbündet zu sein, um wie mit einer leben­den Mauer das Idyll von Liebenberg zu schir­men, das unentschleierte Geheimnis der Ucker­mack vor schnöder Profanierung zu behüten.

Die leffeste Frage nach Durchlauchts Schicksal begegnet schroffer Abweisung;in Liebenberg nichts Neues": Das ist Kern und Inhalt aller Wahrheit in der Uckermack! Durch­laucht ist immer noch (wie seit Jahren) ein tot­kranker Mann; heut wie einst rollen die Wagen der Aerzte durchs Schloßportal und wieder heim, und eS überrascht nur die stattliche Zahl der Gefährte, die Tag um Tag auf der staubi­gen Landstraße einherjagen, und die nach.Lie­benberger Bürgerzeugnis ausnahmslos die Wunderheiler zum Schloß und heimwärts tra­gen, die seit Jahren sich mühen, des F ürsten zu Eulenburg und Herlefeld schwächlich glimmendes LebenLfünkcken zu erhalten. Ein flüchtiger Blick durchs Eisengitter, hinein in den grünen Zauber des Schloßparks, kann schon den Konflikt mit Gesetz und Recht und Schloß- Verwaltung bringen: Im Umkreis von einer Viertelstunde Wegs ist Schloß Liebenberg um- gürtet mft einer einzigen, undurchdringlichen, schreienden und kategorisch-abwehrenden Kette von Warnungtaseln, die auch den Kühn­sten schrecken, weil auf den häßlichen hölzernen Bretterflächen Jeder mit harter Pön bedroht wird, der eS wagen sollte, alsUnbefugter" seinen Fuß über den Schntzwall von Liebenberg zu setzen. Die Absperrung eines Pulvermaga­zins ist ein Kinderspiel gegenüber der Wehr, die Schloß Liebenberg den natürlichen Regun­gen menschlicher Neugier entgezenstemmt.

Auf ärztliche Anordnung!" ecklä- ren die blinzelnden Bürger Von Liebenberg, wenn man fragend auf dies Massenaufgebot allzu-sürsorglichen Warnungeifers zeigt. Es muß also stimmen: Ein todkranker Mann, der feit Jahren um sein Leben ringt, bedarf der Ruhe, empfindet profane Neugier als quälende Last und sucht sich zu verbergen vor dem scha. denfroh-sorschenden Auge der unbarmherzigen Welt. Man fühlt ordentlich, wie eine starke Mitleid-Regung sich aus tiefstem Seeleninnern zum Bewußtsein emporringt, und bittet den braven Bürgern von Liebenberg, die so treu und teilnahmsvoll sich um eines Menschen Schicksal sorgen, heimlich den Verdacht ab, als seien sie die Kronzeugen einer ungeheuerlichen Komödie, die seit ein paar Jahren in den grünen Gefilden der Uckermack spielt, und deren Aktschluß vorläufig nicht abzusehen ist. Immer­hin: Ein Haus, in dem ein Schweckranker um sein Dasein ringt, das fett Monden die Her. berge der berühmtesten Heilkundigen des Erd- runds ist und dessen Umgebung durch keines Un­befugten Schritt entweiht werden darf; ein Haus der Trauer und stummer Resignatton, tote Liebenberg es sein will, bedarf Wohl auch nicht rauschender Feste, prunkender Gesel­ligkeit und fröhlicher Spiele, und es sollte für "ein : kranken Greis, dessen Lebens­abend sich der Bibelzrenze nähert, zuträglichere

Ein Privattelegramm meldet aus Turin: Das lenkbare LuftschiffM I" wird demnächst nach dem Kriegsschauplatz in Tripolis abgehen und der Flofte zur Ver­fügung gestellt werden. Das Luftschiff erhält eine besondere Armierung und ist für Bom­benwerfen eingerichtet. Die Militärver­waltung plant für die nächste Zeit die Absen­dung weiterer Lenkballons mit Bomben­wurf-Vorrichtung nach dem Kriegsschauplatz, da die Luftschiffe sich dort sehr gut bewähn

Die Ankmst der Kaiserin.

Die Ankunft der Kaiserin auf Bahnhos Wilhelmshöhe; in Begleitung der Kaiserin; Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Oskar, Die Kaiserin, Prinzessin Vikto­ria Luise und Prinz Oskar trafen heute über Cassel in Wilhelmshöhe ein und begaben sich zum Schloß. Um 7.45 Uhr früh lief der kaiserliche Sonderzug im Bahnhof Wilhelmshöhe ein. Die Kaiserin, Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Oskar fuhren in kaiserlicher Hofequipage zum Schloß, von der die Wilhelmshöher Allee besetzt halten­den Bevölkerung freudig begrüßt. Aus Wunsch der Kaiserin sand kein be­sonderer offizieller Empfang statt.

Ein prachtvoller Somme t ut eigen däm­merte heute früh herauf, die Sonne strahlte vom fast wolkenlosen Firmament herab und über- lutete mit -goldenem Schein die Kuppel vo« Wilhelmshöher Schloß, den dahinter markig emporragenden Herkules. Es war das sprich­wörtliche Hohenzollernw etter! Und es mutzte so kommen, denn Wilhelmshöhe und mit ihm ganz Cassel erwartete den Besuch der Kai. serin. Die Wilhelmshöher Allee präsentierte ich vom Bahnhos bis zur tEnbiegung nach dem Schloßparke in festlichem Schmuck. Tannengrün und frisches Laub, mit Blumen umwunden, zierte viele Häuser und zwischen den Banmrie- sen, deren Schatten weich und voll die Straße kühlte, zog sich eine farbenfrohe Allee von Flag­genmasten die Bürgersteige entlang. Wappen aller Bundesstaaten und Städte mit Reichs­und preußischen Adlern pran-zten an den wei­ßen Masten und farbige Wimpel flatterten iftt leichten Morgenwinde. Noch war es ftüh und für dreiviertel acht Uhr erst war die Ankunft des Kaiserlichen Hofzuges zu erwarten, der ge­stern abend die Station Wildpack zur Fahrt nach Cassel verlassen hatte. Da nahten schon die Efften, die der Kaiserin die Grüße der Rest, denzstadt zu entbieten dachten, Alt und Jung, Arbeiter, die zum Tagewerk schritten, Spazier- gänger, Mädchen in lichten Sommergewändern und Kinder, benen die Zeit der Ferien ermög­lichte, dem Empfang der Gemahlin des Monar­chen beizuwohnen. Die Polizei hatte einen

umfangreichen Sicherheitsdienst eingerichtet. Vom Bahnhof Kirchditmold bildete« Schutzleute imParadeanzug" ein woitzezoge. nes Spalier an der Bahnstrecke entlang bis zum Bahnhos Wilhelmshöhe. Die Straßen waren von Schutzleuten besetzt, überall blitzten die blauen Uniformen, der silberschimmernde Be­schlag der Helme und die blinkenden Knöpfe. Die Wache aber, von einer Ehrenkompagnie des Infanterie-Regiment von Wittich (3. Kurhef- sisches) Nr. 83 unter dem Kommando von Leut­nant Abe e gestellt, erwartete am Wachgebäude zwischen der Post und dem Grand-Hotel die Ankunft der Kaiserin. Auch hier alles im blitz, blanken Paradeanzug! Gegen halb acht Uhr fuhren die für die Kaiserin und ihre Begleitung sowie das Gefolge bestimmten Equipagen vom Schlosse aus zum Bahnhof, auf dem die preu­ßische Adlerstandarte flatterte, und nahmen vor dem Empfangsgebäude Aufftellung. Außerdem erschienen die zur Aufnahme des Gepäcks be. : stimmten Fahrzeuge. Immer näher kam die Zeit der Ankunft der Kaiserin heran, und er- : wartungsvoll blickte das am Kleinbahnhof ver­sammelte Publikum die Strecke nach Kirchdtt- mold entlang, ob sich noch nicht der Sonderzug : erspähen lasse. Der Zugang zum Bahnhof 1 wurde nun für das Publikum gesperrt und Po. lizeiinspektor vonderOsten sorgte mit meh­reren Kommissaren für stckkte Durchführung der ' strengen Absverrungsmaßrezeln. Inzwischen fand sich an dem für die Kaiserin bestimmten Empsangsgebäude, das mit Blattpflanzen aus­geschmückt war, und dessen Ausgang

ein prächtiges Zelt

überschattete, Stallmeister Hellmigk ein, der schon vor einigen Tagen im Schloß Wilhelmshöhe eingetroffen war. Wenige Minuten vor dreiviertel acht Uhr meldete

nicht, daß tagaus tagein eine Wagenburg von Karossen durchs Schloßportal rasselt und nächt­licherweile auf stiller Landstraße durch die Ucker­mark Gefähck um Gefähck zur Heimat eilt; es läßt sie auch kühl, wenn einmal ein vom Bann der Ehrfurcht losgelöster Mick flüchtig durchs Parkgitter schweift, und unter schattigen Bäu­men fröhlich schmausende Menschen bei Becher­klang und munterm Spiel erkennt. Sogar die chmelzenden Harfenklänge, die in stiller Abend­runde wie vom Wind getragen durch den Frie­den der Landschaft rauschen, lassen ihre Seelen unberühck: Sie alle wissen, was das Gebot der Notwendigkeit von ihnen fordert, und kein eilendes Wort wird je das Geheimnis gefähr­den. Nur die Leute von Grüne berg, die an sonnigen Feiertagen in schwerfälligen Karos­sen auf der Landstraße nach Liebenberg ziehen, um dort imRoten Hahn" nach einer Woche harter Arbeit für flücht'ger Stunden Dauer des Daseins heitre Freuden zu genießen, sie zwin- kern mit den Augen, wenn die Unterhaltung dasGeheimnis von Liebenberg" streift, lächeln verständnisinnig und flüstern dem Fremden M ä r ch e n ins Ohr, die das zwanzigsteJahrhun- dert fast nicht mehr glauben mag. Eben flinzen aus dem Schloßpack fröhliche Weisen zum Dorf herüber; im Zwielicht der Dämmerung blitzen im Herrenhaus Dutzende von funkelnden Lich­tern auf:Durchlaucht hat Gäste!" er« klären die Grüneberger. Und die Schatten des Abends decken die große Komödie des Kultur- Jahrhundecks diskret und schweigend wie mit dem Dahckuch des Mitleids zu . . -! F. H.

Keine neuen Verdachtsmomente?

Wie weiter ans Berlin berichtet wird, hat der Hofrat von Benckendorf von der russischen Botschaft gestern dem verhafteten Hauptmann Kostewitsch im Untersuchungsge­fängnis zu Moabit einen Besuch abgestattet, ebenso Frau Koltewiffch die von fünf bis sechs Uhr bei ihrem Gatten weilte. Die Voruntersu- chung hat deshalb noch nicht abgeschlossen wer­den können, weil man in den Papieren des :n Düsseldock verhafteten Oberleutnants a. D. Nikolsky nach Belastung?'"'^erial suchte, und der umfangreiche Briefwe l noch nicht völlig übecketzt ist. Es hat den Anschein, als ob das Verdachtsmaterial, das die Polizei gegen die beiden Verhafteten zu haben glaubte, zu­sammengebrochen sei.

Zerstreuung geben, als Massenempsänge von Freunden, langdauernde Konferenzen und anstrengende Abendunterhaltun. gen, deren fröhliche Klänge ost bis weit über die Warnunggrenze von Liebenberg hinaus in den lauen Sommerabend rauschen.

Die Leute von Liebenberg lehnen es ab, das Raffel zu enffchleiern; ihnen genügt's, daß der gnädige Herr, dessen Rechtsgewalt wickschastlich und moralisch schwer auf ihren Schultern lastet, krank ist und seines Hauses Grenze mit bretter- nen Warnunas tafeln markiert; es kämmett sie

den st euer aus dem Grunde nicht figurie­ren dürfte, weil eine solche Lösung des Besitz- teuer-Problems mit dem Grundgedanken der steichstags-Resolution kaum zu vereinbaren "ei. Wahrscheinlich werde auch von der Berück- ichtigung des Gedankens abgesehen wer­den, die Desitzsteueckvage im Wege der Lan- desgefetzgebung unter gewissen reichsge- "etzlichen Rechtslinien und unter Erhöhung der Matrikularumlagen zu lösen. Man werde un­ter diesen Umständen in bet Annahme nicht 'chl gehen, daß das Reichsschatzamt den ver­bündeten Regierungen nur eine Reichs- Vermögenssteuer mit verschiedenen Va- rianten, neben Entwürfen für ine Einführung einer Erbschaftssteuer zur Bsschlußfas- üng vorlegen werde.