Einzelbild herunterladen
 

(Asckr Ruche MchrWm

Casseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 178.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 6. Juli 1912.

2. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

aus

Schapiro vor dem Urteilsspruch.

Die Plaidohers im Darmstädter Prozeß.

Mer Fahre später!

Baltisch-Port: Einst «nd Heut.

Privat-Telegramme melden uns

werde, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die öffentliche Meinung Rußlands wolle eine Antwort auf diese Frage während der E n t r e = b u e erhalten. Die Entrevue habe daher eine sehr ernste Bedeutung.

3nfertten8»retfe: Di« sech-gespalten- Zeile für einheimische Geschäft- 15 Psg., für eu8. | wärtige Inserate 25 Pf, Reklamezeile für einheimische L-schLfte 40 Pf, für auswärtige I Sefchäfte 60 Pf. Beilagen für hte Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Dausen» be- * rechnet. Wege« ihrer dichten Berdrettung in der Reflden, und der Umgebung sind die I Laffeler Neuesten Nachrichten eia vorzüglicher Jasertionrorgan. Geschäftsstelle: Kölnische I Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 18, Telephon: Amt Moritzplas 676 I

bei dieses Raubkriegs übertmg und daß selbst­verständlich auch Oesterreich-Ungarn, dessen Rolle als Bundesgenosse Deutschlands seit dem Amtsantritt des Grafen Berchtold deutlicher denn je zutage tritt, die Türkei ihrem Schicksal Preiszugeben bereit erscheint. Was sind, an diesem Bild der Wirklichkeit gemessen, klang­volle Worte, was sind Beteuerungen und Ver­sprechen ...?

Die SPnren schrecken!

Das Blatt Mt sich gewendet, und wie vor ' vier Jahren auf den Wogen der Reval King und Zar, sitzen heut an Bord desStandard"« Schiffs Kaiser und Zar beratend zusammen, und wieder kann die Türkei kaum zweifeln, daß es um ihre Haut geht. Schon sickern Nachrichten durch über ein Projekt, der Türkei einen seltsamen Tausch vorzuschlagen: Sie soll auf Tripolis zu Gunsten Italiens verzichten und dafür ein Stück Grenzland in Persien erhal­ten: darf dort aber keineVerteidigungsmaßregeln treffen, die Rußland beunruhigen könnten. Das heißt: Auf die Türkei soll der Druck jetzt da­hin ausgeübt werden, daß sie Italien das nicht eroberte Tripolis überläßt, um ein Stück Persien zu erhalten, das Rußland an jedem Tage, der ihm beliebt, der Türkei wieder... wegnehmen darf. Die Interessengemeinschaft in Persien (oder vielmehr der Plan der Tei­lung Persiens) hatte im Jahre neunzehnhun­dertacht in erster Linie Eduard den Siebenten nach Reval geführt, ein persischer Handel, scheint uns, steht auch auf der Menükarte von Baltisch. P rt. Die zweite Analogie; die erste war der Umstand, daß damals Mazedonien in Brand stand und diesmal Albanien. Die Tage von Reval hat Europa mit furchtbaren Krisen bezahlt, mit einer unerhörten Vermehrung der Rüstungen, mit drohenden Kriegsgefahren. Mögen die Tage von Baltisch-Port nicht auch in dieser Richtung Analogien aufweisen. Die türkische Frage und das Problem des fernen Ostens sind Brennpunkte der internationalen Politik, Entzündungsstellen am Körper der alte« Erde, und jedes Eingreiffen in den natürlichen Entwicklungsprozeß der Dinge kann Kata-

zwanzig Offiziere mit ihren Mannschaften i« die Berge geflüchtet sind. Gestern tra­fen hier aus Uesküp, Adrianopel und Smyrna weitere Offiziers-Abordnungen ein, um der Re. flieruttfl ihre und ihrer Kameraden Forde- r u n g e n zu überreichen. Die Unzufriedenheit im Heer nimmt täglich zu und die Lage gestaltet sich immer bedrohlicher.

f i g n a l s seitens des Schnellzuges.

Weitere Depeschen aus Rewhork berichten über die furchtbare Katastrophe folgende Ein­zelheiten: Gestern mittag kurz vor fünf Uhr fuhr ein Schnellzug der Lakhawana-Bahn bei Corning im Staate Rewhork in einen Per» sonenzug hinein. Durch die Wucht des An­pralls wurden zwei Waggons des letzteren Zuges einen tiefen Abhang hinabgeschleudert. Der Schnellzug fuhr dann noch in einen Schlaff­wagen hinein, in dem vier Personen getötet wurden. Vierunddreißig Personen haben den Tod bei der Katastrophe gefunden und über sechzig wurden verletzt. Das Eisenbahnunglück ereignete sich zwei Meilen von der Stadt ent- fernt, die der Personenzug erreichen wollte. Gräßliche Szenen spielten sich nach dem Unglück ab, da zu wenig Hilfskräfte vorhan- den waten, um die unter den Trümmern be­findlichen Reisenden zu retten. Dutzende der Verletzten waren in den Trümmern festge­klemmt und mußten stundenlang in dieser entsetzlichen Lage ausharren, bis Rettung nah- te. Die Verunglückten waren meist Leute, die anläßlich des Nationalfeiertages einen Aus» flug unternommen hatten, von dem sie aber nicht wieder nach Hause zurückkehren sollten. Das Unglück hat sich während eines dichten Ne­bels zugetragen. Der Schnellzug, der die Ka­tastrophe herbeiführte, fuhr mit einer

Geschwindigkeit von fünfzig Meilen in der Stunde. Der Lokomotivführer sagte aus, er habe wegen des Nebels weder die SignaUich- ter am Ende des stehenden Personenzuges noch die Laterne des vom Personenzuge zurückge- schickten Signalmannes zu sehen vermocht. Vie­le der Verletzten dürften "en heutigen Tag kaum überleben, da sie außer gräßlichen Vcr-

Gestern in der Morgenfrühe, als der Sonne erste Strahlen das Nebelmeer über der nordi­schen See durchglitzerten, haben in Baltisch- Port zwei Kaiser sich die Hand zum Gruß gereicht: Wilhelm der Zwette und Nicolai der Zweite, der Zar der Reußen. Ein Zufall vielleicht, vielleicht auch der Wille der Beteilig- ten. hat's gefügt, daß das Monarchen-Rendez- vous in Esthlands höchstem Norden fast am gleichen Sommettag stattfindet, an dem vor vier Jahren im Gewässer vor Reval an Bord derselben ZarenjachtStandard" Eduard der Siebente von England und der Russenzar Handschlag und Wangenkuß tauschten. Am neunten Juli neunzehnhundertacht war's, als in Reval die Kronenträger Englands und Ruß­lands beim festlichen Mahl einander gegenüber saßen Und in den ausgebrachien Trinksprüchen der staunenden Welt die Entente zwischen Eng­land und Rußland, zwischen Walftsch und Bär, verkündet wurde. Diesmal wird an der Stelle des Briten-King der Deutsche Kaiser sitzen, und es ist nur der Unterschied gegen das Einst markiert, daß keine Trinksprüche ausgebracht werden sollen. Aber auch ohne jeden Toast wird die Bedeutung der Enttevue von Baltisch- Port klar, wenn man den Blick nach den Tagen von Reval zurückwendet. Eduard der Siebente ist in das Grab gesunken, aber die Spur von seinen Erbentagen hat sich deutlich der Zeitge­schichte eingeprägt, und so ziemlich alles, was sich an Wandlungen und Komplikationen in der europäischen Politik in diesen letzten vier Jahren ereignet hat, ist auf die Politik von Reval zurückzuführen, vor allem die Umwäl-

Wetter sagte Justizrat Bernstein, daß eine Staatsverwaltung über die Tür einer ihrer Amtsstuben das schöne Wott der Antigone setzte:.Nicht zu hassen, z u lieben bin ich da." Dieser Gedanke sei so schön, daß kein Mensch ihm die Zustimmung versagen könne. Dieser große Gedanke hätte aber feiner Größe ent­sprechend verwirklicht werden sollen, das sei aber hier nicht geschehen. Durch die Ber­einigung der Aemter als Fürsorgedame urtb Polizeiassistentin fei Frau Schadiro in eine Tätigkeit hineingekommen, die sie unmöglich hätte ausfüllen können und vor der sie die Ver­pflichtung gehabt habe, ein so umfangreiches Arbeitsfeld abzulehnen. Eine Dirnenbank ge­höre mm einmal nicht in den Saal der Anti­gone. Er habe wohl bisher gehött, daß eine Nestungsstadt einen Gouverneur habe, die Stadt Mainz aber habe eine Gouver­nante. Um halb sieben Uhr abends wurde die Sitzung unterbrochen und die Fortfetzung der Plädoyers auf Freitag vertagt. Am heuti­gen Tage wird der Angeklagte Hirsch noch das Schlußwott zu feiner Verteidigung erhal­ten. Ob am Sonnabend verhandelt werden wird, ist noch zweifelhaft, da am Montag das Urteil gesprochen werden soll und der Gerichtshof Zeit haben muß, vor der Urteils- ällung noch einmal das gewaltige Matettal der fast vierzehntägigen Beweisaufnahme durchzuarbeiten. Wahrscheinlich wird deshalb die Verhandlung heute abend auf Montag vertagt werden.

Baltisch-Port: An Bord der rus­sischen KaiserjachtStandard" sand ge­stern mittag Frühstückstafel zu Ehren des Deutschen Kaisers statt, an der auch Kaiser Wilhelm und Gefolge,der Reichskanzler von B e t h m a nu­tz o l l w e g, Premierminister K o kowzow nick der russische Minister des Aeußern, Sassonow, teilnah­men. Die Unterhaltung der beiden Kaiser wurde inenglifcher Spra­che geführt. Ans demPolarstern" fand eine längere Unterredung zwischen dem deutschen Reichskanzler und dem russischen Premierminister statt, der dann den Besuch des Reichs­kanzlers erwiderte. Um acht Uhr abends fand Galatasel statt. Heute vor­mittag um zehn Uhr nahm Kai­ser Wilhelm die Parade über sein Wyborger Regiment ab.

Katastrophen ohne ssnde!

Eine schwere Eisenbahn-Katastrophe in Amerika; Zusammenstoß zwischen Schnell« zug und Personenzug; vierunddreißig Tote.

(Telegraphische Meldungen.)

Ein Privattelegramm meldet uns aus New York: Bei Corning im Staate Ncwyork stieß gestern mittag ein Schnellzug auf einen auf der Sta­tion stehenden Personenzug der Lak- hawana - Eisenbahn, der von New- York nach Buffalo beftimmt war. Die beiden hintersten Wagen des Perfonen. zuges wurden umgeworfen. Wie fest­steht, sind bei dem Eisenbahnunglück vierunddreißig Mensche« getötet worden. Sechzig Per. sonen wurden verwundet. Viele der Verwundeten waren so schrecklich zugerichtet, daß sie ihre Rett ter baten, ihnen den Tod zu geben. Das Unglück wurde verursacht durch die Nichtbeachtung des Halte.

SUlchricht« emetaen wöchentlich f^taot mb «war abenb«. D« KboimemmtSpretä beträgt monatUd) SO Pfg. bet freier Weita.M «ff b B°r«ÄÄ

®^?t?°reT?8e M/30- Sprechstunden bet Redaktion nur von 1 bi« 3 Utzr bet Auskunft Stelle: Jede» Mittwoch und Freitag von __abeab«. Berliner Vertretung: SW, ssrtedrichftr 16, Telephon: Amt Moritzplatz 876.

Wie uns aus Darmstadt berichtet wird, wurden im zu Ende gehenden Schapiro- Prozeß gestern die Plädoyers fortgesetzt. Der Verteidiger der Nebenkläger, Rechtsanwalt Dr. Pa gen stocher, ging in allen prozessu­alen Einzelheiten auf die Handlungsweise ein, die er in schärfster Weife charakterisierte. Ueber das Strafmaß sagte der Verteidiger, daß es wohl angebracht sei, eine außerordent­lich schwere Sühne für die Taten des Angeklagten eintreten zu lassen, wenn man in Betracht ziehe, welche schweren Schädigungen Frau Schapiro sowohl als auch Beigeordneter Berndt an Vermögen umd Gesundheit erlitten hätten. Um halb fünf Uhr nachmittags begann der Verteidiger des Angeklagten, Justizrat Bernstein, fein Plädoyer. Er hob die Pflichten des Verteidigers in unserer Rechts­pflege hervor und sagte, daß ein Verteidiger dazu berufen fei, für seinen Klienten zu wirken im Rahmen des Gesetzes. Weiter sagte er: -Ich fühle mich veranlaßt, vor allen Dingen zu agen, daß nach meiner Meinung sowohl Frau Schapiro wie der Beigeordnete Berndt voll­kommen gereinigt aus der Verhandlung hervorgegangen sind." Wie wip bereits in un­seren Berichten angedeutet haben, hat die Ver­teidigung es vollkommen aufgegeben, sich an die einzelnen Fälle zu halten, die in der Be­weisaufnahme so gut wie in nichts zerronnen "mb. Die Verteidigung beschränkt sich auf den Angriff des Systems und in dieser Be. ziehung betonte Bernstein besonders und sagte Wörtlich:

strophen heraufbeschwören. Wir sind (das Lächeln darüber ist mählich auf den Lippen er« tcrben) in den letzten Jahren so nah am Krieg vorübergegangen, daß man die Schwer­er in den Scheiden flirren hörte, und das Ge- penst des Weltenbrands stand nicht ferne von ber Schwelle. Die Völker sehnen sich nicht nach neuen Abenteuern, bes Friedens welkende Palme wirbt mehr Glück als des Krieges rühm­licher Lorbeer, und wenn heut Millionen von Augen in stiller Sorge nach des Esthlands höch­stem Norden blicken, dann geschieht's, weil die Erinnerung an den neunten Julitag neun« zehnhundertacht die Ruhe scheucht. Revals Spuren schrecken ...! F. H.

jungen in der Türkei, derselben Türkei, deren äußere und innere Lage augenblicklich wieder im Vordergrund des politischen Jnte> refles und der ernstesten politischen Besorgnisse steht: In Reval sollen auch diesmal des Schicksals Würfel über ihr Schicksal rollen!

Baltisch-Port nub Reval.

Zwei Tage nach dem historischen neunten neunzehnhundertacht am Strand von Reval: In ber russischen Presse erschien ein offizielles Communigus, das Herr Iswolski (der damals auf der Höhe feiner Machtstellung an der Panzerbrücke in Petersburg thronte) infpiriert hatte, und im alten fommermüben Europa horchte man auf: Man las von dem Reformwerk in Mazebonien, das von England und Rußland vollzogen werden sollte ohne Rücksicht auf die Tatsache, baß bie Türkei ein felbftänbiger Staat fei. Wie ein Funke im Pulverfaß wirkte biefer Angriff auf bie Unab­hängigkeit des ottomanischen Reichs, vor allem auf die türkische Armee, und von demsel­ben Monastir, das heute wieder die Wiege einer Umsturzbewegung ist. ging die M i l i t ä r« revolte aus, die zur Wandlung der Türkei in ein konstitutionelles Reich und in weiterer Folge zur Abdankung Abdul Hamids führte, mit einem Worte: Zum Entstehen der neuen, verjüngten Türkei. Das war Reval. Was wird Baltisch-Port sein? Man mag sich die Frage besonders in Konstantinopel nicht ohne Sorge vorlegen. Der Ueberfall Italiens auf Tripolis, der türkisch-italienische Ktteg hat der Türkei neuerdings bewiesen, daß der alte (von Rußland gehegte) Plan ihrer Zerstük- kelung, das Testament Peters des Großen, kei­neswegs ad acta gelegt ist, und daß Rußland zu­erst es war, das fein Süppchen an dem Brande zu kochen suchte, ben Italien freventlich heraufbe- fchworen. Die Türkei hat die weitere Enttäu- , fchung erfahren, daß Deutfchland, dessen Kaiser sich so ost als wohlwollender Freund des Otto- . manenreichs offenbart hat, nicht nur dem verbündeten Italien nicht in ben Arm fiel, son- : dem sein Wohlwollen direkt auf die Urhe- i

stümmelungen meist schwere innere Verlepuu- gen erlitten haben, bie eine Hoffnung auf Wie- derherstellung fast ausfchließen. Der Zusam- menprall der beiden Züge war von furchtbare, Wirkung. Der aus alten Wagen bestehend« Lokalzug wurde buchstäblich jertrüuu mert und ineinander geschoben und bann einen breißig Meter hohen Abhang hinunter­geworfen. Von Buffalo und Rochester gingen sofort Hilfszüge mit Aerzten und Krankenwär. tern nach ber Unglücksstelle ab. Bis die Hilfe herannahte, spielten sich an der Unfallstelle gräßliche Szenen ab. In einem Schlafwagen des abgestürzten Zuges befanden sich in einem Abteil vier Frauen, die noch schwache Le­benszeichen gaben, als man versuchte, sie aus dem Abteil zu schassen. Es war eine Frau mit ihren drei Töchtern, die sich eng um« chlun gen hielten und alle vier bald nach ihrer Befreiung starben. Sie hatte« alle schwere Verletzungen des Unterleibs davongetragen. Der Mutter war außerdem noch das rechte Bei« abgequeffcht worben.

Sie Ssterseld-Katastrophe.

(Privat-Telegram m.)

Oberhausen, 5. Just.

Die Untersuchung über bie Katastrophe auf ber Zeche Osterfeld hat nach Mitteilung bei Verwaltung ergeben, baß die Schuld bem Schießmeister, bet vertretungsweise bi«

Die Türkei vorm Sturm?

»Die Unzufriedenheit nimmt zu!"

(Privat-Telegramm.)

Konstantinopel, 5. Juli.

Zehi-Pascha, der Generalinspektor der drei rumänischen Korps, reichte einen ausführlichen Bericht über bie Monastirer Meuterei­en an ben Kriegsminister ein, bet bet Beta- tungsgegenstanb eines autzerorbentlichen Mi­nisterrates war. Rach Mitteilungen Eingeweih­ter schildert ber Bericht bie Lage als nutz erst ernst, warnt vor Gewaltmaßregeln gegen die Offiziere und empfiehlt, ihre Forderungen in Erwägung zu ziehen. Hier eingelaufene Pri­vatnachrichten besagen, daß außer in Monastir und Perlepe-Tebte auch in Ochtida fünfunb«

Woher kommt es, daß dieser Prozeß so großes Aufsehen erregt hat? War­um hat er bie Nerven schmerzhaft berührt? Weil das gesunde Empfinden des denffchen Volkes ben Dingen, bie ba bekannt würben, widerspricht. Das Ernp- finben bes Volkes wurde aber auch schmerz­lich berührt, weil man sich von den Dingen, bie ba bekannt würben, gesagt hat, bas sollte nicht sein. NittnalS, und wenn Sie hunbert solcher Prozesse führe«, nie­mals werben Sie für biefe Dinge die Bil - I i g u n g des deutschen Volkes finben, bie« ses System verleugnet einen Kultur, fortschritt, biefeS System widerstrebt bem beutschen Volke, das kein Poli­zeiregiment bulden will . . .!

Das rsfflsche Preffe-Scha.

Die russische Presse widmet der Kai­ser zusa m m enkunft in Baltisch-Port ein­gehende Artikel deren Stimmung und Tendenz allerdings erheblich variiett, je nach der Partei- stellung und der Deutschenfteundlichkeit der ein­zelnen Blätter. Trotz mancher sympathischer Kundgebungen ist indessen in den russischen Preßäußerungen eine gewisse Zurückhal­tung und Reserve bemerkbar, deren po­litische Motive nicht zu leugnen sind.

Die Sernschtina

überschreibt ihren LeitartikelHistorische Tage" und berurteilt auf das schärfste die Er- flärungen der fortschrittlichen Publizisten, daß Deutschland der wahrscheinliche Gegner Rußlands in einem künftigen Kriege fei. Das Blatt preist die unerschütterliche Stand­haftigkeit, die ritterliche Offenheit und die Treue des Deutschen Kaisers zu Rußland zur Zeit des russisch-japanischen Krieges.

Der Stotel

erinnert gleichfalls an bie Zeit des russisch- iapanischen Krieges, wo die eisige Wand, die Rußland und Deutschland seit der Zeit des Berliner Kongrelles schied, zetttött wurde.Ko­kos" meint, die Enttevue werde nicht nur den Nachbarstaaten zum Heile dienen, sondern auch dem friedlichen Ausgleich aller Kon- lifle, die in Europa. Asien und Afttka entstan­den sind, nützlich sein.

Die Moskowski Wjedornofti

ist der Ansicht, daß die Enttevue nicht den russisch-deutschen Beziehungen gelte, die steund- chaftlicher Natur seien, sondern Fragen ber allgemeinen Politik gewidmet sei. Der italienisch-türkische Krieg könne einen Gegen­wand der Besprechung bilden; eine Neugruppie­rung ber Mächte sei jedoch sowohl unwahr­scheinlich als auch für Rußland gefährlich.

Die Atro Roffil

meint, bei der Liguidation des ftalienisch- türflschen Krieges wolle Oesterreich-Ungarn jetzt die Frage vonKompenfationen aufs Ta- 1 bet bringen. Es frage sich, ob Deutschland wie > vor vier Jahren seinem Bundesgenossen helfen ,