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Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 175.

Fernsprecher 951 und 952.

Mittwoch, 3. Zulr 1912.

Fernsprecher 951 und 952.

2. Jahrgang.

Iar Kaiser Readervour.

Sie Abreise nach Baltisch-Port; die Politik «ud die Entrevue; Wahrheit und Dichtung.

Wie uns aus Berlin berichtet wird, erfolgte gestern abend von der Wildparkstation aus die Abreise des Kaisers mit seiner Tochter und dem Prinzen Adalbert nach Danzig, von wo der Monarch heute abend auf der Hohenzollern" in Begleitung seines Sohnes die Weiterreise zur Zusammen­kunft mit dem Z a r e n in Baltisch-Port antreten wird, während die Prinzessin Victoria Luise nach Besichtigung ihres zweiten Leibhusaren-Regiments wieder nach Potsdam zurückkehrt. An der Kaiserentrevue werden außer dem rus­sischen Ministerpräsidenten Kokow- zow und dem Minister des Aeußern Sassanow auch der Kriegsminister Suchomlinow beiwohnen. Kaiser Wilhelm bleibt zwei Tage in Baltisch- Port. Trinksprüche werden, wie bei der Potsdamer Entrevue, unterbleiben. Wahrheit und Dichtung einen sich zum schö­nen Bunde, wenn Fürsten auf die Reise gehn. Aus des alten, vortrefflichen »Onkel Chlodwig" lesenswerten Memoiren wissen wir, daß auch Kronenträger Menschen sind, und im geselligen Verkehr sich wie andre Sterbliche zu unterhalten pflegen. Chlodwig Hohenlohe ist auch der klassischste Zeuge wider die Kulissen- These vom .schwerwiegenden politischen Ge­halt der Fürsten-Rendezvous, und wir haben Anlaß, ihm für seine gallig-karikierenden Rand­bemerkungen zur Geschichte der Völker und Reiche dankbar zu sein, weil sie uns immer wieder daran erinnern, daß die Politik der Nationen von Stimmungen, Sympathien und Sentiments einzelner Personen imgrunde gar nicht abhängig ist, sondern bedingt und be­stimmt wird von Yen realen Notwendigkeiten des aktuellen Interesses. Hollands niedliches Wilhelmintje, dessen Majestät deutscher Ur- sprung von keiner Genealogenkunst verbrämt werden kann, hat, zur Rechten des braven Bürgers Armand Fallitzres sitzend, in fröhlicher Laune bei festlichem Mahl denTropfen galli­schen Bluts" gepriesen, der in ihren zarten Adern rollt, und die freien Männer der Repu­blik haben dem bezaubernd plaudernden Gast in Heller Begeisterung zugejubelt und Madame la France die Krone aller Ideale genannt, weil sie sich rühmen darf, dem Oranierkind ein Tröpf- lein Blut geliehen zu haben. Die Welt aber ist von dem prickelnden Reiz des Momentbild­chens aus dem Elhsee nicht sonderlich erschüt­tert worden.

*

In Baltisch-Port. im höchsten Norden Esth- lands, werden am vierten Julitag der Deutsche Kaiser und der Zar aller Reußen sich die Hand zum Gruße reichen, und während der Sommerwind lau über die Wogen des Nordmeers streicht, sollen droben in der Stille des erdenfernen Hafenörtchens des Lölkerschicksals eherne Würfel rollen. So we­nigstens wird's uns erzählt. Die Einsamkeit des Schärengewässers ist nicht das erste Mal der Ort fürstlichen Rendezvous, und immer noch, wenn fern dem Lärm des Tags Kronen­träger sich zu kurzem Gastbesuch gesellten, rauschte durch den Blätterwald, schwer und wuchtig, der Orkan der Kombinationen, der Märchen und Phantasmen. Neunzehnhundert­zwölf ist das Jahr der Rätsel und Mythen, der Unruhe und des Mißtrauens, der Fragen und Probleme, und es kann also nicht wun­dern, daß dem Kaiser-Rendezvous im Nord­meer grade in diesem Jahr wie die Woge eines Heuschreckenschwarms die verfinsternde Wolke des politischen Tagesklatsches voraus­zieht: Vom Interview mit der (bekannten) .hochgestellten Persönlichkeit" bis hinunter zum hilflosen Gestammel irgend eines Kabalisten. Daß die beiden Kgiser in ministerieller Beglei­tung zum Nordmeer reisen, erhöht die Märchen- Konjunktur um ein ganz Beträchtliches, und wenn nur ein T a u s e n d st e l von Dem Wirk­lichkeit werden würde, was in den letzten Wochen über Zweck, Inhalt und Effekt des Schären-Rendezvous der Oeffentlichkeit ins Ohr geraunt worden ist, dann müßte der vierte Juli­tag des Kummerjahres neunzehnhundertzwölf zum ehernen Markstein der Geschichte des zwan­zigsten Jahrhunderts werden.

Ein Symptom: Man wird aus der Stille von Baltisch-Port keine Trinkspruch-Fanfaren übers Erdrund rauschen hören! Wie beim Rendezvous in Potsdam (das uns den frag­würdigen Erwerb der deutsch-ru'N>'ck,en Ab­machungen über Persien eintrug) unter­bleibt auf besonder» Wunsch (sind wir neuer­dings etwa den Lrtnkjpruch-Effekten so abhold

geworden?) jeder offizielle Ausdruck der Entrevue, und es gehört nicht viel Kombi­nationsgeschick dazu, diesen Wunsch in dem Sinne zu deuten, daß man russtscherseits alles vermeiden möchte, was irgendwie geeignet wäre, die zarten Hörnerven der französischen Freunde peinlich zu berühren. Nun kann Poli­tik zur Not allerdings auch ohne Trinksprüche gemacht werden, und wenn man (beispiels­weise) an das reizende Pariser Trinksprüchlein des gekrönten Oranierkinds erinnern bart so möchte cs fast scheinen, als gehörten Trink­sprüche überhaupt zu denjenigen Sprüchen, die am besten n i ch t gesprochen werden. Immerhin: Der russische Wunsch, beim Kaiserdiner in Bal­tisch-Port das Zünglein zu zähmen, hat für den Psychologen einiges Interesse! Neben der ragenden Gestalt des fünften deutschen Kanz­lers werden die Hafenleute von Baltisch-Port in diesen Tagen Herrn Wladimir Kokow­zows rustikale Slawen-Wucht bewundern dürfen, und von der zweitägigen Geselligkeit dieser beiden leitenden Staatsmänner erwar­tet die Welt Titanenwerk. Nach Potsdam fühlte man sich (auch damals war's ein Sommertag!) stark ernüchtert, kühl und etwas verstimmt. Und zwischen Potsdam und Baltisch-Port liegen die Meilensteine eines Wegs, der uns (im eignen Interesse) vomNewa-Zauber" immer weiter entfernt hat! F. H.

Noch ein Prophet!

(Privat-Telegramm.) ,

Petersburg, 2. Juli.

Einehochgestellte Persönlichkeit machte dem BlatteRntzkoje Wremja" interessante Angaben über die Angelegenheiten, die voraussichtlich bei der Zwei-Kaiser-Entrevue zwischen den Monarchen und den Ministern zur Sprache gelangen werden. Demnach wird bei der Entrevue auch die Frage der Zurückziehung der beiderseitigen Grenztruppen, sowie der russischen Flotte im Baltischen Meer zur Sprache kommen. Lie Errichtung eines neuen deutschen Armeekorps an der deutsch-russischen Grenze wird Kaiser Wilhelm dem Zaren dahin erklären, daß ausschließlich wirffchastliche Mo­tive die Verlegung dieses neuen Armeekorps dorthin veranlaßt hätte», da die Ernährung der Truppen in Ostpreußen um zwanzig Prozent billiger sei als im übrigen Deutschland. Au­ßerdem soll auch über die polnische Frage und die Frage des Handelsvertrags gesprochen werden.

Kostewitsch und... Baltisch-Port?

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 2. Juli.

Die Untersuchung in der Spionage-Affäre des verhafteten russischen Artilleriehauptmanns K o st e w i t s ch macht nur langsam Forffchritte. Die Frage, ob und wann der Verhaftete nach Leipzig übergeführt werden soll, ist heute noch nicht entschieden; man hofft aber, hierüber noch vor der Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren bei Baltisch- Port zu einer Entschließung zu gelangen. Frau Kostewitsch hat gestern ihren Gatten zum ersten Male seit der Verhaftung des russischen Oberleutnants Nikolski in Düsseldorf wieder besuchen dürfen. In später Nachtstunde fand dann eine Besprechung auf der russischen Bot­schaft in Anwesenheit der Gattin des Verhafte­ten statt. Bei der Verhaftung des Hauptmanns Kostewitsch ist außer "zwei großen Reisetaschen mit Büchern und Briefen auch ein Kredit­brief an eine Berliner Bank beschlagnahmt worden.

Marokkos Rosen und Zorne«.

Marokkodebatte in der Pariser Kammer.

(Privat-Telegramm.)

Paris, 2. Juli,

Die Diplomatenkammer setzte ge­stern die Beratung über Marokko fort. Bar- thou, der Vorsitzende des Ausschusses für aus­wärtige Angelegenheiten widerlegte die Rede Janrss und verteidigte die Marokkopolitik der Regierung und den Protektoratsvertrag. Nach Hm ergriff der Kabinettchef Poincars das Wort und legte die augenblickliche Lage in Ma­rokko in kurzen Worten dar. Er wies auf das Programm hin, das dem General Liauthey überwiese» worden sei, und erklärte, daß dem General alle Krrsgsmittel, die er ver­langen werde, zur Verfügung gestellt werden würden. Es sei eine unumgäng­liche Notwendigkeit, daß Frankreich sein zivilisatorisches Werk in Marokko fortsetze und vervollständige. Frankreich wer­de keineswegs eine Politik der Abenteuer, sondern eine solche der Zivilisation verfolgen. Poincare wies zum Schlüsse darauf hin. daß augenblicklich zweiunddreißigtausend Mann in Marokko und elftausend Man» an der al- gerisch-anarokkamschen Grenze konzentriert fei-,

en. Frankreich wolle in Marokko das gleiche Resultat erzielen, wie in Algerien und Tune­sien. Darauf widmete der Ministerpräsident noch dem Protektoratsvertrag einige kurze Worte, dessen Zustandekommen unumgänglich notwendig gewesen sei.

Srkan-Kalastrophe in Kanada, fieber zweihundert Menschen getötet! Wie wir gestern schon kurz berichteten, hat ein furchtbarer Orkan im Westen C a n a d a s unberechenbaren Schaden angerichtet. Aus allen Distrikten laufen Hiobsposten über Sturmwet­terschäden ein. Zahlreiche Ortschaften wurden gänzlich zerstött. In der Provinz Saflatsche- wan ist die Weizenernte zum großen Teil ver­nichtet worden und der durch die Katastrovhe im ganzen Lande angerichtete Schaden beziffert sich auf viele Millionen von Dollars. Ueber die Verheerungen des Orkans erhalten wir folgende Meldungen:

Newyork, 2. Juli.

(Privat-T eie gram m.)

Es bestätigt sich, daß bei der Orkan-Kata­strophe, die gestern und vorgestern ganz Canada heimgesucht hat, die Hauptstadt der canadischen Provinz Saflatschewan, R e g i n a, fast g ä n z - lichzerstört worden ist. Tausende von Holz­häuser» wurden »iedergerisse». Gleichzeitig wurde durch einen furchtbaren Brand ein großer Teil der Stadt in Asche gelegt. Unter der Bevölkerung brach eine entsetzltchePa- nik aus. Zahlreiche Personen wurden unter den Trümmern der einstürzenden Häuser begra­ben, oder fanden in den Flammen ihre» Tod. Bisher wurden etwa zweihundert zum großen Teil gräßlich verstümmelte und fast bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen geborgen. Die Zahl der Toten läßt sich bisher nicht einmal schätzungsweise feststel­len; sie beträgt aber wektüber zweihun­dert. Noch viel weniger ist die Zahl der Ver­letzte» anzugeben. Der angerichtete Schaden wird auf viele Millionen berechnet. Daß die Zahl der Opfer so groß ist, ist hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben, daß die Katastrophe mit unheimlicher Schnelligkeit über die Stadt herein­brach und alles vor niederwarf. Da ein großer Teil der Häuser von Regina aus Holz- fachwerk bestehen, wurden ganze Straßenzüge von dem Orkan niedergeriffen, so daß die Be­wohner nicht einmal Zeit fanden, sich ins Freie zu retten. Was von dem Orkan verschont ge­blieben war, fiel dann dem verheerenden Brand zum Opfer, der, vom Sturm gepeitscht, über sechshundert Häuser ergriff und sie völlig ein­äscherte. Seit gestern mittag sind Tausende von Arbeitern, Militär und Gefangene damit be­schäftigt, die Trümmer nach Leichen abzusuchen. Außer den bereits geborgene» Opfern der Kata­strophe werden noch etwa dreihundert Personen vermißt, die wahrscheinlich ebenfalls bei dem Orkan umgekommen sind.

*

Die Wirkungen der Katastrophe.

Depeschen aus Newyork zufolge hat die Orkan-Katastrophe in Canada vorwiegend das Bank- und Geschäftsviertel von Re­gina betroffen. Eine Anzahl öffentlicher Ge­bäude und Kirchen sowie ein halbes Dutzend Getreidespeicher wurden vollständig zerstört. In einigen Straßenzügen sieht man nur noch Trümmerhaufen, da der Orkan die Gebäude dem Erdboden gleich gemacht hat. Außer den vielen Toten ist auch eine große Anzahl Schwerverletzter als Opfer der Kata­strophe zu beklagen. Die Krankenhäuser sind überfüllt iutb vor der Stadt find Baracken er­richtet zur Aufnahme der Verletzten.

Wieder eine Zpionage-AUre!

Eine Spionage-Verhaftung in Kiel.

Wie wir bereits in den gestrigen Abend- depeschen berichteten, verhaftete die Kieler Poli­zei am Montag nachmittag in einem Hotel in Kiel eine Person, die im Verdachte steht, Spionage getrieben zu haben. Worin die Straf­tat besteht, zu Gunsten welches Landes sie ver­übt wurde, und wer die verhaftete Person ist, wird von der Polizei geheim gehalten. Der Verhaftete gibt an, Köhler zu heißen und aus Berlin zu stammen. Diese Angaben habe» sich inzwischen aber als falsch erwiesen:

Kiel, 2. Juli.

(Privat-Telegramm.)

Der gestern wegen Spionage Verhaftete, der angeblich K ö b l e r heißen wollte, ist als der anfang der dreißiger Jahre stehende frühere Techniker Ewald ermittelt worden. Er stammt aus dem Rheinland, hält sich bereits seit Monaten in Kiel auf und war der Polizei schon längere Zett aufgefallen. Sein in der Nacht zum Montag unternommener Versuch, das Signalbuch der Marine zu er­langen, machte ein schleuniges Zugreifen erforderlich, andernfalls hätte man ihn allerdings nur unter Beobachtung, wohl eine Zeitlang gewähren lasse», um seine Mitschuldi­

gen zu ermitteln. Es wurde bei Ewald unge­wöhnlich viel Belastungsmaterial vorgefunden, aus dem sei» Vergehen klar er« wiesen ist. Ewald war sowohl für England als auch für Frankreich tätig und hatte überall die vorzüglichsten Verbindungen, die anscheinend in sehr hohe Stelle» jener Staaten hineinreichen, besonders bei seinen französische» Beziehungen. Ewald scheint schon sehr viel erreicht zu haben. Angesichts des sehr starken Belastungsmaterials hat er ei» umfangreiches Geständnis gemacht. Zur Zeit sind alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Helfershelfer Ewalds zu ermitteln, so­wohl in Kiel wie auch in Wilhelmshaven, wo Ewald sich ebenfalls einige Zeit aufgehalten hat. Ohne Helfershelfer hat er nicht arbeiten können und man vermutet, daß diese Helfers­helfer in der Kieler Werft zu suche» sein wer­den.

* Spion Louis Simmerte.

Paris, 2. Juli. (Privattelegramm.) Wie aus Toulon gemeldet wird, soll der Pro­zeß gegen den Spion Louis Zimm er le, einen geborenen Elsässer, und seine Geliebte, die Italienerin Jcradi, vor dem Touloner Zuchtpolizeigericht am dreizehnten Juni bezin- nen. Beide Angeklagte sind beschuldigt, einer fremden Macht das militärische Handbuch über das neueste französische Schnellfeuergeschütz ge­liefert oder den Versuch der Lieferung gemacht zu habM. ___________

öchovin im Reichstag?

(Eine liberale Interpellation im Reichstag anläßlich des Schapiro-Prozeffes; Reichs­gericht, Polizei-Praxis und Parlament«

(Telegramm unsers Korrespondenten.)

Berlin, 2. Juli.

Wie von unterrichteter Seite verlautet, wird der Mainz-Darmstädter Schapiro-Pro- z e ß in der kommenden Session auch den Reichstag beschäftigen und zwar nicht nur in gelegentlichen Bemerkungen bei der Diskus­sion des Justizetats, sondern in Form eines Antrages, der von liberaler Seite eingebracht werden wird. Das Reichsgericht hat bekanntlich festgestellt, daß die von Frau Scha- piro vorgenommenen Vorladungen und von ihr veranlaßten Untersuchungen junger Mädchen, die nur mit einem Manne und nicht mit einer Mehrheit von Männern näher verkehrten, unzulässig seien. Die diesbezüglichen An­griffe des Redakteurs Hirsch aus die Praxis der Frau Schapiro sind vom Reichsgericht als nicht ganz unberechtigt" hingestellt worden. Nun ist von Frau Schapiro in der Darmstädter Verhandlung der letzten Woche abermals be­kundet worden, daß man sich bei der Handha­bung der hier in Frage kommenden Bestim­mungen nicht an die Grundsätze des Reichs­gerichtes gehalten habe. Tatsache ist, daß diese vom Reichsgericht anerkannten Grundsätze auch sonst in Deutschland nur ausnahmsweise befolgt werde». Die sittenpolizeilichen Bestim­mungen werden bekanntlich von jeder Ortsbe­hörde selbständig gehandhabt, wodurch e? oft zu Abweichungen und Verschärfungen des geltenden Reichsstrafgesetzes kommt. Der An­trag, mit dem sich der Reichstag zu beschäftigen haben wird, bezweckt nur eine einheitlich« Regelung der sittenpolizeilichen Bestimmun­gen fürdas ganze Reich.

MMonendesmudant Hetzler. Die Unterschlagung bei der Bayrischen Dis­konto- und Wechselbank vor Gericht; Heß­ler zu vier Jahre« Gefängnis verurteilt! (Bericht unsers Korrespondenten.)

Wie uns ein Privat-Tele­gramm aus Augsburg meldet, verurteilte die dottige Strafkammer gestern abend nach achtstündiger Ver­handlung den ehemaligen Prokuristen und stellvertretenden Direttor der Augsburger FLiale der bayerischen Diskonto- und Wechselbank, Frie. drich Hetzler, wegen Unterschlagung von einer Million Matt unter An­nahme mildernder Umstände zu v i e, Jahren Gefängnis. Die mit. beruhen Umstände erblickte das Gericht in der Tatsache, daß Hehler die Unter­schlagungen begangen habe, um drängende Gläubiger zu befriebigen. Im Hochsommer vorigen Jahres wurde die deutsche Bankierwelt und mtt ihr auch die mit dem deutschen Bankgewerbe in Verbindung stehende englische Hochfinanz ducrch die Kunde von einer Millionenunterschlagung Lei der Augsburger Filiale der Bayerischen