Casseler Neueste Nachrichten
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Nummer 160, Fernsprecher 951 und 952. Sonnabend, 15. Juni 1912. Fernsprecher 951 und 952. 2. Jahrgang.
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Bankett und Kriegsshiel.
Kriegsrifiks: Friedensgarantie!
Der englische Admiral Seymour, ein Mann mit kühlem Kopf und Hellem Au-ze (dessen leiser Groll gegen den „blonden Vetter überm Kanal" in der Erkenntnis der G « f a h r wurzelt, die Deutschlands Aufstieg zur wirtschaftlichen und politischen Weltmacht für die unter der Wucht der Ereignisse erzitternde britische Vormachtstellung bedeutet) hat am zwölf, ten Juniabend im Prunksaal des Londoner Cecil-Hotels eine Rede gehalten, die «ine seltsame Mischung von Friedenssehnsucht und Kriegswillen darstellt. Herr Seymour ist fürs erste der Erfinder einer neuen Friedenstheorie: Er erblickt in der Möglichkeit einer Herrschafts- sicherung englischer und japanischer Seemacht die stärkste Garantie für den Frieden und er ist Optimist genug, zu glauben, daß in dem Moment, wo die Stoßkraft britischer und japanischer Macht sich zu einen vermöge, „ein Krieg unmöglich sein werde". Indessen: Auch der friedenpredigende alte Seebär schaut überm Sonnenschein die Wolken! Er macht kein Hehl daraus, daß Englands Politik im Kriegsund Friedens.Sehnen „vor einer Macht Angst habe", und obwohl der Redner vom Handels- kammer-Bankett diese Macht nicht genannt hat, dürfen wir Deutsche uns doch schmeicheln, daß uns, und nur uns, die zitternde Sorge britischer Männerseelen gilt. Und damit stehen wir im. mer wieder auf demselben Fleck: Auf dem Vulkan deutsch.englischen Mißtrauens mit dem Kriegsgespenst im Hintertergrund!
Aber man darf trotzdem sich des Sonnenscheins freuen und nur überängstliche Gemüter sorgen sich um die Aufrechterhalwng jenes Zu. ftands des Friedens, für den Deutschland sich seit vierzig Jahren mit glücklichstem Erfolg eingesetzt hat. Man wird sich entsinnen, daß die Machthaber in London und Paris doch letzten Endes denkende Menschen sind, die sich über die Kraft Deutschlands ebenso klar sein müssen, wie über die weitverzweigten Gefahren, die für sie selbst auch außerhalb chrer eignen Landesgrenzen ein Krieg bedeuten dürfte. Das Deutsche Rchch, dessen gewichtigste Hilfsquellen und Interessen innerhalb seines eignen ge- schlossnen, durch sein riesiges Heer geschützten Gebiets liegen, hätte bei einem Weltkrieg (denn Krieg bedeutet heute Weltkrieg) für sich wohl viel, aber sicherlich weniger als seine Gegner zu fürchten. Zum Schutz sckiner Küsten hat di« Natur grade durch ihre Kargheft manches beigetragen; seine Kolonien, sein Außenbesitz sind noch nicht zu solchem Werte entwickelt, daß ein Angriff auf sie als tödlicher Schlag empfunden werden müßte. Und ein Angriff auf seine Grenzen hat noch immer die Wirkung geübt, alles innere Parteigezänk verstummen zu lassen und selbst im Fall einer unglücklichen Wendung sogar die berechtigten wirtschaftlichen und poli. tischen Parteigegensätze vorübergehend zu überbauen und zu schließen.
Für uns stände also auch im Fall eines kriegerischen Konflikts vorerst nicht allzu- riel auf dem Spiel. Anders England und Frankreich. England, dessen Verpflegung ganz von der Zufuhr zur See, dessen Wohlergehen vom Handel und nicht rum mindesten von seinem großen Kunden Deutschland abhängt, würde im Fall eines Kriegs eine Lebensmittelteuerung erfahren, die einer Katastrophe nicht sernbliebe. und eine Krise seines Geschästslebens durchmachen, gegen die die Trübung und Schwächung zur Zeit des Burenkampfs ein Kinderspiel gewesen wäre. Und wie ein altes Wort sagt: „Was weiß Der von England, der nur England kennt?" Würde es in einen europäischen Krieg verwickelt, so ist kaum zu glauben, daß in Aegypten und Indien, zweien seiner wichtigsten Kolonien, alles ruhig bliebe, daß nicht jene farbigen Völler blutige Versuche machen sollten, das weiße Joch endlich abzuschütteln, das sie seit langem nur knur. rend tragen. Ein gegen Deutschland kämpfendes England würde zuletzt wohl nur für Rußland gearbeitet haben, jenes Rußland, das der Kriegslust seines französischen Bundesgenossen in mäßigen Intervallen und in höflichen AusdruckSformen immer wieder einen sehr entschienen Dämpfer erteilt und das (was sein Recht ist) nur auf eine Bindung der Hände Englands lauert, um de» «ignen Interessen in Zentralasien einen ae- waltigen Stoß nach vorwärts zu geben. Daran ändert auch das wie di« Taube süßer Hoffnung über dem Nordmeer schwebende Rendezvous-Jdyll in den Schären nichts, denn: „Politik ist die wirklichkoitgewordn« Geltendmachung von Notwendigkeiten".
Und dann ferner: In einem Krieg mit Deutschland würde die lleinste Niederlage Frankreichs für Spanien und besonders Ar Italien der willkommene Ansporn ein, ihre Ansprüche in Nordafrika mit ganz andrer Energie zu verfolgen, als es bisher geschehen ist, und sie dürften in diesem Fall« dann auch der bereitwilligsten Fürsprache durch Deutschland sicher fein. So unzuverlässig die Hoffnung Frankreichs ist, Deutschland deswegen zu Lan- de in seine Krallen zu schlagen, weil es einige Flieger mehr zählt als wir, so gewiß kann es mit der Aussicht auf große unid vermutlich blutige innere Umwälzungen rechnen; gleichgültig, ob der nächste Krieg ihm Sieg oder Niederlage bringt. Im Falle eines Siegs würde vermutlich die übermütig ge- wordne Armee nicht einen Tag länger die Oberherrschaft der „Zivilisten" im Staate dulden, und unter dem Jubel der ganzen, gloiredurstigen Nation würden die Juristen und Magister, die Fallisres und Delcafls, von ihren Stühlen fliegen, um ruhmgekrönten Generalen, den neuen Bonapartes, dem „em- pereur" der Zukunft Platz zu machen. Unter diesen Umständen leuchtet sogar das Pfingst- flämmchen der 'entente cordiale trüber als sonst, und man lernt es also verstehen, warum Mister Seymour am Mittwoch-Abend im Kreis der Handelskammer-Männer im Tonfall dumpfen Grolls von „der einen Macht" sprach, vor der man „in England zittre": Das Risiko eines Kriegs, das gleichzeitig die sicherste Garantie für den Frieden ist, belastet das briftsche Gewissen, und diese Tatsache dünkt uns wichtiger, als die temperamentvollsten Fanfaren und das dröhnendste Gepolter britisch-gallischer Chauvinisten! F. H.
Unsere Fnknrttt auf dem Wafler.
(Privat-Telegram m.)
Berlin, 14. Juni.
Die Verstärkung unserer Flotte durch die kürzlich verabschiedeten Wehrvorlagen wird teilweise zum Herbst dieses Jahres verwirklicht werden. Zuerst wird mit der Bildung des dritten Geschwaders begonnen. Im nächsten Jahre findet auch die Kiel-Legung des ersten der drei durch die Flottennovelle neu bewilligten Linienschiffe statt. Im Herbst dieses Jahres wird ferner die Aufilärungsflotte mit zwei kleinen Kreuzern verstärkt, sodaß sie künftig aus vier großen und acht Keinen Kreuzern besteht. Der Ausbau der Unterse eb o ots .Flo tti l- l e soll in der Weise erfolgen, daß jährlich sechs neue Boote gebaut werden, bis der Stand von zweiundsiebzig erreicht ist. Für Luftfahrzeuge im Dienste der Marine sind durch die Novelle zwei Millionen Mark bewilligt.. Das Luftschiff „Z. III" ist bereits an gekauft, und der Ankauf weiterer Luftscbisfe, Aeroplane und voraussichtlich auch Hydro- Aeroplane steht in naher Aussicht. Das dritte Geschwader, mit dessen Bildung im Herbst begonnen wird, wird in Wilhelmshaven stationiert werden.
Das Rendezvous in den Scharen.
„Nvr eine private Zusammenkunft?"
Der Pariser Temps erzählt über den Erfolg einer Aktion des französischen Botschafters in Petersburg, die sich auf die bevorstehende Zusammenkunft des Deutschen Kaisers mit dem Zaren bezog, Einzelheiten, die, wenn sie sich bewahrheiten, zeigen würden, wie wenig angenehm den Pariser Kreisen diese Monarchenbegegnung ist. Es liegt darüber folgende Mitteilung vor:
Herr Louis, der Magier.
Der Petersburger Korrespondent des Pariser Temps meldet seinem Blatte, er habe aus gutunterrichteter Quelle erfahren, daß der Minister des Aeußern, S s a sa n o w , gemeinsam mft dem französischen Botschafter, Louis, dahin gewirkt habe, daß die Zusammenkunft des Zaren mit dem Kaiser Wilhelm in den finnischen Schären keinen offiziellen, sondern nur einett privaten Charakter tragen werde. Der Zar werde weder von Ssasanow noch von dem Ministerpräsidenten Kokowzew begleitet sein. Ssasanow wird heute Moskau, wohin «r sich zur Enthüllung des Denkmals Alexanders des Dritten begeben hatte, wieder verlassen und Sonnabend in Petersburg eintreffen.
*
In Petersburg nichts bekannt...!
Von einer beabsichtigten Zusammenkunft des Zaren mit König Georg von England ist. tote der Korrespondent des Temps
meldet, in Petersburger eingeweihten Kreisen nichts bekannt. Was den bevorstehenden Besuch des französischen Ministerpräsidenten Poincarö anbetreffe, so habe Ministerprä- ident Kokowzew «rklätt, er freue sich ehr darüber, mit seinem französischen Kollegen, der durch seine parlamentarische Tätigkeit augenblicklich noch in Paris festgehallen werde, zusammenzutreffen. Wenn Poincars nicht nach Petersburg kommen würde, so würde er ihn in Paris besucht haben.
Die Straßburger Indiskretion.
Wie der Kaiser provoziert wurde...!
Ein französischer Würdenträger, der dem Vorfall in Straßburg, bei dem der Kaiser von der Möglichkeit der Einverleibung Elsaß-Loth ringens in Preußen sprach, beiwohnte, hat von den Vorgängen des Abends einem Vertreter der Presse in Nizza, eine Dar- tcllung gegeben, die in mancher Hinsicht charakteristisch ist und die Ereignisse in einem ganz neuen Lichte zeigt. In der Darstellung des ranzösilchen Gewährsmannes, der sich für die Authentizität seiner Mitteilungen verbürgte, heißt es:
Kaiser und Bürgermeister.
Als der Kaiser und mehrere der bei dem Festessen anwesenden deutschen und französischen Herren dem Abgeordneten Mandel zu seinem neuen Exzellenzentitel gratulierten, versetzte der Bürgermeister von Straßburg, Dr. Schwander, der die Auszeichnung Mandels mit Mißbehagen sah, in lautem Tone: Excellence allemande, nullite frangaise! (Deutsche Erzellenz, französische Null). Der Kaiser schien die Worte zu überhören, betrachtete aber den Bürgermeister scharf und unterhielt sich lange und eingehend mit Mandel. Der Bürgermeister wandte sich an einen anwesenden Professor und sagte noch lauter als vorher: „Es fehlt leider den Deuffchen an jedem psvchologischen Verständnis, sie kennen nicht die guten Eigenschaften der Elsässer und sehen nur die schlechten. Vae victis!" „Sie sprechen Latein?" fragte der Kaiser, immer noch ruhig, doch über den Mann entrüstet. „Was meinen Sie eigentlich, Herr Bürgermeister?" „WaS ich meine, Sire, ist dies," antwortete der Bürgermeister mft Wucht und trat ganz nahe an den Kaiser heran „La Prusse pöse trop sur FAlsace." (Preußen lastet schwer auf Elsaß!) Außer sich vor Entrüstung ließ der Kaiser dann die bekannte Aeußemng fallen und es wurde totenstill im Saal.
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Uns scheint diese Darstellung vorerst allerdings noch sehr unwahrscheinlich. Wir halten den Bürgermeister von Straßburg, Dr. Scbwanders bisher nichts in die Oeffentlichkeit matennatur, als daß er den Kaiser in dieser wenig feinen und ungeschickten Form provoziert haben sollte. G e g e n die Wahrscheinlichkeit der obigen Darstellung spricht auch die Tatsache, daß von der angeblichen Provokatton Dr. Schwanders bisher nichts in die Oefentlichkeit gedrungen ist, während sie doch nach der Darstellung des französischen Gewährsmannes wenigstens für einen größeren Kreis der Teilnehmer an der Fefflichkeit v e r st ä n d l i ch gewesen sein mutz.
Noch eine Version!
Im „Nouvelliste" veröffentlicht Paul Boursson, der Straßburger Korrespondent des „Matin", der im vorigen Monat die bekannten Worte des Kaisers seinem Pariser Blatte noch in derselben Nacht übermittelte, eine Erklärung, in der es heißt: Ich hatte am Abend des dreizehnten Mai erfahren, daß Kaiser Wilhelm dem Bürgermeister von Straßburg erfläri hatte, daß er, wenn es in Elsaß-Lotbringen so Wetter gehe, die Verfassung des Landes in Scherben schlagen und uns zu preußischen Untertanen machen würde. Um elf Uhr abends telephonierte ich darauf an das Hotel des Präsidenten bet Zweiten Kammer, Dr. Ricklin, ob dieser von dem Tiner bei dem Statthalter schon zurückgekehrt sei. Ich erhielt eine verneinende Antw oft. Auch ein zweiter telephonischer Anrui hatte keinen Erfolg. Darauf begab ich mich nach zwölf Uhr in das Union-Hotel. Dr. Ricklin befand sich bereits im Bette, er erhob sich aber und empfing mich. Auf meine Frage zögefte er einige Sekunden und sagte bann: „Wie ich sehe, sinb Sie nicht allzu schlecht unterrichtet! Ich habe ben Bürgermeister soeben beim Kaisecbiner gesehen, er bat mir tasäcblich von ben Aeuße- rungen erzählt, bie bet Kaiser ihm gegenüber getan hat, und diese Aeußerungen sind beinahe identisch mit dem, was man Ihnen sagte: jedenfalls ist der Sinn derselbe . . .1"
Die Frau im Parlament.
(Eine Schriftstellerin als Abgeordnete.
Ein Privattelegramm meldet uns aus Prag: Boi der gestern int Wahlkreise Nienburg- Jung -Bunzlau vorgenommenen Stichwahl für den Böhmischen Landtag wur
de die tschechische Schriffftellerin Frau V i l Kunetisky, die von der jungtschechischen Partei als Kandidatin aufgestellt war, zur Abgeordneten gewählt. Die Reuge- wählte ist der erste weibliche Abgeordnete in Böhmen. Man erwartet mit großem In- terefle, ob es ihr möglich sein wird, in den Landtag einzuziehen, da der Statthalter er« klärt hat, daß nach seiner Anschauung Frauen als Abgeordnete zum Landtag nicht wählbar seien.
Boigt, bet Unsterbliche.
Lebt der totgesagte „Hauptmann von Kö« Penick" nun wirklich? Wilhelm Doigt in de« Sommerfrische; die Polizei hegt Zweifel!
Komödie über Komödie: Der Schuster ■ Voigt von Köpenick, der in bett Oktobertagen 1906 der Welt die prächtigste Posse eines halben Jahrhundefts vorgespielt, ist auf dem Umweg über die Tragödie nun bei der Burleske angelangt. Er ist anscheinend fälschlich „totge- sagt" worden, und macht sich nun ein Spezial- Vergnügen daraus, die „trauernden Hinterblie- denen" von seinem ungeschwächten Leben recht demonstrativ zu überzeugen. Er ist nicht in London gestorben, sondern lebt und freut sich seines Lebens auf deutschem Boden: Das ist die neueste Ueberraschung, die der Welt von Wilhelm Voigt, dem Ränkereichen, kommt, auf Grund eines offiziösen Telegramms, daS vorgestern übereinstimmend in aller Welt verkündet wurde, wonach der „4?elb" des berühmten Küpenicker Rathaussturms in einem Londoner Hospital das Zeitliche gesegnet habe, und überall wurde von seinem Ende mit ausführlicher Würdigung seiner „Glanzleistung" gebührende Notiz genommen . Aber es war nut eilte „Köpenickiade" des Tot gesagten, oder (wenn man will) eine „Köpenickiade des Todes". Wir verzeichnen darüber folgende Meldungen:
Lauscha i. Thür., 14. Juni.
(Privat-Telegramm.)
Es bestätigt sich, daß hier gestern ein Mann eingetroffen ist, der sich als Schuhmacher Wilhelm Voigt legitimieren konnte und der als der „richtige" Hauptmann von Köpenick angesehen wird. Voigt ist in Luxemburg ansässig und soll doft auch verheiratet fein. Er hat ben Glasbläser Müller-Sachs doft kennen gelernt, als dieser eine Kunstreise machte und Vorstellungen in der Glasbläser- kunst veranstaltete. Die beiden hatten herein« bart, daß Voigt nach Lauscha kommen solle und daß sie von doft aus gemeinsam eine Tournee unternehmen, bei der Voigt als früherer „Hauptmann von Köpenick" die Haupt« attraktton sein soll, während Müller-SachS seine Glasbläserkunst zeigen will. Dem „alten Hexenmeister" Voigt ist schon zuzuftauen, daß er selbst auch bie falsche Tobesnachftcht in die Welt gesetzt hat, um so feine bereits einer verdienten Vergessenheit anheimgefallenen Persönlichkeit wieder in öffentliche Erinnerung zu bringen und für die geplante Vofttagstoutnee das nötige Tamtam zu machen. Das wär« dann ein Meisterstück der „Bläseftunst".
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Der Hauptmann in der Sommerfrische.
Wilhelm Voigt hat sich über bie falsche Todesnachricht auch bereits schriftlich ausgelassen. Er „erläßt" aus Lauscha folgendes Schreiben: „Die Nachricht, daß ich in London in einem Hospital gestorben sei, hat in Deutschland ungeheueres Aufsehen hervorgerufen. Meiner Gesundheit wegen ist mir Waldluft verordnet worden und habe deshalb mich nach Thüringen ins Städtchen Lauscha begeben. Montag früh fuhr ich über Aachen nach Burg- Haus bei Krefeld, um bei dieser Gelegenheit eine befreundete Familie zu besuchen und mich bis Mittwoch früh doft aufzuhalten. Um sechs Uhr früh ging ich zum Bahnhof, um nach Lauscha zu gelangen. In Duisburg mußte ich umsteigen, wo mir, da ich in bet borügen Gegend sehr bekannt bin, als ich in den Wartesaal trat, verschiedene Herren die Kölnische Zeitung vorhielten. Was aber sah ich? Was wohl wenigen Sterblichen passiert war: Meine eigene Todesnachricht! Und doch lebte ich noch und freute mich vorerst auch noch meines Daseins. Wenn ick einmal wirklich gestorben bin, so möchte ich wünschen, auch einen solchen Nachruf zu erhalten, wie ich ihn schon als „lebender Toter" gelesen habe . . ." Voigt will sich in Lauscha etwa vierzehn Tage aufbaltcn und dann mit seinem Freund Müller-TrebS sich „auf die Tournee" begeben. Die Polizei steht den Angaben Voigts noch skeptisch gegenüber, zumal sich der angebliche Voigt nicht legitimieren kann. Er vermag lediglich Postkaften mit den bekannten Bildern deS „Hauptmanns von Köpenick" vorzuweifen und behauptet, bei einer Frau Blume in Luxemburg zu wohnen und doft von der Rente einer Berliner Dame zu leben.
* ’S
Hannoverfch-Münden, 14. Juni. (Telegramm unsres Korrespondenten.) Der hiesige Bahnhofsbuchhändler will gleich«