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Casseler Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung _____

JnsertionSpE: $te fechSgespalt«, Seile füt eiaheimifche Beschälte' IS Pfg., für -ul. wäriige Inserate 25 «f Reklamezeile für einheimische Beschälte W Pf, für auswärtige Geschäfte 60 Pf. Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend de. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Reftde«, und der Umgebung sind die Sasseler Neueste« Nachrichten eto vorzügliches JnsertionSorgmt. Geschäfts teilei Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW.. Friedrichitrabe 18, Telephon: Amt Moritzpla, 678

Nummer 160, Fernsprecher 951 und 952. Sonnabend, 15. Juni 1912. Fernsprecher 951 und 952. 2. Jahrgang.

Dich Lössel« Neuesten Nachrichten erscheinen wdchenEch sechsmal imd zwar abends. Der ALonnementSpreiS beträgt monoUtdb 60 Pfg. bei frei« Zustellung ins Hau». Bestellungen werde» jederzeit von der SeschäftSstelle oder den Boten eutgegengenommen. Druckerei, Verlag und RedaMon: «chlachthosstraße 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 1 biS 3 Uhr nachnUttagS, Sprechstunden der Auskunft - Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bis 8 Uhr abends. Berliner B«treiung: SW, Friedrichs«. 16, Telephon: Amt Moritzplaü 676.

Bankett und Kriegsshiel.

Kriegsrifiks: Friedensgarantie!

Der englische Admiral Seymour, ein Mann mit kühlem Kopf und Hellem Au-ze (dessen leiser Groll gegen denblonden Vetter überm Kanal" in der Erkenntnis der G « f a h r wurzelt, die Deutschlands Aufstieg zur wirt­schaftlichen und politischen Weltmacht für die unter der Wucht der Ereignisse erzitternde bri­tische Vormachtstellung bedeutet) hat am zwölf, ten Juniabend im Prunksaal des Londoner Cecil-Hotels eine Rede gehalten, die «ine seltsame Mischung von Friedenssehnsucht und Kriegswillen darstellt. Herr Seymour ist fürs erste der Erfinder einer neuen Friedenstheorie: Er erblickt in der Möglichkeit einer Herrschafts- sicherung englischer und japanischer Seemacht die stärkste Garantie für den Frieden und er ist Optimist genug, zu glauben, daß in dem Moment, wo die Stoßkraft britischer und japanischer Macht sich zu einen vermöge,ein Krieg unmöglich sein werde". Indessen: Auch der friedenpredigende alte Seebär schaut überm Sonnenschein die Wolken! Er macht kein Hehl daraus, daß Englands Politik im Kriegs­und Friedens.Sehnenvor einer Macht Angst habe", und obwohl der Redner vom Handels- kammer-Bankett diese Macht nicht genannt hat, dürfen wir Deutsche uns doch schmeicheln, daß uns, und nur uns, die zitternde Sorge britischer Männerseelen gilt. Und damit stehen wir im. mer wieder auf demselben Fleck: Auf dem Vul­kan deutsch.englischen Mißtrauens mit dem Kriegsgespenst im Hintertergrund!

Aber man darf trotzdem sich des Sonnen­scheins freuen und nur überängstliche Gemüter sorgen sich um die Aufrechterhalwng jenes Zu. ftands des Friedens, für den Deutschland sich seit vierzig Jahren mit glücklichstem Erfolg ein­gesetzt hat. Man wird sich entsinnen, daß die Machthaber in London und Paris doch letzten Endes denkende Menschen sind, die sich über die Kraft Deutschlands ebenso klar sein müssen, wie über die weitverzweigten Gefahren, die für sie selbst auch außerhalb chrer eignen Lan­desgrenzen ein Krieg bedeuten dürfte. Das Deutsche Rchch, dessen gewichtigste Hilfsquellen und Interessen innerhalb seines eignen ge- schlossnen, durch sein riesiges Heer geschützten Gebiets liegen, hätte bei einem Weltkrieg (denn Krieg bedeutet heute Weltkrieg) für sich wohl viel, aber sicherlich weniger als seine Gegner zu fürchten. Zum Schutz sckiner Küsten hat di« Na­tur grade durch ihre Kargheft manches beige­tragen; seine Kolonien, sein Außenbesitz sind noch nicht zu solchem Werte entwickelt, daß ein Angriff auf sie als tödlicher Schlag empfunden werden müßte. Und ein Angriff auf seine Grenzen hat noch immer die Wirkung geübt, alles innere Parteigezänk verstummen zu lassen und selbst im Fall einer unglücklichen Wendung sogar die berechtigten wirtschaftlichen und poli. tischen Parteigegensätze vorübergehend zu über­bauen und zu schließen.

Für uns stände also auch im Fall eines kriegerischen Konflikts vorerst nicht allzu- riel auf dem Spiel. Anders England und Frankreich. England, dessen Verpflegung ganz von der Zufuhr zur See, dessen Wohl­ergehen vom Handel und nicht rum minde­sten von seinem großen Kunden Deutschland abhängt, würde im Fall eines Kriegs eine Lebensmittelteuerung erfahren, die einer Katastrophe nicht sernbliebe. und eine Krise seines Geschästslebens durchmachen, ge­gen die die Trübung und Schwächung zur Zeit des Burenkampfs ein Kinderspiel gewe­sen wäre. Und wie ein altes Wort sagt: Was weiß Der von England, der nur Eng­land kennt?" Würde es in einen europäischen Krieg verwickelt, so ist kaum zu glauben, daß in Aegypten und Indien, zweien sei­ner wichtigsten Kolonien, alles ruhig bliebe, daß nicht jene farbigen Völler blutige Ver­suche machen sollten, das weiße Joch endlich abzuschütteln, das sie seit langem nur knur. rend tragen. Ein gegen Deutschland kämpfen­des England würde zuletzt wohl nur für Rußland gearbeitet haben, jenes Ruß­land, das der Kriegslust seines französischen Bundesgenossen in mäßigen Intervallen und in höflichen AusdruckSformen immer wieder einen sehr entschienen Dämpfer erteilt und das (was sein Recht ist) nur auf eine Bin­dung der Hände Englands lauert, um de» «ignen Interessen in Zentralasien einen ae- waltigen Stoß nach vorwärts zu geben. Da­ran ändert auch das wie di« Taube süßer Hoffnung über dem Nordmeer schwebende Rendezvous-Jdyll in den Schären nichts, denn:Politik ist die wirklichkoitgewordn« Geltendmachung von Notwendigkeiten".

Und dann ferner: In einem Krieg mit Deutschland würde die lleinste Niederlage Frankreichs für Spanien und besonders Ar Italien der willkommene Ansporn ein, ihre Ansprüche in Nordafrika mit ganz andrer Energie zu verfolgen, als es bisher geschehen ist, und sie dürften in diesem Fall« dann auch der bereitwilligsten Fürsprache durch Deutschland sicher fein. So un­zuverlässig die Hoffnung Frank­reichs ist, Deutschland deswegen zu Lan- de in seine Krallen zu schlagen, weil es einige Flieger mehr zählt als wir, so gewiß kann es mit der Aussicht auf große unid vermutlich blutige innere Umwälzungen rech­nen; gleichgültig, ob der nächste Krieg ihm Sieg oder Niederlage bringt. Im Falle eines Siegs würde vermutlich die übermütig ge- wordne Armee nicht einen Tag länger die Oberherrschaft derZivilisten" im Staate dulden, und unter dem Jubel der ganzen, gloiredurstigen Nation würden die Juristen und Magister, die Fallisres und Delcafls, von ihren Stühlen fliegen, um ruhmgekrönten Generalen, den neuen Bonapartes, demem- pereur" der Zukunft Platz zu machen. Unter diesen Umständen leuchtet sogar das Pfingst- flämmchen der 'entente cordiale trüber als sonst, und man lernt es also verstehen, warum Mister Seymour am Mittwoch-Abend im Kreis der Handelskammer-Männer im Ton­fall dumpfen Grolls vonder einen Macht" sprach, vor der manin England zittre": Das Risiko eines Kriegs, das gleichzeitig die sicherste Garantie für den Frie­den ist, belastet das briftsche Gewissen, und diese Tatsache dünkt uns wichtiger, als die temperamentvollsten Fanfaren und das dröhnendste Gepolter britisch-gallischer Chau­vinisten! F. H.

Unsere Fnknrttt auf dem Wafler.

(Privat-Telegram m.)

Berlin, 14. Juni.

Die Verstärkung unserer Flotte durch die kürzlich verabschiedeten Wehrvorlagen wird teilweise zum Herbst dieses Jahres verwirklicht werden. Zuerst wird mit der Bildung des dritten Geschwaders begonnen. Im nächsten Jahre findet auch die Kiel-Legung des ersten der drei durch die Flottennovelle neu bewilligten Linien­schiffe statt. Im Herbst dieses Jahres wird ferner die Aufilärungsflotte mit zwei kleinen Kreuzern verstärkt, sodaß sie künftig aus vier großen und acht Keinen Kreuzern besteht. Der Ausbau der Unterse eb o ots .Flo tti l- l e soll in der Weise erfolgen, daß jährlich sechs neue Boote gebaut werden, bis der Stand von zweiundsiebzig erreicht ist. Für Luftfahrzeuge im Dienste der Marine sind durch die Novelle zwei Millionen Mark bewilligt.. Das LuftschiffZ. III" ist bereits an gekauft, und der Ankauf weiterer Luftscbisfe, Aeroplane und voraussichtlich auch Hydro- Aeroplane steht in naher Aussicht. Das dritte Geschwader, mit dessen Bildung im Herbst begonnen wird, wird in Wilhelmshaven sta­tioniert werden.

Das Rendezvous in den Scharen.

Nvr eine private Zusammenkunft?"

Der Pariser Temps erzählt über den Er­folg einer Aktion des französischen Botschaf­ters in Petersburg, die sich auf die bevorste­hende Zusammenkunft des Deutschen Kaisers mit dem Zaren bezog, Einzelheiten, die, wenn sie sich bewahrheiten, zeigen wür­den, wie wenig angenehm den Pariser Kreisen diese Monarchenbegegnung ist. Es liegt darüber folgende Mitteilung vor:

Herr Louis, der Magier.

Der Petersburger Korrespondent des Pa­riser Temps meldet seinem Blatte, er habe aus gutunterrichteter Quelle erfahren, daß der Minister des Aeußern, S s a sa n o w , ge­meinsam mft dem französischen Botschaf­ter, Louis, dahin gewirkt habe, daß die Zusammenkunft des Zaren mit dem Kaiser Wilhelm in den finnischen Schären keinen offiziellen, sondern nur einett priva­ten Charakter tragen werde. Der Zar werde weder von Ssasanow noch von dem Ministerpräsidenten Kokowzew begleitet sein. Ssasanow wird heute Moskau, wohin «r sich zur Enthüllung des Denkmals Alexanders des Dritten begeben hatte, wieder verlassen und Sonnabend in Petersburg eintreffen.

*

In Petersburg nichts bekannt...!

Von einer beabsichtigten Zusammenkunft des Zaren mit König Georg von Eng­land ist. tote der Korrespondent des Temps

meldet, in Petersburger eingeweihten Kreisen nichts bekannt. Was den bevorstehen­den Besuch des französischen Ministerpräsiden­ten Poincarö anbetreffe, so habe Ministerprä- ident Kokowzew «rklätt, er freue sich ehr darüber, mit seinem französischen Kollegen, der durch seine parlamentarische Tätigkeit augenblicklich noch in Paris festge­hallen werde, zusammenzutreffen. Wenn Poincars nicht nach Petersburg kommen wür­de, so würde er ihn in Paris besucht haben.

Die Straßburger Indiskretion.

Wie der Kaiser provoziert wurde...!

Ein französischer Würdenträger, der dem Vorfall in Straßburg, bei dem der Kaiser von der Möglichkeit der Einverleibung Elsaß-Loth ringens in Preußen sprach, beiwohnte, hat von den Vorgängen des Abends einem Vertreter der Presse in Nizza, eine Dar- tcllung gegeben, die in mancher Hinsicht cha­rakteristisch ist und die Ereignisse in einem ganz neuen Lichte zeigt. In der Darstellung des ranzösilchen Gewährsmannes, der sich für die Authentizität seiner Mitteilungen verbürgte, heißt es:

Kaiser und Bürgermeister.

Als der Kaiser und mehrere der bei dem Festessen anwesenden deutschen und französi­schen Herren dem Abgeordneten Mandel zu seinem neuen Exzellenzentitel gratulierten, ver­setzte der Bürgermeister von Straß­burg, Dr. Schwander, der die Auszeich­nung Mandels mit Mißbehagen sah, in lautem Tone: Excellence allemande, nullite frangaise! (Deutsche Erzellenz, französische Null). Der Kaiser schien die Worte zu überhören, betrachtete aber den Bürgermeister scharf und unterhielt sich lange und eingehend mit Man­del. Der Bürgermeister wandte sich an einen anwesenden Professor und sagte noch lauter als vorher:Es fehlt leider den Deuffchen an je­dem psvchologischen Verständnis, sie kennen nicht die guten Eigenschaften der Elsässer und sehen nur die schlechten. Vae victis!"Sie sprechen Latein?" fragte der Kaiser, immer noch ruhig, doch über den Mann entrüstet. Was meinen Sie eigentlich, Herr Bürgermeister?"WaS ich meine, Sire, ist dies," antwortete der Bürgermeister mft Wucht und trat ganz nahe an den Kaiser heran La Prusse pöse trop sur FAlsace." (Preu­ßen lastet schwer auf Elsaß!) Au­ßer sich vor Entrüstung ließ der Kai­ser dann die bekannte Aeußemng fallen und es wurde totenstill im Saal.

*

Uns scheint diese Darstellung vorerst aller­dings noch sehr unwahrscheinlich. Wir halten den Bürgermeister von Straßburg, Dr. Scbwanders bisher nichts in die Oeffentlichkeit matennatur, als daß er den Kaiser in dieser wenig feinen und ungeschickten Form provo­ziert haben sollte. G e g e n die Wahrscheinlich­keit der obigen Darstellung spricht auch die Tat­sache, daß von der angeblichen Provokatton Dr. Schwanders bisher nichts in die Oefentlichkeit gedrungen ist, während sie doch nach der Dar­stellung des französischen Gewährsmannes we­nigstens für einen größeren Kreis der Teil­nehmer an der Fefflichkeit v e r st ä n d l i ch ge­wesen sein mutz.

Noch eine Version!

ImNouvelliste" veröffentlicht Paul Boursson, der Straßburger Korrespondent desMatin", der im vorigen Monat die be­kannten Worte des Kaisers seinem Pariser Blatte noch in derselben Nacht übermittelte, eine Erklärung, in der es heißt: Ich hatte am Abend des dreizehnten Mai erfahren, daß Kaiser Wil­helm dem Bürgermeister von Straßburg erfläri hatte, daß er, wenn es in Elsaß-Lotbringen so Wetter gehe, die Verfassung des Landes in Scherben schlagen und uns zu preußischen Un­tertanen machen würde. Um elf Uhr abends telephonierte ich darauf an das Hotel des Präsidenten bet Zweiten Kammer, Dr. Ricklin, ob dieser von dem Tiner bei dem Statthalter schon zurückgekehrt sei. Ich er­hielt eine verneinende Antw oft. Auch ein zweiter telephonischer Anrui hatte keinen Er­folg. Darauf begab ich mich nach zwölf Uhr in das Union-Hotel. Dr. Ricklin befand sich be­reits im Bette, er erhob sich aber und empfing mich. Auf meine Frage zögefte er einige Se­kunden und sagte bann:Wie ich sehe, sinb Sie nicht allzu schlecht unterrichtet! Ich habe ben Bürgermeister soeben beim Kaisecbiner gesehen, er bat mir tasäcblich von ben Aeuße- rungen erzählt, bie bet Kaiser ihm gegenüber getan hat, und diese Aeußerungen sind bei­nahe identisch mit dem, was man Ihnen sagte: jedenfalls ist der Sinn derselbe . . .1"

Die Frau im Parlament.

(Eine Schriftstellerin als Abgeordnete.

Ein Privattelegramm meldet uns aus Prag: Boi der gestern int Wahlkreise Nienburg- Jung -Bunzlau vorgenommenen Stichwahl für den Böhmischen Landtag wur­

de die tschechische Schriffftellerin Frau V i l Kunetisky, die von der jungtschechischen Partei als Kandidatin aufgestellt war, zur Abgeordneten gewählt. Die Reuge- wählte ist der erste weibliche Abgeordnete in Böhmen. Man erwartet mit großem In- terefle, ob es ihr möglich sein wird, in den Landtag einzuziehen, da der Statthalter er« klärt hat, daß nach seiner Anschauung Frau­en als Abgeordnete zum Landtag nicht wähl­bar seien.

Boigt, bet Unsterbliche.

Lebt der totgesagteHauptmann von« Penick" nun wirklich? Wilhelm Doigt in de« Sommerfrische; die Polizei hegt Zweifel!

Komödie über Komödie: Der Schuster Voigt von Köpenick, der in bett Oktobertagen 1906 der Welt die prächtigste Posse eines halben Jahrhundefts vorgespielt, ist auf dem Umweg über die Tragödie nun bei der Burleske ange­langt. Er ist anscheinend fälschlichtotge- sagt" worden, und macht sich nun ein Spezial- Vergnügen daraus, dietrauernden Hinterblie- denen" von seinem ungeschwächten Leben recht demonstrativ zu überzeugen. Er ist nicht in London gestorben, sondern lebt und freut sich seines Lebens auf deutschem Boden: Das ist die neueste Ueberraschung, die der Welt von Wilhelm Voigt, dem Ränkereichen, kommt, auf Grund eines offiziösen Telegramms, daS vor­gestern übereinstimmend in aller Welt verkün­det wurde, wonach der4?elb" des berühmten Küpenicker Rathaussturms in einem Londoner Hospital das Zeitliche gesegnet habe, und überall wurde von seinem Ende mit ausführ­licher Würdigung seinerGlanzleistung" ge­bührende Notiz genommen . Aber es war nut eilteKöpenickiade" des Tot gesagten, oder (wenn man will) eineKöpenickiade des Todes". Wir verzeichnen darüber folgende Meldungen:

Lauscha i. Thür., 14. Juni.

(Privat-Telegramm.)

Es bestätigt sich, daß hier gestern ein Mann eingetroffen ist, der sich als Schuhmacher Wilhelm Voigt legitimieren konnte und der als derrichtige" Hauptmann von Köpenick angesehen wird. Voigt ist in Luxemburg ansässig und soll doft auch verheiratet fein. Er hat ben Glasbläser Müller-Sachs doft kennen gelernt, als dieser eine Kunstreise machte und Vorstellungen in der Glasbläser- kunst veranstaltete. Die beiden hatten herein« bart, daß Voigt nach Lauscha kommen solle und daß sie von doft aus gemeinsam eine Tournee unternehmen, bei der Voigt als frü­hererHauptmann von Köpenick" die Haupt« attraktton sein soll, während Müller-SachS seine Glasbläserkunst zeigen will. Demalten Hexenmeister" Voigt ist schon zuzuftauen, daß er selbst auch bie falsche Tobesnachftcht in die Welt gesetzt hat, um so feine bereits einer verdienten Vergessenheit anheimgefallenen Per­sönlichkeit wieder in öffentliche Erinnerung zu bringen und für die geplante Vofttagstoutnee das nötige Tamtam zu machen. Das wär« dann ein Meisterstück derBläseftunst".

*

Der Hauptmann in der Sommerfrische.

Wilhelm Voigt hat sich über bie falsche Todesnachricht auch bereits schriftlich ausge­lassen. Ererläßt" aus Lauscha folgendes Schreiben:Die Nachricht, daß ich in London in einem Hospital gestorben sei, hat in Deutsch­land ungeheueres Aufsehen hervorgerufen. Meiner Gesundheit wegen ist mir Waldluft verordnet worden und habe deshalb mich nach Thüringen ins Städtchen Lauscha begeben. Montag früh fuhr ich über Aachen nach Burg- Haus bei Krefeld, um bei dieser Gelegenheit eine befreundete Familie zu besuchen und mich bis Mittwoch früh doft aufzuhalten. Um sechs Uhr früh ging ich zum Bahnhof, um nach Lauscha zu gelangen. In Duisburg mußte ich umsteigen, wo mir, da ich in bet borügen Ge­gend sehr bekannt bin, als ich in den Warte­saal trat, verschiedene Herren die Kölnische Zeitung vorhielten. Was aber sah ich? Was wohl wenigen Sterblichen passiert war: Meine eigene Todesnachricht! Und doch lebte ich noch und freute mich vorerst auch noch meines Da­seins. Wenn ick einmal wirklich gestorben bin, so möchte ich wünschen, auch einen solchen Nachruf zu erhalten, wie ich ihn schon alsle­bender Toter" gelesen habe . . ." Voigt will sich in Lauscha etwa vierzehn Tage aufbaltcn und dann mit seinem Freund Müller-TrebS sichauf die Tournee" begeben. Die Polizei steht den Angaben Voigts noch skeptisch gegen­über, zumal sich der angebliche Voigt nicht legitimieren kann. Er vermag lediglich Postkaften mit den bekannten Bildern deS Hauptmanns von Köpenick" vorzuweifen und behauptet, bei einer Frau Blume in Luxem­burg zu wohnen und doft von der Rente einer Berliner Dame zu leben.

*S

Hannoverfch-Münden, 14. Juni. (Tele­gramm unsres Korrespondenten.) Der hiesige Bahnhofsbuchhändler will gleich«