Weler Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
2. Jahrgang.
Nummer 139.
Dienstag, 21. Mai 1912
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Russische GStzendammerung.
gicpe AttentatsplLne gegen de« Zaren!
Vom Osten her klingt neue Hiobspost zum Westen: Attentate, Verschwörungen, Massenverhastungen und revolutio- näre Pläne, die weite Kreise umspannt haben, sind die Ereignssse des Tags im Reich des Zaren und man fühlt instinktiv, daß Rußland abermals am Vorabend von Geschehnissen steht, die Schrecken und Grauen in ihrem Schoße bergen. In Moskau sollte ein Denkmal des dritten Alexander enthüllt werden. Die Feier wurde verschoben. Offizielle Gründe finden sich immer, und so mußte der Tod des Dänen- königs zum Vorwand dienen. Aber zugleich hört man, daß die Polizei in der alten Krönungsstadt, wohin auch Nicolai der Zweite in den Festtagen gekommen wäre, rege ist. Sie entdeckt Komplotte, untersucht und verhaftet in allen Schichten der Bevölkerung. Auf den Kriegsschiffen, die im finnländischen Hafen von Helstngfors und in Kronstadt ankern, wurde sogar eine Verschwörung der Matrosen anS Licht gezerrt. Trotz der eisernen Disziplin haben sich die Blaujacken zu geheimen Verbindungen zusammengetan und die Ermordung ihrer Offiziere vorbereitet. Es gärt also wieder im heiligen russischen Reich. Und das Meisterstück, dessen sich Stolypin vor seinem gewaltsamen Tode rühmte: Er habe die Revolution im Blute, in den Schneewüsten Sibiriens, in der Schande übler Romanideen erstickt, eS ist nicht gelungen. Es gärt in Rußland, und kaum daß die Generation aktionsbereit geworden ist, die noch die letzten Schrecken der Unterdrückung erlebte, so rüstet sie wieder zum alten Kampf. Zu einem Kampf gegen ein Svstem, daS bet allen liberalisierenden Phrasen und täuschend verfassungsähnlichen Institutionen doch daS alte System der Autokratie geblieben ist, unter der das Riesenreich im Osten seit Jahrhunderten seufzt. Wie oft hat schon Nicolai der Zweite es erlebt, daß er die Straße meiden mußte, weil gefährliche Absichten an allen Ecken auf ihn lauerten! Wie oft hat er hören müssen, daß sogar auf den Kriegsschiffen die Chefs nicht ihrer Mannschaft sicher sind! Immer wieder glauben er und alle, die seinen schwachen Geist beraten, daß sie eine gespenstisch umherirrende Feucrlohe in einigen Häufchen Blut ertränken könnten. Und immer wieder sieht er feine Regicrungsmethode am Boden. Kenner russischer Verhältnisse sagten seit einiger Zeit, daß dort die regelmäßige Rückkehr der Revolution bald zu erwarten sei. Die Duma werde nicht ernst genommen. Sie diene hie und da den Ministern, um ihren Erklärungen die lebendigere Farbe des gesprochenen Wortes an Stelle des geschriebenen zu geben. Sie werde von einigen blinden Agitatoren benutzt, aber der M a s s e, der die Politik mehr als kühle Theorien bedeutet, ist die Duma nichts. Die ungeheuren Verwaltungsskandale, die die Tiefen der Korruption kennzeichnen und dem schwer belasteten Volke die Ungerechtigkeit des Steuerdrucks klar beweisen, haben eine so geringe Sanktion gefunden, daß sie im Vergleich zu der Menge der Schuld überhaupt geleugnet werden kann. Hat nicht Zar Nikolaus selbst dem allzu eifrig enguetierenden Senator ein Halt geboten? Die moralische Not regt sich in allen Kreisen wieder: Ein Nihilismus, der, neu ausgestattet, die erschöpften Kräfte noch einmal in einer Verneinung des ganzen Lebens zusammenfaßt. Die üblen Theorien des ,Ssanin", des Romans von Artzibaschew, der in der Bedrängnis des Tags die Flucht in die schrankenloseste Ausschweifung pries, haben jetzt eine weitere Folge gefunden, und die Verzweiflung der Massen, gestachelt und gehetzt durch die Feuerlohe politischer Leidenschaften, erstarkt im dumpfen Groll der Entrechteten und zur wildesten Energie getrieben durch die Pein der sozialen Not: Sie erzeugen überall Unheil, Verbrechen und Verhängnis. Rußland, dessen Boden getränkt ist mit dem Blut von Schuld und Unschuld, steht vor neuen Katastrophen, und jeder Augenblick kann die furchtbare Entladung des Zündstoffs bringen, der sich zu Bergen getürmt bat, und den Völlerkesscl des Reichs der Romanow zu sprengen droht. -an.
Die Plane der Verschwörer.
®ie Denkmaisenthüllung verschoben! rPrtv at-Telegramm.)
Depeschen aus Petersburg zufolge ist die Polizei in Moskau einem Attentats, p l a n auf die Spur gekommen, der bei der be. vorstehenden Enthüllung des Denkmals Alexa», dcrs des Tritten in Moskau gegendenZa- ren hätte ausgcft'k-r'.m-^".sollen. Tie.Ent
hüllung deS Denkmals, die zu Pfingsten im Beisein der Zarenfamilie hätte siattfinden sol- sen, ist wegen des Ablebens des Königs von Dänemark auf den zwölften Juni verschoben worden. Auch die kürzlich gemeldeten Verhaf. tungen an Bord russischer Kriegsschiffe hängen, wie die Untersuchung ergeben hat, mit einer Verschwörung zusammen, die an Bord mehrerer in Kronstadt und HelsingforS liegen- der Schiffe angezcttelt worden war. Ein Matrose, der ebenfalls der Verschwörung brigetre- ten war, hatte, als ihm mitgetcilt worden war, daß daS Ziel der Verschwörung die Ermordung einer Anzahl von Offizieren sei, dem Chef des Geschwaders in einem Brief von der Verschwörung Mitteilung gemacht und erklärt, daß er desertieren und sich das Leben nehmen werde, um nicht der Rache der Revolutionäre anheim zu fallen. Die Führer der Verschwärung wurden hierauf verhaftet. Bei ihnen wurde ein Verzeichnis aller Mitglieder der geheimen Verbindung gefunden, die gleichfalls verhaftet und nach Kronstadt gebracht wurden.
Die KanzleMcht vor Srheidemau».
Der Reichskanzler läßt „inLerpretieren".
Der Freitag-Skandal im Reichstag hat in den Spalten der osfiziösen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" folgendes Echo geweckt: In der Freitag-Sitzung des Reichstages hat sich ein Vorgang abgespielt, der aus dem ae- wöhnlichen parlamentarischen Rahmen herausfällt und der, wie mehrere Zeitungsberichte ergeben, nicht überall richtig dargestellt wird. Wir stellen daher den tatsächlichen Verlauf fest: Der Abgeordnete Scheidemann als erster Redner zum Etat des Reichskanzlers kam in seinen Ausführungen, die von Anfang an von ungehörigen Wendungen strotzten und mehrfach vom Präsidenten gerügt wurden, auch auf die Straßburger Aeußerungcn des Kaisers zu sprechen und gebrauchte im Zusammenhang damit Schmähungen gegen Preußen, die selbst aus dem Munde eines Sozialdemokraten im Reichstage unerhört waren. Da anstatt des von einem großen Teile des Hauses erwarteten Ordungsrufes nur eine Mahnung zur Mäßigung seitens des Präsidenten erfolgte, sah sich der Reichskanzler mit den Vertretern des Bundesrates ver- anlaßt, den Saal zu verlassen. Nachdem Herr Scheidemann seine Rede beendet hatte, erteilte ihm der Präsident für die Beschimpfungen nickt einen Ordnungsruf, sondern beschränkte sich auf die hypothetische Form der Zurechtweisung. Nach einer genauen Durchsicht des Stenogramms überzeugte sich der Präsident, daß diese Stelle der Scheidemann'- schen Rede Ausdrücke enthielt, di« Preußen auf das schwerste beleidigen, und er sprach nachträglich einen Ordnungsruf aus. Danach kehrten die Mitglieder des Bundesrates und der Reichskanzler zurück. Das Verlassen des Saales war allgemein als die schärfste florm des Protestes gegen die unquaifizierbar« Ausschreitung aufgefaßt worden.
»
Der Vorwärts gegen den Präsidenten!
Auch der „Vorwärts" spricht sich jetzt scharf gegen den Reichstagsprästdenten Kaempf aus. Er schreibt in seiner gestrigen Ausgabe: Dir Genossen Scheidemann und Dr. Lensch haben, in Uebereinstimmung mit der Fraktion, von der Einbringung einer Beschwerde gegen die ihnen in der Reichstagssitzung vom siebzehnten Mai erteilten Ordnungsrufe A b st a n d genommen. Die Ordnungsrufe waren nur möglich, weil sich der Präsident der Situation nicht gewachsen zeigt« und ein Maß von Direktionslosigkeit bewies, die feinen Ordnungsrufen jede fachlich« Bedeutung nahm.
Der Landtags-Skandal vor Gericht.
Die Geschäftsordnungskommission des Ab. geordnetenbauses befaßte sich in ihrer letzten Sitzung mit dem ihr vom Plenum überwiesenen Schreiben des Justizministers, worin das Haus um die Ermächtigung zur Einleitung eines Strafverfahrens gegen die sozialdemokra- tischen Abgeordneten Borchardt, und Lei - nert ersucht wird. Die Kommission beschloß, dem Hause die Erteilung dieser Ermächtigung zu empfehlen. Danach darf angenommen werden, daß auch dos Plenum sich in diesem Sinn« entscheiden wird. Borchardt und Lei- nert haben ihrerseits von der Stellung eines Strafantrages gegen den Präsidenten von Erf. ja Abstand genommen.
Die Deckung der Wehrvorlagen.
Liebesgabe untauglich zBefitzsteuer in Sicht
Was nach dem Ausfall der Reichstagswahlen eigentlich nicht mehr zweifelhaft war, daß nämlich die Kosten für di« Vermehrung des Heeres und der M a r i u e schließlich doch nur, wenigstens in der Hauptsache, durch eine
Besteuerung der Besitz«- aufgebracht werden könnten, das tritt nun «in: Die Konser. vativen beabsichtigen wie uns ein Privat- Telegramm meldet) die Einbringung eines Antrags auf Erhöhung der Matrikularbeiträge von achtzig Pfennig auf eine Mark pro Kopf der Bevölkerung, und zwar für di« Jahre 1914 bis 1917. Diese Erhöhung soll nach Absicht der Konservativen eine Art Besitzsteuer fein, für die sie sich doch auch entscheiden müssen, da Deckung für die Heeresvorlage beschafft werden muß.
Ae neueste MsLnbahk-KMtrophe.
Dseizehn Tote, vierzig Schwerverletzte!
Wie die Casseler Neue st en Nachrichten bereits gestern mittag durch ein Extrablatt berichteten, hat sich am Sonnabend abend in der Nähe des Pariser Nordbahnhoscs eine schwere Eisenbahn-Katastroph e ereignet. Der Personenzug Nr. 631, der 9.30 Uhr von Paris nach Pontoise fuhr, rannte im Bahnhof Marcadet in einen anderen Personenzug, von dem mehrere Wagen vollständig zertrümmert wurden. Der Zusammenstoß war äußerst heftig und wurde mehrere Kilometer weit vernommen. Soweit bisher Feststellungen möglich waren, sind bei dem Zusammenstoß dreizehn Personen getötet und übt, vierzig schwer verletzt worden, lieber die Einzelheiten der Katastrophe liegen uns folgende Drahtmeldungen vor:
2er Zsisammenststz im BahAhof.
(Privat-Telegram m.)
Paris, 20. Mai.
Die Eisenbahnkatastrophe im Bahnhof von Marcadet ist viel schwerer, alS nach den ersten Meldungen anzunehmen war. Aus den zertrümmerten Wagen wurden bl u t ü b e r. strömte Leichen und zahlreiche Schwerverletzte geborgen. Die Verletzten wurden sofort in die Spitäler überführt, wo ihnen ärztliche Hilfe zuteil wurde. Um halb elf Uhr abends waren sämtliche Tote und Verletzte geborgen, mit Ausnahme eines Maschinisten, der unter den Räder« seiner Lokomotive lang. Unter entsetzlichen Qualen gab er seinen Geist auf, noch eh« er aus seiner Lage befreit werden konnte. Wie offtziell um ein Uhr morgens vom Polizeipräfekten mdtgeteilt wurde, sind drei Wagen deS aus Montfeult nach Paris fahrenden Zuges vollständig zertrümmert. Elf Personen sind tot, darunter drei Soldaten, dreiundvierzig Personen haben schwer« Ver- letzungen erlitten. In dem auS Paris abgegangenen Zug Nr. 631 befanden sich zahlreiche Soldaten und Reservisten, die ihren vierundzwanzigstündigen Urlaub in der Umgebung von Paris verbringen wollten, außerdem viele Pariser, die sich zur Erholung aufS Land begeben wollten.
2>ie Ursache der Katastrophe.
(Privat-Telegramm.)
, Paris, 20. Mai.
Nach den letzte« Meldungen über das Eisenbahnunglück bei Marcadet handelt eS sich um den Bruch einerWeichenzunge. Zwei Schwerverletzte sind il« Laufe des gestrigen Sonntags ihren Verletzungen erlegen, sodaß die Katastrophe bisher dreizehn Tote und einundvierzig Schwerverletzte gefordert hat. Eine große Menschenmenge war gestern nach der Unfallstelle hinausgepilgert. Di« Aufräu- mungsarbeiten waren aber so rasch in Angriff genommen worden, daß fast keine Spur mehr von dem Unglück zu erblicken war. Um 10 Uhr vormittags konnte auf der ganzen Linie der regelmäßige Verkehr wieder ausgenommen werden. Gestern morgen ereignete sich, gleichfalls nahe dem Pariser Nordbahnhof, ein neuer, aber glimpflicher verlaufener Unfall. Dort fuhr ein Lokomottvführer mit unvorschristSmäßiger Geschwindigkeit aus dem Depot an einen Lo. kalzug heran. Zwei Personen wurden bei dem Zusammenprall verletzt. Die Zugführer und Bremser der beiden Züge waren zuerst schreck- gelähmt. Sie blockierten glücklicherweise die Linie mit roten Signalen. Einer ergriff auS Furcht vor Lynchung durch Reisende die Flucht.
Wiederum: Falsche Weichenstellung 7
(Privat-Telegramm.)
Paris, 20. Mai.
Rach neueren Feststellungen scheint eS sicher zu sein, daß die Katastrophe von Marcadet durch falscheWeichenstellung veranlaßt worden ist. Der Zug fuhr mit außerordentlicher Geschwindigkeit und hatte bereits kurz nach halb zehn Uhr die Brücke von Doudeau- Ville erreicht. Dies ist auch jedenfalls die Ursache deS Unglücks, denn kurz vor der Brücke ereignete sich der Zusammenstoß. Der Anprall war so heftig, daß die Lokomotive des einen
Zuges vollständig in Trümmer ging. Der letzte Wagen der ersten Klaffe und drei Wage« der dritten Klaffe wurden vollständig in- einander geschoben. Fahrplanmäßig hätte der Zug die Brücke erst vier Minuten spä- ter passieren dürfen, um welche Zelt der andere Personenzug schon die Stelle überholt haben mußte. Tie Rettungsarbeiten gingen mit großer Schnelligkeit vor sich. Die Leichen waren zum größten Teil furchtbar verstüm- melt. Die meisten Verletzten haben schwer« Beinbrüche und Kopfverletzungen davongc- tragen, und die Hälfte von ihnen wird kaum mit dem Leben davonkommen.
*
Drei UnglLSsfälls in drei Tagen.'
Depeschen aus Paris von heute früh berichten: Nach Meldungen aus Grenoble stieß gestern ein Zug der Paris-Lyon-Mittel- mecrbahn bei einem Uebergang mit einem Trambahnwagen zusammen. Der Grenobler Bankier Gondrand wurde getötet, seine Frau lebensgefährlich und zwei andere Reisends schwer verletzt. Die Ursache des Unglücks iss noch nicht festgestellt.
Wieder pveiFliegeruMSe!
Der Flieger Bechler schwer verletzt.
Die Zahl der Fli eg e runfä ll« nimmt mit beunruhigender Schnelligkeit zu; kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein neuer Opfer der Lüfte zu beklagen ist. Die Häufung der Unfälle zwingt zu der Frage nach den Ursachen dieser starken Zunahme der Katastrophen, unk es wird die Aufgabe der sportlichen Organisation en sein müssen, hiess Ursachen festzustellen und die Abstellung «twai« ger Mißstände zu veranlassen. Denn daß nicht allein der „unglückliche Zufall" dis große Zahl der Unfälle verschuldet, kann ernstlichen Zweifeln nicht meAr unterliegen. Ti« neuesten Unfälle haben deutsche Flieger betroffen:
Mannheim, 20. Mai. >
(Prtvat-Telegramm.)
Bei einem Probeflug, den er gestern Nachmittag mit einem neuen, von ihm selbst konstruierten Eindecker unternahm, versagte dem Flieger Hans Bechler in einer Höhe von etwa hundert Meiern der Motor. Bechler versuchte, im Gleitflug niederzugehen, wobei sich der Apparat bedenklich seitwärts neigte. Kurz entschlossen sprang der Flieger aus zehn MeternHöheab und erlitt erheb- liche Verletzungen. Der Apparat brach in dor Mitte auseinander und wurde beim Anprall gänzlich zerstört. Bechler kam inS Krankenhaus.
Wittenberg, 20. Mai.
(Privat-Telegramm.)
In der Nähe von Wittenberg verunglück« heut« in der Morgenfrühe ein Militär- flugz eu g mit dem Führer Leutnant von Scheie vom Elisabeth-Regiment in Charlot- tenburg und einem Fluggast. Infolge eines noch nicht feststehenden Motorschadens, und, um nicht in die Chausseebäume zu geraten, ging da? Flugzeug in steilem Gleitflug nieder. Dabei wurde das Gestänge des Apparates vollständig zerstört. Di« Flieger wurden leicht verletzt, tonnten abei nach etwa zwei Stunden die Reise fottsetzen, ohne fremde Hilfe in Anspruch genommen zu haben.
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Rach den Stürmen.
Die Debatte über unsere auswärtige Politik im Reichstag; die Ruhe nach dem Sturm. (Von unsenn parlamentarischen Mitarbeiter.)!
Süll, friedlich und ruhig ging nach der Sturmsitzung deS Freitags der Sonnabend im Reichstag zu Ende. Würdig, fachlich und gemessen unterhielt man sich über di« aus• wärtige Politik des Reichs. Der Kanztte griff zwar nicht in die Debatte ein; er überlieft; daS Reden seinem Adlatus Kiderlen-Waechter, der sehr gesprächig in Einzeldingen, aber (w,r- aus ihm kein Vorwurf zu machen) sehr schweig« sam über die große Frage der englisch- deutschen Beziehungen war. Ter Sozialdemokrat Dr. David sprach sehr gemäßigt, aber leider zu breit; sein radikaler Parteigenosse Ledebour war beträchtlich temve- ramenwoller; aber er unterließ es, zu verletzen; Worte, die der Präsident als zu scharf rügt«, ersetzte er durch dem Sinne nach gleich«, aber milder gefaßte Wendungen und nahm ritterlich einen unbegründeten Vorwurf gegen Gröber und das Zentrum zurück. Auch der Sprecher der Rechten, Dr. Oertel, vermied Schärfen, wenn er es auch sich nicht versagen konnte, feine Herzenssympathie für die Regierung des Zarenreichs zum herzergreifenden Ausdruck zu bringen. Für den Botschafterpo- [ten des. Zulunftstzaats gab er (.unter allaemei-