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Caffeler Abendzeitung

2. Jahrgang«

Fernsprecher 951 und 952.

Mittwoch, 15. Mai 1S1^

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 135

vor:

Köln, 14. Mai.

eingeäschert.

Breslau, 14. Mai.

Großes Aufsehen erregt wordene Nachricht, daß

den Titel E

b am, am ersten Juni die in B er l i n statt. Anfang Juni wird der Kaiser zum kurzen Auf­enthalt in D a n z i g anwesend sein und unmit­telbar darauf nach Hannover und durch die Lüneburger Heide nach Hamburg reifen, zur Abhaltung der Segelregatta an der Unterelbe.

Snfertion&iretfe: Dl« s-chSg-sx-Iterl, Seile für einheimische »efchSste IS Pfg-, sür mt- roärttae Inserate 25 Pf, ReNrmezeile für einheimische SeschLfte W, fite auSroirttge SeschLfte 60 Pf. Beilagen für die Besamtanfiag« werden mU 5 Mark pro Lausend be­rechnet. Wegen ihrer dichten »erbreitimg ta der Steltoma undmaebung Tassüer Neuesten Nachrichten ei« vorzüglichei JnsertionSorga». Mekchüftsstelle: Kölnische Straße 5, Berliner Vertretung: SW Friedrichstraße 18. Lelephon: Ami Moritzplatz 676.

Die Spfer der Wetterlatastrophe.

Sturm und Gewitterschaden überall!

Die Wetterkatastroph« am letzten Sonntag hat nicht nur das südlich« Mittel- dsutfchland, sondern einen großen Teil Mittel­europas heimgesucht und di« vorliegenden Mit. teilung-en über bi« angerichtetcn Schäden lassen erkennen, wie furchtbar das Umvetter über- all gehaust hat. In Sachsen wurden unzählige Obstbäume, darunter Stämme von einem hal­ben Meter Umfang, wie Strohhalme umge. knickt. Aus Riesa wurde das Pionierbataillon zur Hilfeleistung beordert. Ueber die Wetter. ! Verheerungen in der näheren Umgebung Cas­sels berichten wir im Heimat-Teil; ferner lie. gen uns noch folgende D rah t m e l d u n g e n

Bülow ein angenehmer Gesellschafter war, I sieht im fünften Kanzler denAbkanzler" (der Parteien), dem alles Menschliche fremd; das Volk bewundert zwar seine Ausdauer, flieht aber den Hauch seines Geistes, und die Po­litik des Reichs, längst der Tradition großer Zeit entwöhnt, offenbart in keiner Regung krastbewutzten Daseins die Energie der Mil- lionen-Volkheit, der sie dienen soll. Müde: In der Schwüle, die auf uns lastet, verküm­mern Kraft und Initiative; der Durchschnitt regiert die Sttmde, und was über die Mittel­linie hinausragt, wird argwöhnend zurückge- drängt, denn Wettbewerb gefährdet den Frie­den der Ofenbank und stört die behagliche Ruhe des Sichgenügenlassens (Marschall von Alberstein, den fremde Zungen alsEu- ropens ersten Diplomaten" rühmen, hat die Jahre rüstigster Kraft und höchster Leistungs­fähigkeit im Schatten des Goldnen Horns bei«

träumen müssen).

Glücklos: Wenn Glück letzten Endes der sittliche Effett der Leistung ist, dürfen wir uns über sein beharrliches Fernbleiben nicht wundern. Wir haben es sicher nicht an Mühen wundern. Wir haben es sicher nicht an Mühen fehlen lassen, Fortunas flüchtigen Schleier zu erhaschen, haben vielleicht so­gar mehr getan, als zu tun nützlich war, und haben doch nur Enttäuschung i erfahren. Wir ringen fett zwei Jahrzehnten um die Freundschaft, Liebe und Achtung der halben Wett, und haben doch nur erreicht, daß man überall mit Argwohn auf unsre Frte- densarbett schaut; wir haben bei passender und unpassender Gelegenheit das Schwert in der Scheide klirren lassen und dennoch erfah­ren müssen, daß man jenseits des Grenzpfahls unfern Kampfesmut bezweifelt; wir haben mit Lohengrin-Fahrten den Heldenzug in die Weltpolitik begonnen und sahen unser Schiff- I chen von Agadir heimkebren wie eine Fischer- ~ ?. und wir

Das vorgestrig« Unwetter hat im ganzen Rheintal unberechenbaren Schaden angerichtet. Zahlreich« Schaufenster sind zer­trümmert, Bäume entwurzelt und Dächer abge­hoben. Ein junger Mann wurde durch «inen herabstürzenden Schieferstsin schwer verletzt. In der Münsterstraß« wurde ein Haus durch den Sturm derart beschädigt, daß es von der Poliz ei geschlossen wurde. Der Straßenbahnver. kehr ruhte in den Abendstunden gänzlich, da dir Stromleitungen zerstört waren. In Anrath | wurde eine Schiffsschaukel umgeriflen, wobei mehrere Personen Verletzungen erlitten.

Leipzig, 14. Mai.

In Leipzig und Umgebung hat der orkan- attige Sturm am Sonntag abend schweren Schaden angerichtet. Am schlimmsten ist der Ort Taucha heimgesucht worden. Viele I Dächer wurden abgedeckt. Die Ernte ist voll­ständig vernichtet. Der Kirchturm des Dorfes i ist eingestürzt. Auch aus anderen Bezirken Sachsens werden schwere Sturm- und Unwet­ter-Verheerungen berichtet. Durch Blitzschlag sind drei Personen getötet worden. Fünf Gehöfte gerieten in Brand und wurden

Li« (Mietet Bleue Oe« Nachrichten erscheinen wöchentlich sechrmal und zwar abends. Der WomrementspreU! betrügt monatlich 60 Pfg. bei freier Znstelltmg ins Hau«. Bestellungen werden ieberted octl der »eschüstsstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und «edattton: Lcs lachtbofstraße 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 1 bi» 3 Uhr nachmittags. Spreckistunden der «uskuitst.Stelle, gebt« Mittwoch und Sonnabend von 6 bte 8 Uhr abends. Berliner Vertretung: SW, Friedrlchstr. 16, Telephon: Ami Moritzplatz 676.

Der Kaiser und Herr Mandel.

Straßburger Kaisevtage-lleberraschungen

(Privat-Telegramm)

Straßburg, 14. Mai.

besten unsrer Diplomatenmit dem Oclzweig in der Hand" über die Nordsee ziehen zu las­sen, uns von schnauzbärttger Brttenkühle dar­an erinnern lassen, daß das Geläut aller Friedensglocken diesseits und jenseits des Kanalsnichts an den fteundschaftlichen Be­ziehungen ändern tarnt, die England und Frankreich verbinden!" ES ist erfteulich, daß Herr Ernst Bassermann, dessen nationale Aufrichttgkeit kein Zweifel antasten kann, zur Maienzeit an all dies Dunkle erinnert hat: Der Herbst ist nicht mehr weit, und wer Weitz, wie [bann die Pappeln von Hohenfinow tau- ! scheu ...! F- H-

Auch in Oberschlesten hat ein ungeheurer Wirbelsturm großen Schaden angerichtet. Am schwersten wurde die in Schoppnitz neu er­richtete Zinkhütte betroffen. Hier hob der Sturm das in Eisenkonstruttion ausgeführte Dach der Muffelhütte ab und fchleuderte eS auf die Zinkhütte, die zerstört wurde. Der Scha­den beträgt wett über hunderttausend Mark. Mehrere Personen wurden ernstlich der- letzt. Im Judustriebezirk hat überhaupt das Unwetter am schwersten gehaust und M i l l i o - neu an Schaden verursacht.

Biwapest, 14. Mai.

Ein furchtbarer Wirbelsturm durchzog das Komitat Varalja. Menschen und Tiere wurden unter Trümmern begraben. Die Telegraphen- und Telephonverbindungen sind abgeschnitten. Aus verschiedenen Gegen­den sind Aerzte nach Varalja abgegangen, da es heißt, daß über fünfzig Personen bei der Unwetterkatastrophe getötet oder schwer verletzt worden find. Ein Ba­taillon Militär ist in Eilzügen nach Varalja I abgegangen. Das ganze Komitat ist vom Stürm verwüstet worden und der Schaden unübersehbar.

Erzherzog und... Kutscher.

(Privat-Telegramm.) Wien, 14. Mai.

Gestern erschien Erzherzog Heinrich F « r d i na n d auf der Gendarmeriestation von Burkersdorf und erstattete Anzeige, daß er auf der Fahrt mit seinem von ihm selbst gelenkten Automobil von einem Kutscher, der an ihm vor- überfuhr, einen Peitschenschlag ins Ge. icht erhalten hüb«. Es gelang, den Kutscher aarzuhalten. Er gab an, daß seine Pferde vor dem Automobil gescheut hätten; er hab« darauf­hin dem Automobil mit bei Peitsche ein Zeichen zum Langsamfahren geben wollen. Q8 sei möglich, daß er aus Versehen einen Insassen des Autos unsanft getroffen haste. Gegen den Kutscher wird ein Verfahren wegen Körper. Verletzung eingelettet werden. Der Vorfall erregt großes Auffehen, da man in dem Vor­gehen des Kutschers einen beabsichtigten An- chlag auf den Erzherzog erblickt.

Momeutbilder vom Tage.

Keine Gefahr in Sicht!"

(Privat-Telegramm.)

Freiburg i. Br., 14. Mai.

Botschafter Freiherr von Marschall ist gestern hier eingetroffen und Hai sich auf sein benachbartes Gut begeben, wo er sich kurz« Zeit aushatten wird. Dann stegibt sich der Boffchaf. ter nach Konstantinopel zurück, um am ersten Juli nach Loudon zu gehen. Freiherr von Marschall steht (wie er sich äußerte) in der all­gemeinen Weltlage keine Gefahr und keinerlei Verwickelungen. Me Freiherr von Marschall einem Pressevertreter mitteilte, berechtige die politische Situation zu der Hossnung, daß es gelingen werde, in absehbarer Zeit zwischen Deutschland und England einevölligeVer. ständigung über all« schwebenden politi- schen Fragen herbeizuführen, die beide Länder befriedigen und für beide Nationen von Nutzen fein werde.

Entwiikung zu erstreben.

Unfroh, müde und glücklos: In dem schmalwinkligen Dreieck dieser schwächli­chen Erscheinungsformen lassen sich tatsächlich bie Pfhcholo gie des uns regierenben Sy­stems, her Ideengehalt deutsicher Reichs­politik And der Effekt ihres Wirkungsver­mögens zusammerrfassen, und man fühlt nur I Bedauern darüber, daß Herr Bafferrnamr aus Mannheim nicht schon früher Äs Prediger in die Wüste ging, in den Tagen, da er noch akS Beenhard Bülows Vertrauter auf der parlamentarischen Wetterwarte stand. Denn die Müdigkeit. Glücklosigkett und Verdrossen- bctt untrer Politik ist nicht erst dem Unkraut-1 famen »es letzten JahrS enffprossen, son­dern stammt schon aus der Zett, da noch der dritte Erbe auf dem Stuhle BlSmarckS faß und Herr Theobald von Bcthmaun Hollweg 318 Minister und philosophischer Aesthei das Ohr der Wett durch den Vortrag klassischer Wahlrechts-Philosophie entzückte. ES liegt im System unsrer Politik, glücklos zu sein: Wir haben ttt den letzten Fahrzeiten im auswärtigen Geschäft nicht das winzigste Dlättche« Lorbeer erftritten (Helgoland, der Südsee-Jnsel-Handel und ein paar Vertrags- FragmeMe von zweifelhaftem Papier- und noch fraglicherm Ideenwelt sind doch wirk­lich nicht als Gewinn zu buchen), und was wir an ttinerpolitischer Arbeit geleistet, sviegett sich im parlamentarischen Kummerbild am Berliner Königsplatz Tag um Tag in denselben halb-trastischen, balb-komischen Reflexionen.

Unfroh: Könnte es anders sein? Herr von Beihmann Hollweg, den ein Unfreundli­ches Geschick dazu bestimmte, sich deutschen Mensche» zu gesellen, denen bie bimmelferne Eisgipfekhöhe seiner Weltanschauung lediglich als sckaSria-kattc Wüste erschein^ verbreitet weder Fröhlichkeit noch Warme im Kreis sei­nes Wiritens; der Reichstag, dem Bismarck «tu gefürchteter Riese, Caprivi ein braver Soldat. Lobenlobe ein wackrer alterten und

Vrei Menschenleben vernichtet!

(Privat-Telegramm.)

Mühlhausen i. Th., 14. Mai.

Bei einem in der vergangenen Rächt über Mühlhausen niedergegangenen furcht­baren Unwetter wurde durch orkanartigen Sturm der hohe Fabrikschornstein einer Bier- brauerei umgeworfen. Er stürzte auf ein ne­benstehendes Hans und zerdrückte eS vollständig. Von den Bewohnern des Hanfes wurden zwei Frauen getötet, drei andere lebensgefährlich ver­letzt. In dem weit bekannten gräflichen Park in Püchau wurde das Wildgehege eingeriffen und dadurch vielen Hunderten von Hirschen die Freiheit gegeben. Eine bei der Einstnrzkata- j strophe verletzte dritte Frau ist heute früh ihren Verletzungen erlegen.

White Star zahlt nicht!

Trotz der Schuld: Rückfichtslvfigfett-

Ein Privattelegramm berichtet uns aus B e r l i n: Wie aus zuverlässiger Londoner Quelle verlautet, lehnte die White Star Line I bie von ben beuticben Gesell schäften

Sos Reiseprogramm des Kaisers.

Rach ben bisherigen Festsetzungen werden sich bie Reiseverfügungen unb der Auf­enthalt des Kaisers für die Folgezeit bis zum Herbst im großen und ganzen wie folgt gestal­ten: Der Kaiser trifft von Straßburg und Metz aus am 16. Mai in Wiesbaden zur Teilnahme an ben Festspielen ein. Der hort bis zum 23. währende Aufenthalt wird unter­brochen am 21. Mai durch die Einweihung der großen Mainbrücke und der neuen Hasen­anlagen bei Frankfurt a. M. und durch bte Parade im Sande. Am 24. Mai wird in H a m - bürg der RiesendampferImperator'Mn Ge­genwart des Kaisers vom Stapel gelassen; am 29. Mai besichtigt der Kaiser (wie alljabrluh) I bie zweite Garbe-Jnfanterie-Brigade in Dobe- ritz, und am 30. Mai wird in Branden­burg a. d. Havel das Denkmal des Kurfür­sten Friedrich des Ersten enthüllt und das wie- derbergestellte Rathaus eingeweiht. Am 31. I Mai findet dir Lrübiabrsvarade in Pots-

bung erfahren hat.

Mehr indessen, als dieses (palttisch-psycholo-1 gisch sicherlich reizvolle) Momemtbildchen aus den Berliner Kammersülen fesselt uns das, andre, weniger romanttsche, al>er umso cha­rakteristischere, das uns Herrn Ernst Bas­ser manu aus Mannheim in .der Toga des tragischen Helden zeigt, der beit Arm wider bte Sünden des Bösen reckt und mit wetthal- . lmder Stimme die Torheit zur Einkehr ruft.

Herr Bassermann, dem auch der Gegner die ß Schätzung rhetorischer Meisterschaft nicht ver- * __________________ _____

sagen kann, sprach nach der feierlichen Besiege- na$ vergeblichem Netzwurf, und wir lung des partei-familiären Waffensttllstands müssen auch heut, wo wir uns anschicken, den über die gegenwärtige politisch« Lage, unb die Maienfomre, die hell und golden durch die hohen kmntgebramtten Fenstm der Kam- l mersäle an der Tettowstratze zum Parquettbo- ben niederflutete, kontrastierte selssam mit betn finstern Bilde, das der durch bte. Kraft der Wahluurnnschast der Herrschaft pluwkratischer Kabale« errtwundne Führer der nationallibe­ralen Partei von der polittschew Gegenwart deutscher Reichsarbeit entwarf. Nach Basser- mann befinden wir UNS zurzeit iw einer unbe- ' haglichen Periode der Vöttergegensätze und r innern Gärungsprozesse, denen Kunst und

Kraft der Regierungspolittk nicht gewachsen scheinen Di« Politik der Regierung ziehe Üunfroh, müde und glückLoS' dahin und schiebe die Lösung drängender Probleme beiseite, statt mit frischer Kraft energisch ihre

Der K aiser ist gestern kur, vor zwölf Uhr mittags, von Karlsruhe kommend, hier etttge- | troffen. Die Einfahrt des Kaffers vollzog sich unter lebhaften Kundgebungen des Publikums und unter dem Geläut der Glocken. Der Kotier hat im Kaiserpalast Wohnung genommen. Rach- mittags nahm der Kaiser mit seinen Gästen den Tee auf der Hobkönigsburg ein. Später fand ein Diner beim Statthalter Grafen Wedel statt. Großes Aufsehen erregt die gestern bekannt ge­wordene Nachricht, daß der Kaiser dem Unter- staatssekretSr des Ministeriums, Mandel, - Exzellenz verliehen hat. Man Ine Art Kundgebung des

Unsroh, müde, glücklo»!

Herr Ernst Bafferman« als Kritiker.

Am zweiten Sonntag dp.s Wonnemonds war in Berlin der vierzehnte Vertretertag der nationalliberalen Partei versammelt, von dem fett Wochen die Rede ging, daß er zum Ge­richtstag Derer werden soll«, die als Zions- wächter der Partettrabitton sich berufen fühl­ten, der Jugend stürmende Kraft mit schwa­chem Arm zu bannen. Der Wnnige Maientag hat indessen keine Trübung, ersahren: Die Alten" unb dieJungen" haben im Wege einer parteilichen Satzungsänderung Was- senstillstand geschlossen und die gefürch­teteSezession" fft glücklich umgangen wor­ben (ober auch nicht glücklich, denn es gibt unter den Alten und den Jungen in der nati- 1 onalliberalen Partei nicht Wpuige, die in dem Beschluß vom zwölften Mei lediglich die Ueberbrückung einer Kluft sehen, die zwei Weltanschauungen trennt, und btebeim ersten Aufschäumen bet Leidenschaften sich wie­her öffnen wird, um dann hie Opfer umso sichrer zu verschlingen). Da bie Kunst des Kompromisselns aber von attershet bie bevor­zugte Handfertigkeit nationalliberaler Politik war, soll man's nicht tadeln, da ß sie nun auch im Schoß der Parteifamilie sinngemäße Ue-

Abschieds-Grüße...!

Oberbürgermeister Marti« Kirschner und Schriftsteller Benno Jacobson.

(Bon unfeim Mitarbeiter.)

Berlin, 14. Mai.

Oberbürgermeister Martin Kirschner geht in jenes unbekannte Land, aus dess' Ge- ild kein Oberbürgermeister wiederkehrt iba zu diesem Gefild unter anderem auch ein Land­haus an einem bei schönsten bayrischen Seen gehört, wird sich das otium dulce daselbst er­tragen lassen.) Martin Kirschner wurde der­einst von der Reichshauptstadt etwa in der­selben Stunde als Ressortchef engagiert, in der auch ein junger Schriftsteller, der erge- benst Unterzeichnete ben Berliner Boden be­trat, fest enffchlossen, sich auf die Feuilletonistik zu stürzen unb nichts ungeschrieben zu lassen. Die Unterschiede der beiden Karrieren sind evident: Kirschner hat bte Villa unb der Feuilletonist hat sie ... nicht. Immerhin lie­fen beider Geschicke, das des Führers der Stadt Berlin und da« ihres bescheidenen Kritikers, ein wenig parallel. Man benutzt also gern die Gelegenheit, um dem Weggenossen, bevor er dem öffentlichen Leben einDu bist die Ruh'" zusingt unb in einen Seitenweg ein- biegt, Das zu bescheinigen, was ihm die Poli- tiker vom Fach noch wenig genug bescheinigt haben: Nämlich seine starke Popularität, bie besonberS in ben letzten Jahren einen im­mer kräftigeren Resonnanzboden fanb. Kirsch­ner war zwar kaum je das Schoßkind der all- gemeinen Begeisterung: Dazu flang bie Rote seiner offiziellen TSttgkett zu milde: dazu wa, er im Ami. wenn ich das unerläßliche Gleich- nis mit ben Berliner Theaterdirektoren heran- ziehen darf, zu sehr Brahrn, zu wenig Rein­hart. Aber

der Favorit der Hochachtung ist er immer gewesen: und (was mehr ist) im« mer bei Liebling des saliiischen Berlin» Witzes. Nur wen dieser Witz liebt, ben züch­tigt er auch. In der Beziehung hatte Mar­tin Kirschner, der damals (o du mon dien, mon dien) für eine Art Tempelzerstörer ge­halten wurde, den denkbar bestenAuftritt' in Berlin: Und jene ständige Bildrubrik eines

CMer NM Nachrichten

Heffische Abendzeitung ____

sieht darin eine Art Kundgebung des K a if er S für ben Unterstaatssekretär unb eine Genugtuung für das Mißtrauensvotum, das ihm die Zweite Kammer gegeben fiat, weil hauptsächlich auf Betreiben Mandels der Ma­schinenfabrik Grafenstaden StaatSaustrSge we­gen ihrer deutschseinblichen Haltung entzogen bezw. nicht mehr vnliehen worben sind. Die Kammerbebatw über diese Angelegenheit ge­staltete sich bekanntlich außerordentlich stürmisch.

unterbreiteten Forderungen auf Schaden­ersatz aus Anlaß derTitanic"-Katastrophe ab. Auch bestreitet sie jedes Verschulden an der Katastrophe, selbst wenn die Rekordfahrt des Kapitäns erwiesen werden sollte, was aber vorerst nicht der Fall sei. Die deutschen Scha- denersatzforderungen bezifferten sich auf etwa zwei Millionen Mark, die, falls die Zahlungsweigerung der White Star Line zu Recht besteht, für die deutschen Gesellschaften verloren sind.