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Casseler Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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Nummer 130. FEsprecher SSI und S52. Donnerstag, S. Mai 1912. Fernsprecher SSI und SSL 2. Jahrgang.

JnserttoaOpreise: Di« sechSgespalten, Z«il« für ttnheimtsch« «»schüft« 15 Pfg., für LU», »artig« Inserat, 25 Pf, Reklmnezetl« für einheimisch« ««schüft, 60 Pf, für auswärtig, Seschüft« 80 Pf. Beilagen für di« Sesamtaustag« werden mit 5 Mark pro Tausend b* rechnet. Wegen ihrer dichte» Verbreitung in der Siestdenj und »er Umgebung sind 6t, Dasseler Neuesten Nachrichten «tu vorzüglicher JnsertionSorgan. Seschüftrstell«: Kölnisch« Straß« 6. Berliner Vertrttung- sw, ffriedrichftraß« 18. Telephon! Amt Moritzplatz 676.

3er Zog von Karlsruhe.

Sine Neu-Orientierung der gesamtenOrient. Politik; ein Verständigungsvorschlag Mar» schalls; Dentschland, Rußland und England.

Gestern früh ist der zurzeit im Mittelpunkt deS WeltintereffeS stehende Mann, Freiherr Marschall von Biberstein, von Kon­stantinopel auS in Berlin eingetroffen. Wie Berliner Blätter erzählen, war Herr von Mar­schall, als er in der Morgenfrühe nach im Süd- Expreß verbrachter Nacht auf dem Bahnhof Friedrichstraße dem CoupS entstieg, stisch wie ein Junger; die Last der siebzig Jahre schien geschwunden und man sah es dem Botschafter an, daß er sich in bester Stimmung befand. Kurz nach seinem Eintreffen in Berlin hat Herr von Marschall dann dem Reichskanz­ler seine Auftvartitng gemacht, und die Konfe- renz der beiden Herren soll (wie versichert wird) sehr anregend und scheinbar auch für beide Teile befriedigend verlaufen sein. ES bestehl heute in unterrichteten politischen Krei­sen kein Zweifel mehr darüber, daß der Biber- steiner als «Ersatz Metternich" nach London gehen wird. Warum aber soll Marschall nach London? In der Geheimrats-Sphäre lautet der Kommentar folgendermaßen: Weil man dort für die Fortführung und Beendigung der deutsch-englischen Verständigungsver» Handlungen den besten Mann haben will, über den man verfügt. Das klingt für den Grafen Wolff-Metternich nicht sehr schmei- Selhaft; aber man ist ja bei Bethmann nicht grade gewöhnt, daß er aus die Gefühle der von ihm verbrauchten Minister und Botschafter Rücksicht nimmt. Außerdem mag eS in der Tat etwas für sich haben, daß Graf Wolff-Metter­nich trotz seiner sonstigen Qualitäten nicht so sehr geeignet erscheint für eine VerständigungS- attion, nachdem er im Vorjahre mit den engli­schen Ministern mehr als einmal aneinander geraten mußte. Außerdem ist Marschall der beste Kenner grade derjenigen Frage, die' fiir eine deutsch-englische Verständigung, falls eine solche überhaupt zustande kommt, am ge­eignetsten erscheint. (Siehe: Bagdadbahn.) Auf diese Weise würde sich der Botschasterwechsel um so zwangloser erklären, als Freiherr von Marschall nicht grade ungern von Konstanti­nopel Weggehen soll, fftbeilen bleibt ! Im Auswärtigen Amt richtet man sich noch auf ein längeres Zusammenarbeiten mit ihm ein. Auch Bethmann bleibt. Es wird dar­auf aufmerksam gemacht, daß er bei einem posi­tiven Ausgang der deutsch-englischen Verhand­lungen, deren Träger er ist, erst recht keine Ver­anlassung haben würde, seinen Posten zu ver­lassen. Die innere Politik bietet ihm ebenfalls keinen Anlaß. Die Wehrvorlagen sind so gut wie gesichert, und die Deckungsfrage ist in kei­ner Weise brennend geworden. Unpopularität aber und mangelndes Vertrauen seitens der Presse gilt bekanntlich für Bethmann nicht als ein hinreichender Grund, sich in seiner Stel­lung ungemütlich zu fühlen, und so darf man also dem kommenden Tag von Karls- ruhe zwar mit einiger Ruhe, aber trotzdem mit größter Spannung entgegensehen, denn es scheint, daß dort Entscheidungen fallen werden, die die Bedeutung eines Botschafter- oder gar eines Kanzler-Schicksals weit überragen, -au.

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Kaiser, Kanzler und Marschall.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 8. Mai.

An einer wohlunterrichteten hiesigen Stei­fe sind Meldungen aus Petersburg einge­laufen, denen zufolge während des K a r l S r u> her Aufenthalts Kaiser Wilhelms die Entscheidung bezüglich der Neuorientie­rung in der gesamten orientali- scheu Politik erfolgen soll, auf Grund einer von Marschall von Biberstein angeregten neuen BerständigungSpolitik zwi­schen Deutschland, Rußland und England. Ter Reichskanzler von Bethmann Holl­weg wird für Sonnabend vormittag halb zehn Uhr in Karlsruhe erwartet. Der Kaiser trifft eine Stunde später hier ein. Botschafter Marschall von Biberstein wird, wie bisher, so auch diesmal wieder bei seinem Urlaub in der Heimat auf dem Gute Reuertshausen bei Freiburg erwartet. ES ist indessen anzuneh­men, daß ihn fein Weg auch nach Karlsruhe führen wird. Der Sonnabend dürste dann eine Unterredung zwischen Kaiser, Kanz­ler und Botschafter bringen, in der jedensallS wichtige Entscheidungenfallenwerden.

Marschall, der starke Mann.

(Privat-Telegram m.) ' London, 8. Mai.

Die englische Presse beschäftigt sich fortge­setzt aufs lebhafteste mit dem bevorstcbenden Wechsel auf dem deutschen Botschafter-

Posten in London, und eS ist jedenfalls charatteristtsch, wie man in England die Avi­sierung Marschalls als Nachfolger Wolff- Metternichs bewertet. Man hat in England die höchste Achtung vor dem Staatsmann Marschall von Biberstein und gibt ihr in weit überschwenglicherer Weise Ausdruck, als man es in Deutschland zu tun gewohnt ist. Wäre diese Bewunderung nicht so echt, so könnte man wohl glauben, die Presse habe es darauf abgesehen, Baron Marschall von Biberstein zu Tode zu loben". Der echte Ton, der aus allen Kommentaren über den erwarteten Bot­schasterwechsel hervorklingt, läßt jedoch seinen Zweifel darüber, daß England denstarken Mann aus Deutschland" mit Freuden begrüßen würde.Indem uns als des Gia- fen Metternichs Nachfolger (sagt Daily Gra- phie) Deutschlands bester Diplomat gegeben wird, vielleicht der glänzendste Diplo­mat Europas, macht uns der Kaiser ein be­sonderes Kompliment und zeigt, wel­ches Gewicht er freundlichen Beziehungen zwi­schen unfern Ländern zumißt. In Marschalls Händen, davon sind wir überzeugt, wird das deutsch « englische Problem sehr bald seinen besorgniserregenden Charakter ver- lieren."Daily News" äußern sich tote folgt: Baron Marschall von BibersteinS Ernennung zum Botschafter in England würde ein Er­eignis erster Größe sein. Sie würde ein neues Kapitel der deutsch-englischen Bezieh'm- gen einleiten. Baron von Biberstein ist nicht nur Deutschlands fähigster Staatsmann, son­dern auch ein Freund Englands und ein Friedensfreund."

Das deutsch-englische Problem.

(Privat-Telegramm.)

Paris, 8. Mai.

Da?Echo de Paris" veröffentlich heute unter dem TitelDie Unterhandlun­gen mit Deutschland und die Ver­setzung des Freiherrn von Marschall" ein län­geres Telegramm aus London, das die ganze Geschichte der deutsch-englischen Un­terhandlungen zusammensaßt, wie sie sich nach der Reise Lord Haldanes nach Berlin ge­stalteten. Es heißt darin, daß Lord Haldane in Berlin bestimmte VorschHge unterbreitet habe, die die Grundlage einer dauernden V e r- ständignng zwischen den beiden Reichen bilden sollten. Haldane? Mission ist bekannt­lich Erfolglos geblieben, und zwar haupt­sächlich wobl wegen der Einseitigkeit seiner Vorschläge, die in folgenden Sätzen gipfelten:

Ohne eine forme Ile Verpflichtung einzu- gefjen. sollten die deutschen Staatsmänner ihr Möglichstes tun, um sich an das Flotten, p r o g r am m. das bi« 1918 festgelegt war, zu halten, und sich damit zu begnügen, eS zur Ausführung zu Bringen, wie eS durch daS Floi- tengefetz vereinbart worden ist. Außerdem soll­ten sie anerkennen, daß England besondere Interessen im persischen Golf be­sitze. Dagegen wollte England an Deutsch land territoriale Abtretungen in Afrika machen. DaS englische Kabinett Be­riet über diese Vorschläge längere Zett, lehnte sie aber schließlich ab.

Di« Ablehnung erfolgte jedoch in sehr vor­sichtiger Weise und die Unterhandlungen wur­den bald toieber auf Grund der Rebe Churchills im englischen Unterhaus« Ende Februar aufg^ nommen. Es wurde aber vereinbart, die Flottenfrage außerhalb der Be­ratungen zu stellen und man wird sich nunmehr daraus beschränken, die ffolonialangele- g e n h e i t zu regeln, und zwar auf Grund ei­ner gegenseittgen wirtschaftlichen Begünsti­gung. Die Unterhandlungen sind nunmehr bei diesem Stadium angelangt und man ist in Berlin der Ansicht, daß ein Wechsel auf dem Londoner Botschafterposten die ferneren Unter­handlungen nur begünstigen könne, namentlich im Hinblick auf di« staatsmännischen Qualitä­ten Marschall?.

Deutsche in Marokko geplündert!

Die Angriffe auf die Farm Rensckhausen.

(Privat-Telegram m.) Dresden, 8. Mai.

Zu der (von uns gestern mitgeteilten) Nach, richt über den Angriff auf di« d « u t f ck> e Farm der Firma Renfchhaufen bei Elksar in Marokko durch Truppen unter Führung fran. zösifcher Offizier« teilt der Mitinhaber der Firma, Herr Konsul Renfchhaufen in Kötz- schenbroda folgendes Telegramm seiner Firma in Larrasch mit: Hundertfünfzig Mann der un­ter französischem Kommando stehen­den Truppen herben unsere Farm Astot in Ulad- Bessam ohne begründete Veranlassung in barbarischer Weise überfallen und auSgeplündert. Unsere einheimischen Arbeiter wurden geschlagen und gefangen ab­geführt. Der Schaden ist noch unbekannt. Der deutsche Gesandte in Tanger, Freiherr von Seckendorfs, hat wegen der Plünderung der Farm sofort beim französischen Gesandten

energische Vorstellungen erhoben. Wie verlautet, sind im Berliner Auswärtigen Amt von dem deutschen Konsulat in Marokko seit etwa acht Tagen ernste Beschwerden über die Zunahme der Ueberfälle aus deutsche Nie. derlaffungen eingelaufen, lieber die Maßnah­men Deutschlands zum Schutze der Staatsange­hörigen wird die Entscheidung in Karls­ruhe fallen.

Sturm im Reichsland Parlament.

Eine schwere Niederlage der Regierung.

Im elsaß-lothringischen Parlament hat es gestern einen regelrechten Skandal gegeben, und die Regierung hat eine schwere Niederlage erlitten, da sämtliche Parteien ihe einmütig unter brausenden Beifallskund­gebungen der dichtbesetzten Tribünen ihr «chärfstes Mißtrauen aussprachen. Auf der Tagesordnung standen die Interpellationen über den Fall der Maschinenfabrik in Grafen- staden, der die preußische Verwaltung wegen angeblich deutschfeindlicher Tenden­zen der Leitung auf einen Bericht der elsässi­schen Regierung hin die Aufträge entzogen hatte. Ueber die darüber entstandene gestrige Debatte wird uns berichtet:

Straßburg, 8. Mai.

(Privat-Telegramm.)

In der Debatte über den Fall der Maschi- nensabrik Grafenstaden machte der Zentrums­abgeordnete Marck auf die verhängnis­vollen Folgen des Vorgehens der preu­ßischen Verwaltung aufmerksam, durch das dreitausend Arbeiter und Beamte brotlos ge­macht wurden. Es habe sich unter der Leitung eines gewissen Herrn Kampf eine Klique gebildet, die sogar eine Zeitung eigens ge­gen die Fabrik herausgab und sie gratis ver­teilte. Es sei Sache bet elsässischen Regierung, hiergegen Stellung zu nehmen und nicht der­artige Denunziationen zu unterstützen. Der Sozialdemokrat Burger forderte die Regie­rung auf, Beweise für die Berechtigung ihres Borgehens zu erbringen. Die Maßregelung habe mit Recht die Empörung dest gan- 1 en Elsaß hervorgerufen. Die rheinische Jntereffentengruppe, der bte Hintertreibung der Moselkanalisierung zuzuschreiben ist,' suche jetzt auch bie Grafenstaber Fabrik zu vernich- ten. DaS Kliguensystem habe sich im schlimmsten Lichte gezeigt. Nach weiterer De­batte verteibigte Staatssekretär Manbel die Regierung. Seine Ausführungen standen aber nur auf schwachen Füßen. Bei einer Fabrtk- feier habe man dieMarseillaisegesun- gen und auch französische Fahnen ge­zeigt.

StaatSsekretLr Zoe« von Bulach verwahrte sich dagegen, daß eS sich um Gesin­nungsschnüffelei handle. Der Direktor habe antideutsche Gesinnung gezeigt. Eine Regierung, die die Industrie des Landes ab­sichtlich schädige, gehöre nicht in daS Parla­ment. (Sehr richtig!) Staatssekretär Zom von Bulach ruft erregt:ProbierenSie e8 einmal, und reißen Sie uns vom Stuhle herunter!" (Anhaltender Lärm.) Abgeordneter Dumm macht der Regierung zum Vorwurf, daß sie die elsässisch« Industrie zu Grunde richte und sich nichts daraus mache, wenn das Land dabei untergehe. Wenn eS auf das Parlament ankomme, wäre diese Regierung längst nicht mehr. So einig, wie das Parlament heute fei, werde mau daS el­sässische Volk finden, wenn eS sich darum handle, bie heiligsten Güter zu verteidi­gen. (Die voll besetzten Tribünen brachen bei diesen Worten in frenetisch en Beifall auS. Langanhaltendes Klatschen und stürmische Beifallsrufe wurden laut. Der Präsident drohte, die Tribünen räumen zu lassen.) Nach weiterer Debatte nahm die Versammlung ein­stimmig eine Resolution an, in der der Regie­rung bie schärfste Mißbilligung deS Parlaments ausgesprochen wird. In einer Zusatzresolution wird bie Regierung aufge- fordert, mit dem System bet Gesinnungs­schnüffelei endgiltig aufzuräumeu.

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Tumult im Wiener Parlament.

AuS Wien wird unS berichtet: In der gestriaen Sitzung de? österreichischen Abgeord­netenhauses nannte bei der Verhandlung bet Berichte beS Legitimationsausschusses übet einzelne angefochtene Wahlen der Sozialdemo­krat Seitz den I u st i z m i n i st e t eine Schande b e8 deutschen Volkes und einen Verbrecher und warf dem Bericht­erstatter über die Wahl SeidlS und des Deuffchnattonalen Stölzel Ehrlosigkeit vor. Der Vorsitzende erteilte Seitz bei lebhaf­ter Unruhe einen Ordnungsruf. Gegen Seitz und verschiedene andere Abgeordnete haben sich Mißbilligungsausschüsse konstituiert, und es dürften sich deshalb bie nächsten Sitzungen des Abgeordnetenhauses noch stürmischer gestalten.

Die MWffippi'Katastrophe.

Zweitausend Menschen in größter Gefahr!

Depeschen aus R e w y o r k berichten uns: Am Mississippi ist die Lage unver- Lndert bedrohlich. Bisher sind fünftausend

Personen gerettet. Zweitausend befin- den sich aber noch hilflos auf Dächern, Bäumen und Dämmen und warten auf die Motorboote, die unablässig hin und her fahren. Biele Tausende sind obdachlos und werden aus öffentlichen Mitteln gespeist. Die gerette­ten Neger müssen von Soldaten zur Arbett ge­zwungen werden. Die ganze Bevölkerung von New-Orleans ist auf den Dämmen: Die Män­ner arbeiten an der Sicherung der Deiche, die Frauen kochen Kaffee und bereiten die Mahlzei­ten. Alle Bahnzüge sind mit Flüchtlingen überfüllt. Der Bevölkerung hat sich eine leb hafte Panik bemächtigt, die noch dadurch ge­seigert wird, daß kein Tag vergeht, an dem nicht der Ertrinkungstod von viele« Personen gemeldet wird.

Mrgermrifter Wermuth?

Wermuth als Nachfolger Kirschners.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 8. Mai.

Die Berliner Oberbürgermeister-Krise ist in ein neues Stadium eingetreten und steht nach fast einjähriger Dauer nunmehr vor ihrer Lö­sung. Der Oberbürgermeister Kirschner wird sein vor einigen Wochen eingereichtes Ab- schiedsgesuch demnächst erneuern. Zu seinem Nachfolger ist von den Fraktionen der Berliner Stadtverordnetenversammlung in den gestrigen Fraktionssitzungen mit großer Mehrheit bet frühere Staatssekretär des Reichsschatzamts, Exzellenz Adolf Wermuth, ausersehen. Der Stadtverordnetenvorsteher Mich e l et ist an Wermuth mit dem Anerbieten herangetre­ten, den Posten anzunehmen, und Herr Wer­muth will dem Anerbieten entspre­chen. Oberbürgermeister Kirschner, der um Rat gefragt wurde, hat fein volles Einverständ­nis zu dieser Wahl, gegeben. Sie wird voraus­sichtlich zu einer Zeit stattfinden, bie es ermög­licht, baß Wermuth bereits am ersten Oktober sein neues Amt antritt. Damit erübrigen sich alle Kombinationen, bie an eine Kandidatur Wermuths für den Frankfurter Oberbür- germeisterposten geknüpft wurden, denn gegen­über dem Berliner Angebot kommt natürlich Frankfurt nicht mehr in Frage.

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Frankfurt a. M., 8. Mai. (Telegramm un sreS Korrespondenten.) Die Nach­richt, daß Reichsschatzsekretär a. D. Wermuth für den Berliner Oberbürgermeister in be­stimmte Aussicht genommen sei, konnte hier nicht überraschen, da bereits vor einiger Zett bekannt wurde, daß in den Frakttonen der Ber­liner Stadtverordnetew-Verswnmlung der Plan erwogen werde, den Oberssürgermeisterposten Herrn Wermuth anzubieten. Wie verlautet, dürfte nun als Kandidat für den Frankfurter Oberbürgermeisterp osten in erster Linie Ober­bürgermeister Körte- Königsberg in Frage kommen, der auch für Berlin und BreSlau be- reitS in Aussicht genommen war.

ssinft Sswllld Trenller.

Psychologisches zum Berliner Massen- mordprozeß; Dekadenee und Verbre­chen; die Hände des Maffea-MSrderS.

(Von uttferm Mitarbeiter.)

Berlin, 8. Ma«.

Der Pariser Apache, Chauffeur und Men« schenschlächter B o n n o t, dessen Festung von ffino*Cperateuren, Journalisten und Polizei­leuten erstürmt wurde, hinterließ auf einem Tffche ein satanisches Manifest an di« Menschheit, etwa des Inhalts, den bei Goethe Götz von Berlichingen in die Form ei­nes Szenenschlußsatzes gießt und di« Erinne- rung an ein Gesicht, daS dem ThevsiteS gleich ähnlich gewesen sein soll, wie dem Caliban. Auch jener Hennig, den ich einst in hellen Potsdamer Frühlingstagen vor den Geschwore­nen sah, hatte den großen Trotz, das siählerne Rückgrat, die nicht einzuschüchternde Fassung bei Schurken-Genies: Als er jede Tiefquart und Hochterz seines VerhörS meisterlich parier­te. . .Pariere den!"Warum denn nicht?": Als er das Lügengebäude seines AlibiverfuchS immer wieder mtt neuen Ränken und Einwän­den kittet« und erst unter dem lapidarenSchul- big" des Geschworenenobmanns bleichgrau aus der Anklagebank zusammenbrach. Der Schlosse, ErnstOswaldTrenkler, bei vor weni­gen Monaten im düstersten Teile des Berliner Zentrums einen Juwelier, seine Frau und feine Tochter erschlug, der die Schauerlichkeit einerMordgeschichte" fast zu solchen Dirnen- fronen ausreckt« wie jener Bonnot, und den ich zwei halbe Tag« lang auf der Anklagebank sah, wird den Hunderten, die jetzt täglich in bei Morgenfrühe auf das von Gerichtsdienern wobl behütet« Milieu des alten Berliner Schwuraerichtsfaales einen Massenanfturm