Kasseler Neueste Nachrichten
Casseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
Nummer 128.
Fernsprecher 951 und 952.
Dienstag, 7. Mai 1912
Fernsprecher 951 und 952.
2. Jahrgang
Marschall, Kiderlem, Delbrück.
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M«. das Deutsche Reich am Goldenen Horn seitdem Jahre 1897 und hat dort in kritischen Zelten sein großes staatsmännisches Geschick bewahrt. Er ist aus der Staats- anwaltskarnere hervorgegangen, wurde später b-wl,cher Gesandter in Berlin und Bevollmöch- U^,.deim Bundesrat und im Jahre 1890 Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. In trtt seines Staatssekretariats fällt feine .Flucht in die Oeffentlichkeit" vor den wider ihn gesponnenen Intrigen und dar- an anschließend der Prozeß Leckett-Lützow. Als Spezial-Delegierter des Deutschen Reiches zu den Verhandlungen im Haag wegen der Äb- rustungsbestrebungen hat er sich in glänzender Weise bewahrt. Hans Freiherr von Wan- g en he im, sein Nachfolger auf dem Bot- schafterposten ttt Konstantinopel, gilt als einer der geschicktesten und kenntnisreichsten jüngeren Diplomaten Deutschlands. Im Jahre 1904 wurde er als Gesandter nach Meriko geschickt und 1909 zum Gesandten in Athen ernannt. Konstantinopel kennt er bereits aus seiner stüheren Tätigkeit als erster Legationssekretär an unserer dortigen Botschaft.
Annexion Samos durch Griechenland?
Wie weiter aus Rom berichtet wird, hat dir dortige „Tribuna" eine Depesche aus Athen erhalten, in der angekündigt wird, daß die Bevölkerung von Samos am heutigen Montag die Annexion der Insel durch Griechenland proklamiere» werde. Meldungen aus Achen bestätigen diese Nachricht, und es heißt, daß in den allernächsten Tagen auch die griechische Regierung eine die Annexion von Samos betreffende Proklamation
Zeppelin in Marburg.
Das Zeppelin-Luftschiff „Victoria Luise" in Marbnrg; die Rückreise nach Frankfurt a.M.
(Telegramm unsers Korrespondenten.-
Marburg, 6. Mai.
Strahlend lachte gestern die Maisorme vom blauen Himmel herab auf all das junge Grün und die Scharen festlich gekleideter Menschen, die der Ankunft des Zeppelin. Luftschiffes .Viktoria Luise" entgegen- harrten. Nicht allein die Marburger waren hinausgeeilt, den seltenen Gast zu grüßen, aus der ganzen Umgebung strömten zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde ungezählte Scharen Schaulustiger herbei- Die Marburger Kreisbahn hatte eine Reihe von Sonderzügen ein- sslegä. und die Züge der Mainweserbahn, der Warburg-Herborner Bahn und der Marburg- Kreuztaler Bahn brachten gleichfalls viele Landbewohner, die in ihrer schmucken Tracht das bunte Bild prächtig belebten. Schon langt vor zehn Uhr waren die Höhen um Marburg, von denen aus man einen prächtigen Blick über das Lahntal hat, von Tausenden besetzt. Als Landungsplatz waren die Aflöller-Wiesen vorgesehen, die durch Mannschaften deS Jäger- bataillonS, der Freiwilligen Feuerwehr und Eisenbahner abgesperrt waren. Für die Ordnung sorgten berittene Gendarmen und die Marburger Polizei. Schon lange vor der festgesetzten Zeft verkündeten Böllerschüsse das Herannahen deS Luftschiffes, und kurz daraus ward es gegen den Frühlingshimmel sichtbar. Es nahm seinen Weg über den Marburger Stadtwald, am alten Landgrasenschlosse vorbei, nach dem Landungsplatz«, wo es unter den Klängen der Jägerkapelle und unter brauendem Jubel der Menge glatt landete. Der Oberbürgermeister Tro je begrüßte die Luft- chiffer, an deren Spitze sich der bekannt« Lust- chifführer Dr. Eckener befand, im Namen der Stadt Marburg, Professor Dr. Richard im Namen des Hessischen Luftschiffahrtsver- «ins. Weitere Ansprachen folgten. lieber ein« Stunde blieb das Luftschiff auf dem Landungsplätze, so daß alle Zuschauer Gelegenheit und Muße hatten, den Riesen gebührend zu bewundern. Nach elf Uhr trat die .Viktoria Luise" dann mit neun Passagieren unter endlosen Hochrufen der Menge die Rückreise nach Frankfurt an, wo sie (tote uns «in Tel«, gramm meldet) in den ersten Nachmittags-! stunden nach glatter Fahrt wieder eintraf.
Das Londoner Echo.
(Privat-Telegram m.)
London, 6. Mai.
Der aus Berlin augekündigte Rücktrift des Deutschen Botschafters, Grafen Wolff-Met- ternich, und dessen Ersetzung durch den Freiherrn Marschall von Biberstein erregt hier das lebhafteste Interesse. Metternich versieht in London seinen Posten fett elf Jahren. Die englischen Blätter sind voll des Lobes über den scheidenden Botschafter, des- en galantes Wesen und stete Mäßigung sie in warmen Worten loben. Sie erinnern daran, daß es ihm wiederholt gelungen sei. besonders noch im letzten Jahre, eine Atmosphäre zu schaffen, die der englisch-deutschen.Annäherung günstig war. Freiherr Marschall von Biberstein werde zwar auch in London als hervorragender Diplomat geschätzt, doch mache man ihn in England für das berühmte Krüger « Telegramm verantwortlich
Die neuen Manner.
Freiherr Adolf von Marschall, geboren
Sie Römer auf Rhodos.
Landung italienischer Truppen auf Rhodos; am Vorabeud neuer Kämpfe; Samos von Griechenland annektiert?
Tanke Ioodle.
Tast und Roosevelt: Wahl-Kriegsspiel.
Seit Monden tobt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein Kampf, dessen Erbitterung mit jedem Tage zuzunehmen scheint: Ein Kamps der Antipoden, der nicht nur für den Politiker, sondern mehr fast noch für den Psychologen von spannendstem Interesse ist. Im November dieses Jahres wird in der nordamerikanischen Republik der Präsident gewählt werden, im Juni treten die großen Patteiversammlungen der Republikaner und Demokraten zusammen, um ihre Kandidaten zu designieren, und schon seit langen Wochen ist der Wahlkampf rege, dessen Wogen sich himmelhoch türmen und das Brausen des ameri- K kanischen Lebens in ihren Rhythmus mitreißen, ü Immer hat dieses wichtige politische Ereignis das Interesse der Welt für sich in Anspruch genommen, aber jetzt ist es mit einer besonders pikanten Zutat geiEzt: Diesmal bat es seine tiefen menschlicMn, durchaus der Politik ftemden Fassetten. Der eigentlichen Wahlbewerbung gebt nämlich ein Duell des amtie- rettben Präsidenten Taft mit dem frühem, dem populären Teddy Roosevelt voraus. Diese Feindschaft der beiden Männer, die rasch aus dem sachlichen Terrain aufs persönliche geraten ist, ist allerdings psychologisch so eigen- attig, wie sie für die künftige Politik der Vereinigten Staaten wichtig ist. Sie hat in die republikanische Partei einen Keil getrieben (benn ihr gehören die beiden Kandidaten an); sie hat die Gründung einer konservativen Gmppe, der Männer Tafts, und einer radi
kalen, der Heerschar Roosevelts, veranlaßt. Sie hat endlich die Chancm der demokratischen Gegenpattei, die aussichtslos von Niederlage zu Niederlage trieb, auf eine ernste Basis gestellt.
Der Männerkampf der Antipoden wurzelt nicht in den Tiefen: er hastet vielmehr an der Oberfläche der Politik. Roosevelt macht seinem Nachfolger vor allem die laue Behänd- lung der Trusts zum Vorwurf. Natürlich wird ihm erwidett, daß er ja selbst Gelegenheit gehabt habe, die Hydra während seiner zweimaligen Amtsführung niederzuttngen, und daß er dies mit ohnmächtigen Gesetzen und mit oratottschen Ankündigungen versucht habe, die beharrlich finanzielle Katastrophen (doch nie auf feiten der Tmftmänner) hervorriefen. Aber die sachliche Opposition Roosevelts ist nur ein Paravent, weil sich in bet Politik jede Ranküne unb jede Begierbe hinter sachlichen Argumenten verbergen muß. In Wahrheit offenbart sich in dieser Wahlepisode der gewalttätige Charakter des einst so bejubelten Rauh- refters und feine autokratische Herrschsucht. | »Teddy" hat vor Jahren das Weiße Haus in Washington mit der Ettlärung verlassen, daß . es dem Geiste unb ber Tradition der ameri- ; kanischen Verfassung widerspreche, mehr als - zweimal die höchste Würde des Landes zu be- kleiden. William Tast war in seiner ganzen |. Karriere Roosevelts Geschöpf gewesen, er hatte k: ihn zu jeder Etappe seines aufwärtssteigenben W Wegs geleitet. Nun machte ihn ber scheidende I Autokrat zum Präsidenten ber Republik. Unb da vollzog sich bas allzu menschliche Wunber: M William Tast würbe undankbar!
1 Der neue Präsident von Teddys Gnaden t entwand sich dem Gängelband, und im Vollgenuß der Macht widerstrebte es ihm, vor- fc- geschttebne Bahnen zu gehen. Er wollte den | Klüngel Roosevelts nicht dienstfettig respekfte- ren und lökte wider den Stachel, wenn ber । einstige „Mentor" Raum für Hukbigungen brauchte. Er wollte „er selbst" sein und nicht =■ ,nt Schatten eines Großem auSharren. „Am Enbe hängen wir nut ab von Kreaturen, bie toir machten": Herr Roosevelt mußte den Seuf- ;; öet Wagners, des Famulus, heimlich wiederholen. Drei Jahre lang schwieg er (was allerdings nicht wöttlich zu nehmen ist), aber er fc-. polemisierte nicht gegen Tast, jagte, schrieb, P kritisierte das Ausland, kurz: Er tat Dinge, die ganz bebeutungäloS waren. Dann hielt er den k Dag der Rache für gekommen und sprang mit einem Mal in die Kampf-Arena. Seinen ein» Li ktigen Ausspruch Über den Geist der Verfassung H rektifizierte er mit Deuteleien eines Winkel- advokaten: Man dürfe die höchste Würde des Landes nicht mehr als zweimal hinter- einander bekleiden. Und dann sah er sich E nach dem Applaus um, und mußte finden, daß | dieser sehr dünn war. Die öffentliche Meinung Amerikas hat , sich von ihrem Liebling abge- D wandt, als fei blefe Begeisterung eine unbe» gründete Laune gewesen. Die Zeitungen sind d Segen ihn, bie Karikaturen sind ihm gehässig - und die Versammlungen mehr neugierig, den L «roßen Mann zu sehen als ihn zu hören:
' Das Blatt hat sich getoenbct!
In den Patteienkonferenzen siegt (soweit
Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal ttnb zwar abewbi. Set onrremem8pvtii beträgt monatlich 60 Psg. bei freier Zustellung üt8 Aon«
dchtechchosstraß« 28/30. Sprechstunden bet Reb-Mon nur von 1 Ml 3 nbr «"-tost. Stelle, Jeden Mittwoch unb Sonnabend von bte 8 Uhr abends. Settoet Vertretung, sw„ Friedlichste. 16, Telephon: Amt MortU-latz 676.
haut Tast. Allerdings hat Roosevelt im Staate azllmols, der die Institution offizieller Probewahlen besitzt, mit mehr als doppelter Majorität über feinen Gegner gesiegt, aber das ist nur eine der wenigen vergnüglichen Stationen auf dem Leidenswege, den Teddy mit mehr Beharr- Weit als Glück zu Ende geht. Es ist fast kein Zweifel, daß in ber Konvention ber republikanischen Pattei zu Chicago Taft abermals als ihr Kandidat genannt werben wirb. Frei- lich gewinnen durch diesen Bruderzwist bie anderen Kanbibaturen, zumal bie bei demokratischen Partei, erhöhte Bedeutung. Der ewig besiegte Bryan bürste zwar angesichts ber ernsteren Siegsmöglichkeiten abgetan sein, aber der Präsident des Repräsentantenhauses, Mister Clark, käme sicher ernstlich in Betracht, wenn er nicht sein politisches Gepäck mit der grotesken Idee einer Annexion Kanadas beschwert hatte. Populärer noch ist der Gouverneur Woodrow Wilson von Rew-Yersey, und dann der Gouverneur H a r m o n von Ohio, der die „Wahlmaschine" wie kein Zweiter beherrscht Im Hintergrund ber Szene aber erhebt M drohenb (wie das blutige Haupt in Shakespeares Hexenschauer) bte so zialistische Kanbidatur. Bei ber vorletzten Wahl errang sie zweitausend Stimmen, zwanzigtausenb bei der letzten, unb für biefeS Mal werben ihr, wenn bie Propheten recht behalten, zwei Millionen Stimmen zuströmen. Die Gefahren türmen sich riesengroß empor unb Roosevelts unb Tafts Kriegspiel um kleine Eitelkeiten wirb eines Tags vergessen sein, wenn ber Verzweiflungskampf zwischen ber bürgerlichen unb der sozial- proletarischen Demokratie der Entscheidung entgegeneilt, und es nicht mehr heißt: „William ober Tebby?", sonbern: „Republik ober .. . Revolution?" ean
Mailand, 6. Mai. (Privat-Telegram m.)
Auf der Insel Rhodos sind insgesamt ünfzehntausend Mann gelandet-worden, die meist aus Beug hast gekommen ind. ®te türkische Garnison wurde auf die um. liegenden Höhen zurückgezogen. Die italienischen Truppen sind vierzehn Tage vorher auf den Gebirgskämmen bei Tobruk eingeschifst worden, weil man voraussah, daß die Tütten sich in das Innere der Insel zurückziehen würden und man ihnen folgen müsse. Die Aussichtslosigkeit eines Kampfes gegen die von den Schiffsgeschützen gedeckten Italiener erkennend, zogen sich die Türken in zwei ober drei befestigte Feldlager zurück, nachdem sie am Abend noch folgende Aufforderung zu- rückgelassen hatten: „Kommt und sucht uns, wenn Ihr Schneid habt!" Wie verlautet, stehen ernste Kämpfe unmittelbar bevor. General Ameglio, der die Operattonen leitet, beabsichtigt, die Stadt, die sich an der Nord- küste der Insel befindet, vom Süden anzugrei- en und so die Hauptmassen der Türken an der SFIudtt in die hohen Berge zu hindern. Damit will der General die Türken immer weiter nach Norden tteiben, ober auf dem Plateau des Sfichi-BergeS festhalten, sie angreifen, zerstreuen und in die Täler hinab jagen. Damit würde dann bett Türken kein Weg zur Flucht mehr bleiben und daS Etgebnis der Schlacht könnte nur ihre Uebergabe fein.
rung ber Insel gibt zu ernsten Besorgnis f e n Anlaß.
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k Die Insel Rhodos, bie östlichste Insel des Aegaischen Meeres, liegt achtzehn Kilo- meter von der kleinasiatischen Küste entfernt. Sie ist 1460 Quadratkilometer groß, zu zwei Dritteln unbebaut unb im Vergleich zum Altertum nur fchwach bevölkert. Die Zabl ihrer Bewohner bürste nicht mehr als breißigtausenb betragen, bie sich auf breiunb« vierzig Ortschaften verteilen. Der Hauptott, dessen Name einst in aller Welt Munde war, ist schlecht befestigt unb von zwei versandeten Hasen flankiert.
Marschall, der neue Mami!
Marschall, Wolff-Metternich, Wangenheim.
Die Mitteilungen über den bevorstehenden Wechsel in wichtigen deutschen Botschafterstellen bestätigen sich, und es steht nunmehr fest, baß ber bisherige beutsche Botschafter in Konstantinopel, Freiherr Marschall von Biberstein, ben Botschafterposten in London übernehmen wirb. Freiherr von Marschall ist bereits von Konstantinopel nach Deutschland abgereist. Wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, führt die Reise Marschalls zuerst nach Süddeuffchland und hängt mit bevorstehenden wichtigen Veränderungen in hohen Posten zusammen. Freiherr von Marschall wird mit dem Kaiser in Süddeutschland zusammentreffen. In diplomatischen Kreisen glaubt man, er werde nach Konstantinopel nicht mehr zurückkehren, sondern gleich den Botschafter- Posten in London übernehmen. Wir haben kürzlich erst in unferm Leitartikel: „Der Biber- steiner" die überragende Persönlichkeit Marschalls eingehend gewürdigt, und bereits bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, daß die Wichtigkeit des Londoner Botschasterpostens grade einer Kraft von den Qualitäten Mar- schalls Gelegenheit zu nützlicher Tätigkeit zu bieten vermöge. Interessant ist, was in dieser Beziehung Maximilian Harden über bett „kommenden Mann" in feiner „Zukunft" fagtx
In derselben Stunde, da die italienische Re- gteiung btt Meldung von einer angeblich am der Insel RHod o s durch ihre Truppen dementieren ließ landete am Sonnabend die italienische Flotte unter dem Kommando des Generals Ameglw em B e s a tz u n g s k o r p s auf Rho. dos. Die Truppen, die gelandet wurden und unter dem Befehl des Generals Ameglio stan- de», fanden keinen Widerstand, da die türkischen Streitkräfte sich auf die Höhen zurück- zogen. Nach drei Stunden war die Landung der Truppen vollendet. lieber die Besetzung der Insel werden folgende Einzelheiten bekannt:
Im neuesten Heft seiner „Zukunft" schreibt Maximilian Harden zum bevorstehenden „Revirement": Wenn uns gelänge, Mar- schall als den für die Londoner Botschaft unentbehrlichen Mann, den von der Vorsehung prädestinietten Löser des Angelknotens, auszu- rufen, würde er nicht Kanzler, fände aber in Metternichs Bureau so viel zu tun, daß er nicht schnell wieder loszueisen wäre: unb dennoch würde (die Hauptsache» Konstantinopel frei, der einzige Posten, auf ben Kib erlen, trotz ber Erinnerung an bte bem hellhörigen Abdul Hamid vorgetragenen Wünsche, allenfalls noch abzuschieben ist, und dem Württemberger (Kiderlen) wäre nicht gerade ber Baden- fer (Marschall) vorgesetzt. Dann bliebe es auch wohl bei dem Beschluß, ben in allen Sätteln gerechten Clemens Delbrück (nicht den Vornamensvetter aus Lieser: Ein Schorlemer sähe als Reichsprokurist doch gar zu schwärzlich aus) mit ber Erbschaft Bethmanns zu beburben. Der ist viel behenber, hat festere Nerven und mehr Weltgewanbtheit als der fünfte Kanzler; doch nicht ein Viertelpfund schöpferischen Geistes. Er würde alles leiblich, alles ohne Liebe, alles für bie Firma machen, blieb noch auf bem ersten Platz nur ein t ü ch - t'ger Zweiter unb wäre frühestens nach anbetthalb Jahren so wett, baß er laut ins internationale Geschäft drein reden könnte. Das Ware, was wir brauchen. Ein Bürgerlicher, als Reffe Dryanders in Kirchenfragen fast liberal, als Vetter des großen Hans und des klei- nen Ludwig, der in Berlin Krupps Finanzstatt- Halter ist, den drei Großmächten Hochschule, Presse, Bank fördersam versippt. Auf solchem Favoriten ist das Rennen zu wagen.
Ser Zitan der Nordens.
August Strinbbcrg auf dem Sterbelager,
(Bon unferm Korrespondenten.)
Stockholm, 6. Mai.
Roch im Sterben zeigt August Strind- berg, baß er nicht zu Unrecht ben Namen „ber Titan des Nordens" trägt. Mit ungeheurer Willens- und Widerstandskraft hält der Dichter bie namenlofen Qualen aus, die weder am Tag noch nachts nachlassen. Er empfangt noch Besuch, da er das Bedürfnis zu haben scheint, sich mit seinen nächsten Freunden übci vielerlei auszusprechen. So unterhält sich der Todkranke gern mit dem Direktor Wenner- sten vorn Theater des „Folkets Hus", der bie Absicht hat, Strindbergs großes geschichtliches Schauspiel „Gustav Adolf" im Laufe des kommenden Sommers im Stockholmer Zirkus aufzuführen. Strindberg freut sich sehr darüber und bespricht mit dem Direktor die Einzelheiten der Aufführung, die unter anderem an die Massendarsteller große Anforderungen stellt. Wie lebhaft Strindbergs Geist noch ist, geht aus einem Telegramm hervor, das der Dichter an