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Casseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 95

Fernsprecher 951 und 952.

Mittwoch, 27. März 1912

Fernsprecher 951 und 952.

2. Jahrgang.

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In Paris^ herrscht eine außerordentliche

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Juferitautpretse: Li. fe^Sgefpattens Zeile für einheimisch« Geschäft« 15 Vs-.. «» cm3, wärtig« Inserat« 25 Pf. Reklame»«tl« für edihetmtsche Gesch-tst« to Pf, für aüäroärttae Geschäft« 60 Pt Beilagen für di« Gesamtauflage werben Nlit 5 Man pro Tausend 6e- rechnet. Wegen ihrer dichten Berbreitung in der Restden, und der llmgeduna find bte «affeler Neuesten Nachrichten et» uor,ügltche6 Jns-rttonrorgan. GeschäftSstellek «ölntsch« Stratze 5. Berliner «ertretung: 8V, Friedrichstraße 16. Telephon- Amt Moritzplatz 676.

Nach einer halben Stunde kam Baurat Bau? angelausen, der aus menschenleeren Straßen unter dem Pfeifen der Kugeln glücklich heim­gelangt war. In unseren Hof und über ihn

ro°$entti$ und paar ab end 6. Ter

abonneraent^retä beträgt monatlich 60 Pfg. bei freier Zustellung ins Haus. Bestellunaen boten entgegmgenommen. Druckerei. Verlag und Redaktion: Echlachthofstraß« 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur oon t bis 3 Uhr E^rechftunden der Auskunft. Stelle- Jeden Mittwoch und Sonnabend oon s diS 8 Uhr abends. Berliner Bertrelung: SV, Jrtedrichstr. 16. Telephon- Amt Moritzplatz 676.

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alten zur neuen Türkei ohne Schaden für die Interessen Deutschlands in Osmanie« sich voll­zog. Marschall von Biberstein hat mit kluger Hand die Stirnen gezlättet, als aus der Er­innerung vergangner Tage im Türkenherzen der Groll gegen die der einst gelobten Freund­schaft rasch entwöhnten Deutschen emporguoll, und er Hat in langer, konsequenter Arbeit die neue Türkei dem Deutschland Wilhelms des Zweiten versöhnt. Ein Mann der Art wurde auch an andrer Stelle wertvolle Arbeit zu leisten vermögen, wurde in Paris, London oder Petersburg eine Kraft unersetzlichen Werts sein, und die bescheidne Fertigkeit diplomatischer Handwerker als Künstler internationaler Poli­tik sicher himmelweit überragen.

Es scheint indessen, daß an entscheidender Stelle die Absicht besteht, die Kraft des Biber- steiners für eine besondre Gelegenheit auszusparen. Daß anläßlich der Konferenz in Wilhelmshöhe (und wohl als Deutung des Momentbildchens, das uns die Herren Kiderlen und Marschall im Fond der Hofkarosse auf der Fahrt gen Wilhelmshöhe zeigte) durch den Blätterwald das Geranne ging, Marschall von Biberstein werde Kiderlen, Waechter ablösen, falls es ihm nicht gelingen sollte, das Marokko-Problem befriedigender Lösung entgegenzuführen, haben Kundige kaum ernst genommen: Nach den (feit Scho en's bescheidnen Tatversuchen billig gewordnen) Lorbeeren der Wilhelmstraße trägt der Dtann vom Goldnen Horn kein Verlangen, hätte, wenn er danach geizte, seine Anwartschaft schon früher zur Gel­tung bringen können und (vermutlich) auch Herrn Alfred von Kiderlen als Konkurrenten nicht zu furchten brauchen ... Das wurde ge- schrieben, als Marschall von Biberstein im Wil­helmshöhe den nah zum Verhängnis verwickel­ten Knoten des Marokko-Problems entwirrte: August neunzehnhundertelf! Inzwischen ist im Betrieb deutscher Reichspolitik mancherlei zur Reife gediehen, das damals noch im Keime stand, und es könnte dem Reich nur nützlich sein, wenn Marschall von Biberstein nun doch in nahen Tagen auf den Posten berufen werden würde, dem in kritischer Zeit die Kraft Ktdrr- len'scher Schwabenstreiche nicht gewachsen war!

F. H.

den kann. Sollte dieser Antrag nicht mit einer ganz überwältigenden Mehrheit als ausge­sprochenes Vertrauensvotum für Basser- mann durch gehen, so legt dieser den Vorsitz der Partei nieder. Wenn es zur Spal­tung kommt, wird der linke Flügel sich wahr­scheinlich mit der Fortschrittspartei zu einer liberalen Arbeitsgemeinschaft zusanunen- schließen.

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Wie uns ferner aus Köln berichtet wird, wird dort der Vorstand des Reichsverbandes der nationalliberalen Jugend am nächsten Sonntag zusammentreten, um zu den Beschlüs­sen des Zentralvorstandes Stellung zu nehmen und die Einberufung eines jungliberalen Set- tretertages anzuregen. Die Jungliberalen sind fest entschlossen, den Kampf mit dem rech­ten Flügel her Partei aufzunehmen.

s- ht.

48.

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M.

NatwKaMemler VruÄerkrisg?

Baffermann will als Vorsitzender zurücktreten! > Zu den Differenzen innerhalb der natio­nalliberalen Partei liegen heute von informierter Seite Mitteilungen vor, die deut­lich die Gefahr offenbaren, in der sich die nationalliberale Partei zurzeit befindet. Es handelt sich um einen offenen Konflikt zwischen dem rechten und linken Flügel der Partei, der möglicherweise zu einer völligen Spal­tung der nationalliberalen Parteiorganisation führen wird. Wir erhalten folgende Mel­dungen:

Berlin, 26. März.

(Telegramm unsres Korrespondenten.)

Bei der vorgestrigen Beratung des Zentral- ausschufles der nationalliberalen Partei (über die wir bereits berichtet haben) ging der rechte Flügel der Partei unter Führung von Schif- ferer und Fuhrmann nach einem wohl­durchdachten Plane vor, während die überwie­gende Mehrheit der Reichstagsfraftion sich so­fort um Bassermann und die Führer der Jungliberalen scharte. Beide Gruppen iräfentiertcn Listen von Kandidaten für den Zentralvorstand, nachdem die Wahl der drei Vorsitzenden Bassermann, Friedberg und Vogel vollzogen war. Die Liste des rechten Flügels enthielt unter andern tue Namen der bekannten hessischen Nationalliberalen, de­ren Wahl Bassermann als Brüskierung betrachtete und als solche heftig bekämpfte. Auf eiten Derer um Schiffer« standen hauptsächlich die Norddeutschen, mit Ausnahme von Pommern, sowie die Hessen, während um Bas- ermann sich die Rheinländer und Süddeutschen chatten, sowie die Sachsen, mit Ausnahme von Dr. Heinze, der Bassermann ganz besonders heftig angriff. Die Abstimmung ergab, daß die Kandidaten des rechten Flügels durchschnittlich echzig, die des linken ungefähr vierzig Stim­men erhalten hatten. Mit Stresemann iel auch Tr. Junck-Leipzig, während merk­würdigerweise Dr. Weber-Löbau (der auch zum linken Flügel gehört) in den Zentralvor- tand gewählt wurde. Der in Aussicht genom­mene Delegiertentag wird, wenn nicht inzwi- chen unerwartete Ereignisse eintreten, wahr- chemlich mit einer Spaltung der Par- t e i enden, da Bassermann erklärt, daß er unter diesen Verhältnissen die Führung der Partei nicht behalten könne. Es wird ein Antrag ein­gebracht werden, nach dem die Reichstagsfrak­tion eine angemessene Vertretung im Zentral­vorstand erhält, so daß sie nicht von der Partei­leitung in wichtigen Fragen desavouiert wer-

Pekinger öchreckenriage.

Die Erlebnisse einer Caffelanerin.

Bon einer Abonnentin unseres Blatte» Wirtz uns ein Brief ihrer in Peking lebenden Schwie­gertochter Mr Verfügung geflellt, der in an­schaulicher Weise die Meuteret der Soldaten Fua«sch»aiS in Peking am neunund- zwanzigsien Februar schildert. Da die Bor- kommnisse in Pecking, bei denen auch unsere LandSleute in großer Gefahr waren, allgemeinen, Interesse begegnen dürste, so geben wir das Schreiben der Dame in Folgende» wieder:

... Die Zeitungsdepeschen Werden Euch alle schon alarmiert haben. Die letzten Tage haben Wirklich Aufregendes und Interes­santes genug gebracht. Dabei fühlen Wir uns aber außerordentlich Wohl und genießen das Stock Weltgeschichte, das sich da vor un­seren Augen abspielt, mit naiver Neugier und ungetrübter Sensationslust, nachdem Wir erst mal unsere persönliche Habe glücklich ins Ge­sandtschaftsviertel auf die deutsche Po st (an Herrn Mehl) gerettet haben. Es War am neunundzw anzigsten Februar abends drei­viertel acht Uhr. Mein Manu war ausgegan­gen; ich wußte nicht wohin. Unser Gast, Baurat Baur aus Kiel befand sich beim Ge­neralstabschef auf Besuch. Ich schrieb Briefe. Da plötzlich wurde ich durch Schreien unserer Diener und von lebhaftem Gewehrgeknatter, das ich kurz vorher noch für Feuerwerk gehal­ten hatte, aufgeschreckt. Ihr könnt Euch meine Aufregung und Ängst um meinen Mann vor­stellen, als ich hörte, daß die Duanschikai'fcken Soldaten schießend und mordend den Weg zum Gesandtschaftsviertel und alle übrigen Straßen versperrten. Ich wollte in den Klub telephonieren, wo ich Fritz vermutete . . . das Telephon war unterbrochen. Unsere Diener verrammelten das vordere und hintere Tor unseres Hauses und ich rannte verzweifelt von einem Hof in den anderen, und

schrie nach meinem Mann.

wurde militärisch stark besetzt. Del Vorort Asniöies befindet sich fast im Bela­gerungszustand. Bemerkenswert ist ein« Aeußerung desTemps", der über die Vor­kommnisse schreibt, daß diese der unglaublich nachsichtigen Menschlichkeit, mit bei die in Geltung stehenden Gesetze ausgeübt wer­den, zuzurechnen sind. Die Folge davon sei eine außerordentliche Zunahme des Verbrechertums Ueber hundert Polizeiagenten sind zurzeit aus der Jagd nach ben Banditen. Man fürchtet, daß, wenn die Verhaftung der Räuber gelingen sollte, sie erst nach großem Blutvergie­ßen möglich sein wird.

COler NM Nachrichten

3er Tag von Venedig.

Die Mouarchen-Entrevue im Süden. (Privat-Telegram m.)

Venedig, 26. März.

Bei dem gestrigen Frühstück int Königlichen Schloß, das König Victor Emanuel zu Ehren seines kaiserlichen Gastes gab, nahmen vierundvierzig Personen teil. Während des Frühstücks brachte die Bürgerschaft den Gästen eine imposante Kundgebung dar. Am Nachmittag unternahm der König mit dem Kaiser, den Prinzen und den Prinzessinnen einen Ausflug im königlichen Motorboot durch die Lagunen nach der Insel Torcelli. Um sechs Uhr abends erfolgte die Rückkehr. Um acht Uhr abends gab der Kaiser ein Gala­diner zu vierzig Gedecken an Bord derHohenzollern". Während des Banketts wurden vom Wasser aus in der Nahe der Hohenzollern" von einer venezianischen Sän­gerkapelle nationale Weisen gesungen. Das ganze Bassin von San Marco war festlich beleuchtet. Am Ufer wurde Feuerwerk abge­brannt. Nach dem Diner verabschiedete sich König Victor Emanuel ans das herzlichste vom Kaiser, feinen Kindern und seiner Schwie­gertochter. Um elf Uhr reifte der König nach Rom zurück. Die .Hohenzollern" blieb die Nacht über hier liegen, und heute früh uw sieben Uhr trat der Kaiser die Weiterreise nach Brioni an.

Keine TrinffPrSche!

Wie uns ehr weiteres Privat-Te le. gramm aus Venedig meldet, ist (ebenso wie in Schönbrunn) während des gestrigen Diners an Bord derHohenzollern" kein Trink- spruch ausgebracht worden. Die italienisch« Presse gibt einstimmig der Ansicht Ausdruck» daß jedenfalls während der gestrigen Unter- rebung zwischen den beiden Staatsoberhäup­tern der Krieg den Hauptgesprächsgegenstand gebildet hat. Es sei indessen unmöglich, anzn- nehrnen, daß Deutschland sein V et o gegen eine Aktion der italienischen Flotte in den türkischen Gemässem einlegen werde.

Lar Reich der Fadel?

KeinAbschiedsbrief" des fünften Kanzlers.

Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt: In verschiedenen Blättern wird erzählt, der Reich-kaurler habe am neunzehnten Mär, fein Abschicdagefuch eingeretcht. In einer Provinz- zeitung war htnzugesügt, der Kanzler hab« nach einer Auseinandersetzung mit dem Kaiser sein Entlassungsg^Uch eigenhändig geschrieben, ver­siegelt unddurch den HauSminister" überbringen lagen. ES gibt Politiker, die aus dem Ausbleiben eines Dementis schließen möchten, eS müsse doch etwas Wahres daran sein. Deshalb mag fest- gestellt sein, daß bte ganze Geschichte iuS Reich der Fabel gehört.

Es ist immerhin tröstlich, daß die Sorge um des fünften Kanzlers Dasein, die schon so viel Nervosität erzeugt, nun offiziös doch noch ins »Reich der Fabel" verwiesen wordm | ist- Seit vierzehn Tagen machten Dutzende von Gerüchten, Kombinationen und Deutelungen die Wilhelmstraße unsicher, ohne daß in den r Schreibstuben offiziöser Wahrhaftigkeit sich ein Federkiel gerührt hätte. Nun, nachdem alle Posaunenchöre des Krisenlärms über die Ra­tion dahingegangen, nachdem sogar das Wirt, schastsleben infolge des Krisenfiebers eine ; (glücklicherweise rasch vorübergegangne) Er- schüttemng erfahren, erscheint im Tor der Kanzlerblatt-Redaktion ein freundlich blicken­des Unschuldsgesicht, dessen lächelnde Miene allein schon Frieden und Freude kündet: »Nur keine Unmhe; alles, was über des jperm Kanz­lers Wilhelmstraßen-Müd igkeit von übereifri­gen Schwätzem erzählt worden, gehört ins Reich der Fabel. Nirgends, sowett das Auge reicht, säumt ein Wölkchen den Horizont l" Ein paar Tage vorher wurde uns erzählt, Herr von Bethmamr Hollwez werde in des Aprtlmouds ersten Tagen dem im Achilleion am rrrühling des Südens sich erfreuenden Kaiser auf allerhöchsten Wunsch seine Aufwartung ma- chcn, und des Kanzlers Ofierfahrt gen Korfu inerbe des Friedens Botschaft zum Süden tragen. Nach den Monarchen-Zusammenkünsten nn Schönbrunner Schloß und an Bord der Zollernjacht tot Hafen der Lagunenstadt dürfte sich die Notwendigkeit ergeben haben, die Bi- lanz der letzten Tage mit dem verantwortlichen Leiter des Rcichsgeschäfts in der österlichen k Stille des Achilleion-Jdylls prüfend abzu­schätzen, und es liegt also weder Grund noch Anlaß vor, in der Korfufahrt des Kanzlers Efe einen Gegenbeweis der umschwirrenden Kri­sengerüchte zu sehen. Der Kaiser bleibt wo­chenlang dem Reiche fern: Was ist da natür. I' kicher, als daß durch einen Vortrag des Kanz­lers beim Monarchen über die schwebenden Fragen Klarheit geschaffen wird, ohne daß die kaiserlichen Reisedispositionen dadurch ir­gendwie störend beeinflußt werden? Zudem; Tas offiziöse Dementi bezieht sich nur auf die , Einreichung des Abschiedsgesuchs am neunzehnten März. Die Tatsache der Kanzlerkrise indessen läßt es völlig un.

< bestritten.

Nun wird man ja schließlich den Wandel der Dinge, ob er nun unter den Strahlen der M Frühlingssonne, in der Glut des Sommers oder während der HerbsteÄühle sich vollzieht, zu ertragen wissen, ohne in Aengsten und Bäng- nissen zu zittern, denn die Entwicklung der Reichspolittk hat die Möglichkeit einer Kanzlerkrise seit Langem in den Bereich näch­ster Wahrscheinlichkeit gerückt, und man muß sich, wenn das Ereignis sich einmal zur Tat­sache verdichtet, damit zu ttösten wissen, daß der Heimgang des Herrn von Bethmann Holl­weg in die Stille von Hohenfinow uns nicht grade unersetzliche Güter raubt. Wichttger als ein Wechsel tot Kanzleramt würde für das Reich jedenfalls eine Personenveränderung im Auswärtigen Amt sein, und es ist jeden­falls eine Art Bestätigung der umschwir- g?. renben Krisen gerächte darin zu erblicken, daß bis zur Stunde die Meldungen über einen nahe be­vorstehenden Aemteraustausch zwischen den Her­ren von Kiderlen-Waechter und Mar. schall von Biberstein offiziös noch nicht ins »Reich der Fabel- verbannt worden sind. Am vierundzwanzigsten August des Vorjahrs (nach der Diplomatenkonferenz in Wilhelms- Höhe) war hier zu lesen:

Der Bibersteiner ist von anberm Schlag (als Kiderlen-Waechter): Nicht »vom Bau-, nicht mal hervorgegangen aus der fast als unerläß. lich erachteten Schema-Schule; dennoch eto Di­plomat von seltnen Qualitäten, ein ge* wiegter Taktiker und kluger Menschenkenner, «r auf dem weit vorgeschobnen Posten am Bosporus.Gewässer in hitzigen Kampsestagen fürs Reich wertv ollere Arbeit geleistet hat, als das rasche Auge der Gegenwart zu erken­nen vermag. Dem Bibersteiner danken wir's, daß unser Einfluß tot Reich des Halbmonds trotz englischer Kabalen und Intrigen nicht ge- mmdnt worden ist und der Uebergang von bei

Sie Räuber von Paris.

Neue Bluttaten der Automobil-Apachen.

Während die Pariser Polizei noch immer glaubt, die Häupter der Automobilräu­berbande gefaßt zu haben, setzt diese, viel­leicht unter neuen Chefs, mit gesteigerter Ver­wegenheit ihr Unwesen fort. Gestern lauerten in der Nähe des Vorortes Mon Geron sechs Banditen einem Automobil auf, erschos- f en den Chauffeur, als er nicht halten wollte und verwundeten einen Insassen, der zu slüch- ten versuchte. Dann fuhren sie im Automobil nach dem Vororte Chantilly. Fünf von ihnen drangen hier in das Innere der Filiale der ©ocietee Generale. Sie raubten vierzigtausend Franken und töteten einen Beamten, her ihnen den Weg verstellen wollte. Während dieser Zeit hatte der sechste Räuber aus einem Gewehr mehrere Schüsse abgege­ben, um Personen, die sich dem Bankhause nä­hern wollten, in Respekt zu halten. Zwei Per­sonen aus dem Publikum wurden verwundet. Die unglaublichen Vorfälle haben natürlich in der Pariser Bevölkerung große Beunruhigung hervorgerufen. Wir erhalten folgende Mel­dungen:

Paris, 26. März.

(Privat-Telegramm)

Die gesamte Presse kommentiert lebhaft das gestrige Attentat der Automobfl-Räuber. Die Blätter beklagen sich in bitterster Weise über die Disziplinlosigkeit, die innerhalb der Pa­riser Polizei herrscht und über die anarchisti­schen Zustände, die in diesem Verwaltungs­zweig der Hauptstadt bestehen. Die Mordtaten haben begreiflicherweise auch in den Kreisen der Automobilbesitzer Beängstigung hervorge­rufen. Man findet, daß es unter den gegen­wärtigen Umständen gewagt erscheine, Au­tomobilfahrten zu unternehmen, da man den Angriffen von in Banden auftretenden Stra­ßenrändern hilflos preisgegeben fei. Als schier unverständlich wird es bezeichnet, daß es der Polizei selbst nicht gelingt, die angeblich gehetzten Banditen an der Ausübung dieser räuberischen Ueberfälle zu verhindern. Das Bankhaus Societee Generale hat infolge des gestrigen Raubüberfalles eine Prämie von hunderttausend Francs ausgesetzt, die Demje­nigen ausgezahlt wird, durch dessen Angaben die Verhaftung der Verbrecher herbeigesührt werden kann.

Sine Fran als Bandttenchef?

(Privat-Telegramm.)

Paris, 26. März.

Veranlaßt durch die verwegenen Missetaten der Automobilräuberbande wird der Minister­rat eine Kreditvorlage fertigftetten, um die Vermehrung der Organe der öffentlichen Sicherheit in der Stadt und auf der Landstraße zu verlangen. Die Polizei läßt gegenwärtig alle Bahn-Tunnels in der Gegend von Paris absuchen, weil Meldungen vorliegen, daß die Banditen sich in einem Bahntunnel verborgen halten. Es wurde festgestellt, daß die sechs Räuber das Automobll in der Nähe des Bahnhofes Asnisres verließen, weil der Kraftwagen wegen Schnellfahrens von zwei Polizeiradfahrern verfolgt wurde. Die Idee zu dem Raubüberfall in Chantilly scheint übrigens den Banditen durch eine Frau ein. gegeben worden zu fein, die gestern in Chantilly angekommen und vor dem Ueberfall auf dem Bahnhofsplatz gesehen worden war. Auch nach der Tat sah man die Frau wieder in Gesell, chast der Banditen im Automobil. Gestern abend fuhr ein Automobil über die Putoaur. Brücke in Paris. In dem Wagen saßen drei Personen, von denen eine um Hilfe rief. Auch eine mit Chloroform gewankte Maske wurde aus dem Wagen herausgeworsen. Polizeibeamte zu Rad nahmen die Verfolgung des Automobils auf, konnten es aber nicht einholen.