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Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 93.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 24. März 1912.

Fernsprecher 951 und 952.

2. Jahrgang.

Die neue Wehrvorlage.

Lreitzigtausevd Mann Heeresverstärkung; ein drittes attives Flottengeschwader; die Echiffsbanpläne de? nächsten Jahre: fiebenundnennzig Millionen Mehrbedarf.

Kulissen Geheimnisse.

Tas Ende desReiches Hammann"?

' Die neuesten Kombinationen: Pariser Blätter erfahren aus angeblich zuverlässiger Berliner Quelle, daß der Reichskanzler tatsächlich dem Kaiser sein Rücktrittsgcsuch überreicht habe. Eine Entscheidung über das Gesuch soll indessen bis zur Rückkehr des Kaisers »on Korfu verschoben worden sein. Alskommende Männer" wer­den neuerdings sehr ernsthaft der frü­here Finanzminister von R h e i n b a - den und der Landwirtschaftsminister v. Schorlcmer-Liescr genannt.

Man weiß noch nicht sicher, ob der K r i s e n- I ä r m der letzten Tage wirklich und I e - dizlich politischer Theaterdonner gewesen ist, oder ob hinter der Harmlosigkeit offiziöser Schwich-tigung doch die Sorge um der Zukunft Dunkel lauert; man weiß nur, dgß auch das letzte Ungewitter im Bereich der Kulisse nicht ohne freundliche Beihülse der allzeit tatbereiten Lärmapparate im Dienst dieser oder jener Ex­zellen; zustandegekommen ist. Es ist mit den Krisengerüchten, wie mit Schneelawinen: Fe tiefer sie zu Tal rollen, umso riesiger ballt sich ihre Wucht. Das Gewisper über die nahe Schei­destunde des Kanzlers, des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts und einiger Ausland-Di­plomaten auf wichtigen Posten ist auch jetzt noch nicht verstummt; gestern wurde sogar sehr ernst­haft erzählt, Herr von Bethmann habe bereits sein Abschiedsgesuch eingeroicht und werde nach der glücklichen Landung der Wehrvorlage in der Stille von Hohenfinow untertauchen, während Herr von Kiderlen in nicht allzuferner Zeit die dem muntern Junggesellen gar zu stille Ber­liner Wilhelmstraße mit der morgenländisch- frohlichrn Stadt am Goldnen Horn vertauschen werde.

Wer mit der Naturgeschichte unsers reichs- polrtischen Betriebs und mit den Eigenarten des uns regierenden Systems einigermaßen ver­traut ist, erkennt leicht, daß der Orkan der Ge­richte und Kombinationen, der Krisenbotschaf­ten und schadenfrohen Glossen nicht von unge. sähr aufgestiegen: Wie im Dheaterbeirieb der Schaubühne, so sind auch in der Politik (die mit dem Theater von Haus aus schon man­cherlei gemein hat) Wind, und Donnermaschi­nen, Lärm- und Sturmapparate tätig, und die KulUenarbeit ist in der Sphäre des grünen Tischs noch weit komplizierter und vielgestalti­ger, als im Reich der weltvortäuschenden Bret­ter. Im Hausbetrieb der Reichspolitik scheint sich nun in jüngster Zeit mancherlei ereignet zu haben, das nicht nur den Intentionen des Re­gisseurs nicht entsprach, sondern gegen seine Anweisungen direkt verstieß. Es ist nicht etwa das erstemal, das Das geschieht: In kri­tischer Zeit ist's vielmehr von jeher löblicher Brauch gewesen, und Kanzler und Minister haben das Uebel manchmal genug hart emp­funden.

Schon Bismarck hat darüber geseufzt; 'und er war doch einer von Denen, die im rech­ten Augenblick mit rauher Hand zuzufassen * wissen. Caprivi, Hohenlohe, Bülow und Bethmann haben damit gekämpft und gerungen; Wilhelm von Schorn und Alfred von Kiderlen haben in ihm das Verhäng­nis gewittert, und doch ist's bisher niemand gelungen, das Unkraut an der Wurzel zu fassen. Wir haben im Reichsbetrieb einige Presse- Abteilungen, denen eigentlich nur die Aufgabe zusällt, der Presse zweckdienliche In. formationen zukommen zu lassen, und sie gleich­zeitig auf diesem (nicht gerade ungewöhnlichen) Wege im Interesse der Reichspolitik zubeem- flussen". An sich wäre gegen eine derartige Einrichtung, zweckmäßig organisiert und richtig geleitet, nicht allzuviel einzuwenden, denn ohne die Presse kommt heute die Kunst des besten Staatsmanns nun einmal nicht mehr aus, da die öffentliche Meinung im zwanzigsten Jahrhundert zum politischen Machtfaktor ge­worden ist. Die Erfahrung hat indessen ge­lehrt, daß der nahe Verkehr zwischen Politik und Presse einerseits, und das Prinzip von Lei. stung und Gegenleistung anderseits Gefah. icn in sich bergen, die den Wert der Einrich­tung völlig illusorisch machen.

Wir haben es erlebt, daß innerhalb der Mi­nisterien plötzlich Kabalen auftauchten, deren Ursachen dem Auge erst nicht erkennbar waren, die indessen später deutlich auf den Ehrgeiz einzelner Personen als treibende Kraft der Intrigen himviesen. Und in dieser Be­ziehung haben grade die Presse-Abtei­lungen mehr als einmal sehr verhängnisvoll gewirkt. Es gab eine Zeit, da vor dem Ehe der Presseabteilung des Auswärtigen Amts, lern Geheimrat Hammann, Kanzler

Endlich weiß man, wie der Hase läuft: Die Regierung hat (wie dieCasseler Neuesten Nachrichten" bereits gestern abend durch Extrablatt meldeten) den In­halt der neuen Wehrvorlagen der Oeffentlich- keit bckanntzegeben! Die Veröffentlichung er. olgt zwar reichlich spät, aber es scheint, daß mit Rücksicht auf die bis vor einigen Tagen noch schwebenden Verhandlungen eine frü­here Bekanntgabe nicht möglich gewesen ist. Im übrigen bestätigt die jetzt erfolgte amtliche Veröffentlichung in der Hauptsache nur Das, was bereits bekannt war: Man hat es für gut befunden, den Löwenanteil der gesamten For­derungen der Landarmee zuzuwenden und ist dabei dem Grundsatz treu geblieben, daß trotz des eifrigen Ausbaues unserer Flotte, Deutsch, lands unüberwindliche Stellung auf dem Kon­tinent als größte Landmacht in erster Linie gewahrt werden muß. Auf den ersten Blick er» cheint die Verstärkung um 29 000 Mann (mit Unteroffizieren dürften es 30 000 Mann wer­den), nebst den neuen Stäben und Formationen als ein sehr erfreuliches Ergebnis, das auch auf das Ausland seinen Eindruck nicht verfehlen dürfte. Daß manche weitergehenden Wünsche im Einzelnen nicht haben berücksichtigt werden können, liegt in der Statur der Dinge begründet und im Großen und Ganzen stellt in ihren allgemeinen Umrissen die neue Wehrbor. läge für die Armee jedenfalls einen sehr erheb- liehe »Fortschritt dar. Die Floltenforderungen be­zwecken bekanntlich eine stärkere Aktivierung der Flotte. Man besorgt, daß die Kriegsbereitschaft der Reservenflotte sich zu lange hinaus zieht, und deshalb will man unter Verwendung der Materialreserve und eines' Flottenslaggschiffs und Neubau von drei Linienschiffen und zweikleinenKreuzernein verwen­dungsbereites drittes aktives Geschwader bil­den. Zum Teil soll das durch geringere Jn- diensthaltung Jxr verbleibenden Reserveflotte ausgeglichen werden. Für die Flottenrüstung bringt die neue Wehrvorlage also imgrunde ge­nommen weniger, als erwartet worden war, doch darf diese Beschränkung vielleicht auf das Konto der mittlerweile in erkennbare Nähe her- angerückten deutsch-englischen Ver­ständigung gesetzt werden. -an.

Die Heeres Vermehrung.

Nach der amüichen Veröffentlichung (deren wesentlichsten Inhalt wir bereits gestern abend durch Extrablatt mitgeteilt haben) bewe. gen sich die Vorschläge der Heeresverwaltung in zwei Richtungen. Sie bringen eine Ser. stä rkung nicht allein nach der Z a hl der int Frieden auszubildenden und unter den Waffen zu haltenden Mannschaften, sondern auch eine Verstärkung durch Vervollkommnung in der Organisation. In erster Linie handelt es sich um eine schnellere Durchführung des Frie- denspräsenzgesetzes vom vorigen Jahre. Nach den ursprünglichen Plänen, die sich auf einen Zeitraum von fünf Jahren verteilten, sollten wesentliche Verstärkungen erst für 1914 und 1915 bewirkt werden, so zum Beispiel die Ausstel. lung der bei der 37. und 39. Division noch fth- lenden zwei Feldartillerie-Regimenter. Alle diese Formationen sollen nunmehr am 1. Ok­tober 1912 die Lücken füllen, deren Ausfül­lung das Gesetz von 1911 vorsieht. Hierzu ge­hören neben den erwähnten zwei Feldartillerie- Regimeptern die Neubildungen der Futzar- tillerie und die Aufftellung eines Tele­graphenbataillons. Alsdann handelt es sich darum, das Friedenspräsenzgesetz von 1911 zu ergänzen, um durch stärkere Heranzieh- ung der zum Waffendienst Fähigen und durch Vervollkommnung unserer Organisation

die Kriegsbereitschaft des Heeres zu steigern. Zu diesem Zweck sollen zwei neue preußische Armeekorps unter Verwendung der im Osten und Westen (beim ersten und vierzehn­ten Armeekorps) vorhandenen drei Divisionen gebildet werden. Es werden also zwei Ge­neralkommandos und zwei D i Visi­onsstäbe neu ausgestellt werden müssen, lieber die Zahl der aufzustellenden dritten Bataillone bei den sogenannten kleinen Jnsanterieregnnentern ist dahin Entscheidung getroffen, daß so vielBataillone angefordert wer­den müssen, als für die normale Stärke des Ar­meekorps und für einige besondere Zwecke not­wendig sind. Es handelt sich um vierzehn Bataillone. Außerdem soll in Sachsen ein I n- fanterieregiment aufgestellt werden und so wird bei jedem seiner beiden Armeekorps die Zahl von 1908 erreicht. Für die neuen Tivi- sionen sind die erforderlichen Feldartillerie. Formationen, bei jeder Division eine Brigade, und für die beiden Korps je ein Pionierba­taillon und je ein Trainbataillon, vorgesehen. Darüber hinaus rechnet der Ent­

wurf mit einem weiteren Pionierbataillon, mit Ergänzungen, Verkehrstruppen mit

Aufstellung einer Fliegertruppe und mit Erhöhungen des Etats bei einer gro­ßen Anzahl von in Bataillonen ausgebildeten Artillerieabteilungen. An Kavallerie soll in Preußen als Folge der Bildung zweier neuer Armeekorps ein Kavallerieregiment zu fünf Schwadronen ausgestellt werden. Auch in Bayern ist eine Verstärkung der Kavallerie in Aussicht genommen. Bei jedem Infanterie-Re­giment soll eine Maschinengewehrkom- pagnie eingerichtet werden. Nach alledem wird das Reich gegenüber dem Präsenzgesetz von 1911 die Friedensstärke des Heeres um rund 29 000 Mann ausschließlich Unteroffizieren v er m e h r e n. Neben dieser Vermehrung der Zahl der Ausgebildeten ist gleichzeitig die Ver- besserung der Ofsiziersstellen-Befetz- ung im Kriege in Aussicht genommen durch weitere Schäftung von Stellen, die im Frieden den Offizier von allzuhäusiger Verwendung außerhalb seiner Dienststelle entlasten und im Kriege für Besetzung der Neuformationen ver­fügbar sind. Endlich besteht die Absicht, gleich, zeitig mit der Heeres-Vorlage eine Erhö­hung der Mannschaftslöhnung vor­zuschlagen.

Sie neuen Marine-Fordernngen.

Die Vorschläge der Marineverwaltung su­chen zwei schweren Mißständen in der Or­ganisation der Flotte abzuhelfen. Der eine Mißstand besteht darin, daß int Herbst jeden Jahres auf allen Schiften der Schlachtflotte die Reservisten, also fast ein Drittel der Besatzung, entlassen und im wesentlichen durch Rekruten der Landbevölkerung ersetzt werden. Dadurch wird die Kriegsbereitschaft der Sch lacht flotte snr längere Zeit erhebltch h e ra b g e s e tz 1. Der zweite Mißstand besteht darin, daß zurzeit bei einet Etatsstärke von 58 großen Schiffen zunächst nur 21 große Schifte zur Verfügung stehen, wenn die Re­serveflotte nicht rechtzeitig bereitgestellt werden kann. Letzteres ist seit Aufftellung des Flottengesetzes immer unwahrscheinlicher ge­worden, wen der Zeitpunkt, zu dem die Reser- veflotte kriegsbereit sein kann, sich mehr und mehr hinauszieht. Beide Mißstände sollen durch allmähliche Bildung eines dritten ak­tiven Geschwaders beseitigt oder doch erheblich eingeschränkt werden. Die für dieses dritte aktive Geschwader erforderlichen Schiffe sollen gewonnen werden durch Verzicht auf das Reserveflottenflaggschift, durch Verzicht auf die zurzeit vorhandenen Materialreserven und durch allmählichen

Neu-a« von drei Linienschiffen und zwei kleinen Kreuzern. Da die Jndienst- haltung bei der Reserveslotte infolge Vermeh­rung der akttven Verbände um die Hälfte redu­ziert werden kann, macht die Bildung eines dritten aktiven Geschwaders gegenüber den be­reits im Flottengesetz vorgesehenen Jndienst- haltungen nur die Mehrindien st Hal­tung von drei Linienschiffen, drei großen und drei kleinen Kreuzern erforderlich. Dies be­dingt eine entsprechende Vermehrung des Personals. Eine weitere Personalvermeh­rung ist erforderlich, weil in den letzten Jahren die Besatzungen aller Schiffsklassen einschlteß- lich der Torpedoboote vermehrt werden muß­ten. Ferner ist eine Vermehrung der Unter­seeboote und die Beschaffung einiger Luftschiffe in Aussicht genommen. Die Unterseeboote, welche zurzeit noch ohne Orga­nisation sind, sollen bezüglich der Personalbe­setzung nach Art der Torpedoboote organisiert werden. Der Marinevorlage sind die Schiffs- baupläne für die nächsten sechs Jahre beigefiigt. Danach sollen von den erforderlichen Neubauten je ein großes Schiff in den Jahren 1913 und 1916 in Angriff genommen werden.

Mehrbedarf und Kostendeckung.

Der Mehrbedarf an Personal macht eine Verstärkung des jährlichen Bedarfes bis zum Jahre 1912 um durchschnittlich 75 Seeoffiziere und Marineingenieure und Zahlmeister, sowie um 1600 Mann aus. Der Gesamt- Mehrbe­darf für eine Verstärkung des Heeres und der Flotte stellt sich für 1912 auf rund 97 Milli­onen Mark. Für 1913, in welchem Jahre der Höchstkostenbetrag erreicht wird, wird auf rund 127 Millionen Mark ge­rechnet, 1914 auf 114 Millionen Mark. Der Anteil der Flotte beträgt 1912 rund 15 Milli­onen Mark. 1913 rund 28 Millionen Mark. 1914 rund 38 Millionen Mark und erreicht im Jahre 1916 seine Höchstsumme mit 43 Millionen Mark. Zur Deckung der neuen Ausgaben soll unter Wahrung der Grundsätze für die Schuldentil­gung nach dem Vorschlag des Reichsschatzamts ein Teil der Ueberfcbüffc des Jahres 1911 verwendet werden, während der Rest auf die kaufenden Einnahmen und Mehreinnahmen aus der beabsichtigten B r a nn t w e inst e u - ergesetzgebung verwiesen wird.

und Minister zitterten, und es scheint nicht ans. geschlossen zu sein, daß auch in den letztver­gangnen Tagen sich wieder Mancher Augen sorgenvoll nach der stillen Werkstattöffentlicher Meinungmache" in der Wilhelmstraße gewandt haben, deren sichtbare und unsichtbare Fäden den ganzen Bereich unsrer Politik umspannen. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amts, die ihrem eigentlichen Daseinszweck längst ent. fremdet ist, wird weit mehr gefürchtet, als Herrn ValenÄnis Geheimes Kabinett, und die Kanzler- und Ministergeschichte beweist ja auch, daß diese Furcht nicht unbegründet ist.

Und nun soll dem grausamen Spiel ein Ende gemacht werden: Der fünfte Kanzler, dem in der Pedanterie der Amtsstube unbedingte Korrektheit im politischen Geschäftsbetrieb zur zweiten Natur geworden, plant die Ab- trennung der Presse-Abteilung vom Aus. wärtigen Amt und ihre dirette Unterstellung unter den Einfluß des Reichskanzlers. Hand in Hand mit dieser Umgestaltung soll eine in­nere Reorganisation der Presse-Abtei, lung gehen, was wohl in d e nt Sinne gedeutet werden darf, daß Herr von Bethmann Hollweg beabsichtigt, das diplomatische Pressebureau einer andern Leitung zu unterstellen und auf Herrn Hammanns mannigfach bewährte Talente zu verzichten. Der Entschluß, mit der überlang als notwendig erkannten Reform der Presseabteilung nun so rasch und energisch Ernst zu machen, scheint ziemlich plötzlich gekommen zu sein; über Nacht sozusagen, und die Eile, mit der der Plan durchgeführt werden soll (schon im April wird sich der Wandel vollziehen), deutet darauf hin, daß man (end­lich!) dringlichen Anlaß gefunden hat, tabula rasa zu machen. Vielleicht steht das Krisen, und Legendengewirr der letzten Tage mit diesem löblichen Entschluß sogar in ur. sächlichem Zusammenhang, und Herr von Bethmann beellt sich also nur, die Grube so rechtzeitig zuzudecken, daß ein neues Opfer nicht mehr zu beklagen ist! F. H

Sie große Streikwelle.

Neue Riesenstreiks in Frankreich und Amerika?

Im Ruhrgebiet ist nun die Arbeit auf den Gruben allgemein wieder ausgenommen und der Bergarbeiterdreibund und der Gewerkver- ein christlicher Bergarbeiter halten am morgi­gen Sonntag im ganzen Ruhrrevier Versamm­lungen ab, um zu der durch den Abbruch des Streikes geschaffenen Lage Stellung zu neh­men. Die Gefahr neuer Schwierigkeiten darf indessen fürs erste als ausgeschlossen gelten. Umso düsterer hat sich in den letzten Tagen die Lage in England gestaltet. Wir erhalten folgende Meldungen:

London, 23. März.

(Privat-Telegramm.)

DieTimes" veröffentlichen Telegramme ihrer verschiedenen Korrespondenten aus den Grubenbezirken, in denen die Lage in ä u - 6 er ft düsteren Farben geschildert wird. Ueberall herrscht große Not und besonders die in Mitleidenschaft gezogenen Arbeitswilli­gen scheinen schwer unter dem 'Ausstand zu leiden. Wie verlautet, wird die englische R e - gierung den Antrag stellen, die Abstim­mung über das Minimallohngesetz zu verta­gen, in der Hoffnung, daß die Grubenbesitze: und Bergleute sich bis nächsten Montag übe die Frage des Minimallohnes von fünf Schi! ling für Erwachsene und von zwei Schilling für jugendliche Arbeiter verständigen werden Sollte eine Verständigung nicht erzielt werden so würde nichtsdestoweniger die Regierung keine Aenderung an dem Gesetzenflvurj vornehmen.

Aus Tetschen (Böhmen) berichtet unS ein Privat-Telegramm: Der Streik der >öh mischen Kohlenarbeiter nimmt im Brüx! igfr Revier immer größere Ausdehn ng an. An mehreren Stellen kam es zu Se- walttätigksitcn gegen Arbeitswillige. Trotzdem dürste im Hinblick ans die bevorste­hende Beendigtlng des englischen Streiks und die erfolgte Beendigung des denffchen Streiks die Bewegung schon in den nächsten Tagen erheblich abflauen.

Sin Mesenstreik in Amerika 7 (Privat-Telegramm.)

Newyork, 23. März.

Die Besitzer von Weichkohlengruben lehnen die Teilnahme an der von den Bergarbeitern vorgeschlagenen Konferenz in Cleveland ab und verwerfen alle Forderungen bei Bergleute. Sie erklären, sich nicht mehr an eine feste Durchführung der Verträge mit den Koh­lenhändlern und den Eisenbahnen für die näch­sten drei Monate binden zu können was als