Casseler NM Nachrichten
Caffeler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Nummer 92.
2. Jahrgang.
Sonnabend, 23. März 1912
Fernsprecher 951 und 952.
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Silhouetten Dom Zage.
Der Großadmiral hinter der Szene.
In diesen Tagen der Märchen und Legenden haben tausend Finger des Zorns und Grolls auf einen Mann gewiesen, deffen eigentliche Wesensart der breiten Oesscntlich- keit kaum vertraut ist. Der Großadmiral von Tirpitz, der als Staatssekretär des Zleichsmarineamts unter allen Ministern des dritten Kaisers die bisher längste Amtsdauer erreicht hat, pflegt den Markt des politischen Alltags zu meiden. Man hört nur von ihm, wenn fern am Horizont Sturmwölkchen stcht- bar werden, steht ihn im Reichstag fast ausschließlich an Tagen, da Angelegenheiten seines Refforts die Anwesenheit des Chefs heischen und wird nur dann und wann, wenn Krisen- gerstchte die Gemüter ängstigen, daran erinnert, daß der Großadmiral im Marineamt an höchster Stelle immer noch unbedingtes Vertrauen genießt und dieses Vertrauen taktvoll zur Geltendmachung eines starken (und oft gefürchteten) Einflusses umzumünzen weiß. Als in den jüngsten Tagen das Krisengespenst durch die Wilhelmstraße schlich, hieß es, Herr von Tirpitz stehe hinter der Szene; als man Herrn von Kiderlen-Waechter als kommendes Opfer des Molochs Homogenität betrauerte, witterte man im bärtigen Großadmiral den .Engel der Rache", und als hellhörige Leute das bevorstehende Ende der deutsch-englischen Versöhnungs - Verhandlungen erhorcht haben wollten, wurde der .Roon der Marine" als Stein des Anstoßes, als Geist des Verneinens verdammt, und ein Berliner Depeschenbüro, das zur Villa des Hernr Alfred von Kiderlen nahe Beziehungen unterhält, tat (auf Westen Weisung wohl?) kund und zu wissen, daß das Verhängnis der deutschen Auslandpolitik im
Pressebüro des Retchsmarineamts lauere. Dieses Pressebüro, das dem unmittelbaren Einfluß des Staatssekretärs und Großadmirals untersteht, sei es ge- wesen, daß im letzten Herbst und Winter, als die Möglichkeit einer Annäherung zwischen England und Deutschland erkennbar war, durch england-feindliche Beeinflussung der deutschen Preste unsrer Auslandpolitik unüberwindbare Schwierigkeiten bereitet habe. In Verbindung mit diesen und andren Anklagen ist auch behauptet worden, Herr von Tirpitz habe immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, tn naher Zeit als sechster Kanzler des Reichs seine politischen Fähigkeiten tatkräftigst nutzbar machen zu können. Wo hier Wahrheit und Dichtung sich scheiden, ist schwer . zu erkennen. Der Leiter des Reichsmarine- ! amts besitzt .politische Ambitionen"; daran ist kein Zweifel. Und er ist auch Persönlichkeit genug, um über die Fragen des reichspolitischen Geschäfts sein eignes Urteil zu haben. Unbestritten und unbestreitbar sind ferner fein starker Einfluß bei Hofe und das Vertrauen, das ihm an höchster Stelle entgegengebracht wird Alle diese Tatsachen einen sich, zusammengefaßt, zu einem seltsamen Bilde, deffen unzweifelhaft angenehme und lichte Seiten durch die Schatten der Gefahr unverantwortlicher Politik park verdunkelt werden. Das deutsche Volk hat allen Grund, in dem Großadmiral des Reichsmarineamts den sachkundigen, tatkräftigen und zielbewußten Leiter der nati- onalen Marinepolitik zu schätzen: cs hat aber ferner auch die Pflicht, durch seine ver- saffungsmäßige Vertretung energisch Einspruch gegen Einflüffe zu erheben, die außerhalb der verfaffungsgesetzlichen Verantwortungsgrenzen sich geltend machen, und «wie dir letzten Tage erwiesen haben) dazu führen, Unruh e und G e f a h r in die Politik des Reichs binetnzutragen.
Sie Audienz beim Kaiser.
Nun ist die (vor vier Wochen verweigerte) Audienz der drei Herren der Glocke im Reichstag beim Träger der Kaiserkrone doch Wirklichkeit geworden. Gestern zur Mittagsstunde bat das Präsidium des Reichsparlaments dem Kaiser sein« Aufwartung gemacht. Erst hieß es, «ine spätere, also verschobne Audienz des Dreimänner-Kollegiums entspreche weder parlamentarischen noch höfisch - zeremoniellem Brauch, und von den Herren Kaempf und Dove war auch bekannt, daß sie sich mit den; Gedanken, als Hofgänger dankend abgelehnr worden zu sein, bereits vertraut gemacht hatten. Erst Herr P a a s ch e scheint den Empfang im Schloß abermals in den Vordergrund des Sehnens gerückt zu haben. Wie es heißt, hat er auf eigne Faust mit dem Hosmarschall- omi des Kaisers in der Angelegenheit vcrhan- t-'rt und aestern auch als Eister im Zollcrn-
schloß seine Karte abgegeben. Als Zeit des Empfangs wurde dann (erst gestern in der Frühe) vom Hofmarschallamt die Mittags- tunde des Donnerstags festgesetzt. Den Mitgliedern der Fortschrittlichen Volkspartci war gestern früh von der Einladung, die den beiden fortschrittlichen Präsidenten zugestellt worden war, nichts bekannt. Kurz vor ein Uhr sprachen die Herren Kaempf, Paasche und Dove gestern im Schlöffe vor, wo sie sofort zum Kaiser gebeten wurden, der sie (wie die drei Herren später erzählten) sehr liebenswürdig empfing. Der Kaiser sprach zunächst scherzend zu Herrn Kaempf über die Wahl im ersten Berliner Reichstagswahlkreise, bei der er, (der Kaiser) für den fortschrittlichen Kandidaten mitgearbeitet habe, und richtete an die beiden Vizepräsidenten ein paar Worte, die ihre Familienbeziehungen betrafen. Dann sprach der Kaiser von dem
Kohlenstreik im Ruhrgebiet und äußerte seine Freud« über die schnelle Beendigung. Er berührte die Rede Churchills und die Flottenbauten und wies auf die Richtigkeit der seit zehn Jahren von Deutschland verfolgten Flottenpolittk hin. Die innere deutsche Politik wurde mit keinem Wort erwähnt. Der Unterredung wohnte außer dem Kaiser und den drei Präsidenten keine andere Persönlichkeit bei. Es hatte ursprünglich allerdings der Plan bestanden, die Audienz des Präsidiums in Gegenwart des Reichskanzlers stattsinden zulasten, doch scheint man noch in letzter Stunde von dieser Absicht abgekommen zu sein. An der ganzen Zeremonie des Empfangs ist (für den Reichstag sowohl wie für die Oeffentlichkeit) am intereffan- testen die Tatsache, daß in der Unterhaltung des Monarchen mit den Repräsentanten des deutschen Parlamentarismus die innere Politik des Reichs mit keinem Wort berührt worden ist. Warum wohl nicht? Man fühlt deutlich: Hier handelt's sich um das Kräutchen .Rührmichnichtan", um Dinge, über die am besten keine Silbe verloren wird. Das alles ist weder erfreulich noch tröstlich, und man hätte es weit mehr schätzen dürfen, wenn gestern zur Mittagstunde im Berliner Schloß statt über Curchills Flöttengepolter und über unsre Marinepläne über d i e Sorgen geplaudert worden wäre, die uns näher liegen: Ueber die Gestaltung der inneren Politik, deren unbefriedigende Entwicklung zum Sprechen und Hören eigentlich hätte zwingen müssen, Schade darum, daß nun auch dieser Augenblick ungenutzt verrauschte! F. H.
Thüringer Kommunal-Skaudale.
Ein Stadtsekretär vor dem Schwurgericht. (Von unserm Korrespondenten.)
Eisenach, 22. März.
Di« Zustände in der Eisenacher Stadtverwaltung bildeten seit langem den Gegenstand ausgedehnter öffentlicher Erörterungen. Nachdem in den früheren Jahren ein fortwährender Bürgcrmeisterwechscl stattgefunden hatte, stellten sich in den letzten Jahren allerlei Mißstände in der Verwaltung selbst heraus, die schließlich zur Verhaftung mehrerer städttscher Beamter der Wartburg- tadt führten. Von ganz besonderem Interesse war dir Festnahme des Stadffekretärs Emil Duphorn, der sich als Bureauvorsteher des städtischen Armenamtes in nicht weniger als sechzehn Fällen der Unterschlagung, Urkundenfälschung und des Betruges schuldig gemacht hatte. Duphorn, der sich jetzt vor dem Eisenacher Schwurgericht zu verantworten hatte, ist im Jahre 1899 zur Eisenacher Polizei als Bureaugehilfe gekommen, später wurde er Expedient im Zenttalbureau des Rathauses und schließlich im Jahre 1906 Bureauvorsteher des Armenamtcs. Di« Erkran- kung seiner Frau und
di« kärgliche Gehaltszahlung
in den ersten Dienftjahren schiebt er als Grund vor, daß «r in Schulden geraten sei und di« ihm zur Last gelegten Unterschlagungen hab« verüben müssen, um überhaupt leben zu können. Von den ihm zur Last gelegten Fällen stellt sich als gravierendster Wohl die Verun- treuung von Weihnachtsgeldern zur Unterstützung armer Kinder dar. Von diesen in den Jahren 1909, 1910 und 1911 gesammelten Geldern hat der Angeklagte insgesamt 648 Mark für sich gebraucht. In ernem anderen Falle hat er einer armen Witwe dre Pflegegelderunterstützung im Betrage von 150 Mark unterschlagen und weitere 150 Mark an sich genommen, die nach dem Tode einer von der Armenunterstützung lebenden Witwe von deren Sohn zurückgezahlt worden waren. Von dem Sparkassenbuch einer Witwe Sckindler. die im Armenhaufe verpflegt wurde und das der Angeflag'e zur Verwahrung erhielt, hob er 250 Mark für sich ab und von einem Bettag
von 300 Mark zur Feier der Grundsteinlegung des Eisenacher Armenasyls hat er einen Teil für sich verbraucht. Schließlich verkaufte er eine Reihe von Zinnkrügen, die
im Zimmer des Bürgermeisters
landen, für 165 Mark an einen Antiquitätenhändler und nahm die 165 Mark an sich. Der Oberbürgermeister der Stadt Eisenach, Schmieder, mußte als Zeuge zugeben, daß in der städttschen Verwaltung Eisenachs den Beamten leider vielfach ein zu weitgehendes Vertrauen entgegengebracht worden sei, und zwar bis zu dem Zeitpunkte, wo er die Amtsgeschäfte übernommen habe. Dann sei scharf zu gegriffen und hierbei seien die zur Anklage stehenden und noch zahlreiche andere Fälle aufgedeckt worden. Er habe diesen patriarchalischen Zuständen sofort «in Ende genracht. Das Schwurgericht, dem insgesamt siebenundfünfzig Schuldftagen vorgelegt wurden, bewahrte den Angeklagten vor dem Zuchtbaus, indem cs nur Amtsunterschlagung und Betrug sowie Uttundensälschung in gewinnsüchtiger Absicht annahm, woraus der Gerichtshof den Angeklagten zu zwei Jahren Gefängnis veruttcilte nrtt der Begründung, daß als strafmildernd in erster Linie die Notlage des Angeklagten, dann aber auch die völlig mangelnde Kontrolle der Beamten der Stadt Eisenach in Bettacht gezogen worden seien.
Sie Fahrt i*m Süden.
Die Abreise des Kaisers von Berlin.
Der Kaiser wird wie wir schon kurz berichtet haben) heute nachmittag gegen halb sieben Uhr von Bahnhof Friedrichstraße aus die R eise nach Wien antreten. In seiner Begleitung befinden sich das Prinzenpaar August Wilhelm und die Prinzessin Vittoria Luise. Bon versönlichen Bekannten wird Fürst Egon zu Fürstenberg an der Reise teilnehmen. Die Ankunft des Kaisers in Wien erfolgt morgen vonnittag. Wir erhalten darüber folgende Meldungen:
Wien, 22. März. (Privat-Telegram m.)
Nach dem offiziellen Begrüßungsprogramm empfängt Kaiser Franz Josef oder ein Erzherzog als fein Vertreter Kaiser Wilhelm, den Prinzen und die Prinzessin August Wilhelm, sowie die Prinzessin Vittoria Luise am Sonnabend um elf Uhr vormittags auf dem Penziger Bahnhof. Hierauf begeben sich die Herrschaften nach Schönbrunn, wo Kaffer Wilhelm die Erzherzoginnen begrüßt und die gemeinsamen Minister und die Hofwürdenttä. ger empfängt. Der Schönbrunner Schloßpark wurde diesmal für die morgige Anwesenheit des Deutschen Kaisers den ganzen Tag über für das Publikum gesperrt. Bei den früheren Entrevuen hatte das Publikum immer Zutritt. Man bringt deshalb die Maßregeln mit Gerüchten von ana rchistische n Komplotten in Zusammenhang. Andererseits verlautet, daß das Attentat in Rom den Wiener Hof zu schärferen Ueberwachungs. und Ab. sperrungsmaßregeln veranlaßt habe, da es nach Lage der Sache nicht ausgeschlossen erscheine, daß Komplizen des Attentäters Dalba sich auch nach Wien gewandt haben konnten.
Türkenbesuch auf Korfu l
(Privat-Telegram m.)
Wie uns aus Konstantinopel gemeldet wird, wird der Sultan eine Deputation nach Korfu schicken, um den Deutschen Kaiser dort zu begrüßen. Die Begegnung zwffchen dem Kaiser und dem König von Italien wird von der Worte mit großer Spannung erwartet. Die Pfotte erhielt eine Mitteilung, wonach Italien Befehl gegeben habe, bis auf Esgrus oder z alle Offensivoperationen in Tripolis zu unterlassen. Auch diese Maßnahme wird mit der Enttevue in Venedig in Verbindung gebracht.
Bojuvarische Idylle.
Reue Stürme im Bayern-Parlament.
In Bayern scheint der Frühling auch ftn Parlament sich bemerkbar zu machen: Gestern kam es im Landtag zu stürmischen Szenen und es „regnete" gewissermaßen Ordnungsrufe. Ter ©turnt begann mit einer Erklärung des Zentrums, die der Frattions- vorfitzende, Abgeordneter L e r n o, abgab. Das Zentrum verwahtte sich darin gegen den Vorwurf, eS habe die Verfassung gebrochen und die Landtagsauflösung durch diesen Bruch hervorgerufen. Diese Erkläntug entfesselte bei den Liberalen Helle Entrüstung:
München, 22. März.
(Privat-Telegram m.)
Im Landtag erklärte gesterrt der Liberale Dr. Catzelmann, daß die Programmrede des neuen Ministerpräsidenten ein völliges Preisgeben des Amtsvorgängers sei und daß sie den schweren Vorwurf enthalte, als feien früher bis in die höchsten Regierungsstellen die Beamten n i ch t staats-
treu gewesen. Ministerpräsident von Hert- ling muffe erklären, ob das frühere Ministerium Unrecht gehabt habe oder nidjt, als es dem Zentrum Veffassungsbruch vorwarf und den Landtag auflöste. Beging das Zentrum keinen Verfassungsbruch, bann wäre die Auflösung des Landtags und der Aufruf an das bayrische Volk eine Komödie gewesen, die die Regie- rung mit dem Volke gespielt habe. Unter lautem Gelächter holte Caffelmann eine frühere Kritik des führenden Zentrumsblattes, des Bayerischen Kuriers, hervor, worin es heißt: „In diesem Brief zeigt Freiherr von Hcttling wieder die grenzenlose Unkenntnis über Bayerns Verhältnisse; et wird nie in der Lage fein, in Bayern einmal eine führende Rolle zu spielen." Die Liberalen und Sozialdemokraten erhoben sich hier von den Sitzen und schrien laute Zwischenrufe in den Saal. Ein Liberaler verstieg sich sogar zu dem Zuruf: Darauf gehört eine Ohrfeige!
Der Vizepräsident, Hofrat Fuchs, erteilte den Psuirusern Ordnungsrufe. Dr. Caffcl- niann rief: Ich nehme das Pfui auf mich und verantworte es. Nunmehr rief der Präsident Dr. Caffelmann zur Ordnung. Mit erhobener Stimme fagte hierauf Dr. Caffelmann: Ich bin stolz auf diesen Ordnungsruf. Der Präsident erwiderte: Wegen Mißachtung des Präsidiums rufe ich Herrn Dr. Caffelmann zum zweitenmal zur Ordnung. Es dauerte mehrere Minuten, bis sich der Sturm der Grreguna wieder einigermaßen gelegt hatte und Dr. Caffelmann in seiner Rede sortfahren konnte.
Seite StteN-Gesahr?
Neuntausend Streikende in Oberschlesien!
(Privat-Telegram m.)
Zabrze, 22. März.
Die TeilanSstände auf den oberschlest- schen Gruben haben im Laufe deS gestrigen Tages noch weiter um sich gegriffen. Die Zahl der Ausständigen auf den Bielschowsky gruben ist auf 65 Prozent angewachsen. Aus den Krugschächten ist der Betrieb vollständig eingestellt. Auf der Ludwigsglück-Grube der Borsigwerke streiken 50 Prozent der Arbeiter. Auf der Frie- deusgrube wird ebenfalls gestreikt. Zu den Nachmittagsschichten fuhren auf dieser Grube nur bis 45 Prozent an. Da nur geringe Gendarmerie auf der Friedenshütte vorhanden ist, wurde Polizei aus Beuthen herbeigeholt. Auf dem Hildebrandtschacht streikten am Nachmittag 60 Prozent. Im Ganzen ftrei- ken gegenwärtig etwa neuntaufend Mann. Die Zahl der wilden Streiks im ober- schlesischen Jndustriebezirk hat in den letzten Tagen überhaupt erheblich zugenommen. Zu einem allgemeinen Ausstand kam es bisher noch nicht, zumal verschiedene große Verwaltungen Lohnerhöhungen bewilligten und durch Beendigung des Stteiks im Ruhrrevier eine gewiffe Beruhigung der oberschlesischen streik- lustigen Elemente etntrat
Ein Privat-Telegramm meldet un3 ferner aus Dortmund: Das während des Streiks in das Ruhrkohlengebiet enffandte Militär wird jetzt zurückgezogen werden und in feine Garnisonen zurückkehren. Dagegen werden die dorthin gesandten Gen dar. men bis nächste Woche noch tm Ruhrgebiet der- weilen, da in den ersten Tagen der kommenden Woche die Lohnzahlungen stattfinden, bei denen den Bergleuten die durch Konttattbruch verwirkten sechs Schichten einbehalten werden sollen.
Nur de« Parlamente».
Immer noch: Neichsatnt des Innern!
(Von unserm parlamentarischen Mitarbeiter.)
Im Reichstag behandelte man -gestern (am fünfzehnten Tage der Beratung des Etats des Innern) zunächst das Patentamt, wo- bei eine Reihe von Wünschen auf Reform unseres Patentwesens und des Gebrauchsmusterschutzes vorgebracht wurden. Vom Regievmrzs- tische gab man die Reformbedürftigkeit zu, er. Karte aber die Lösung für so schwierig, daß man dem Reichstag wahrscheinlich in diesem Jahre keine Vorlage mehr werde machen können. Bei dem folgenden Kapitel „Reichs- Versicherungsamt" gab es einen Keinen Rach, klang zur sozialpolitischen Debatte bei der allgemeinen Aussprache. Die Rechte befiagte sich über gewisse unpraktische Vorschriften auf dem Gebiete der Unfallverhütung, durch die die landwtttschaftlichen Betriebe empfindlich gestört würden. Wetter unterhielt man sich über B e« rufskrank h eiten, wobei der sozialdemo- krattfche Abgeordnete Hoch scharfe
Angriffs gegen die Regierung richtete, die es auf diesem Gebiete an Fürsorge fehlen lasse. Auch fei es unzulässig, daß man tn den Versickerungsanftalten pensionierte Offiziere anstelle. Nach weiterer uewefent*