COlerNeueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Caffeler Abendzeitung
2. Jahrgang.
Mittwoch, 20. März 1912
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Nummer 89.
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Im Wurmrevier haben die Bergleute am letzten Sonntag eine Reihe von Versammlungen abgehallen, um über die Lage zu beraten. Man kam dahin überein, eine Antwort der Grubenbesitzer auf die gestellten Forderungen bis Mittwoch abzuwarten; ist bis dahin eine befriedigende Antwort nicht eingelaufen, oder werden die gestellten Forderungen ab gelehnt, so soll in den Streik eingetre- tett werden. Die Sozialdemokraten fordern fünfzehn Prozent, die Christlichen zehn Prozent Lohnerhöhung. Andere Forderungen enthalten den Wunsch auf dreimalige Lohnzahlung im Monat, achtstündigen Arbeitstag und Regelung der Strafgelderfrage durch die Arbeitsaus- schüfle. Der Eschweiler Bergwerksverein hat vom ersten April freiwillig eine fünfprozerttige Lohnerhöhung angekündigt.
anzunehmen, weil der Brennspiritus mit Methylalkohol denaturiert war. Die amtlichen Ermittelungen haben ergeben, daß der vermeintliche Bremrspiritus von einem Drogisten in Gelsenkirchen-Ueckendorf bezogen wurde. Dieser bestreitet entschieden, Methylalkohol verkauft zu haben. Inzwischen ist die Polizei darauf aufmerksam geworden, daß schon im November vorigen Jahres in Ueckendorf ein verdächtiger Todesfall vorgekommen ist, der jetzt auch auf eine Methylalkoholver- gifiung zurüekgeführt wird. Es handelt sich um den Bergmann S aw i tz k i, bei dem damals als Todesursache Alkoholvergiftung angegeben worden ist. Sawitzki hafte von demselben Drogisten Weingeist zur Schnapsbereitung bezogen und ist unter ganz ähnlichen Symptomen gestoben.
(Privat-Telegramm.)
Die Ztthenbesttzer zeigen, wie verlautet, keinerlei Neigung, die bei den vorgestri- g-f Versammlung gestellten geminderten Forderungen der Stteikenden zu erfüllen: Ihr Bescheid dürfte wie folgt lauten: Allgemeine Lohnerhöhungen sind mtt Rücksicht auf die Ver- schiedenarttgkeit der Verhältniffe der einzelnen Reviere unmöglich. Ueberschichten sind bei steigenden Konjunkturen nicht entbehrlich. Die Zechenbesttzer w e i g e r n sich, die gesetzlich den Arbeitnehmern zur Last fallenden erhöhten Anorderungen der Reichsversicherung zu tragen. Demnach erscheinen auch die abgeschwächte« Forderungen der Streikenden aussichtslos. Man rechnet allgemein damit, daß der Streik mit dieser Woche sein Ende erreichen wird. Auch das Militär rechnet mit dem baldigen Abmarsch in die Garnisonen.
virr Streik im Wurm-Revier r
(Privat-Telegramm)
Aachen, 19. März.
Mrttzrer von heute.
Darf ein Beamter nicht Jmpfgegner sein?
Aus Münster im Westfalenland kommt die Kunde, daß das dorttge Provtozial-Schul- lollegium gegen den Oberlehrer Mirus, bei dem bekannten .Verband deutscher Jmps- gegner-Vereine" als Präsident vorsteht, abermals ein Disziplinar-Derfahren eingeleitet hat, uni> zwar (wie>s in dem Sühneantrag der Pro. oinzial-Schulbehörde heißt) »wegen öffentlichen agitatorischen Auftretens gegen das Jmpfgesetz*. Es bleibt abznwarten, ob die Schulobrigkeit dem Verlangen des Münster- schen Kollegiums entsprechen und den „antu mrpfgesetzlichen Oberlehrer-Agitator" im Weg her Disziplinargerechtigkeit zur Verantwortung stehen wftd, weil er als Beamter ein zu Recht bestehendes Gesetz befeindet und für seine ge- setzgegnexischen Ideen als Präsident des Impf- zegner-Verbands Propaganda treibt. Der Fall ist zum mindesten neu und überrascht einigermaßen durch die Schroffheit des Mittels, denn bei Münfiersche Oberlehrer ist natürlich nicht erst seit gestern der Führer der JmpfgegMi- Newegung, sondern steht feit Jahren an bet Spitze der Organisation und hat bisher un- ingefochten sein »öffentlich agitatorisches Auftreten gegen das Jmpfgesetz" unter den Augen der Obrigkeit und der Münsterscheu Schulväter fortsetzen können.
Und mm plötzlich der »Blitz aus heiterm . Himmel! Fürs erste: Das Jmpfgesetz besteht (trotz aller nachdrücklichen Anfeindungen) heut noch zu recht und ein Gesetz ist zu achten. Die Schulväter im Land der roten Erde folgern ferner auch nicht unzutreffend, daß mehr noch als irgend ei« andier unbewürdeter Sterblicher, der in Amt und Brot des Staats Stehende zur Achtung und Erfüllung obrigkeitlicher Gesetze verpflichtet sei, uNd daß demgemäß der totpfgegnerische Oberlehrer die seinem Amt schuldige Rücksichtnahme verletzte, als er durch die Gaue zog und ben Kampf wider das Jmpf- gesetz predigte. Die einschienize Logik des Münsterlands würde indessen auf der andern Seite naturnotwendig zu einer vollkommenen
Die Jmpfgegner-Bewegung ist keine Revolution, kein Umsturz und kein aus dem Groll gegen die bürgerliche Gesellschaft heraus aufquellender Leidenschaftskampf, der mit roten Fahnen und Schleifen die Bürgerruhe schreckt, andern sie ist das Produkt ernsten R e - ormstrebens, dessen ethische und sittliche Bedeutung auch der ihr kühl Gegenüberstehende nicht leugnen kann. Darf man in dem Sühne, antrag wider den Münster'fchen Oberlehier etwa das Vorzeichen eines gegen die Jmpfgeg- nerbewegung im Allgemeinen geplanten Schlags wittern? Fast scheints so, denn der eit Jahrzehnten in breitester Oefsentlichkeft ge- uhrte Kampf gegen den gesetzlichen Impfzwang hat bisher kein sichtlich AergerniS erregt, bis jetzt das Münster'sche Provinzial- Schulkollegium in dem »öffentlich^gitatorischen Auftreten gegen das Jmpfgesetz* den »Stein des Anstoßes" entdeckt hat. Es wäre zu be. dauern, wenn diese späte Entdeckung tatsächlich Anlaß zu peinlichen Weiterungen geben würde, denn der Staat würde damit be« Beweis liefern, daß er die Ursachen der Jmpfgegnerschaft weiter Volkskreise nicht anders als durch die Anwendung von Gewalt gegenüber der vom guten Recht ihrer Sache überzeugten Kritik zu beseitigen vermag. Und ein solcher Beweis ist immer etn Zeugnis innerer Schwäche.
F. H.
Wie uns aus Bochum depeschiert wird, sind bei der dortigen Staatsanwaltschaft bisher ungefähr hmwettachtzig Strafanzeige« wegen Sttcikver gehen anhängig gemacht worden. Die Zahl der bereits erhobenen An- Nagen beträgt ftebennndneunztg. Alle Streiksachen werden von der am nächsten Montag znsammentretenden Sftaffammer ab- gcurteilt werden, die eigens für diesen Zweck gebildet ist.
Vie Streikbewegung im Ausland.
(Privat-Telegramm e.)
Prag, IS. März.
Die Lage im nordböhmischen Kohlenrevier bat sich verschärft. Die Bergarbeiter sind entschlossen, unbedingt auf einer Lohnerhöhung zu bestehen. Die anarchistischen Bergleute fahren bereits nicht mehr ein. Ein allgemeiner Bergarbeiterstreik ist, nachdem die Grubenbesitzer die Forderungen nicht bewilligen wollen, unvermeidlich.
Paris, 19. März.
Trotz des Beschlusses der Grubenarbeiter des Beckens von D e n a i n sind die Arbeiter von ihrer Abstimmung abgewichen und haben den Gesamtstreik erklärt. Auch für das
Ausschaltung der freien Meinungsäußerung aus dem Bannkreis amtlicher Pflichten führen müssen, toetm sie konsequent bleiben und etwa dem tot Kampf gegen die Jmpfgegner-Bewegung aufgestellten Prinzip allgemein Geltung verschaffen wollte.
Daß dadurch allerdings ein Zustand heraufbeschworen werden würde, wie er unerfreu- licher und sür das gesamte Beamtentum de- piimierender nicht auszudenken ist, wird auch den Männern von Münster kaum verborgen geblieben sein, «nd eben aus diesem Grund erscheint die plötzliche Kriegsansage seltsam und befremdlich. Abgesehen davon, daß auch beträchtliche sachliche Argumente gegen den Zorn der Jmpfstreiter sprechen. Die Kampstruppe gegen den Impfzwang ist in Deutschland tot Verlauf weniger Jahrzehnte auS kleinen Anfänge« zur Legion angewachsen, und Ss läßt sich (mag man im übrigen zu bei Bewegung sich stellen, Wie man will) nicht verkennen, daß nt dieser starken Strömung sich schwerwiegende Interessen krystalli- steren, an denen auch der überzeugte Jmpf- freund nicht achflos vorübergehen kann. Im Reichsparlament ist eist kürzlich wieder von den gesundheitlichen Schäden der Lymphe-Impfung die Rede gewesen, und das in den Organen b^r Fmpfgegnerbewegung veröffentlichte statistische Material (zuverlässigen und wissenschaftlichen Quellen entnommen) darf auch zu denken geben.
Das Eine darf demgemäß als festgestellt er. achtet werden: Die Kampfbewegung gegen bas Jmpfgesetz entspringt nicht politisch--agitato. rischen oder parteflichen Interessen, sondern Mndet sich auf die Ueberzenzung von den Schäden und Gefahren eines durch Gesetz zum Zwang erhobnen Brauchs. Wer aber Gefahr und Schäden erkannt, hat als Staatsbür. gei das Recht (und im Dienst der Ueberzeugung auch die Pflicht), mit den gesetzlich erlaubten Mitteln für deren Beseitigung zu wirken. Denn nur dem Kampf ums Bessere verdau, ken wir den Fortschritt und die Erstiebung des Vollkommnern. Die Mehrzahl unsrer modernen Kultur- und Reichsgesetze ist erst durch den Kampf wider das Alte, Ueberlebte und Vermorschte erstritten worden, und immer noch gebar erst das Ringen nm den Fortschritt den Erfolg. Soll nun ftvie's nach dem Verdammnis-Spruch der Schulbehörde von Münster den Anschein gewinnt) der mit Last und Bürde des Staatsamts Beschwerte von diesem Bürgerstreben ausgeschlossen bleiben, und lediglich als widerwillig Duldender dem trotz der Rechtskraft doch der Jrrtumsmöglichkeit unter, worfnen Gesetz unterstehen, ohne die Hand zum Keffern regen zu hülfen?
Gelsenkirchen, 19. März.
In den letzten Tagen sind hier vier Bergleute und zwei Frauen nach dem Genuß selbstbereiteten Schnapses gestorben. Beim Einkauf bei zur Herstellung des Getränkes erforderlichen Stoffe war versehentlich Brennspiritus verabreicht worden. Rach der Untersuchung durch Sachverständige ist als Todesursache Metbvl t Alkoholvergiftung
Becken Azin ist dieser verfiigt worden. Gestern befanden sich bereits zweitausend Arbeiter toi Ausstande. Zu Ruhestörungen ist es bisher nicht gekommen. Man befürchtet eine weitere Ausdehnung der Bewegung füt heute abend.
Brüssel, 19. März.
In Laloviere fand gestern eine Versammlung der Grubenarbeiter des Miftel- beckens statt, in der Stellung zu der jetzigen Lage genommen wurde. Die Arbeiter verlangen eine sünfzehnprozenttge Lohnerhöhung. Es wurde beschlossen, alle Syndikate aufzufordern, Delegierte nach der am Montag in Brtis- el staftfindenden Generalkonferenz zu entsen- >en. In dieser Generalkonferenz wird über einen etwaigen Streik beschlossen werden.
Neue Wer des MsholMs!
Methylaffoholvergiftungen in Gelsenkirchen. (Privat-Telegramm.)
Mlomatische Sensationen?
Rußland für die Aufteilung der Türkei!
In der internationalen Diplomafte herrscht wieder einmal Gewitterschwüle, die das zuverlässigste Barometer der Weltpolitik, die Börse, sehr scharf widerspiegelt. Depeschen aus London berichten, daß sich die dortige Börse sowohl wie die maßgebenden polttischen Kreise Englands über die politische Lage in Europa außerordentlich beunrnhigt ühlen. An der Börse War die Depression sehr bemerkbar. Unkontrollierbare Gerüchte über internationale Komplikationen sowie die chwere Depression der Petersburger Börse, die gleichfalls durch politische Besorgnisse hervor, gerufen war, ließen die Geschäfte an der gestrigen Londoner Börse fast völlig stocken. Und die Ursache der Depression? Eine Meldung aus Paris gibt darüber Aufklärung:
Paris, 19. März.
(Privat-Telegramm.)
Die hiesige Depeschenagenftir Information' verzeichnete gestern nachmittag eine Nachricht aus P e t e r s bu r g, die geeignet ist, autzeror. deutliches Auffehen zu erregen. Dieses Telegramm gibt als de« wahren Grund der a-stri. ge« Depression an der Petersburger Börfl Ge. rüchte von einem schweren Konflikt zwischen Deutschland und Rußland in der Orientpolitik an. Die russische Regierung beabsichtige, die orientalische Frage in ihrem ganzen Umfange aufzurollen und habe dm Großmächten nichts wmiger als eine Auf. teilung der Türkei vorgeschlagen. Dmffchland habe sich diesem Anfinnen auf das enffchiedenste widersetzt, was in Peters- bürg zu lebhafter Bmnmhignng geführt habe.
Eine Verschiebung der Mittelmeerfahrt l
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 19. März.
Dem Hofmarschallamt des Äaifer6 ging heute Vormittag i*r Auftrag zu, vorläufig alle Borbereittmgm für die Mittelmeerreisr des Kaisers, die nach dm bisherigen Bestimmungen am ko mmendm Frettag an getreten werden sollte, einzustellen. Weitere Be fehle, auS denen sich erkennm ließe, welche Absicht mit Bezug auf die Reise int übrigen bestehe, find biS jetzt nicht erteilt worden.
Eine gewisse Deftäftgung erfährt die sensationelle Meldung der Pariser Depeschenagentu, durch eine Nachricht, die uns heute früh a«8 Paris zugeht, und in der es heißt:: In Re. gierungskreisen ist man über die Haltung Ruß. lands und dessen Beziehungen zur Türkei leb- haft beunruhigt. Uebrigens gibt auch die internationale Lage Anlaß zu lebhaften Siebenten. Man ist der Ansicht, daß Europa niemals in einem solchen Zustande diplomatischer Anarchie sich befunden habe wie jetzt. Aus allen Setten bestehen Feuerherde und man glaubt, daß allgemeine Vorsicht notwendig sei. Eine direkte Gefahr besteht zwar nicht, aber die Atmosphäre, die jetzt bestehe, sei eine sehr schwüle.
Sturm im Landtag.
Das Abgeordnetenhaus und der Ruhrstrttk. (Bon ttnfernt parlamentarischen Mitarbeiters
So schwach Testern der Besuch im Abge- ordnetenhaus war, umso lebhafter ging es zu, und zwar war es das kleine Häuflein der Sozialdemokraten, das (wie der Berliner sagt) »Leben in die Bude brachte". Fortwäh. rend erschollm von dieser Seite Zwischmrufe, die nicht gerade sehr zatt waren, und für di« sich versckiedene der Genossen etoett Ordmmgs. ruf zuzogen. Die Gereiztheit aus der Rechten wurde schließlich so groß, daß zahlreiche Abgeordnete sich bei einem besonders scharfen Zwischenruf Liebknechts drohend erhoben, just als wenn eine Keilerei losgehen sollte. Voi allen Parteien mit Ausnahme der Polen ton ren Interpellationen über dm Ruhrstreik ein gebracht Worden, und cs dauerte eine ganz, Weile, ehe sie von den Fraktionsrednern be. gründet waren, und man vom Ministettisch« aus an totorten konnte. Neues wurde natürlich
Streikgefahr überall!
Der Streik an der Ruhr und im Ausland.
Die Situation im Ruhr-Revier gestaltet sich für die Streikenden sichtlich ungünstiger. Während in ben Versammlungen am Sonntag die Dreibundredner die Streiflage noch recht zuversichtlich beurteilten und die Erwartung aussprachen, daß die Zabl der Streikenden wieder anwachsen werde, muß nunmehr bei nuch- terner Beurteflung der Sachlage konstatiert toerben, daß die Zahl der Arbeitswilligen unaufhörlich wächst und daß der Streik Wohl verloren ist. Besonders aus dem Essener und Bochumer Revier wird ein ganz beträchtliches Abflauen des Streiks gemeldet. Inzwischen ist die Entscheidung der Zechenbesitzer erfolgt. Wirerhalten darüber folgende Meldung:
Effm, 19. März.
Dor und hinter den Kulissen.
Die Einbringung der Wehroorlage verschoben!
Unsre offiziöse Presse hat in bett letzten Wochen eine Tätigkeit entwickelt, die an Emsigkeit fast nicht übertroffen werden konnte, und deren Höhepuntt in dem sophistifchm Geplauder über ben Abgang des Schatzsekretärs Wermuth erreicht schien. Der Gipfel scheint indessen noch nicht erklommm zu sein, denn soeben wird von den bet Wilhelmstraße nahe- lehenden Blättern erzäbft, daß hinsichtlich der Aufhebung der Liebesgabe eine vorherige Fühlungnahme zwischen Regierung und Konservativen nicht stattgefunden habe, obgleich diese Behauptung von einem konservativen Blatt ausgegangm ist. Nach diesem neuen Pröbchen offiziöser Ungeniertheit kau« es tilg« lich nicht überraschen, wenn nun auch die V eich i e b u n g der Einbringung der Wehr- und Deckungsvorlage int Reichstag offiziös in einer Weise begründet wird, die ärmlich humoristisch anmutet.
Die Wehr- und Deckungsvorlage« toerben «ach dieser Kundmachung deshalb dem Reichstag nicht mehr vor Ostern zn- gehen, weil der Reichstag (der bereits jetzt damit umgehe, feine Sitzungen bis sieben Uhr abends zu verlängern und dem nur noch zehn Sitzungstage bis zu ben Osterferien zur Verfügung stehen) bis dahin mit Arbeitsmaterial reichlich versehen fei. Dagegen meint man, würden die neuen Vorlagen den Reichstag sogleich nach Wiederbeginn der Sitzungen beschäftigen. Die Veröffentlichung der Entwürfe soll nicht früher erfolgen, als bis sie auch dem Reichstag bekannt gegeben sind. Aus naheliegenden Gründen sei man nämlich in Regierungskreisen der Meinung, daß es besser sei, eine vorzeitige öffentliche Diskussion zu vermeiden, damit die Volksvertretung möglichst unbeeinflußt an ihre Urteilsbilbung Herangehen könne.
In der Berliner Wilhelmstraße scheint man die Oeffentlichkeit doch ya r m - loser einzuschätzen, als sie in Wirklichkeit ist. Herr von Bethmann-Hollweg fürchtet (und zwar nicht mtt Unrecht), baß bet der Einbringung der Wehr- und Deckungsvorlagen im Reichstag vor Ostern die gewalttätige Ausschiffung des Schatzsekretärs Wermuth in den Debatten ein zu lautes Echo finden könnte, und das soll offenbar vermieden werden. Bis nach ben Osterferien ist in unsrer, auch politisch schnelllebigen Zeit, schon einigermaßen Gras über die Geschichte des letzten Opfers des »Ho- mogenitätprinzips" gewachsen, und matt gewinnt unterdessen auch Zett, die zarten Bande, die ben Kanzler eben erst aufs neue mit den Parteien des alten „schwarzblauen Blocks" verbinden, zu sestigen. Eine ganz natürliche Notwendigkeit nach Lage der Sache; offiziös aber muß das niedliche Bildchen ber«