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Casseler Neueste Rachrichte«

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Denen, die ihn vom Charlottenburger Schloß ausfahren, und Jenen, die ihn in der Nähe des Berliner Schlosses sahen. . . «a=

$es Kettele aus kastel.

Saffeler Schaufenster-Wettbewerb...?

Es ist etwas eigenes um den Frühling ... überall beginnt mit ihm ein Leben und We­ben ohne gleichen, und selbst die Schaufenster bleiben nicht zurück. Ein Gang durch Cassels Straßen zeigt heute in verschiedensten Ge- chäften blendende und in jeder Beziehung ge- chmackvolle Dekorationen. Bewundernd hastet dann der Fuß. Wenn aber jetzt aus allen großen Städten Deutschlands di« Kunde von der Veranstaltung künstlerisch durchdachter Schaufensterwettbewerbe kommt, so taucht un- willkürlich die Frage auf: Und wir . . .? Im

Aus Berlin wird uns berichtet: Das Zentrum wird für die durch die Ernennung des Freiherrn von Hertling notwendig gewordene Reichstagsersatzwahl in Münster-Coes- eld den Medizinalrat Gerlach in Münster als Kandidaten aufstellen.

Aus Korfu wird gemeldet, daß der Kai­ser dort am neunundzwanzigsten März mit einem Gefolge von 150 Köpfen erwartet wird. Die Kaiserin folgt in den ersten Tagen des April nach. Im Achilleion werden bereits große Vorbereitungen für die Ankunft des Kaisers getroffen.

Aus Wiener diplomatischen Kreisen verlau­ft, daß die italienische Flotte tatsäch­lich in den nächsten Tagen eine Aktion gegen die Außenforts der Dardanellen unternehmen und daß zunächst ein Bombardement der Außenforts Sedil, Bahr und Kum-Kala erfol­gen wird.

den 24. April.

Ein'Spaziergänger wurde auf der Straße für Mackenzie (den behandelnden eng­lischen Arzt Kaiser Friedrichs) gehalten. Die wütende Menge hätte ihn beinahe in Stücke gerissen. Die Polizei mußte einschreiten, um den armen Mann zu retten, der unausge­setzt schrie: »Ich bin nicht Mackenzie! Wäre ich es, ich hätte mich selb st umge- Lrächt." Darauf ließ man ihn los. Jeder Tag bringt neue Beweise von der Unbeliebt­heit der Kaiserin. Jeden Tag erwartet das

den 29. April.

Die Ernennung des Generals von Blu- menthal zum Feldmarschall erfolgte so swnell nach dem Tode Kaiser Wilhelms, daß der neu« Kaier ihm seinen eigenen Feld­marschallstab sandte, damit Blumenthal ihn bei der Begräbnisfeier tragen könne. Mehr­fach glaubte man, hierin einen Mangel an Achtung für die Wünsche des Derstoröenen und eme Kritik seines Handelns zu erkennen. Doch hat es mit dem Vorgänge folgende rührende Bewandtnis: Im österreichischen Kriege diente Kronprinz Friedrich unter General von Blu­menthal. Dieser hatte den Mar sch all st ab der dient und mußte ihn bekommen. Ver­liehen wurde er aber . . . dem Kronprin­zen. Der ihn nun, sobald es in seiner Macht lag, auf so noble Weise dem General zuruckerstattete. In einem Brief an eine Frau hatte von Blumenthal 1866 am Kronprin­zen Kritik geübt und sich über die Schwierigkeiten beklagt, die dessen Anwesen­heit im Heere Hervorrufe. Auch daß er (der General) des Prinzen wegen nicht handeln könne, wie es nötig war. Dieser Bries wurde vom Feinde aufgegriffen und in österreichi­schen Zeitungen veröffentlicht. Kaiser Wilhelm konnte Blumenthal nach diesem Zwischenfall die Auszeichnung nicht senden, die er verdien­te. Er überließ dem Sohne die Gelegenheit, seine Großmut und seinen Seelenadel zu be­kunden. Dem Kaiser geht es schlechter. Man befürchtet eine Lungenentzün­dung als Folge einer Erkältung. Er fühlte sich eines Tages äußerst schlecht. Und Berg­mann (einer der Aerzte) erwähnte der Kaise­rin gegenüber sogar die Notwendigkeit, ein Bulletin erscheinen $u lassen. Die Kaiserin soll unwillig geworden sein: den von den Aerzten gechriebenen Gesundheitsbericht zerris­sen und gesagt haben: „Ich werde ein besseres Bulletin verfassen, indem ich mit dem K ai- ser zur Stadt fahre." Darauf fand die zweistündige Wagenfahrt bei ziemlich rauhem Winde statt. Der Kaiser, durch die Begeiste­rung des Volkes angeregt, das ihm auf seinem Wege zujauchzte, saß aufgerichtet, ohne sich in die Kiffen zu stützen: lächelnd erwiderte er die Grüße. Doch kaum aus Charlottenburq her­aus. sank Kaiser Friedrich bleich und er­schöpft in seinen Wagen zurück, wie wenn eine Feder iw ihm gesprungen wäre! Daher die große Meinungsverschiedenheit Lei

Amundfen md Stott.

„Keine Spur von Scott am Südpol!"

Der Daily Chronicle veröffentlicht (wie wir telegraphisch schon kurz berichtet haben) einen weiteren, ausführlichen Bericht Amund- sens, der vom zehnten März dattert ist und von Hobart (Tasmanien) per Kabel übermit­telt wurde. Die interessanten Ausführungen Amundsens geben zunächst die Ansicht des küh­nen Forschers über die Scottsche Expe­dition wieder: „Ich habe," sagt Amundsen, „keine Spuren davon gesunden, daß Scott am Südpol gewesen ist. Immerhin ist es mög­lich, daß er vor meiner Ankunft den südlichsten Punkt der Erde erreicht hat, und daß die von ihm etwa hinterlassenen Merkmal« durch die Ungunst der Witterung zerstört worden sind. Meine Beobachtungen allerdings bestätigen diese Annahm« nicht. Während meines Aufent­haltes am Südpol war das Wetter durchaus ruhig. Ich neige zu der Annahme, daß starke Windsttömungen am Südpol überhaupt nicht vorhanden sind. Im übrigen läßt sich vorläufig nicht mit Bestimmtheit behaup­ten, ob Scott den Pol erreicht hat oder nickt. Ich nehme eine abwartende Stellung «in, bis daß Nachrichten von Scott selbst eintrefsen. Die größten Schwierigkeiten, die unsere Expe­dition zu überwinden hatte, bereiteten uns die furchtbaren Schneestürme, die uns zwangen, oft tagelang in einer Hütte zu über­nachten und uns jede Hoffnung auf ein wei­teres Vordringen zu rauben schienen. Wäh­rend des letzten Teiles unserer Forschungsreise befanden wir uns sechs Wochen lang in einer hohen Region mit Eis und Schnee bedeckten Bergen in Höhe von ungefähr fünftausend Metern über dem Meeresspiegel. Der Pol selbst befindet fick auf einem Plateau in einer Höbe von dreitausendzweihundert Me­tern. Wir hatten sehr unter Atmungs­beschwerden zu leiden. Unendlich müh­sam gestalteten sich die Meffnngsarbeiten am Pol. Oft drohten uns die Kräfte zu versagen. Wir mußten stundenlang ausruhen, um unsere Arbetten zu Ende führen zu können.

Jas Geheimnis des Pols.

Mit lebhafter Anteilnahme hat die Allge­meinheit den Kampf um die Eroberung des

Volk stundenlang feinen Kaiser; das Volk tüblt, daß es „unseren Fritz", dessen helden- haste Duldung seiner Leiden ihn doppelt zum Mittelpunkt allgemeiner Verehrung erhebt, Nicht mehr lange sehen wird. Di«'Schwester Herrn van der Hoevens, Baronin Schilling, war unlängst unter der Volksmenge vor dem Charlottenburger Schloß, als eine Dame den glücklichen Einfall hatte, eine Geldsammlung ’u veranstalten, um dem Kaiser alle Veil­chen darzubringen, die in der Umgebung auf- znbringen waren. Die Dame trug sie ins Sie wurde vom Kaiser empfangen. Als Andenken trug si« das Stückchen Papier oavon. auf das der arme Kaffer seinen ^ank geschneben hatte. Graf Perponcher erzählt, daß der Kaffer jetzt außerordentlich schnell und tast unleserlich schreibt. Vtanchmal verursacht das Entziffern viel Mich«. Doch oft errät man an seinen Lippen, was er zu sagen wunicht. Prinz Anton Radziwill hatte un- lanmt das Glück, die Wünsche des Kranken zu erfassen. Der arme Kaiser schien so befriedigt, oefftanden zu fein. Wie cs ihn belästigen muß, nicht sprecyen zu können! Unglücklicherweise für seine Ruhe hat der Kaiser nicht das un­begrenzte Vertrauen zu Mackenzie, das man ihm zuschreibt. Als der Graf von der Goltz ihm sagte: „Nun, da die Witterung schöner wird hoffen die Aerzte auf Besserung," senkte der Kaiser den Kopf und gab durch Zeichen zu verstehen, daß die Aerzte nicht allzuviel wissen.

täte, „Liebster Jesu, mein Verlangen", für Sopran, Baß. Chor, Orchester und Orgel zu hören. Als Solisten wirtten Frau Prof. Els« Brunner, deren Stimme eine durchaus shmpachische Klangfarbe, aber einen recht man- gelhaften Ansatz aufwies, und Herr Franz Scholl, ein Baß von auffallend Heller Fär­bung, verdienstlich mit. Das Violinsolo in die­ser Kantate hatte Herr Konzertmeister We­ber übernommen, er entzückte durch die sicheren und sauberen Töne. Der Chor zeigte in drei Gesängen eine erfreuliche Frische und gute Schulung. Das „Arioso" aus der Johan­nis-Passion brachte Herr Scholl vorteffhaft zu Gehör. Den zweiten Teil der Darbietungen leitete eine Möditation für Streichorchester und Orgel von Bach-Gounod ein, die in ihrer wunderbaren Klangwirkung vielleicht die künst­lerisch wertvollste Gabe des Abends war. Mtt dem Vortrag von „Toccata", As-dur für Or­gel (von A. Hess«) erhärtete Herr Moeller noch­mals feine Meisterschaft, und der Chor seine Vorzüge in den zu machtvoller Wirkung ge­brachten Gesängen „Ehre sei Gott in der Höhe" (Bortnianskv), „Der hundertste Psalm" (Gttbke) und dem Te deum (H. Wagner), mit Unterstützung von Orgel und Streichorchester, das die Kapelle des Infanterie-Regimentes Nr. 167 gestellt hatte. Die Leitttug hatte Herr Karl Hempel, der seiner Aufgabe mit Umsicht und ausgeprägtem rhythmischen Gefühl ge­recht wurde. H. E.

Kleines Ferülleton.

Verharrens „Le Cloitre" in Cassel. Der bekannte französische Schauspieler Carlo Liteu unternimmt mit seinem Eiffemble in den Monaten Mai bis September eine Tournee durch Deutschland und Oesterreich-Ungarn, um das Schauspiel .8 e C l o i t r e" von Emile Verhaeren ht französischer Sprache zur Auf­führung zu bringen. Carlo Liten wird mit seiner Truppe auch in Cassel ein Gastspiel ver­anstalten, dessen Datum noch näher bestimmt wird.

sGs Jngendkonzert im Stadtpark. Der Schluß unseres gestrigen Berichtes über das Jugendkonzett ist durch eine falsche Zeile ver­sehentlich enfftellt. Es muß natürlich heißen: Das Orchester gab die Begleitung zu den ver­schiedenen Soli und Chorgesängen«

srord «ab Süd.

, . Der greise Prinzregent von Bayern feierte gestern seinen einundneunziasten Ge- buttstag. Der sozialdemokratisch» Zweit» Vor­stand des Münchener Gemeindekollegiums, Expedittonsvofftand Wikti von der Leitung Münchener Poß, ist aus diesem Anlaß mit der itadttschen Abordnung, bestehend aus den bei­den Bürgermeistern und dem Vorstand der stadtucyen Kollegien, zur Beglückwünschung des Prmzregenten zu Hofe gegangen. Der Regent unterhielt sich mit allen Herren in seiner bekannten Liebenswürdigkeit. Witti bat kürzlich auch das Glückwunschtelegramm der städtischen Kollegien zur Verlobung des Prin­zen Georg von Bayern mit unterzeichnet. Der Prinzregent hat aus Anlaß seines Ge­burtstages aus dem Kapital der Luitpold Ju­biläumsspende für Jugendfürsorge den Be- tr-m. von sechzigtaufend Mark zur Un­terstützung bestehender und zur Errichtung neuer Lehrlingsheime gestiftet.

Eine diplomatische Sensation.

Ein Privai-Telegramm meldet uns aus Petersburg: Der russische Botschafter in Konstantinopel, Tscharikoff, ist plötzlich abberufen worden. Dieser Vorfall erregt in hiesigen diplomatischen Kreisen großes Aufsehen. Die Ursache des Rücktritts ist große Animosität der Balkanslawen gegen Tscharikoff. Die Lage auf dem Balkan wird hier für sebr ernst angesehen. Man befurch­tet, die Mallissoren würden die kritische Lage der Türken in Tripolis benutzen, und im Früh- zahr mit türkenfeindlichen Operationen be­ginnen. An Stelle Tscharikoffs, der in den Se­nat eintritt, wird der bisherige Gesandte in Belgrad, Hartwig, nach" Konstantinopel gehen. Weiter wird uns telegraphisch aus R o m berichtet: Die italienische Kammer Bat gestern einen Gesetzentwurf betreffend dw Be­willigung eines Kredits von 205 Millio­nen Lire für di« Expedition in Tripolis und der Chrenaika angenommen.

Südpols verfolgt, aber unwillkürlich konzen­triert sich dabei der Blick zunächst auf die Per­sönlichkeit der Männer, di« diesem Ziele zn- ftrebten. Wenn man dem Laien die Frage vorlegt, welche praktische Bedeutung die Entdeckung des Südpols für die Wissen­schaft und im weiteren Sinne für die ganze Kulturwelt hat, würde wohl die Mehrzahl de­rer, die die tapferen Forscher ehrlich bewun­dern, nur schwer eine Antwort finden. Aber die Bedeutung des Südpols beschränkt sich nickt auf feine Entdeckung. Es ist zweifellos für die geographische Forschung wertvoll, zu er­fahren, ob am Südpol Land ober Eis­meer ist; die Entdeckung des Pooles aber birgt viel mehr bedeutungsvoller Probleme als der Fernerstehende annimmt. Was der Südpol uns verraten kann, wird zur rechten Zeit in einer Pariser Zeitung von C h a r o o t erörtert. Im antarktischen Kreise liegt der Schlüssel zu den großen Rätseln der Meteo­rologie verborgen. Schon Whevelle behaup­tete, die Antarktts sei die Wiege aller Fluten des Erdballes. Und in der Zat gehen vom Südpol jene kalten Strömungen aus, die in den Atlantischen Ozean einntürtben, die Lau­heit des Golfstromes brechen und damit meh­rere Strömungen schaffen, die wiederum die Luftströmungen entscheidend beeinflussen. In diesen Strömungen werden die Eisbestände zerstört und die gkoßen Orkane „fabriziert". Man muß daher annehmen, daß es die Antark­tis ist, von der jene treibenden und «nffcheiden- den (Strömungen ausgehen, die das Lnstmeer und den Ozean erfüllen. Wenn es gelingt oder gelungen ist, am Südpol seemagnetische Be- obachttlngen durchzuführen, wird die noch junge Wissenschaft der Meteorologie fruchtbir werden und imstande fein, Witterungsveränderungen mit größerer Sicherheit und auf viel wettere Zeittäume vorher zu sagen, als es bisher der Fall war.

GeMNche Mufik in Kassel.

In der Auferstehungskirche fand am Sonn­tag abend ein wohlgelungenes Konzert statt, daz sich auch eines ansehnlichen Besuches er­freute. Tie erste Hälfte des Programms be­stritt allein Altmeister Bach. Nach einem ein­leitenden Oraelvortrag des Herrn Heinrich Moeller (Fuge C-Moll) gab es eine Kan-

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

Die Mcthylallohol-Vergiftungen vor Gericht. In Sachen der Berliner Me­thylalkoholvergiftungen ist der Termin zur Haupwerhandlung auf den sechs- undzwanzigsten März und folgende Tage anbe­raumt worden. Die Anklage richtet sich gegen den Drogisten Scharmack in Charlotten- burg und gegen die Reisenden Zastrow, M e y e n und R o m e r s k i. Zn der Perhand- lung sind eine ganze Reihe von Zeugen gela-

Nr. 83. — 2. Jahrgang.______________

baten, wie gewöhnlich um die Mittagstunde an seinem Fenster vorüber. Ta wandte b»r Kaiser sich mit den Motten an Kutusow: „Ich muß mich dem Volke zeigen, denn feit einigen wahren erwartet das Volk mich um diese Stunde und will mich unbedingt sehen." Die­ses „ich muß mich zeigen", ist durchaus be­merkenswett. Er fügte noch hinzu: „Lieber

Kutusow, der zur Seite Kauer Wilhelms des Efften an dem historisckcn Fenster stand, begriff die Worte nicht und blickte den Kaffer erstaunt an. Da erklärte die­ser: „Im Jahre 1848 bedeckte diesen Platz eine wütende, drohende Volksmenge, die mir haß - erfüllt gegenüberfianfa; jetzt erwarten sie mich stundenlang, um mich mit Begeisterung zu begrüßen, und wissen kaum, wie mir ihre Liebe U bezeugen." Welch ein Umschwung in der Geschichte der Völker! Ich habe sehr bedauert der Bestattung des alten Kaisers nicht bei­gewohnt zu haben. Prinz Wilhelm (der jetzige Kaiser) ging allein hinter dem Sarge, mit er­hobenem Kopfe. Er gehört nicht zu Denen, die der Kummer beugt. Er ging festen Schrittes, militärisch, wie zu einer Parade. Viele bemängelten diese stolze Haltung. Dennoch habe ich alle drei Personen, die bei dem Tode semes Großvaters zugegen waren, sagen hö­ren, daß Prinz Wilhelm, unmittelbar nachdem bas Ende eingetreten, sich in einen Lehnstuhl warf und wie ein Kind schluchzte . . ."

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den 23. April.

Die Verlobung des Prinzen von Bat- fenberg verursacht viel Gerede; es ist der Kampf eines Mannes gegen zwei Frauen: Mutter und Tochter. Denn man sagt, Königin Viktoria habe ihre Hand aus dem Spiele ge­zogen. Ich erinnere mich, wie der jetzige Kron­prinz, damals Prinz Wilhelm, mir im vorigen Jahre in Potsdam, mit der ihm eige­nen, anziehenden, entzückenden Offenheit sagte: „Prinz von Battenberg ist ein unmöglicher Patron. Seine Politik ist Weiberpolitik, auf Ränkespiel gebaut. Es ist unglaublich, daß es diesem kleinen Atom von einem Prinzen fast gelang, zwei große Mächte wie Rußland und Deutschland zu entzweien." Ich antwortete: „Eine Bazille ist gewiß unansehnlich, und doch ist sie groß genug, um einen bedeutenden und großen Menschen zu vergiften." Er begann zu lachen und entgegnete: „Ja, und es bedurfte «ftres so großen Chirurgen, wie unser Kanzler einer ist, um Europa von diesem Mikroben, an dem es kranfte, zu befreien und zu heilen." Von seinem zukünftigen Herrscher unterstützt, stand Bismarck noch vor manchem Siege! Wir sahen ihn beim Ausgange aus dem Char­lottenburger Schloß an dem Tage, als diese Frage dort entschieden werden sollte. Das Volk bejubelte ihn. Er macht einen ungeheuren Ein­druck. Er ist eine so kraftvolle Riesenerschei­nung, daß er beim ersten Blick durch seine Kraft jedermann überwältigt. Bismarcks mackwolle Gestatt fcheint fast übernatürlich groß; fast wie die Riesen Michelangelos. Während des Auf­enthaltes der Kaiserin in Posen unternahm der Kronprinz einen Spazierritt im Tiergarten. Von dort ritt er, wie zufällig, zum Charlotten­burger Schloß, wo er lange Zeit mit seinem Vater allein blieb. Man erzählt, der Kaiser, der nicht sprechen konnte, fArieb dem Kronprinzen auf ein vor ihm liegendes Blatt: „Lerne von deinem Vater zu leiden ohne zu Hagen!*

__________________ Mittwoch, 13. März 1912.

1 pen vor allem natürlich alle diejenigen, die ' selbst unter den typischen Vergiftungserschei- nungen erkrankt waren.

Bei einem Gerüsteinsturz verunglückt. Em folgen,chwerer Unfall ereignete sich gestern nachmittag auf der niederrheinischen Hütte bei Duisburg. Bei Arbeiten, die an dem vor , einigen Wochen explodietten Hochofen vorge- uommen wurden, stürzte ein Gerüst ein, auf dem sich sieben Arbeiter befanden. Ein Arbei­ter wurde auf der Stelle getötet, die übrigen wurden sämtlich schwer verletzt: bei dreien be­steht wenig Hoffnung, sie am Leben zu erhal­ten. Es ist eine strenge Untersuchung des Vor­falls eingeleitet worden, da gerüchtweise ver­lautet, das Gerüst sei viel zu schwach gewesen.

Ein Nackkviel zur Zoppoter Fraucn- mord-Bffäre. Der Zoppoter Frauenmörder ®affte, der im vorigen Jahre die Hausbe­sitzerin von L a s s e w s k i ermordet hat und deshalb vom Danziger Schwurgericht zum Tode berurteilt Worten war, hat jetzt das Wie­deraufnahmeverfahren beantragt. Er bezichtigt fernen eigenen Schwager, der sich allerdings während der Verhandlung stark verdächtig ge- macht hatte, der Mitwisserfchaft und fogar der Anstrstung zum Verbrecken direkt. Man daff auf die Neuauflage des Prozesses gespannt fern.

Damazy Macoch ist entflohen! Der in der vorigen Woche wegen Mordes und Dieb­stahls in Petrikau verurteilte Paulaner- mönch Damazy Macoch ist aus dem Gefängnis entflohen und bis jetz,t spurlos verschwunden. . Man vermutet, daß er seine Wächter bestochen bat und daß ihn ante Freunde in Sicherheit gebracht haben. Die Bewachung der übrigen Gefangenen, besonders der Helena Macoch, ist verschärft worden, da man fürchtet, daß auch sie die erste beste Gelegenheit zur Flucht ergrei­fen werden.

Das Ende eines Weingelages. Einen tragischen Ausgang nahm im Hafen von Lo­rr e n t in Frankreich die Löschung eines algeri- chen Weinschiffes. Die Hafenarbeiter benutz­ten die Frühstückspause, um von dem edlen Kan zu kosten, taten aber des Guten zu viel, o daß der Fottgang der Arbeit in eine wüste Schlägerei ausattete. Einige der Beteiligten turzten dabei ins Wasser. Der Leichnam eines Mannes wurde nach mehreren Stunden aufge« ischt; zwei Leute wurden schwer verletzt nach dem Hospital transpottiett. Mehrere an­dere sind bis spät abends in ihre Wohnungen noch nicht zurückgekehtt, und man fürchtet, daß auch sie Opfer des übermäßigen Weingenusses geworden sind.

tx Neununddreißig Tage auf dem Meeres­grund. Das englische Unterseeboot „A. Z.", das neununddreißig Toge auf dem Meeresgrund gelegen hat, ist gestern nachmittag gehoben worden. Es wurde durch Leichterschiffe nach dem Trockendock von Portsmouth gebracht. Das Boot ist mit aller Sorgfalt ge­hoben worden und soll womöglich ohne Er- dmtferung üdergefühtt werden, um so den mit der Untersuchung betrauten Offizieren es zu ermöglichen, die Lage der eingeschlossenen Leichen und den Zustand der Einrichtung und der Maschinen genau festzustellen.

Richard Dehmel in Hamburg unbekannt. Dieser Tage kam ein an den größten Lyriker des heutigen Deutschland in feine zweite Hei­mat Hamburg gerichteter Brief als unbe­stellbar zurück, weil die „genaue Adresse" fehlte. Das war vollständig in der Ordnung, denn, kann ein deutscher Postbeamter erwi­dern. wenn er aus dem Konversationslexikon festgestellt hat, wer der Adressat war, erstens ist bei allen Sendungen Straße und Haus­nummer anzugeben, zweitens ist es nicht Sache der Reichspost, ihre Beamten in .moderner deutscher Literatur zu unterrichten, und drit­tens ist der Adressat Richard Dehmel überhaupt im Bestellbezirk Blankenese bei Hamburg, Kr. Pinneberg, Regierungsbezirk Schleswig, Kö­nigreich Preußen, postalisch zuständig. Und der deutsche Beamte würde mit allen drei Ant­worten so recht haben wie je ein deutscher Be­amter. Aber ein Privatmann möchte an feine Mitprivatmenschen doch die bescheidene Gegen­frage stellen, ob sie wifflich glauben, daß etwa eine an August Strindberg nach Schwe­den birigierte Sendung dem Absender wieder zurückgegeben würde, auch wenn noch nicht einmal der W o h n o r t des Adressaten angege­ben wäre.

Eine Gehirnoperation an der Sphinx. Ter amettkanische Professor George Andrew Reisner von der Harvard-Universität weilt gegenwärtig in Alerandrien, um die Vorberei­tungen zu einer Ausgrabungs-Expedition zu beenden, bereit Ziel auf ben efften Blick seltsam anmuten mag. Professor Reisner will Aus­grabungen ... im Kops ber Sphinx ver­anstalten, also sozusagen an bem berühmten, vielumstrittenen Wahrzeichen des alten Aegyp­ten eine Art „Gehirnoperation" ausführen. Auf Grunb seiner Foffchungen ist der Gelehtte zu der Ueberzeugung gekommen, daß in dem Kopfe der Sphinr attägypttsch« Dokumente und Gegenstände verborgen sind. Als Professor Reisner im vergangenen Jahre in Aegypten feine Foffchungen anstellte, entdeckte er auf dem Kopfe der Sphinx eine durch Sand ber« scküttete Oeffnung, einen Schacht, ber, so wett sich bei ber ersten Untersuchung feststellen ließ, mehr als brei Meter tief in ben Kopf ber Sphinx hinabfühtt Der Gelehtte ist der» An­sicht. baß dieser Schacht angelegt worden ist, um Schätze oder Urkunden im Haupte der Sphinx zu bewahren.