CaMer Wie Nchrichteil
Hessische Abendzeitung
Caffeler Abendzeitung
2. Jahrgang.
Dienstag, 12. März 1912
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Nummer 82
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-an.
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Die von den Vertretern der drei Organisationen unterzeichneten Forderungen lauten: 1. Erhöhung der Durchschnilts- l ö b n e für alle Arbeiter um fünfzehn Prozent und Besettigung der großen Lohnuntcrschiede für gleichartige Arbeiter; 2. Die Abschlagszahlung hat am 25. des laufenden, die Restlohn- zahlung am 10. des folgenden Monats zu erfolgen; 3. Achtstündige Schichtzeii, siebenstündige Schichtzeit bei plus 22 Grad Celsius, sechsstündige Schichtzeit bei Plus 28 Grad Celsius; 4. lieber» und Rebenschichten dürfen nur bei Unfällen, Betriebsstörungen oder zur Rettung von Menschenleben und Pferden verfahren werde«; 5. In den Koloniewohnungen ist die sonst übliche einmonatlich« Kündigung einzufichren, den Mieter« volle Bewegunasfreiheit inbezug auf Or-
Karnpfstkmrnung «vd Vtreikbeschlutz.
(Privat-Telegramm.)
Herne L W, 11. März.
Die entscheidende Revierkonserewz, an der annähernd insgesamt sechshundert Bergarbeiterdelegierte aus allen Tellen des Ruhrgebiets teilnahmen, fand hier am ge- strigen Vormittag statt. ReichstagSabgeord- neter S a ch s e, der Vorsitzende des alten Bergarbeiterverbandes, leitete die Versammlung und berichtete über die einzelnen Phasen der Bewegung. Grundsätzliche Gegner des Streiks waren nicht vorhanden. Alle Redner vertraten entschieden die Meinung, daß der jetzige Augenblick für die Eröffnung des Kampfes günstiger als je sei. Rach fünfstündiger, mit großer Ruh« und Sachlichkeit geführten Debatte wurde zur Abstimmung geschritten: 507 Delegierte stimmten für den sofortigen Eintritt in den Streik. 74 sprachen sich dagegen aus; 2 Stimmen waren un- giltig. Der Entschluß zum sofortigen Eintritt in den Streik war also mit überwältigender Stimmen-Mehrheit gefaßt. Rach der Annahme der Resolution erklärten auch die Delegierten, die vorher gegen den Streik gestimmt hatten, einmütig, sie würden sich dem Beschluß natürlich unterwerfen und nun ebenfalls Mr die Niederlegung der Arbeit bei den von ihnen vertretenen Organisationen eintreten. Tie gestrigen Bergarbeiterversammlungen waren insgesamt von etwa hundertdrei- ßigtausend Bergleuten besucht.
Die Forderungen der Bergleute.
(Privat-Telegramm.)
Herne L W, 11. März.
Der Kamps im Ruhrrevier
Ein allgemeiner deutscher Bergarbeiterfk-eik in Sicht?
ganisationszugehörigkeit und Wareneinkauf zu gewähren; 6. Umwandlung des bestehenden Arbeitsnachweises in einen paritätischen. Aufhebung des noch für Nachbarzwecke bestehenden Systems; 7. Einschränkung des Strafwesens. Strafen über eine Mark bedürfen der Zustimmung des Arbeiterausschus- ses; 8. Errichtung eines paritätisch zusammengesetzten Schiedsgerichtes mit einem unparteiischen Vorsitzenden zur Schlichtung von Streitigkeiten; 9. Errichtung von Ausschankstätten für alkoholfreie Getränke aus den Zechenplätzen.
Der heutige Beginn des Streiks.
(Privat-Telegramm.)
Dortmund, 11. März.
Der Streik im Ruhr-Revier hat heute früh begonnen, doch ist die Arbeitseinstellung nicht s o a l l g e m e i n, als man angenommen hatte. Im Dortmunder Bezirk streiken seit heute früh f ü n f z i g P r o z e n t und in den übrigen Bezirken etwa zwanzig Prozent der Arbeiter. Auf der linksrheinischen Seite ist die Ziffer noch niedriger. Im Streikrevier ist die öffentliche Meinung diesmal nicht auf Seiten der ausständigen Bergleute. Die Kaufleute weigern sich, im Gegensatz zu ihrer Haltung bei dem letzten großen Ausstande, die Bergleute durch Kreditieren zu unterstützen. Von dem AuSstand ist nach allgemeiner Heber- zeugung für die Bergarbeiter wenig Günstiges zu erhoffen, da die Regierung kaum materiell eingreifen wird. Im Landkreise Dortmund ist die Stimmung sehr erregt. Gestern abend wurde ein Reviersteiger von der Zeche »Maasen* auf dem Wege zur Arbeit von Ausständigen angegriffen und mißhandelt. Er konnte nu^unter Bereitung eines Polizeiaufgebotes sich zur Zeche begeben. Schlimmer noch erging es einem polnischen Berg arbeite», der auf dem Wege zur Zeche .Scharnhorst* überfallen und derartig zugerichtet wurde, daß er schwer verletzt darnieder liegt. Sämtliche Zechen verfahren von heute morgen an nur noch eine Schicht von sieben Uhr vormittags bis vier Uhr nachmittag«. Einzelne Bergarbeiterführer erklärte«, daß der Bergarbeiterausstand in Sachsen und Schlesien gleichfalls für diese Woche bestinnnt zu erwarten sei.
Bte christlichen Bergarbeiter.
(Privat-Telegramm.)
oft und nachdrücklich Worte leiht.
Wir danken es in erster Linie dem Erwählten der Bielefelder, daß bei der Etatberatung im Reichstag das osterörterte und noch öfter betrauerte Kapitel der Diplomaten-Aus- bild««« diesmal unter Gesichtspunkten behandelt worden ist, die die Regierung unmöglich ignorieren kann, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen will, mit ihrer oft wiederholten Zusage einer grundlegenden Reform unserS | diplomatischen Systems nicht mehr ernst genommen zu werden. Es ist der Sache wenig forderlich, die Misere unsrer Diplomatie vom einseitig-parteipolitischen Standpuntt aus zu geißel« und den Boden für eine Reform mit ein paar Schlagworten zu ritzen. Es muß | tiefer gegraben werden, denn es handelt sich hier um eine Frage, oder bester gesagt: Um ein Problem, von dessen glücklicher oder ungeschickter Lösung für das Reich mancherlei ab- hängt. Fragen der Art muß man vom Standpunkt nüchterner Zweckmäßigkeit aus behandeln, und der Erste, der dies im Parlament des Reichs, unbeirrt von irgendwelchen parteilichen Wünschen und Rücksichten, gewn, war Graf Pofabowsky, dessen Kritik am System unsrer Diplomatie daS Hebel an der Wurzel traf.
Der Minister außer Diensten, der in einer langen Amtspraxis Gelegenheit hatte, Licht und Schatten scharf zu unterscheiden, und von dem die Anekdote erzählt, daß er ein Fanatiker im Hatz wider Schein und leere Form sei, rügte in erster Linie die Ausbildung unsres diplomatischen Nachwuchses, die noch ganz im System der alten Schule wurzle und an den Forderungen des Jahrhunderts der wirtschaftlichen Entwicklung achtlos vorübergehe. Man braucht wirk- stch nicht darüber im HnNaren zu sein, daß es für den modernen Diplomaten ungleich wichtiger ist, zu wissen, wie die Produktions und Handelsverkehrsverhältnisse der Staaten sich entwickelt haben und wie ihre Wechselwirkungen in den Strömungen des internationalen wirtschaftlichen Lebens sich offenbaren, als sein Hirn mit einer Rekapitulation der Vertragsdaten zu beschweren, die die Bände der Geschichte des achtzehnten und neunzehnten Jahr Hunderts stillen. Daran mangelts aber leider: Dir Wirtschaftsrunde ist der Mehrzahl unsrer Diplomaten ein Buch mit sieben Siegeln, und da man infolgedessen am grünen Tisch den Fraaen des wirtschaftlichen Lebens in den wesentlichsten Punkten verständnislos gegenübersteht, kann es eigentlich nicht wundern, daß (um ein Beispiel aus n e it e ft e r Zeit anzuführen) unsre Industrie in Helles Entsetzen ausbrach, als die deutsche Diplo- matte den Handelsvertrag mit Portugal heimbrachte! , .
Die Politik der Völker und Reiche wird tm zwanzigsten Jahrhundert nicht mehr von dynastischen Ideen bestimmt; auch die Eroberer- Politik ist heut (in ihrem frühem Sinne wenigstens) nicht mehr denkbar, denn die tatsächlich treibende und bewegende Kraft des internationalen polittfchen Völkerverkehrs ist das wirtschaftlich« Interesse, das letzten Endes auch über Krieg und Frieden entscheidet. Auf das wittschastliche Prinzip ist überhaupt die gesamte, moderne Entwicklung ,gestimmt, und wenn man darin, ethisch be- ttachtet, auch eine Härte erblicken kann, so läßt sich doch nicht leugne«, daß daS gewaltige Hebergewicht wirtschaftlicher Juteresse« im
Die Würfel sind gefallen, und si« haben für den Kampf entschieden! Wie die .Casseler Neuesten Nachrichten* bereits gestern nachmittag durch Extrablätter melden konnten, beschloß die am Sonntag in Herne L W. versammelte Revier-Konferenz der drei Bergarbeiter-Verbände mit sünshundersieben gegen vierundsiebzig Stimmen, am Montag früh mit dem Streik auf allen Gruden des Ruhr-Reviers zu beginnen. Mutzt« es so kommen? Gab es kein Mittel, einen Kampf zu vermeiden, bei dem (mag er ausgehen, wie er will) beide Parteien für lange Zeit schwer geschädigt werden, die gesamte Volkswirtschaft Millionenverluste erleidet und die im Augenblick gute Konjunktur wahrscheinlich einen Stoß erleiden wird, der sie zum Zusammenbruche führen muß? Es ist auch hier wieder so gekommen, daß die Parteien zu den Waffen greifen, nicht, weil von einer Seite unerfüllbare Forderungen gestellt, aus der anderen Seite alles schroff abgewiesen wird, sondern weil die Parteien gar nicht auf Rufweite sich nähern, weil zwischen beiden eine Kluft gähnt, die niemand überbrücken kann ober will. Die Zechenverwaltun
gen lehnen eS ab, mit dem Gewerk- fchastsdreibund zu verhandeln, sie sind aber bereit, mit den Arbeiterausschüssen über die Forderungen zu sprechen. Die Verbände lehnen es wieder ab, die Ark> ei - terausschüsse zu Trägern des Einigungs- Willens zu machen, und die Zechenbesitzer berufen sich darauf, daß nur «in Teil ihrer Arbetter in den ihnen feindliche« Gewerkschaften organisiert ist. Der ander« Teil, die christlichen Gewerkfchaften, und di« Nichtorganisierten stellen nicht nur keine Forderungen, fondern nehmen fogar scharf Stellung gegen den Streik. Di« Gefahr ernstlicber Komplikationen liegt also naher als je, und es ist also s o gekommen, wie wir eS vor einigen Tagen in unserm Leitartikel .Stürme aus England?' voramssagten: Die sozialen Leidenschaften haben den Kampf entfacht. und dieser Kampf birgt Gefahren in sich, deren Bedeutung erst di« nächsten Tage
Esse«, 11. März.
Der Gewerkverein christlicher Bergar- befter für das Ruhrrevier verbreitet ein Flugblatt. in dem et auf den Bergarbeiterstreik eingeht und erklärt, daß der Gewerkverein, trotzdem ihm von fozialdemokratischer Seit? sogar Vernichtung angedtoht werde, sich nicht für de« Streik erkläre, weil der Stteik in diesem Augenblick unverantwortlich und für die Arbeiterschaft schädlich fei. Auf der Hobertsburg bei Dortmund fand gestern nachmittag unter freiem Himmel eine BergarbetterverfamMlung statt, die von etwa zehntausend Personen besucht war. Reichstagsabgeordneter Sachse hielt ein Referat, in dem er bi« christlichen Arbeiterführer als Arbeiterverräter bezeichnete. In einer Versammlung zur Warnung gegen den Stteik, die vom christlichen Gewerkverein in Esse« veranstaltet wurde, erklärte gestern abend Redakteur Jmbusch, der jetzt beabsichttgte Streik solle in erster Linie dazu dienen, den christlichen Gewerkverein zu vernichten; die Lohnforderungen spielten nicht die Haupttolle. Der Reichstagsabgeordnete GiesbertS erklärte, die Bewegung in England bezwecke die Festsetzung eines Minimal- lohneS; in Deutschland dagegen spiele der Minimallohn nicht die Hauptrolle. Ein Stteik in Deutschland werde auch die Arbeiter schädigen- Zu einem Streik gehörten vierzig Millionen, während kaum vier Millionen Mark in bett Kaffen der drei Verbände zur Verfügung feien.
Unsere Mlomaten-
Graf Pofadowsky tmb der grüne Tisch.
Der Graf im Bart, den die Bielefelder ins Parlament des Reichs delegierten, hat schon in des jungen Reichstags Lenzestagen den Beweis erbracht, daß die Eigenschaft als Staatssekretär und Minister außer Dienste«, als Domherr und Ritter hoher Orden einen Wackern Mann nicht hindert, bas aus bett Händen der Wähler empfangene Manbat fo zu verwalten, baß weniger die Regierungsbank als die Oeffentlichkeit und der krittsch gestimmte Teil des .Hohen Hauses* ihre Freude an diesem Volk-Erwählten haben. Graf Posa- dowsky hat im neuen Reichstag oft und zu den verschiedensten Fragen gesprochen. .Zu ost': Grollen sogar Einige, in deren Vorstellung der Wert einer ganzen Persönlichkeit nur dann Raum hat, wenn der Größe des Geistes die Beharrlichkeit des Schweigens entspricht. Indessen, man darf mtt Genugtuung konstatieren, daß die politische Hypochondrie in dieser seltsamen Form nur selten den Oeffent- lichkeitbereich beunruhigt: Die große Mehrheit weiß die Verdienste besser zu würdigen, die der Naumburger Domherr und einstige Staatsminister sich grabe daburch um Reich unb Volk erwirbt, baß er seiner reichen Erfahrung
Bochum, 11. März. (Privat-Telegramm.) Im ganzen Bochumer Bezirk sind beute früh von 8100 5700 Bergleute einge- fahre«. Im Recklinghäuser Revier find ungefähr zwei Drittel der Frühfibicht eingefahren. Aus den GttnneS-Schächten in Essen find 68 Prozent der Hntertage- und 95 Prozent der Uebertaue-Schicht angefahren. Im Dortmunder Bezirk liegen die Verhältnisse roefentlim ungünstiger. Hier find nur W Prozent der Beleg- schäft angesah r«.
Au Brief aus Beirut.
Die Schilderung einer Caffelanerin.
Dl« Äanonabe oon Beirut hat bei alle« zk»tt»roSllrr»berechtlgte»Aufsehenherporger»fen. Sie hat gtrabe nicht vermocht, da» Ansehen der Italiener, ba» durch den vom Zaun gebrochenen $rtpbn»trteg schon bedenklich erschüttert roar, zu heben. Durch di« LiebenSwürdigkett eine» unserer Abonnenten wird un» nun ein Brief seiner in Beirut lebenden Verwandten, einer Dasseler Dame, die da» Bombardement mtteilebt hat, zur Verfügung gestellt. Wir geben die fegelnben Schilderungen, bte unsere Leser sicherlich interessieren bürsten, hier wieder:
... Die Zeitungen werden Euch sicherlich schon von den Begebenheiten in Beirut unterrichtet haben. Ich will Euch nur mitteilen, daß wir alle uns recht wohl befinden. Es war aber auch ein böser Tag. Leo hatte sich den Fuß vertreten und blieb auf Anraten des Arztes zu Haus, um sich ein paar Tage zu schone«. Wir lagen noch friedlich zu Bett und dachten an nichts Böses, als wir plötzlich einige Schüsse hörten. Doch regte uns das weiter nicht auf, ba etwas Schießerei vier sozusagen zum täglichen Leben gehört. Auf einmal kam Hermine herein unb rief hocherfreut aus: .Es sind zwei Kriegsschiffe da!* Leo meinte darauf scherzend: .Es werden doch nicht ttalienische sein?* Sie konnte ihm diese Frage aber nicht beantworten, ba sie keine Flaggen kennt. Leo sprang jedoch aus dem Bett und konstatierte durch sein Fernglas die Anwesenheit von zwei itahienifchen Kreuzern, die beide am Mtttelmast eine mächtige Kriegsflagge aufgezogen hatte«; die Flagge hing bis auf Deck herunter. Der Anblick der beiden Schiffe rief jedoch noch keine Befürchtungen in uns wach, und wir glaubten nicht, daß der Besuch ernste Folgen haben würde. Zunächst vermuteten wir eine einfache Blockade des Beiruter Hafens, denn daß man Beirut, eine offene Stadt ohne nennenswerte Garnison. beschießen würde, schien «ns vollkommen außer dem Bereich der Möglichkett zu liege« Leo legte sich schließlich wieder zu Bett, um seinen Kaffee zu trinke«; in der Aufregung behielt er jedoch den Hut auf. Hns anderen ließen die beiden Kriegsschiffe aber keine Ruhe; wir gingen auf die Terrasse, um ihre weiteren Bewegungen beobachten zu können. Die Schiffe hatten inzwischen einen andere« Standort eingenommen, sie lagen jetzt
in der Bucht von Beirut
in der Nähe des Hafens. Es war inzwischen neun Hhr geworden. Plötzlich sahen wir, wie aus den Kanonenrohren Feuergarb«« hervor- schossen, ein ohrenbetäubender Knall folgte und eine fürchterliche Kanonade setzte ein. Ganz deutlich sah ich große Wassersontäne« aus- spritzen. Gleichzeitig hörten wir trotz der großen Entfernung das Pfeifen der Granaten. Wir begaben uns jetzt schleunigst wieder nach unten, da wir uns auf der Terrasse nicht mehr sicher genug fühlten. Leo hatte gleich, nach- dem wir di« Schiff« g«feh«« hatten, da» Mäd-
Verkehr der Völker untereinander eine wuchtige Fried en sgarantie barftcHt, die sich meist tärler erweist, als ein Wald von Bajonetten oder eine Hölle t»» Kanonenschlünben. Die oft verhöhnte .Krämerpolitik* britischer Diplo- maten ist bk Schule einer w irtsch aftklu - gen Vertretung nationaler Interessen, unb ihr Erfolg beweist, baß sie bem Lanb, bem sie bient, förderlich gewesen ist.
Graf Posadowsky stellt nun die Grundfor- derung auf, daß unser diplomatischer Nachwuchs sich vor allen Dingen tüchtige wirt- chaftspolitifche Kenntnisse aneignen müsse, nm dem Reich auch aus diesem wichtigen Gebiet sachverständiger Berater sein zu können. Der Graf im Bart geht sogar so weit, bte (in unsrer Diplomatie als Hauptsache georderte) Fähigkeit zur Repräsentation wgenüber den großen Fragen unsrer Zeit als Nebensache zu charakterisieren. Seine Auffassung ist zweifellos richtig, denn der Diplomat von heute ist nicht mehr (wie ehedem) bet Kunbschafter oder Beauftragte seines Fürsten, sondern der Vertreter seine? Volkes im Ausland, und es ist nur bedauerlich, daß unsre Diplomatie es immer noch nicht vermocht hat, dieser natürlichen Entwicklung auch in ihrer Organisation Rechnung zu tragen. Die diplomatische Laufbahn ist heut in Deutschland ein Privileg der durch reich« Mittel zu g l ä n • zendster Repräsentation befähigten Klassen; die praktischen Anforderungen kommen erst in zweiter Linie. Daß auf diese Weise -nicht systematisch Intelligenzen herange- bilbet werden, leuchtet «in, und es ist deshalb die unabweisbare Voraussetzung jeglicher Reform unsres diplomatisch«« Systems, mit bem RePrSsentationsprinzig zugunsten der g e i st t - g e n Qualitäten des diplomatischen Apparats zu brechen, denn es ist tatsächlich wichti- der, baß ein Diplomat über die bewegenden Kräfte des Völkerhandels orientiert ist, als daß er mit Grazie Tennis oder Polo zu spiele« versteht! F. H.