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CaMer Wie Nchrichteil

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

2. Jahrgang.

Dienstag, 12. März 1912

Fernsprecher 951 und 952.

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 82

offenbaren werden.

-an.

Snferttonipretf« Di, tedjSgefrattene Zeile für einheimisch« «-schüft, 15 Pfg., für au», württge Inserate 25 Pf, ReName,eile für einheimisch« ««schüft« to Pf, für au»roä tilge ««schüft« 50 Pf. Beilagen für Me S-s-iata«Ilag« werden mit 5 Marl pro Tausend de. rechnet. Weg«» ihrer dichten BerdrUtnng in der Residenz NN» der Umgebung sind die Lafseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» gnferttoniorgan. «eschüftsstell«: Kölnische Strafte 5. Berliner Vertretung: SW, Kriedrtchstrafte 16, Telephon: Amt Moritzplatz 676.

Di« Tafseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend». Der AtoanementSprei» betrügt monatlich 50 Pfg. bet freier Zustellung in» Hauch. Bestellungen werde» jederzeit von der «eschüftSftelle oder den Bote» «ntgegengenommen. Druckerei, -U erlag und Redaktion: Echlachthosstrafte 28/80. Sprechstunden der Redaktion nur von 1 bi» 8 Uhr nachmittag», Sprechstunden der AuSkm,ft. Stelle: Jede» Mittwoch und Sonnabend von 6 bis 8 Uhr abend». Berliner Vertretung: SW, Friedrtchstr. 16, Telephon: Amr Moritzplatz «76.

Die von den Vertretern der drei Organisa­tionen unterzeichneten Forderungen lau­ten: 1. Erhöhung der Durchschnilts- l ö b n e für alle Arbeiter um fünfzehn Prozent und Besettigung der großen Lohnuntcrschiede für gleichartige Arbeiter; 2. Die Abschlagszah­lung hat am 25. des laufenden, die Restlohn- zahlung am 10. des folgenden Monats zu er­folgen; 3. Achtstündige Schichtzeii, siebenstündige Schichtzeit bei plus 22 Grad Celsius, sechsstündige Schichtzeit bei Plus 28 Grad Celsius; 4. lieber» und Rebenschichten dürfen nur bei Unfällen, Betriebsstörungen oder zur Rettung von Menschenleben und Pferden verfahren werde«; 5. In den Kolonie­wohnungen ist die sonst übliche einmonat­lich« Kündigung einzufichren, den Mie­ter« volle Bewegunasfreiheit inbezug auf Or-

Karnpfstkmrnung «vd Vtreikbeschlutz.

(Privat-Telegramm.)

Herne L W, 11. März.

Die entscheidende Revierkonserewz, an der annähernd insgesamt sechshun­dert Bergarbeiterdelegierte aus allen Tellen des Ruhrgebiets teilnahmen, fand hier am ge- strigen Vormittag statt. ReichstagSabgeord- neter S a ch s e, der Vorsitzende des alten Berg­arbeiterverbandes, leitete die Versammlung und berichtete über die einzelnen Phasen der Bewegung. Grundsätzliche Gegner des Streiks waren nicht vorhanden. Alle Red­ner vertraten entschieden die Meinung, daß der jetzige Augenblick für die Eröffnung des Kampfes günstiger als je sei. Rach fünfstündiger, mit großer Ruh« und Sachlich­keit geführten Debatte wurde zur Abstimmung geschritten: 507 Delegierte stimmten für den sofortigen Eintritt in den Streik. 74 sprachen sich dagegen aus; 2 Stimmen waren un- giltig. Der Entschluß zum sofortigen Eintritt in den Streik war also mit überwältigender Stimmen-Mehrheit gefaßt. Rach der Annahme der Resolution erklärten auch die Delegierten, die vorher gegen den Streik gestimmt hat­ten, einmütig, sie würden sich dem Beschluß natürlich unterwerfen und nun ebenfalls Mr die Niederlegung der Arbeit bei den von ihnen vertretenen Organisationen eintreten. Tie gestrigen Bergarbeiterversammlungen wa­ren insgesamt von etwa hundertdrei- ßigtausend Bergleuten besucht.

Die Forderungen der Bergleute.

(Privat-Telegramm.)

Herne L W, 11. März.

Der Kamps im Ruhrrevier

Ein allgemeiner deutscher Bergarbeiterfk-eik in Sicht?

ganisationszugehörigkeit und Wareneinkauf zu gewähren; 6. Umwandlung des bestehenden Arbeitsnachweises in einen paritä­tischen. Aufhebung des noch für Nachbar­zwecke bestehenden Systems; 7. Einschränkung des Strafwesens. Strafen über eine Mark be­dürfen der Zustimmung des Arbeiterausschus- ses; 8. Errichtung eines paritätisch zusammen­gesetzten Schiedsgerichtes mit einem un­parteiischen Vorsitzenden zur Schlichtung von Streitigkeiten; 9. Errichtung von Ausschank­stätten für alkoholfreie Getränke aus den Zechenplätzen.

Der heutige Beginn des Streiks.

(Privat-Telegramm.)

Dortmund, 11. März.

Der Streik im Ruhr-Revier hat heute früh begonnen, doch ist die Arbeitseinstellung nicht s o a l l g e m e i n, als man angenommen hatte. Im Dortmunder Bezirk streiken seit heute früh f ü n f z i g P r o z e n t und in den übrigen Be­zirken etwa zwanzig Prozent der Arbei­ter. Auf der linksrheinischen Seite ist die Zif­fer noch niedriger. Im Streikrevier ist die öffentliche Meinung diesmal nicht auf Sei­ten der ausständigen Bergleute. Die Kauf­leute weigern sich, im Gegensatz zu ihrer Hal­tung bei dem letzten großen Ausstande, die Bergleute durch Kreditieren zu unterstützen. Von dem AuSstand ist nach allgemeiner Heber- zeugung für die Bergarbeiter wenig Gün­stiges zu erhoffen, da die Regierung kaum materiell eingreifen wird. Im Landkreise Dortmund ist die Stimmung sehr erregt. Gestern abend wurde ein Reviersteiger von der Zeche »Maasen* auf dem Wege zur Arbeit von Ausständigen angegriffen und miß­handelt. Er konnte nu^unter Bereitung eines Polizeiaufgebotes sich zur Zeche begeben. Schlimmer noch erging es einem polnischen Berg arbeite», der auf dem Wege zur Zeche .Scharnhorst* überfallen und derartig zu­gerichtet wurde, daß er schwer verletzt darnieder liegt. Sämtliche Zechen verfahren von heute morgen an nur noch eine Schicht von sieben Uhr vormittags bis vier Uhr nach­mittag«. Einzelne Bergarbeiterführer erklär­te«, daß der Bergarbeiterausstand in Sach­sen und Schlesien gleichfalls für diese Woche bestinnnt zu erwarten sei.

Bte christlichen Bergarbeiter.

(Privat-Telegramm.)

oft und nachdrücklich Worte leiht.

Wir danken es in erster Linie dem Erwähl­ten der Bielefelder, daß bei der Etatberatung im Reichstag das osterörterte und noch öfter betrauerte Kapitel der Diplomaten-Aus- bild««« diesmal unter Gesichtspunkten be­handelt worden ist, die die Regierung unmög­lich ignorieren kann, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen will, mit ihrer oft wiederhol­ten Zusage einer grundlegenden Reform unserS | diplomatischen Systems nicht mehr ernst ge­nommen zu werden. Es ist der Sache wenig forderlich, die Misere unsrer Diplomatie vom einseitig-parteipolitischen Standpuntt aus zu geißel« und den Boden für eine Reform mit ein paar Schlagworten zu ritzen. Es muß | tiefer gegraben werden, denn es handelt sich hier um eine Frage, oder bester gesagt: Um ein Problem, von dessen glücklicher oder un­geschickter Lösung für das Reich mancherlei ab- hängt. Fragen der Art muß man vom Stand­punkt nüchterner Zweckmäßigkeit aus behandeln, und der Erste, der dies im Parla­ment des Reichs, unbeirrt von irgendwelchen parteilichen Wünschen und Rücksichten, gewn, war Graf Pofabowsky, dessen Kritik am System unsrer Diplomatie daS Hebel an der Wurzel traf.

Der Minister außer Diensten, der in einer langen Amtspraxis Gelegenheit hatte, Licht und Schatten scharf zu unterscheiden, und von dem die Anekdote erzählt, daß er ein Fanatiker im Hatz wider Schein und leere Form sei, rügte in erster Linie die Ausbil­dung unsres diplomatischen Nachwuchses, die noch ganz im System der alten Schule wurzle und an den Forderungen des Jahr­hunderts der wirtschaftlichen Entwick­lung achtlos vorübergehe. Man braucht wirk- stch nicht darüber im HnNaren zu sein, daß es für den modernen Diplomaten ungleich wich­tiger ist, zu wissen, wie die Produktions und Handelsverkehrsverhältnisse der Staaten sich entwickelt haben und wie ihre Wechselwir­kungen in den Strömungen des internationalen wirtschaftlichen Lebens sich offenbaren, als sein Hirn mit einer Rekapitulation der Vertrags­daten zu beschweren, die die Bände der Ge­schichte des achtzehnten und neunzehnten Jahr Hunderts stillen. Daran mangelts aber leider: Dir Wirtschaftsrunde ist der Mehrzahl unsrer Diplomaten ein Buch mit sieben Sie­geln, und da man infolgedessen am grünen Tisch den Fraaen des wirtschaftlichen Lebens in den wesentlichsten Punkten verständnislos gegenübersteht, kann es eigentlich nicht wun­dern, daß (um ein Beispiel aus n e it e ft e r Zeit anzuführen) unsre Industrie in Helles Entsetzen ausbrach, als die deutsche Diplo- matte den Handelsvertrag mit Portugal heimbrachte! , .

Die Politik der Völker und Reiche wird tm zwanzigsten Jahrhundert nicht mehr von dy­nastischen Ideen bestimmt; auch die Eroberer- Politik ist heut (in ihrem frühem Sinne wenig­stens) nicht mehr denkbar, denn die tatsäch­lich treibende und bewegende Kraft des in­ternationalen polittfchen Völkerverkehrs ist das wirtschaftlich« Interesse, das letzten Endes auch über Krieg und Frieden entscheidet. Auf das wittschastliche Prinzip ist überhaupt die gesamte, moderne Entwicklung ,gestimmt, und wenn man darin, ethisch be- ttachtet, auch eine Härte erblicken kann, so läßt sich doch nicht leugne«, daß daS gewaltige Hebergewicht wirtschaftlicher Juteresse« im

Die Würfel sind gefallen, und si« haben für den Kampf entschieden! Wie die .Cas­seler Neuesten Nachrichten* bereits gestern nachmittag durch Extrablätter melden konnten, beschloß die am Sonntag in Herne L W. versammelte Revier-Konferenz der drei Bergarbeiter-Verbände mit sünshundersieben gegen vierundsiebzig Stimmen, am Montag früh mit dem Streik auf allen Gruden des Ruhr-Reviers zu beginnen. Mutzt« es so kommen? Gab es kein Mittel, einen Kampf zu vermeiden, bei dem (mag er ausgehen, wie er will) beide Parteien für lange Zeit schwer geschädigt werden, die gesamte Volks­wirtschaft Millionenverluste erleidet und die im Augenblick gute Konjunktur wahrscheinlich einen Stoß erleiden wird, der sie zum Zusam­menbruche führen muß? Es ist auch hier wie­der so gekommen, daß die Parteien zu den Waffen greifen, nicht, weil von einer Seite unerfüllbare Forderungen gestellt, aus der an­deren Seite alles schroff abgewiesen wird, sondern weil die Parteien gar nicht auf Rufweite sich nähern, weil zwischen beiden eine Kluft gähnt, die niemand über­brücken kann ober will. Die Zechenverwaltun­

gen lehnen eS ab, mit dem Gewerk- fchastsdreibund zu verhandeln, sie sind aber bereit, mit den Arbeiterausschüs­sen über die Forderungen zu sprechen. Die Verbände lehnen es wieder ab, die Ark> ei - terausschüsse zu Trägern des Einigungs- Willens zu machen, und die Zechenbesitzer be­rufen sich darauf, daß nur «in Teil ihrer Arbetter in den ihnen feindliche« Gewerkschaf­ten organisiert ist. Der ander« Teil, die christlichen Gewerkfchaften, und di« Nicht­organisierten stellen nicht nur keine Forderun­gen, fondern nehmen fogar scharf Stellung gegen den Streik. Di« Gefahr ernstlicber Komplikationen liegt also naher als je, und es ist also s o gekommen, wie wir eS vor eini­gen Tagen in unserm Leitartikel .Stürme aus England?' voramssagten: Die sozialen Leidenschaften haben den Kampf ent­facht. und dieser Kampf birgt Gefahren in sich, deren Bedeutung erst di« nächsten Tage

Esse«, 11. März.

Der Gewerkverein christlicher Bergar- befter für das Ruhrrevier verbreitet ein Flug­blatt. in dem et auf den Bergarbeiterstreik eingeht und erklärt, daß der Gewerkverein, trotzdem ihm von fozialdemokratischer Seit? sogar Vernichtung angedtoht werde, sich nicht für de« Streik erkläre, weil der Stteik in diesem Augenblick unverant­wortlich und für die Arbeiterschaft schäd­lich fei. Auf der Hobertsburg bei Dortmund fand gestern nachmittag unter freiem Himmel eine BergarbetterverfamMlung statt, die von etwa zehntausend Personen besucht war. Reichstagsabgeordneter Sachse hielt ein Re­ferat, in dem er bi« christlichen Arbeiterführer als Arbeiterverräter bezeichnete. In einer Versammlung zur Warnung gegen den Stteik, die vom christlichen Gewerkverein in Esse« veranstaltet wurde, erklärte gestern abend Redakteur Jmbusch, der jetzt beabsichttgte Streik solle in erster Linie dazu dienen, den christlichen Gewerkverein zu ver­nichten; die Lohnforderungen spielten nicht die Haupttolle. Der Reichstagsabgeordnete GiesbertS erklärte, die Bewegung in Eng­land bezwecke die Festsetzung eines Minimal- lohneS; in Deutschland dagegen spiele der Mi­nimallohn nicht die Hauptrolle. Ein Stteik in Deutschland werde auch die Arbeiter schä­digen- Zu einem Streik gehörten vierzig Millionen, während kaum vier Mil­lionen Mark in bett Kaffen der drei Ver­bände zur Verfügung feien.

Unsere Mlomaten-

Graf Pofadowsky tmb der grüne Tisch.

Der Graf im Bart, den die Bielefelder ins Parlament des Reichs delegierten, hat schon in des jungen Reichstags Lenzestagen den Beweis erbracht, daß die Eigenschaft als Staatssekretär und Minister außer Dienste«, als Domherr und Ritter hoher Orden einen Wackern Mann nicht hindert, bas aus bett Hän­den der Wähler empfangene Manbat fo zu verwalten, baß weniger die Regierungsbank als die Oeffentlichkeit und der krittsch gestimmte Teil des .Hohen Hauses* ihre Freude an die­sem Volk-Erwählten haben. Graf Posa- dowsky hat im neuen Reichstag oft und zu den verschiedensten Fragen gesprochen. .Zu ost': Grollen sogar Einige, in deren Vorstel­lung der Wert einer ganzen Persönlichkeit nur dann Raum hat, wenn der Größe des Geistes die Beharrlichkeit des Schweigens ent­spricht. Indessen, man darf mtt Genugtuung konstatieren, daß die politische Hypochondrie in dieser seltsamen Form nur selten den Oeffent- lichkeitbereich beunruhigt: Die große Mehrheit weiß die Verdienste besser zu würdigen, die der Naumburger Domherr und einstige Staats­minister sich grabe daburch um Reich unb Volk erwirbt, baß er seiner reichen Erfahrung

Bochum, 11. März. (Privat-Tele­gramm.) Im ganzen Bochumer Bezirk sind beute früh von 8100 5700 Bergleute einge- fahre«. Im Recklinghäuser Revier find un­gefähr zwei Drittel der Frühfibicht eingefahren. Aus den GttnneS-Schächten in Essen find 68 Prozent der Hntertage- und 95 Prozent der Uebertaue-Schicht angefahren. Im Dortmunder Bezirk liegen die Verhältnisse roefentlim ungün­stiger. Hier find nur W Prozent der Beleg- schäft angesah r«.

Au Brief aus Beirut.

Die Schilderung einer Caffelanerin.

Dl« Äanonabe oon Beirut hat bei alle« zk»tt»roSllrr»berechtlgte»Aufsehenherporger»fen. Sie hat gtrabe nicht vermocht, da» Ansehen der Italiener, ba» durch den vom Zaun gebrochenen $rtpbn»trteg schon bedenklich erschüttert roar, zu heben. Durch di« LiebenSwürdigkett eine» unserer Abonnenten wird un» nun ein Brief seiner in Beirut lebenden Verwandten, einer Dasseler Dame, die da» Bombardement mtteilebt hat, zur Verfügung gestellt. Wir geben die fegelnben Schilderungen, bte unsere Leser sicherlich interessieren bürsten, hier wieder:

... Die Zeitungen werden Euch sicherlich schon von den Begebenheiten in Beirut unter­richtet haben. Ich will Euch nur mitteilen, daß wir alle uns recht wohl befinden. Es war aber auch ein böser Tag. Leo hatte sich den Fuß vertreten und blieb auf Anraten des Arztes zu Haus, um sich ein paar Tage zu schone«. Wir lagen noch friedlich zu Bett und dachten an nichts Böses, als wir plötzlich einige Schüsse hörten. Doch regte uns das weiter nicht auf, ba etwas Schießerei vier so­zusagen zum täglichen Leben gehört. Auf ein­mal kam Hermine herein unb rief hocher­freut aus: .Es sind zwei Kriegsschiffe da!* Leo meinte darauf scherzend: .Es werden doch nicht ttalienische sein?* Sie konnte ihm diese Frage aber nicht beantworten, ba sie keine Flaggen kennt. Leo sprang jedoch aus dem Bett und konstatierte durch sein Fernglas die Anwesenheit von zwei itahienifchen Kreu­zern, die beide am Mtttelmast eine mächtige Kriegsflagge aufgezogen hatte«; die Flagge hing bis auf Deck herunter. Der Anblick der beiden Schiffe rief jedoch noch keine Befürch­tungen in uns wach, und wir glaubten nicht, daß der Besuch ernste Folgen haben würde. Zunächst vermuteten wir eine einfache Blockade des Beiruter Hafens, denn daß man Beirut, eine offene Stadt ohne nennenswerte Garni­son. beschießen würde, schien «ns vollkommen außer dem Bereich der Möglichkett zu liege« Leo legte sich schließlich wieder zu Bett, um seinen Kaffee zu trinke«; in der Aufregung behielt er jedoch den Hut auf. Hns anderen ließen die beiden Kriegsschiffe aber keine Ruhe; wir gingen auf die Terrasse, um ihre weiteren Bewegungen beobachten zu können. Die Schiffe hatten inzwischen einen andere« Standort eingenommen, sie lagen jetzt

in der Bucht von Beirut

in der Nähe des Hafens. Es war inzwischen neun Hhr geworden. Plötzlich sahen wir, wie aus den Kanonenrohren Feuergarb«« hervor- schossen, ein ohrenbetäubender Knall folgte und eine fürchterliche Kanonade setzte ein. Ganz deutlich sah ich große Wassersontäne« aus- spritzen. Gleichzeitig hörten wir trotz der gro­ßen Entfernung das Pfeifen der Granaten. Wir begaben uns jetzt schleunigst wieder nach unten, da wir uns auf der Terrasse nicht mehr sicher genug fühlten. Leo hatte gleich, nach- dem wir di« Schiff« g«feh«« hatten, da» Mäd-

Verkehr der Völker untereinander eine wuchtige Fried en sgarantie barftcHt, die sich meist tärler erweist, als ein Wald von Bajonetten oder eine Hölle t»» Kanonenschlünben. Die oft verhöhnte .Krämerpolitik* britischer Diplo- maten ist bk Schule einer w irtsch aftklu - gen Vertretung nationaler Interessen, unb ihr Erfolg beweist, baß sie bem Lanb, bem sie bient, förderlich gewesen ist.

Graf Posadowsky stellt nun die Grundfor- derung auf, daß unser diplomatischer Nach­wuchs sich vor allen Dingen tüchtige wirt- chaftspolitifche Kenntnisse aneig­nen müsse, nm dem Reich auch aus diesem wich­tigen Gebiet sachverständiger Berater sein zu können. Der Graf im Bart geht sogar so weit, bte (in unsrer Diplomatie als Hauptsache ge­orderte) Fähigkeit zur Repräsentation wgenüber den großen Fragen unsrer Zeit als Nebensache zu charakterisieren. Seine Auffas­sung ist zweifellos richtig, denn der Diplomat von heute ist nicht mehr (wie ehedem) bet Kunbschafter oder Beauftragte seines Fürsten, sondern der Vertreter seine? Volkes im Ausland, und es ist nur bedauerlich, daß unsre Diplomatie es immer noch nicht vermocht hat, dieser natürlichen Entwicklung auch in ihrer Organisation Rechnung zu tragen. Die diplo­matische Laufbahn ist heut in Deutschland ein Privileg der durch reich« Mittel zu g l ä n zendster Repräsentation befähigten Klassen; die praktischen Anforderungen kommen erst in zweiter Linie. Daß auf diese Weise -nicht systematisch Intelligenzen herange- bilbet werden, leuchtet «in, und es ist deshalb die unabweisbare Voraussetzung jeglicher Re­form unsres diplomatisch«« Systems, mit bem RePrSsentationsprinzig zugunsten der g e i st t - g e n Qualitäten des diplomatischen Apparats zu brechen, denn es ist tatsächlich wichti- der, baß ein Diplomat über die bewegenden Kräfte des Völkerhandels orientiert ist, als daß er mit Grazie Tennis oder Polo zu spie­le« versteht! F. H.