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COlerNeueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

2. Jahrgang

Sonnabend, 9. Marz 1912 >

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Nummer 80

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Set Sßd-ol entdeckt!

Amundscn oder Scott der Entdecker?

Depeschen aus Christiania melbc«, daß Kapitän Anrnndse« den Südpol tatsächlich er­reicht hat. Sein erster kurzer Bericht wird erst heute veröffent­licht werde«. Den Vorstoß gegen dem Südpol hat Amundsen mit acht Begleite» unternommen. DieFram" mit de« llebrigeu hat die ander« an der großen Eis­barre abgeholt. Entgegen der Meldung aus Christiania erhält der Londoner »Daily Expreß" aus Wellington (Neuseeland) die telegraphische Nachricht, Amund­sen habe telegraphiert, Kapitän Scott habe de« Südpol er- r ei cht.Bei dem Londoner Komitee de« antarktischen Expedition und bei Frau Scott find bisher keiner­lei neue Nachrichten eingegangen.

Auch das zwanzigste Jahrhundert birgt noch Erdenrätsel, deren Lösung der Kraft des Menschengeists siegreich widerstand. Elek­trizität und Dampf. Luftschiff und Riesen­dampfer durchqueren die Oberfläche unsres Planeten nach allen Richtungen, Wüsten und Meere trennen längst nicht mehr Völker und Länder, und der moderne Weltverkehr be­herrscht Wasser, Luft und Erde in einer Voll­kommenheit, die noch vor einem Jahrzehnt der kühnste Traum nicht fassen konnte. Die Erde ist heut klein geworden: In wenig mehr als vier Wochen bewälttgt die Hast des zwanzig­sten Jahrhunderts mit den Hilfsmitteln mo­dernster Verkehrstechnik den Kreislauf um ihre Oberfläche, und eine Weltreise rund um die Erde hat heute nur noch die Bedeutung eines interessanten Sport-Ereignisses. Aber selbst den dämonischen Mächten der gewalftgen Kultur- Entwicklung unsrer Zeit sind Grenzen gesteckt, und die Dämme, die sich ihrer Herrschaft ent­gegenstemmen, stnd die Eiswüsten am nörd­lichen und südlichen Pol unsres Planeten. Seit Fritjof Nansens Heldenfahrt durch Nacht und Eis ist zwar das Geheimnis des nörd­lichen Pols dem Menschengeist teilweise ent­schleiert, aber auch nur teilweise, denn wir haben erst gestern in unsrem Artikel: »Das Ge­heimnis des Pols" die interessante Hypothese von dem Vorhandensein eines großen Fest­lands am Nordpol erwähnt, dessen sichere Feststellung bisher nicht möglich gewesen ist.

Gänzlich tm Dunklen liegt dagegen noch das Rätsel des Südpols. Ein geheimnis­voller Zauber von Finsternis und Schrecken umweht seine nebligen Einöden, die nichts bie­ten, was die Kultur des Erdenmenschen nur um einen Schritt weiterführen könnte. Es ist die uralte Wikingerphantafie, die uns im Blut gärt und die besten Männer hinuntettreibt an den Nabel der Welt, wo in wilder, schauriger Einsamkeit der sechste Erdteil in mürrischem Schweigen träumt. Unermeßliche Wette der Wissenschaft lagern dott, Millionen an matett- ellen Wetten vielleicht birgt das Meer, das an der blasigen Lava der antarttischenJnselmassive brandet. Entsetzliche Extreme bitten sich dem Auge des kühnen Forschers. Gewaltige, kochende Vulkane ragen aus ewigem Eis her­vor und ihr weißer Schneemantel zeigt einen Saum von Rauch und Flammen, ein unhttm- liches, kosmisches Leben. Es lockt die Men- fchenphantasie und den Forschungseifer der Wissenschaft, dieses schaurig-majestättsche Ge­heimnis jungfräulicher Erden-Einsamkeit zu ergründen, und es scheint, daß es nun endlich, nach jahrhundertelangen Mühen, gelungen ist, auch des Südpols Dunkel dem Menschenauge zu erschließen.

Der Norweger Roald Amundsen ist in Tasmanien (südlich von Australien), auf der Rückreise aus den Südpolargewäffern, ringe« troffen, und wenn auch ein genauer Bericht über die Ergebnisse seiner Fahrt noch nicht vorliegt, so berechtiaen doch die inzwischen be­kannt gewordnen Nachrichten zu der Annahme, daß das kühne Unternehmen des norwegischen Kapitals, der vor zwei Jahren die Fahrt zum Südpol 'antraf, nicht erfolglos gewesen ist. Als et; «v- Juni neunzehnhundertzehn zur Reise inLTüe Einöden am südlichen Pol auf­brach, versprach er, daß man nach zwei Jah­ren, im Februar oder März neunzehnbundert- zwölf, von ihm hören werde. Er hat sein Wort gehalten, und wenn der Erfolg seines kühnen Unternehmens den Hoffnungen ent­spricht, die Amundsen selbst auf seine Fahrt setzte, dann ha» er ein Werk vollbracht, das sich würdig anreiht an die größten Leistun­gen menschlicher Kraft und männlicher Energie. Die bisher vorliegenden Nachrichten geben

zwar noch kein klares Bild von dem praktischen Ergebnis dec Expedition, aber es darf doch als sicher gelten, daß das Geheimnis des Süd­pols unsrer Erkenntnis näher gerückt worden ist. Und schon das allein ist ein Verdienst, das den Namen Roald Amundsen dem Reich der Großen unter den Sterblichen zuweist!

F. H. i *

®te Heimkehr Amundsen«.

(Telegraphische Meldungen.) Christiania, 8. März.

Hier eingetroffene Depeschen bestätigen, daß Kapitän Amundsen auf der Rückreise von seiner Südpol-Fahrt am Mittwoch in Hobbartstownin Tasmanien (südlich von Australien) ein getroffen ist. Es verlautet, daß Amundsen den Südpol erreicht hat. Er soll in den letzten Tagen des November dott eingetroffen fein. Den ersten ausführlichen Be­richt wird er dem König von Norwegen darüber erstatten. In Christtania herrscht über, all freudige Bewegung über den Erfolg Amundsens. Kapttän Roald Amundsen wurde 1872 geboren, steht also im vierzigsten Lebens­jahr. Durch die Entdeckung der nordwestlichen Durchfahtt und des magnetischen Nord­pol s ist er in die erste Reihe der Polarforscher gerückt. Die Krönung seines Lebenswettes sollte die große Expedition bilde«, die er neun- zehnhundettzehn angttreten hat. Amundsen erklärte seinerzeit beim Antritt der Fahtt, daß man im Februar oder März dieses Jahres. heres von ihm hören werde. Seine Prophezei­ung hat sich also glänzend erfüllt. Parallel zu seiner ging die Fahrt des Engländers Scott, der «ach der einen Version des Emtdeckcrs des Südpols sein soll. Es dürste noch in aller Er. inncrung sein, daß gegenwärtig auch eine deuffchc Expedition, die des Oberleutnants Filchner, jenen Regionen zustrebt. Schon Ende Februar wurden in Christiania Rachttch. icn über den bevorstehende« glücklichen Aus­gang der Amundsensche« Expcditton erwartet, doch blieben damals alle Meldungen aus.

Der 3uz zum Südpol.

Von drei Erdteilen, von Amerika, Afrika und Australien aus, ist der Südpol erreich­bar. Indessen sind von Südafrika, btt der enormen Enffernung bis zum Pol, nur wenige Expedttionen ausgegangen. Auch die Südspitze Amerikas, das unwirtliche Feuerland, ist selbst zu weit abgelegen von den Kulturzentren. Die große Bresche in den Eiswall, der de« Südpol schirmend umschließt, ist von Australien aus ge­legt worden. Am Polareis wurde die rie. sige Küstenstrecke des WilkesLands ent« deckt. Und weit hinaus über diese Linie ist Kapitän Scott gelangt, der von 1901 bis 1904 die glänzende Fahrt auf derDiscovery" machte. Nicht weit vom achtzigsten Breiten­grad fand er das König-Eduard III. - Land, und östlich davon stellte er auf Schlitt renfahtten die gewaltigen Hochgebirge von Victoria-Land fest. Es ist ihm schließlich ge­lungen, den achtzigsten Parallelkreis noch er­heblich zu überschreiten. Etwa zur gleichen Zeit wie Scott drang E. von D o yg a lski mit der ,Gauß" von Osten her gegen den Pol vor. Er gelangte von den Kerguelen aus eüva bis zum Polattreis, wo er das Kaiser-Wilhelm 11.. L a n d entdeckte. Alle ftüheren Rekorde schlug dann im Jahre 1909 der englische Leut­nant Shackleton, der den südlichsten Punkt Scotts weit hinter sich ließ und bis auf einund­zwanzig Meilen in die Nähe des Pols gekom­men ist. Dott zwang ih« die Macht der Ver. hältnisse, mnzukehren, wie einst Nansen tm Norden. Trotzdem erregte feine Fahrt in der gesamten Kulturwelt das stärkste Aufsehen.

Christiania, 8. März. (Privat-Telegramm). Die Zeitung««Aftenposten" und »Tiden- ftegn*, haben folgendes vorn 7. März 1 Ähr 40 Minte« früh datiertes Tele» grarnrn ans Hobbartstow« erhalte« r Amundsen hat zwischen dem 14. und 17. Dezember 1911 be« Südpol er» reicht. An Bord der Fram ist alles wohl!

Der Tag der ßutlcheldung.

Tie heutige Präsidentenwahl im Reichstag. (Telegramm unsers Korrespondenten)

Berlin, 8. März.

Das Zentrum hielt gestern nach SMuß der Plenarsitzung eine Fraktionssttzung ab, um Stellung zu der heute stattfindenden Neuwahl des Reichstagspräsidiums zu neh­me«. Die Sitzung war mir von kurzer Dauer, und über ihr Ergebnis Wird Stillschwei­gen bewahtt. Tie nationalliberal« Fraktion des Reichstags hielt erst heute vor- mfttag die enffcheidende Sitzung ab. deren Re­sultat indessen ebenfalls geheimaehalten wird. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, wird, wenn überhaupt noch vor Bcainn des Wahlaktes

eine Klärung zu erwarten ist, diese erst im letzten Augenblick eintreten. Am wahr- chrinlichstcn aber ist, daß es der Wahlhand­lung selbst Vorbehalten bleibt, dem Chaos der Konstellationen rin Ende zu bereften.

Bor dem Gemralftreik?

Die Streik-Krise im Ruhr-Revier.

Die Lage im Ruhrrevier ist nach wie vor außerordentlich gespannt und die Gefahr des Streikausbruchs hat sich eher vergrößert als vermindert. Der Akttonsausschutz der drei Bergarbeiterverbände, des sogenannten Drei­bundes, hat gestern in Bochum wieder den ganzen Tag über verhandelt. Heber das Re- ultat seiner Beratungen wird vorläufig Stillschweigen bewahtt. Die , Entschei­dung darüber, ob in den «streit eingetreten werden soll, fällt in den am Sonntag einzube­rufenden ösfentlichen Versammlungen. Die evangelischen Arbeiterverbände haben in­zwischen gegen einen Streik Stellung genom­men und ihre Mitglieder aufgefordert, sich nicht daran zu beteiligen. In Zechenkreisen sieht man übrigens dem drohenden Ausbruch eines Bergarbeiterstreiks mit ziemlicher Ruhe ent­gegen, da im Ruhrgebitt erhebliche Lagervor­räte vorhanden sind.

Die Regierung greift ein!

(P r i v a t - T e l e g r a m m.)

Berlin, 8. März.

Gestern mittag hat der Staatssekretär des Innern, Dr. Delbrück, alle Reichstagsabge­ordneten, die den Bergarbeitern nahestehen, zu einer Besprechung zu sich gebeten. An der Konferenz nahmen teil die Abgeordneten Behrens (Wirtschaft!. Vereinigung), Gies- berts (Zentrum), Sachse (Sozialdemokrat), Sosinski (Pole) und der frühere Wgeord- nete Hue. Ueber das Ergebnis der Verhand­lungen wird streng st es Stillschw eigen bewahtt. Es verlautet aber, daß von den Teil­nehmern an der Konferenz der Standpunkt ver- treten würde, daß btt einzig gangbare Weg, um «den Ausbruch des Streiks zu vermeiden, der sei, daß die Regierung die Grubenbesitzer veranlasse, ihrerseits die ArbeiterauSschüffe einzuberufen, um ihnen eine bindende Zu­sage über die Lohnbewegung zu machen. An­dererseits wäre jedenfalls der Streik unver­meidlich.

Mesenstreik und Teuerung.

(Privat-Telegram m.)

London, 8. März.

Am Sonntag nachmtttag drei Uhr werden die Eisenbahner in Löndon auf dem Trasal- gar-Sguare rin Meeting abhalten, in dem sie einen Beschluß fassen wollen über die Hal­tung ihrer Verbände gegenüber dem Koh­lenarbeiterstreik und über die Wege, tote den Kohlenarbeitern entgegenzukommen ist. Ueber die Absichten der Eisenbahner ist bisher nichts bekannt. Inzwischen macht sich in England, ganz besonders aber im Riesen- gebitt von London, der Streik durch das Steigen der Lebens mittelpreisc empfindlich bemerkbar. Schon jetzt beginnen in London die Fischvorräte sehr knapp zu werden und die Preise ansehnlich zu stei­gen. In wenigen Tagen dürften die Fischvor- räte Londons ganz aufgezehrt fein, ohne daß die Hoffnung besteht, während des Kohlen­arbeiterstreiks neue Ware anzubringen. Die Bevölkerung sieht der Weiterenttvickelung des Ausstandes mit steigender Sorge ent­gegen.

Am Vorabend des Streiks.

Aus DuiSburg wird uns telegraphisch gemeldet: Aus Anlaß der gespannten Situ- atton im Ruhrgebiete werden tm Schiffahrts­verkehr Vorsichtsmaßregeln getroffen. So wird auf der Ruhrorter «Schiffsbörse nur in den Chatterpartien für Schiffe nach den Niederlanden bereits die StreiMausel ausge­nommen, um die Zahlung von Liegetagen zu vermeiden. Die Kohlenlager werden ver - stärkt. Auf den hiesigen und den benachbar­ten Zechen gehen die Arbeiten vorläufig ihren normalen Weg, doch ist in den «triften Zechen die Förderleistung der Belegschaften erheblich gesunken. In Arbetterkreisen ist man fest da­von überzeugt, daß am Montag der Streif in vollem Umfang beginnen wird, und es hetßi auch, daß seitens der Organisationen alle Vor­bereitungen getroffen worden sind, um in wirt­schaftlicher Beziehung beim Ausbruch des Streiks die Stteikenden ausreichend unter­stützen zu können.

khina unter Staats Rorrtrsüe?

Nuanschikai als Präsident machtlos!

Ein Privat-Telegramm meldet uns aus R e w y o r k: Die Nachrichten aus Chi- na tauten fortgesetzt sebr ungünstig, so- datz von Manila weitere tausend Monn Truppen dortbin sich begebe« werden. Ja­pans Vorschlag, China unter internatio­

nale Finanzkontrolle zu stellen, die die nötigen Fonds zur Auszahlung des Sol­des an die Truppen und zur Durchführung der nötigen Reformen zur Verfügung stellen 'oll, wird in der japanischen Presse vielfach un­terstützt, weil die Fähigkeit Huanschikais, die Situation zu bewältigen, ernstlich b e - zweifelt wird. Die Lage gestaltet sich mit Zedern Tage kritischer.

Rach Sibirien verbannt!

Das Urteil im Czcnftochaucr Prozeß.

(Bericht unsers Korrespondenten.)

Petrikau, 8. März.

Rach neuntägiger Verhandlung ging gc-> 'tern der Macoch-Prozeß zu Ende. Wie­derum hatte sich ein äußerst zahlreiches Publi­kum zu den Verhandlungen eingefunden, die kurz nach drei Uhr nachmittags wieder aufge- nommen wurde, nachdem das Gericht die gan­ze Rächt und den gestrigen Vormittag zur Be­ratung des Urteils gebraucht hatte. Reben zahlreichen Damen sah man im Zuschauerraum auch viele Offiziere, höhere Beamte und Vertreter der griechisch-orthodoxen und römisch-katholischen Geistlichkeit. Hinter dem Gerichtstisch hatten sämtliche dienstfreien Richter und Beamte sowie die Advokaten des Petrikauer KrriSgerichts und die Vettretcr des russischen Justtzministers und des Kultus­ministers Platz genommen. Auch aus Lodz und Warschau waren zahlreiche höhere Beam­te gekommen, um dem Schlußakt der Tragö­die, die im Kloster von Jasna Gora begonnen hat und nunmehr ihren forensischen Abschluß finden sollte, beizuwohnen, sodaß weit über tausend Personen den Gerichtssaal und die Korridore füllten. Das zahlreich aufgebotene Militär und die Polizei, sowie die Gerichtsbe­amten hatten Mühe, das Publikum in Schran­ken zu halten. Die Angellagten befanden sich

sämtlich in großer Erregung.

Der Hauptangeklagte Damazy Macoch war sehr bewegt. Seine Äugen schoflen ängstlich hin und her. Nur die Angeklagte Helena Macoch, die am ersten Tage voll­ständig gebrochen dasaß, war gestern vollkom­men gefaßt. Sie trug tiefschwarze Trauer- kleider und um den Hals einen schwarzen Flor. Sie hatte inzwischen durch ihren Verteidiger dem Gerichtshof die interessante Erklärung abgegeben, daß sie sämtliche Kleinodien und Wertgegenstände, die sie im Laufe ihrer Bezie­hungen zu Damazy Macoch von diesem erhal­ten hat und von denen man annimmt, daß sie zum Teil aus dem «Schatz von Czenstochau herrühren, zurückstellen werde. Vor der Be­ratung des Urteils waren die Angeklagten noch zum letzten Wort verstauet worden. Der Angeklagte Damazy Macoch erklärte dabei, daß er sich schuldig fühle, einen Tot­schlag verübt zu haben und daß er es dop­pelt bedauere, wenn diese seine Tat auch die Interessen des polnischen Volkes und der ka­tholischen Kirche geschädigt habe:Ich weiß selbst, daß ich mein Volk und das Heiligtum von Jasna Gora geschändet habe. Ich weiß, daß ich ein häßliches Verbrechen beging. Ich werde, wie der Uttcilsspruck auch ausfallen sollte, seine schwere Schuld büßen." Unter atemloser «Spannung des Publikums verkündete dann um vier Uhr nachmittags der Präsident das

Urteil des Gerichts, wonach gegen die Angeklagten auf folgende Strafen erkannt wurde: Damasius Macoch zwölf Jahre Zuchthaus, Pater Isidor Starczewski fünf Jahre Zuchthaus, Pater Basilins Olefinski zweieinhalb Jahre Zucht­haus, Heleire Macoch zwei Jahre Gefängnis, Josef Blaskiewicz (der Klosterschlosser) ein Jahr Gefängnis, der Kuffchcr Pianko vier Monate Gefängnis und der Graveur Cyga- nowsfi eine Arreststrafe, die durch die Unter­suchungshaft alS verbüßt erachttt würde. Ter achte und letzte Angeklagte Pcrtkicwicz wurde freigesprochen. Tic Angeklagte« nahmen das Urteil durchaus gefaßt auf.

PoWreVor Henne.

Abenteuer eines MündcnerS in China. (Von unferm Korrespondenten.)

, Ter Posten deS Leiters der chinesischen Poft» cn'talten in den chinesischen Prooinzen Thensi und Ranfu war jur Zeit der BuSbruchS der Re­volution in China mit einem Reichsdeutsche« besetzt, der in Stansu seinen Wohnsitz hatte. Dieser chinesische Postdirettor, Henne, stammt aus dem südhannoverschen Städtchen Hede- münd en. Er hatte sich vom einfachen Tischler­gesellen biS zu diesem wichtigen Amte hinaus- gearbeitet. Unser Mitarbeiter, dem Herr Henne seineTagebücher zurVerfügung gestellt hat. teilt un« daraus folgende intereffante Aufzeichnungen mit Als am zweiundzwanzigsten Ottober auch in Sianfu die Revolution ausbrach, wurde Henne auf der Straße angefallen und war für tot auf dem Platze liegen geblieben. Die Geschichte dieses Ueberfalls und die Rettung Hennes ist bereits anfangs Januar nach einem Briefe, den Lenne in seine Heimat gelassen