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Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

Sonnabend, 2. März 1912

2. Jahrgang

Nummer 74.

Fernsprecher 951 und 952.

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Sie Resormstion der Frau.

Die Tagung des Parlaments der Frauen.

Im Blumenhain des Berliner Zoo war zum Ende des Hornung der Kongreß deutscher Frauen versammelt, das Par­lament deutscher Weiblichkeit, aus dessen Arbeit die Frau des zwanzigsten Jahrhunderts den Keim zu neuer Entwicklung aufsprießen sieht. Die Hoffnung auf den Gewinn einer kraftvoll gefügten Frauen-Zukunft ist emporgewachsen ans der Erkenntnis des gewaltigen Fortschritts, den die Frauensache in politischer, wirtschaft­licher «nd sozialer Beziehung in den beiden letzten Jahrzehnten durchlaufen, und die Zu­versicht des glücklichen Erfolgs der Frauen-Re- formation gründet sich auf die Wucht der nun geweckten, jahrhundertelang tatlos schlummern, den Energien, die die Frau unsrer Tage zum starken Mitstreiter im öffentlichen Leben rüsten, Man schaut dieses seltsame Werden mit dem Auge der Bewunderung, erfreut vom allmäh­lichen Erstarken einer soizalen Kulturbewezung, deren Endziel auf den Gipfeln idealster Da­seinsauffassung wohnt.

Das Parlament der Frauen war die macht­volle Kundgabe einer neuen Zeit des Wei­bes, die Demonstration der Frau des zwanzig­sten Jahrhunderts gegen den peinlichen Erden­rest einer Vergangenheit, deren Nachwehen noch, wie die letzten Schleier der vorm jungen Lag fliehenden Nacht, in die Gegenwart hinein- ceichen. Es wehte Zukunftslust durch die Gedankenwelt, die sich in den Verhandlun­gen des Kongresses offenbarte, und man spürte es deutlich, daß mancher Hauch dieser Strö­mung flüchtige Zugluft war, die mehr Schaden bringen, als Nutzen stiften kann. Wo aber Ideale zum Lichte drängen, wo aus einem Chaos von Systemen und Theorien sich neue Daseinswerte krhstallisieren, darf man ange­sichts der beim Läuterungsprozeß unvermeid­lichen Schlacken den edlen Kern nicht gerinn ger achten, als sein tatsächlicher Wert es beischt, und unter diesem Gesichtswinkel be­trachtet, gewinnt die Arbeit des deutschen Frauenparlaments auch dort strahlende Licht­seiten,, wo ein flüchtiger Blick nur die Schatten unklarer Phantasmen zu erkennen glaubt.

Am letzten Ende ist die moderne Frauenbe- Wogung nichts anders, als ein soziales Kampsmoment, dessen Wert oder Unwert vom Aus gang des Entwicklungsprozesses bestimmt wird. Eine der Fragen, die in den Verhandlungen des Frauenparlaments einen breiten Raum beanspruchten, war die Re. form der Hauswirtschaft, also eine Idee, die p raktisch weit wichtiger ist, als ein ganzes Sortiment modernster Emanzipations- Theorien. Man könnte diese Frage einfach den Prüfstein des Frauenwerts nennen, denn in der Hauswirtschaft zentralisiert sich schließ, lich doch alle Intelligenz, alle Kraft und aller Idealismus der tatsächlich weiblichen Na­tur, und sie ist ferner auch in sozialpolitischer und wirtschaftlicher Hinsicht der Ausgangspunkt und das Endziel aller Bestrebungen moderner Frauen-Reformation.. Der deutsche Frauen- Kongreß hat das Problem der Hauswirtschafts, resorm zwar noch nicht gelöst, aber er hat drei wichtige Fingerzeige zur Erstrebung des Ziels gegeben: Ausbau des Familienlebens, Aufrechterhaltung des Einz elhau s Halts und Vergeistigung der Hausarbeit!

Drei Leitsätze, die unverfälscht das Emp­finden der deutschen Frau des zwanzigsten Jahrhunderts widerspiegeln, und deren Jdeal- gehalt wir höher werten, als den lohenden Fanatismus jener englischenUeberftauen", die die Zukunft des weiblichen Geschlechts im Mannweib des sozialen Wettbewerbs sehen. Wir empfinden es als eine Art wohl­tuender Beruhigung, daß die stetige und gleich­mäßige Entwicklung der deutschen Frauen­bewegung bisher von Einflüssen verschont ge­blieben ist, die grade in E n g l a n d den Kampf der Frau um neue Rechte so unästhetisch ver­zerren und seinen sittlichen Ernst gefährden. Eine jede Idee durchkämpst, wenn sie sich zum Licht emporgerungen, die Zeit der Kinderkrank­heiten, in der das gesunde Entwicklungsprin­zip mit bvt Ueberhitzung des Jdeenschwungs um die Vorherrschaft ringt, und von diesem Gegeneinanderströmen der Energieen ist auch die deutsche Frauenbewegung nicht verschont geblieben, deren Jugendlage manchmal der Sturm der Leidenschaften durchbrauste, und deren erste Lebensäußerungen in der Zeitge­nossenschaft mehr Beftemden als freudige An­teilnahme weckten.

Die Berliner Tagung der deutschen Frauen darf indessen als ein erfreulicher Beweis einer gesunden Entwicklung in dem Sinne gedeutet werden, daß das Erwachen der Frau im Bann­kreis deutscher Pflicht und deutscher Sitte nicht gleichbedeutend gewesen ist mit

Riesenstreik in England.

Eine Million englischer Arbeiter im sozialen Kampf.

DeS Schicksals Würfel sind gefallen: Wäh­rend Europa mit freudiger Zuversicht die bal­dige Beilegung des italienisch-türkischen Kriegs erwartet, ballt sich im europäischen Abendland ein neues Gewitter zusammen. Zum zweiten Male innerhalb Jahresfrist erlebt England einen Riesen-Streik. Und diesmal ist es unzweifelhaft ein Ausstand, wie ihn die Welt bisher noch nie gesehen hat. Man greift wohl nicht zu hoch, wenn man annimmt, daß am Morgen des heutigen ersten März eine Million Arbeiter im Streik ste­hen, die bereit sind, das Aeußerste zu wa­gen, um günstigere Lohnbedingungen zu er­zielen. Da aber mit jeder Stunde die Zahl der Fabriken zunehmen muß, die zuerst wegen der Kohlennot, dann aber, weil in anderen Be­triebszweigen die Arbeit eingestellt wurde, feiern, so wird bte Zahl der Streikenden und Arbeitslosen, die gezwungen sind zur Arbeits­ruhe, lawinenartig anwachsen. Und so ist es denn einfach die Pflicht der englischen Regie­rung, ein schnelles Ende des Streiks herbeizuführen, damit er nicht zum nationa­len Ruin führe. Denn während die Ver­handlungen in London fortdauern, breitet sich der Ausstand über das ganze Land aus. Am Abend des Donnerstags waren bereits alle Kohlengruben von Sommerset bis Fife ver­lassen; nur die Leute, die nötig sind, die Gru­ben vor dem Ersaufen und gegen die Ansamm­lung von Gasen zu bewahren, bleiben zurück. Schon macht sich in den Industriegebieten Koh­lenmangel fühlbar und es droht England eine wirtschaftliche Katastrophe, wie sie in dieser gigantischen Größe bisher in der Ge­schichte der Arbeiterbewegung noch nicht zu verzeichnen gewesen war.

*

Ne erste Million Im Streik.

(Privat-Telegramm)

London, 1. März.

Während die Parlamentäre der führenden Heerlager ihre Verhandlungen in London noch fortsetzten, hat gestern der soziale Rie­fenkampf bereits im großen Matzstabe be­gonnen. Achthnnderttauscnd Bergarbeiter in England, Wales und Schottland haben ge­stern die Arbeit niedergelegt und um Mitter­nacht war die Zahl der Feiernden bereits auf eine Million angeschwollen. Die meiste« Grubenbesitzer sind abgereist und die Bergar­beiterdelegierten rüsten sich ebenfalls zur Ab­reise. Die Führer der Bergarbeiter find voll triumphierendem SiegeSbewutzt- sein. Sie erklären, daß sie moralisch be­reits gesiegt hätten, da die Regierung ihr Prinzip des Minimallohnes angenommen ha­be. Die Hoffnungen auf Frieden sind tief ge­sunken und man bereitet sich überall auf daS Schlimmste vor. Die Truppe« er­hielten Befehl, sich bereit zu halten «nd in den Kohlengebieten werden Vorkehrungen für umfangreiche militärische Opera­tionen getroffen. Viele Hunderttausend Ar­beiter und Angestellte im ganzen Lande erhiel­ten von ihren Firmen bedingungsweise Kün­digung für den Fall der durch Kohlenman­gel erzwungenen Arbeitseinstellung. Man er­wartet ein nie zuvor dagewesenes Chaos,

2er Lebensnerv der Ratto«.

(Privat-Telegramm.)

London, 1. M8rz.

Die Grubenbesitzer von Rord-Cnm- berland erklärten, sie könnte« den Minimal­lohn nicht ohne Rücksicht auf die Fähigkeit deS Arbeiters ihn zu verdienen gewähren. Premier­minister Asquith erklärte, nachdem die Re­gierung das Prinzip des Minimallohns aner­kannt habe, würde sie denselben, falls er nicht durch gütliche Vereinbarung eingeführt werde, auf andere Weise sicher stel. len. Der Premierminister hielt in der Konfe­renz der Bergarbeiter eine Ansprache, in der er

die Bedeutung der Kohleninduprke als Lebensnerv der Nation darstellte. Asquith erklärte, die Regierung würde ihr Amt als Vertrauensperson der Nation nicht 6erbte, neu, falls sie nicht eine Beendigung der Arbeitsstürung mit allen Mitteln herbei­führe. Sie würde dafür sorgen, datz die immer kleiner werdende Minorität der Arbeitgeber die Beilegung nicht unnütz verzögere. Zum Schluß seiner Rede appellierte Asquith im Namen der Regierung und der Nation auf das Wärmste an die Bergarbeiter, auf ein billiges Ueberein- kommen zur Festsetzung des Minimallohnes einzugehen und weitgehende Verhandlungen über diesen Punkt zu akzeptieren. Die Verhaiw- lung wurde dann auf heute vertagt.

*

Sozialer Kampf rmö Rot.

(Privat-Telegramm.)

London, 1. Marz.

Der Ausstand hat seit Mitternacht im vollen Umfange eingesetzt. Es treffen aus allen Lan­desteilen Meldungen ein, die ein klares Bild über die Lage erkennen lassen und die große Not kennzeichnen, in die zahlreiche Arbeiter in­folge des Konflikts geraten sind. Die Stadt St. Helena ist besonders stark in Mitleiden­schaft gezogen. Infolge der Verkündigung des Streikes find zwanzigtausend Glasar­beiter und Angestellte einer Chemischen Fabrik gestern entlassen worden. Die Arbeiter einer anderen Glasfabrik werden den Betrieb einstellen müssen. DaS gesamte wirtschaftliche Leben in der Stadt ist lahm gelegt. Aus Grimsby wird berichtet, datz die Great Eastern- Eisenbahngefellschast gestern ihren Maschinisten und Heizern angekündigt hat, daß sie in vier­zehn Tagen entlassen werden müßten. Premier­minister Asquith hatte gestern spät abends noch eine neueUnterredungmit den Arbeiter­delegierten, die er zu bewegen suchte, eine ver­söhnliche Haltung einzunehmen. Er teilte ihnen mit, daß die Regierung be­reit sei, ihre Forderungen hinsichtlich des Minimallohnes zu unterstützen, aber datz sie ihrerseits mm nicht mehr darauf drin­gen dürsten, daß vorerst die Mindestlohnflala, die von ihren Verbände« vorgeschlagen würde, angenommen werde. *

Sm Zeichen des Riesenstreiks.

(Privat-Telegramm.)

London, 1. März.

I« parlamentarischen wie industriellen Kreisen sieht man die augenblickliche Situation mit pessimistischen Augen an, trotzdem man sich nicht verhehlt, datz die Regierung auf das eifrigste bemüht ist, die Meinnngsdifseren- zen der beiden streitenden Parteien auszuglei­chen. Die Arbeiter der Transportgesellschaften haben erklärt, datz sie die Bergleute unter­stützen und von heute ab Kohle alsKriegs- konterbande" betrachten und ihre Bersendung verhindern werde«. Infolge des drohen­den Generalstreiks find noch gestern bei Lloyds zahlreiche Bersicherungen abgeschlossen worden. So ließen gestern mehrere Pächter großer Ländereien ihr Eigentum mit fünf Pro­zent versichern, was immerhin einen ziemlich hohen Prozentsatz bedeutet. Die Großgrund­besitzer in Wales haben sich gegen Raub und Plünderung durch die Streikenden ver­sichern lassen. Auch eine Anzahl Versicherungen gegen Ueberschwemnmng von Grundstücke« «nd vor allem von Minen wurden gestern bei Lloyds abgeschlossen. Gestern nachmittag ha­ben mehrere große Fabriken ihre Betriebe schließen müssen. Die Direktionen haben den Arbeiter« mitgeteilt, daß von heute mor­gen ab die Arbeit vollständig ruhen mutz. Die Eisenbahngesellschaften haben bereits alle nötigen Vorsichtsmaßregeln ergriffen, um die Sicherheit deS Verkehrs aufrecht zu erhalten.

einer Schwächung des Verantwortlichkeits­empfindens der Gattin und Mutter ge­genüber Haus und Herd, datz es viel­mehr Anregung gegeben hat, auch diese ureigensten Gebiete weiblicher Arbeit und weib­licher Daseinspflicht in den Kreis einer Ent­wicklung eiugubeziehen, deren Streben nach Vervollkommnung auch der verbissenste Gegner der Frauenbewegung nicht verkennen kann. Im Kampf der Geister und Ideen, die sich in der neuen Zeit mit elementarer Kraft Geltung ver­schafften, schien eine Zeitlang das Ideal der am häuslichen Herd still ihr Berk ver­richtenden Hausfrau untergeben zu sollen; daS

.vergeistigte" Weib trat an seine Stelle, und der Idealismus verirrte sich auf Wege, deren Endziel in nebelhaften Fernen lag. Ter ge­sunde Jnstintt der deutschen Frau hat diese Zeit der Gärung indessen ohne ernstliche Schä­digung überdauert, und der jetzt in Berlin ver­sammelt gewesene Frauenkongretz hat durch hohen sittlichen Emst den Beweis erbracht, daß die Entwicklung der Frauenbewegung bei uns sich in die Bahnen zurückgefunden hat, in denen allein das Wesen der deutschen Frau zur Höhe emporsteigen kann: I« der Er­kenntnis der ewig-unveränderlichen Daseins- pflichtz der Fra« als Gattin und Mutter! F. EL

Seite Kämpfe in Wna!

Auanschikais Truppen meutern.

Kaum, daß die junge chinesische Republik die Herrschaft der Mandschus gebrochen, und chon loht der Kampf von neuem auf: Unter den Truppen scheint starke Unzufriedenheit zu herrschen, die jetzt zu einer Meuterei ge- ühri hat, deren Bedeutung sich noch nicht absehen läßt. Daß es Tmppen des Präsiden­ten Ruanschikai sind, die mitten in der neuen Bewegung stehen, erhöht die Gefahr. Wir verzeichnen folgende Depeschen:

Peking, 1. März.

(Privat-Telegramm.)

Einige Hundert von duanschikais Soldaten haben gestern gemeutert und eine Reihe von Häusern in Peking i n B r a n d gesteckt und geplündert. Es wird unausge-- etzt geschossen. Tausende von treuen Solda­ten sind anmarschiert, um die Ruhe wiederher­zustellen. Auch aus H a u k a u werden Unruhen gemeldet. Die brittsche Polizei wurde in der Fremdenansiedlung von Hankau von chinesi- chen Soldaten mit Steinen beworfen. Es ist noch nicht zu übersehen, ob die Meuterei in bet Hauptstabt als ein ernstes, politisches Ereignis anzusehen ist, ober nur vorübergehenbe Beden- tung hat. Jedenfalls dürfte sich bte Abreise Uuanschikais nach Nanking verzögem. lieber das Stadtviertel, in dem sich die Fremden- Legation befindet, ist der Belage­rungszustand verhängt worden. Den außerhalb der Stadt V chnenden Fremden ist von (Seiten der Regierung die Aufforderung zugegangen, ihr Domizil in den Konzessionen ihrer Regierungen aufzuschlagen, da sie sonst nicht in der Lage sei, sür ihr Lebe« und ihr Eigentum sich verbürgen zu können. Nament­lich im Süden der Stadt ist es zu schweren Zusammenstößen zwischen Aufständischen und den der Regierung treu gebliebenen Trup­pen gekommen und die Kämpfe sollen zahl­reiche Opfer gefordert haben,

*

Ne Unruhen dauern fort!

(Telegraphische Meldung.)'

Wie uns ans Peking berichtet wird, dauerten die Unruhen gestern bis spät in die Nacht. Die Aufrührer verlassen jetzt, nachdem sie vielen Schaden angerichtet haben, mit ihrer Beute die Stadt. Die von ihnen an­gelegten Brände haben eine große Aus­dehnung angenommen und sind zum Teil noch nicht gelöscht. Die Gesandtschafts­wachen brachten die Ausländer ohne Belästi­gung nach den Gesandtschaften. Dagegen wurde in den äußersten Stadtteilen auf Aus­länder geschossen, ohne datz jemand ver­letzt wurde.

Am dem Leben eines Kaisers.

Paul der Erste von Rußland: Ein Portrait. (Von nnserm Korrespondenten.)

In einem Pariser Verlag ist soeben ein hock- interessante» Buch erschienen, da» ben bekannten pol- nisch-sranzöstschen Geschichtsforscher WaiiSzewskn imn Verfasser hat und auf Grunb neuer, authen­tischer Dokumente ein charakteristisches Bild von beni Leben Paul» be» Ersten, be» verhaßten und ge- fürchteten ÄaifetS von Rußland <Zohn ber großen Kaiserin Katharina) entwirft. Das Buch erscheint unter dem Titel: .Ter Sohn der großen Katharina, Paul der Erste, Kais« von Rußland; fein Leben, seine Regierung und sein Tob". Wir entnehmen ihm folgende Mitteilungen:

Paul der Erste war ein kleiner, lin­kischer Mann mit Stumpfnase, großem Mund, vorspringenden Lippen, kahlem Kopf, dickem und rundem Schädel, der wie ein To- tenschädcl aussah. Für sein Aussehen konnte er allerdings nicht verantwortlich gemacht wer­den. ,@r hat sich sein Gesicht nicht selbst ge­macht (sagte man), und der Mann, der als sei­nen Vater galt, ist sicher auch nicht schuld daran/ Während der langen Regterungszeit seiner Mutter bereitete Paul sich in ferner Weise für das Herrscheramt vor. Er las die französischen Philosophen-und Reformer: Mon­tesquieu, Beccaria, Rousseau, und gewann aus dieser Lektüre bte merkwürdige Ueberzeugung, daß er burch Geburt und Vokativ« ein Mensch sei, der in der ganzen Welt nicht seines- g reichen habe. Er kennt bte dustere Ge­schichte aller entthronten und bingemorbeteir Zaren auswendig und gibt sich bas Ver­sprechen, daß ihn, wenn er erst einmal Herr fein wirb, Keiner unterkriegen soll. Daber hat er eine Höllenangst: Als er im Jahre 1781 i« Florenz bei einem Hofbankett entdeckt, daß der Wein einen sonderbaren Nachgeschmack hat,, steckt er rasch die Finger in ben Mund, um sich zu erbrechen. In Gatschina und Pawlowsk um­gibt er fein Schloß mit einer ununterbrochenem Postenkette, bte jeden Passanten festnehmen und nach dem Woher nnb Wohin fragen mutz. Von ber Spitze eines Turmes ans überwacht ct selbst das Land; jeden Abend werden auf sei­nen Befehl die Häuser der Bürger und Bauern durchsucht; kein Mann darf, wenn er nicht streng bestraft werden will, auf der Straße