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CMerNM Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

2. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Freitag, 1. März 1912

Nummer 73

Fernsprecher 951 und 952.

wie folgt:

Berlin, 29. Februar.

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folgender Form erzielt: Die Regierung stellt für die nächste Tagung die Ausarbeitung einer Vorlage Wer die Trennung von Kirche und Staat in Aussicht. Die sozialdemokra­tische Fraktion erklärte daraufhin, auf die bal­dige Erledigung der weiter von ihr eingebrach­ten Anträge nicht dringen zu wollen. Ins- besondere erklärten die Sozialdemokraten ihre frühere Forderung, die die Herabsetzung der Dotation für den Fürsten um dreißig­tausend Mark betrifft, nicht aufrecht erhalten zu wollen. Hinsichtlich ihres Steuerprogramms bemerkte der Wortführer der sozialdemokra­tischen Fraktion, daß die Sozialdemokraten eine solche Fordemng nicht aufgestellt haben würden, wenn die Steuerreformpläne der Re­gierung bekannt gewesen wären. Man ist fer. ner dahin übereingekommen, die beiderseitigen Wahlreformpläne am Schlutzder Ta- gung zu beraten, um auf diese Weise Zeit zu weitern Verhandlungen zu gewinnen. Die Arbeitsfähigkeit des .roten" Parlaments scheint damit gesichert zu sein.

Friede im Tripolis Krieg?

Eine Friedensaktton der Großmächte.

Die Anzeichen dafür, daß dem Krieg zwi­schen Italien und der Türkei alsbald ent Ziel gesetzt werde, mehren sich. Offenbar hatte

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SnferttonSpretfe: Die sechsgespaltene gelle für einheimische Geschäfte 15 vfg., für aus­wärtige Inserate 25 Pf, ReftamezeUe für einheimische Geschäfte 49 Pf, für auswärtige Seschäfte 80 Pf. Beilagen für die Sesamtaustage werden mit 4 Mark pro Tausend de. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restden» und der Umgebung sind die Dasseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» JnsertionSorgan. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 18, Telephon: Amt IV 676-

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Das Rudolstadts Parlament.

Keine Auflösung des Landtags!

(Privat-Telegramm.)

Rudolstadt, 29. Februar.

Die befürchtete Auflösung des Landtags von Schwarzburg-Rudolstadt wird unter­bleiben. In einer geheimen Sitzung des Landtages, an der alle Abgeordneten, der Staatsministcr und mehrere Regierungsräte teilnahmen, wurde gestern eine E i n i g u n g in

Sie Letzte« der Rossauer.

Das Ende eines Fürstcngeschlechts.

Man schreibt uns: Mit dem Tode Wilhelms von Drxemburg ist eines der ältesten und be- rühmtrften deutschen Fürstenhäuser erlo­schen. Als ältester beglaubigter Spross« gilt D r u t w i n, gostorbtn 1076, der mit seinem Bruder D u d o, Grafen von Lauenburg,, die BurgNassan an der Lahn erbaute. Die Grafen von Lauenburg werden schon hundert Jahre vorher erwähnt, und es ist ganz unzwei­felhaft, daß wir hier ein uraltes Dyna­stengeschlecht vor uns haben, da Erhe­bungen aus dem Dienstadel in den Herrenstand damals noch nicht vorkamen. Walram nannte sich zuerst Graf von Nassau und trat aus der Lehnshoheit des Erzbischofs von Trier in die des deutschen Königs, wurde also reichsunmit- telbar. Seine Enkel Walram und Otto be­gründeten di« beiden Linien, die mit Wilhelm dem Dritten von Holland und Wilhelm von Luxemburg in uifferen Tagen ausgestorben sind. Walrams Sohn war der im Jahre 1292 erwählte, unglücklich« deutsche KönigAdolf, der nach vergeblichen Versuchen, sich Autorität zu verschaffen, in bem Gefecht bei Göllheim 1298 erschlagen wurde. Die Walramische Linie brachte es nie zu großer politischer Bedeutung, weil der in diesem Hause übliche Kinder­reichtum und die daraus folgenden Teilungen des Familiengutes ihre Macht zersplitterten. Rur einmal, im Jahr« 1605, vereinte Ludwig der Zwette von Weilburg nochmals alle Gebiete seines Hauses, aber bald begann bl» alte Misere von neuem.

Im Jahr« achtzebnhundettsechzehn endlich waren alle Linien bis auf die von Weilburg ausgestorben und nun bildete das Herzogtum einen Einheitsstaat, der sich trotz seiner gerin­gen Ausdehnung eines guten Rufes erfreute infolge der volksfreundlichen Regierung, die sein« Fürsten in ihm ausübten. Tie Ereignisse von achtzehnhundertsechsundsechzig machten die-

llud was nun?

Daß im Reichstag selbst nicht viel Hoff­nung besteht, eine Verständigung in der Präsi­dentenfrage im Sinne einer Einigung der bür­gerlichen Parteien herbeiführrn zu können,

Die erneute Präsidentenwahl im Reichstag dürste ein neues Bild vpn der Zerrissen­heit des neuen Parlaments bringen. Wie die Dinge jetzt liegen, ist es nicht gelungen, zwi­schen den bürgerlichen Parteien in dieser Frage eine Einigung zustande zu bringen. Ra- 8 mentlich im Zentrum macht man den liberalen Parteien den Vorwurf, daß sie jetzt Ver- M ärgerungspolitik trieben. Die Ratio- i nalliberalen erheben nach wie vor An- I spruch auf denPosten des Präsidenten. Den glei­chen Anspruch erhebt aber auch das Ze n t r u m als stärkste Partei nach Ausschaltung der So- zialdemokratte. Vorschläge, die dahin gingen, | das Präsidium aus einem Zentrums- Präsidenten, einem konservativen ersten Vizepräsidenten und einem national- liberalen zweiten Vizepräsidenten zusam- 8 menzusetzen, sind von den Rationalliberalen nicht angenommen worden; auch die Ueber- M- nähme des Postens eines ersten Vizepräfiden- ten unter der Voraussetzung, daß die Konser- k vattven den zweiten Vizepräsidenten stellten, ist von ihnen abgelehnt worden. Bei der erneu­ten Präsidentenwahl wird es also wieder auf r eine Machtprobe zwischen Rechts und Links ankommen. Die Rechte nimmt an, daß die Rationalliberalen darauf hin- fteuern, ein Präsidium desschwarz-blauen Blocks* zu schaffen, um diesem Präsidium mög­lichst viel Schwierigkeiten zu bereiten. Die Forderung der Nationalliberalen, einen nattonalliberalen Präsidenten zu wählen, ist von der Rechten strikte abgelehnt wor­den. Diese Wahl würde auch nur dann zu­stande kommen können, wenn Zentrum und Rechte für diesen Vorschlag wären. Wie ver­lautet, werden die Sozialdemokraten bei der ' neue» Präsidentenwahl einen Kandidaten aus ihren Reihen wählen.

geht aus allen Aeußerungen der Parteipresse deutlich hervor. Die Rechte (Konservative, Reichspattei und Zentrum) können ohne die Nattonalliberalen nichts ausrichten; die Ratio­nalliberalen ohne die rechtsstehenden Patteien ebenfalls nicht, und so wird denn, »nenn nicht noch in letzter Stunde irgend ein Salomo einen Ausweg entdeckt, der Tag der Präsiden­tenwahl den Reichstag in drei Lager geteilt sehen: Rechts Konservative, Reichspartei, Zen­trum und Anhang; in der Mitte die Rational- liberalen und links die Volkspartei und die Sozialdemokratte. Man Sann sich unschwer vor­stellen, was aus diesem Wirrwar sich am letz­ten Ende ergeben wird, und es ist b e d a u e r - lich, daß die bürgerlichen Patteien in einer so wichti-zen Frage, wie es die Wahl des Prä­sidiums im Reichsparlament nun doch einmal ist, es nicht vermögen, kleinliche Gegensätzlich­keiten zurückzustellen und über die Steinchen im Weg hinweg zu einem erstrebenswetten Ziel zu gelangen. Der Reichstag stellt sich durch seine innere Zerrissenheit vor dem Lande kein erfreuliches Zeugnis aus, und di« Par­teien offenbaren in dem Mangel an Ent- schlußkrast und ruhiger Besonnenheit eine be- mettenswerte Schwäche des Veraniwottungs- Empfindens. Wie die Ding« sich schließlich ge­stalten werden, läßt sich nach dem heutigen Stand der Stimmung »och nicht beurteilen; wenn indessen die Schwül« der Verärgerung, die die Verständigungsverhandlunzen zwischen bett bürgerlichen Parteien hat unfruchtbar wer­den lassen, bis zum Tag der Wahl andauett, dann werden am Abend des Entscheidungstags nur Diejenigen schmunzelnd die Hände reiben können, die aus der Zerrissenheit des bürgerlichen Pattamentskörpers Vorteil erhof. fen dürften. Und das wäre dann ein End­effekt, um den das Parlament des Deutschen Reichs wirklich Niemand zu beneiden brauchte. H.

SoziaWoliM vor leeren BLn!e«.

(Von unferm parlamentarischen Mitarbeiter.)

Im Reichstag steht zurzeit der Etat des Ministeriums des Inner« zur batte. Sozialpolitik ist ein wenig dankbares parlamentarisches Thema, und daher kam es, denn auch, daß gestern zur Mittagsstunde der Reichstagssaal fast leer war, als Herr Wurm, der Redner der Sozialdemokratte, den .sozialpolitischen Reigen" eröffnete. Herr Wurm mag an und für sich ein tüchtiger Poli­tiker sein, «in belebender Redner ist er aber nicht, und da er überdies zu fünfjähttger parlamentarischer Schweigsamkeit verurteilt gewesen war, holte er gestern das Versäumte gründlich nach. Er sprach über die Sozialpoli­tik des Reichs, für die er unter dem Gelächter der bürgerlichen Parteien das Verdienst des Urhebers in Anspruch nahm. Recht aus­führlich entledigte sich auch daS Zentrumsmit­glied Mayer-Kaufbeuren seiner Aufgabe, über die Wirtschaftspolitik zu sprechen. Er lobte unsere Sozialpolitik ungemein und fchil- dette unsere günsttge wittschaflliche Lage; nur etwas hatte er zu tadeln, und dabei floß ein bißchen Pattikularismus mit unter: Er tadelte den Anschluß des preußischen Fiskus an das Kohlensyndikat und schob diesem Schritt die Erhöhung der Kohlenpreise zu. Der Kon- servattve Pauli, der sonst bei dieser Gelegen- hett die Klinge mit dem Genossen Zubeil we­gen der Zustände in bett Spandauer Militär- Werkstätten zu kreuzen pflegt«, begnügte sich ge­stern mit der Erörterung von Mittelstandsfra­gen und ktttisiette vornehmlich die Haltung der Regierungsbehörden zur Frage des Submis­sionswesens. Dieses Thema behandelte auch der Pole Morawski, nur daß er die Po­lenfrage mit hineinzog und die Behandlung polnischer Gewerbetreibender scharf verutteilt«. Rach ihm kam wieder ein Mann polnischen Na­mens, aber kerndeutscher Gesinnung: Kein an­derer als Graf Pofadowsky, wohl der Berufendste, bei diesem Etat zu sprechen. Einst tat er es vom Regierungsttsch her, gestern als Volkstvertttter, und wenn er auch äußerlich nicht so wirkungsvoll sprach, wie bei seinem jüngsten Debüt, so war seine Rede inhalllich doch nicht minder vottresflich und erschöpfend. Pofadowsky erging sich in längeren Darle­gungen über die Entwicklung unserer wirt­schaftlichen und sozialen Politik und hob her­vor, wie günstig sich heute unsere wirttchaftliche Lage darstelle. Die Debatte wird heute fott- gesetzt. -ir-

Merundsechzigtlmserw im Streik!

Der Beginn des englischen Riesenstreiks.

Der allgemeine Grubenarbeiter­ausstand in England scheint nun doch, trotz aller Vermittlungsbestrebungen, unvermeidlich geworden zu sein. Augenblicklich sind vier­undsechzigtausend Bergleute ausstän­dig, die sich wie folgt verteilen: In Derbyshire neunundzwanzigtausend, in Nottingham ein- unddreißigtausend, in Leicester zweitausend und in Weitrubin g ebenfalls zweitausend Mann. Von der Regierung sind alle Maß­nahmen getroffen worden, um Ausschrei­tungen zu verhüten. Die Truppen sind in den Kasernen zusammengezogen, um gleich bereit zu sein. In der Umgebung von Cardiff haben die Grubenbesitzer ihre Häuser und Schlösser mit Proviant versehen, um eine et­waige Belagerung aushalten zu können. Aus dieser Tatsache geht hervor, wie pessi­mistisch die Lage augenblicklich betrachtet wird. Heute abend soll die Arbeit allgemein eingestellt werden. Wir erhalten darüber fol­gende Meldung:

London, 29. Februar.

(Privat-Telegramm.)

Die Delegierten der Bergarbeiter häöt-n an alle Gruben Schottlands Telegramme gerietet, die Arbeit heute abend cinzustellen. Die antwort der Gru­benbesitzer auf die Vorschläge der Negie­rung Wird nunmehr bekannt. Fast alle Grubengesellschaften weiger« sich kate­gorisch, sich auf den Boden der Regierungs- Vorschläge zu stellen. Rach längeren Bera­tungen beschlossen die Grubenarbeiter, den Ausstand zur Durchführung zu bttn- gttt und gleichzeitig die Unterhandlungen mit der Regierung fottzusctzen. Am Frei­tag morgen Wird also der Streik all­gemein werden.

Die Mechaniker der Bergwerke von Südwales haben gestern beschlossen, gleich- f a l l s in den Ausstand zu treten, ohne sich um die Enffcheidung der Bergleute zu kümmern. Selbst wenn die Bergarbeiter sich nun entschlie­ßen sollten, die Arbeit nicht einzustellen, werden sie durch di« Absicht der Maschinisten zum Streik gezwungen, da die Arbeiter in den Gruben natürlich ohne Maschinisten nicht ar­beiten können. Die Forderungen der Mecha­niker sind vollkommen unabhängig von denen der Bergleute. Premierminister Asquith, der gestern eine Unterredung mit dem König batte, soll sich entschlossen haben, bis morgen abend eine endgültige Antwort beider Parteien abzuwatten. Sollte eine Verständigung nicht Zustandekommen, so soll der Kabinettsches enffchlossen sein, im Unterhaus« einen Gesetz- «ntwurrf einzubrinaen, der die Mindest- löhne der Bergleute festsetzt.

Sie deutschen Schneider streiken!

(Privat-Telegramm.)

Bettin, 29. Februar.

Heute abend legen in Berlin, München, Köln, Hamburg, Dresden, Frankfurt am Mai« und einer ganzen Reihe größerer Städte die Schneider die Arbeit nieder. Für Berlin komme« fünft auf cnb, für das gesamte Ausstandsgebiet fünfzehntausend Streikende in Betracht. Aller Voraussicht nach wird der Streik in Berlin nur kurze Zeit dauern, da in den Kreisen der Arbeitgeber Disftrenzen ent­standen sind. Der Arbeitgeberverband Berliner Schneidermeister hat beschlossen, Verglejchsver- handlungen mit de« Arbeitnehmern einzu­leiten.

Präsidentenwahl und Mal.

Roch immer keine bürgerliche Einigung!

Der Senioren -- Konvent des Reichstags hat gestern be­schlossen, die endgültige Wahl des neuen Reichstagspräfidinms am Freitag, den achten März, stattfinden zn lassen. Der neue Reichstag durchkostet die Qual der Wahl in allen Variationen. In den erste« Tage« des jungen März soll die defi­nitive Wahl des Parlaments-Präsidiums stattfinden, und noch weiß niemand, welche Einflüsse schließlich des Schicksals Würfel be­stimmen werden. Fest steht nur das Eine: Das Dreimänner-Kollegium Kaempf - Scheide- mamr-Dove wird nicht zum zweiten Mal aus dem Dunkel der Urne emporsteige«, denn die Nattonalliberalen habe« sich mittlerweile entschlossen, aktiv in den Kampf um die Präsidentensitze einzugreifen und sich bei der Abstimmung nicht mit den weißen Zettelchen der Unschuld und Harmlosigkeit zu begnügen. Der Entschluß ist sicher löblich, und wenn die nationalliberale Pattei geschlossen vor­ginge, würde ihr Eingreifen in den Wettbe­werb um die Präsidentensitze zum mindesten eine einseitige Gestaltung der Wahl zu verhüten vermögen. Aber die Nationallibe- ralett sind unter sich selbst nicht einig; es be­stehen nach wie vor verschiedne Strömungen, in der Partei, die stark gegeneinanderdrängen und die Stoßkraft der Fraktion naturgemäß beträchtlich schwächen. Aber Das ist's nicht allein: Rach den schlimmen Erfahrungen bei der ersten und zweiten Präsidentenwahl haben die Nationalliberalen eine Schwenkung nach Rechts unternommen, und es sind in der Zwischenzeit auch zwischen den rechtsstehenden Parteien und der nationalliberalen Fraktion Verhandlungen gepflogen worden, die eine et­waige gemeintame Aktion bei der defi­nitiven Wahl des Präsidiums ermöglichen soll­ten. Diese Verhandlungen scheinen indessen ergebnislos geblieben zu feilt, und wenn Nicht noch bis zum Wahltag im März eine Verständigung herbeigeführt wird, ist's wahr­scheinlich, daß wir bei der Neuwahl des Prä­sidiums dieselben Szenen sich wiederholen sehen, die zum Februarbeqinn die Gemüter er­hitzte.

Sie Stimm««» der Parteien schildert unser parlamentarischer Mit­arbeiter in einem Telegramm von heute früh

die Vernichtung türkischer Kriegsschiffe im Hafen von Beirut mehr politischen als militärischen Wert. Hat sich die tüttische Re­gierung erst einmal davon überzeugt, daß die ausgedehnten Küsten des Reichs Angriffen der italienischen Flotte gegenüber wehrlos sind, so wird sie um so eher gute Miene zum bösen Spiel machen und trotz aller völkerrechtlichen Garantien das grausame Spiel des Krieges enden. Wir verzeichne« folgende Meldungen:

Rom, 29. Februar.

Der von Rußland vorgeschlagene Weg für eine freundliche Vermittlung zwischen Italien und der Türkei 'soll vor allen Dingen darin bestehen, Italien zu fragen, unter wel­chen Bedingungen «s Frieden schließen würde, wobei die Souveränität Ita­liens über Tripolis und die Cyre- naika unangetastet bliebe. Darauf würden dann die fünf europäischen Großmächte geeig­nete Schritte in Konstantinopel unternehmen, um den Abschluß des Friedens herbeizufüh­ren. Der letzten Ausgabe derTribuna" zu­folge stimmen alle Großmächte mit Rußland dahin überein, daß der Krieg ein Ende haben müsse, selbstverständlich unter der Be­dingung der Annexion von Tripolis.

Reve Kämpfe in Tripolis!

(Privat-Telegramm.)

Rom, 29. Februar.

Aus Homs in Tttpolis ist gestern abend von dem italienischen Befehlshaber, General Rei- soli, folgendes Telegramm eingetroffen: Am - Donnerstag morgen in aller Frühe befetzten die Italiener die Höhen von Mergheb und trieben die Türken und Araber nach lebhaftem Kampf, bet bis zum Abend fortgesetzt wurde, zurück. Der Feind hatte schwere Verluste. Unter den Gefallenen war ein türkischer Haupt­mann und ein arabischer Scheik. Die Italiener hatten elf Tote und zweiundachtzig Ver. wundete. Mergheb bleibt von den Italienern besetzt. In ben nächsten Tage« soll ein euer, gi scher Angriff,, unterstützt durch ein Lan- dungSkorps der Flotte, unternommen werden. In den letzten Tage« sind erhebliche Truppen- Rachschube aus Italien in Tripolis einge- trossen.

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Die Nachricht von den Friedensbemühungen der Großmächte unter Anettennung der An­nexion von Tttpolis durch Italien seitens der europäische« Großmächte überrascht einiger­maßen, denn ttr der A n e r k e n « u n g der An­nexion Wird man in der Türkei eine Billi­gung des italienischen Raubzugs durch die Großmächte Europas erblicken, und dies« Erkenntnis ist geeignet, den Fanatis­mus und die nationalistischen Leiden­schaften der Türken bis zum Deußersten auf- zufiacheln. ES bleibt also zum mindesten zwei­felhaft, ob die Türke« die Friedensvermittlung der Großmächte in dieser Form akzeptieren werden.