Einzelbild herunterladen
 

Weler Neueste Nchrichteu

Casseler Abendzeitung

®U Caffeter Slauftai «Tachrlcht-o erfd)einen wöchentlich sechsmal und rwai abend«. ®et 8tbetmement«pret8 betrögt numaUtch 60 Pfg. bet freier Zustellung in« Hau«. Bestellungen werden jeberjett oon der BefchastSstells ober den Boten entgegengenommen. LruSersi, Berlag und Rebatiton: Schlachttzofstrabe 23/30. Sprechstunden der Redaktion oon 13 Uhr nach­mittag«. turisttfche Svrechstunden Mr unsere Abonnenten Mittwoch« und Sonnabend« oon «I Uhr abend«. Berliner Vertretung- SW, Friedrichstraße 1«. relephon: Amt IV 678.

*

Eg

Hessische Abendzeitung

JnserttonSnreise: $te sechszespaltene Zeile für einheimische «eschtiste 15 Pfg., für aus­wärtige Inserate 25 Pf, Rellamereile für einheimische Eeschöste 43 Pf, für auswärtige Geschäfte 60 Pf. Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend be­rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restdenz und der Umgebung stnd die Casseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» Jnsertion«organ. Geschäftsstelle: Kölnische Strotze 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 18, Telephon: Amt IV 67«.

Nummer 69

Sonntag, 28. Februar 1912

2. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 962.

Fernsprecher 951 und 952.

Weseler Nacht-Geschichten.

Ein Fluchtversuch des Spions von Borkum.

Depesche« aus Wesel berichten über einen kühnen Fluchtv ers« ch, de» der eine der dort interniertsn Spione von Bork«»», der englische Hauptmann Brandon, in der Macht znm Donnerstag «nternom» men haben soll. Der Fluchtversuch scheiterte allerdings an der Arrs- - merksarnkeit des Postens. Die SLachricht wird zwar von der Kom- «aadantur der Festung Wesel als nnzntreffend bezeichnet, doch hält der Gewährsmann der Rhei- nisch.W-stfä!ischsn Zeitung (die die Meldung zuerst brachte) seine Mitteilungen vollständig aufrecht.

ES scheint, daß über der Strafvollstreckung gegen die auf deutschen Festungen Sünden­schuld büßenden ausländischen Spione ein Unstern waltet. Wir wissen aus mancherlei vertraulichen Offenbarungen, daß es den Her­ren Spionen hinter den Kerkermauern deutscher Festungswerke gar nicht so übel ergeht: Sie er­freuen sich einer (im Verhältnis zur Schwere des Vergehens und zur Gefahr ihres Bestre­bens seltsam erscheinenden) ausgedehnten Be­wegungsfreiheit, genießen, wenn sie einen Of­fiziersrock getragen, oder vom Gericht die Ei­genschaft des Gentleman-Spions attestiert er­halten haben, die ungeminderte Achtung der sie Ueberwachenden und bleiben im allgemeinen von jenen peinlichen Demüttgungen und Heim­suchungen verschont, die mit dem unfreiwilli­gen Aufenthalt hinter den dicken Mauern der Kasematten sonst untrennbar verknüpft sind. Im englischen Unterhaus regte erst dieser Tage ein liberaler Sprecher bei der Erörterung des «Falles Stewart" die Uebung dieser zart- sinnige» Humanität auch für die englische Strafvollstreckung gegen fremde Gentleman- Spione an, indem er auf das leuchtende Vor­bild Deutschlands hinwies, das in dieser Hin­sicht der Kulturwelt «in sichtbares Zeichen märchenhafter Duldsamkeit offenbare. Herr Asquith indessen schüttelte daS greife Minister­haupt: England habe keinen Anlaß, in den gel­tende» Bestimmungen irgendeine Veränderung eintreten zu lassen. Die «geltenden Bestimmun­gen" aber unterwerfen den Spion in England (gleichgültig, ob Gentleman oder Verbrecher) der allgemeinen Strafvollstreckung, die keinerlei Ausnahmen oder Vergünstigungen kennt.

Bei uns ist's bekanntlich anders. Aber wir haben mit der frommen Uebung sinniger Humanität im Bußverkehr mtt fremden Spio­nen trotzdem nicht die angenehmen Erfahrungen gemacht, die der Menschlichkeit eigentlich ge­bührten. Und das kommt wohl daher, daß auch hinter Festungsmauern schnöder Undank der böse» Welt arger Lohn ist. Monsieur Lux, der in der Hut von Glatz so wohl geborgen war, daß er dem Land seiner Qual hätte Dank wissen müssen, hat sich so «französisch" wie nur möglich von uns verabschiedet, und ver­träumt nun die angenehmen Erinnerungen an die preußischen Fleischtöpfe im heißen Sand MaroRos, wo er von den Strapazen seiner Glatzer Heldentat auf Geheiß des vaterländi­schen Kriegsministers ausruht. Die mit Bind­fäden und Bettuch-Streifen errungnen Lor­beeren seines Schicksalgenoflen haben offenbar ruch Mister B r a n d on, den Manager der Borkumer Spionageasfärc, nicht schlafen las­se», denn in einer der letzten Nächt« hat auch Herr Brandon versucht, dem granitnen Käfig seiner Buße auf dem nicht mehr ungewöhnli­chen Weg durchs Fenster zu enteilen. Viel­leicht wäre das nächtliche Abenteuer ohne alle Fährnis glücklich verlaufen, wenn nicht die Heldenfahrt des Herrn Lux die preußische Fe- ktungswache in den dunklen Nächten des Fe­bruar zum Mißtrauen bekehrt hätte: Ein Po­ften der Wache hinderte den Spion von Bor­kum am Spaziergang über die Wälle, und die Folge wird nun wohl sein, daß Mister Dran- vous Zellenfenster neue und dauerhafte Eisen- stäbe und sein« Zimmertür ein Sicherheits­schloß erhält.

Mister Brandons Spaziergang.

(Prtvat-Telegramm.)

Wefel, 24. Februar.

Der Rheinisch-Westfälischen Zeitung wird 66er den Fluchtversuch des hier internierten mglischen Spions Brandon folgendes mitgeteilt: Der Spion Brandon unternahm in oer Nacht zum Donnerstag einen Fluchtver­such. Trotz der seit der Flucht des Spions Lux verschärften Aufsicht in den Fe­stungen war es ihm gelungen, die Gitter

vor seinem Fenster, dir erst kürzlich angebracht worden sind, zu durch fei len und sich an einem Seil auf den Festungshos herabzu- laffen. Bei seiner Flucht über den Festungshof wurde er jedoch von dem wachthabenden Sol­daten bemerkt. Erst auf dessen Drohung, zu schießen, machte er Halt, als er bereits auf dem Wall angekommen war und ließ sich verhaften. Die Ergebnisse der am nächsten Morgen einge­leiteten Untersuchung nach Helfershelfern wer­den noch geheimgehalten. Der Soldat erhielt eine Belobigung und einen dreitägigen Hei­maturlaub. Die Einzelheiten des Fluchtversuchs Brandons werden von der Festungsverwal- ttmg streng geheim gehalten, und es ist auch um eine Beunruhigung der Oeffentlichkeit zu verhüten, dem Wachpersonal sowie den übrigen Soldaten untersagt worden, über die Vorgän­ge irgendwelche Mitteilungen zu machen.

Achtung oder Wahrheit?

(Prtvat-Telegramm.)

Essen, 24. Februar.

Seitens der hiesigen Festungskom­ma n d a n 1 u r ist die Nachricht von einem Fluchtversuch des englische» Spions Brandon bestritten worden. Darauf erklärt heute die Rheinisch-Westfälische Zeitung: Unser Ge- währsman in Wesel hält seine Angaben vollkommen aufrecht. Die Vorgänge sind in Wesel bekannt. Namentlich sind die sämtlichen zur Zeit des Fluchtversuchs auf der Wache anwesend gewesenen Sowaten davon unterrichtet. Der Fluchtversuch erfolgte in dunkler, stürmischer und regneri­scher Nacht. Der auf Posten stehende Sol­dat sah auf seinem Patrouillegang eine auf- rechtstchende Gestalt, die er anricf. Der An­gerufene ergriff die Flucht und erkletterte einen Damm. Erst auf die Drohung des Soldaten zu schießen, blieb der Flüchtling ste­hen. Der betreffende Soldat, der beim Räher- kommen Brandon erkannte, nahm ihn fest. Brandon macht« dem Soldat Versprechun­gen, wenn er ihn laufen lasse; der Soldat tat aber seine Pflicht, brachte Brandon zu sei­nem Schiwerhaus und bewachte ihn anderthalb Sttinden lang bis die Ablösung kam. Brandon hatte die Erlaubnis, sich mit Knüpfarbei­ten zu beschäftigen, wodurch es ihm möglich wmde, sich das Material zu seiner Flucht zu verschaffe«.

Und das Fazit?

Die Awgelegenhett bedarf nach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten noch der Aufllärung. Man kann es verstehen, daß di« Kommandan­tur der Festung Wesel es verhüten möchte, daß durch das Bekanutwerden des Brandon'schen Fluchtversuchs abermals die Oeffentlichkeit be­unruhigt wird, nachdem die (sicherlich nicht un­berechtigte) Erregung über di« Glatzer Lux. geschichte im Reich noch peinlich nachztttert. Auf der andern Sette freilich braucht man sich keinerlei Täuschungen darüber hinzugeben, daß die Strafvollstreckung gegen Gentlemen-Spione auf deutschen Festunzen dem eigentlichen Zweck der Strafe: Dem Abschreckungs- Prinzip, nur zu «wem sehr bescheidnen Teil gerecht wird. Der britische Hauptmann Bran­don, der früher von der schönen Kunst der Knüpfarbeit wohl kaum die zarteste Ahnung gehabt hat, spürt als Festungsgefangner plötz­lich das Bedürfnis, sich ausgerechnet in diesem reizenden Zweig nützlicher Handarbeit zu be­tätigen. Schon diese Neigung hätte das Miß­trauen wecken dürfen, denn ein Hauptmann, der Fäden knüpft, ist selbst von den Fliegenden Blättern noch nicht entdeckt worden. Das ein­zig Tröstliche in dieser seltsamen Nachtgeschichk ist der brave Musketier, der Herrn Bran­dons Abenteuer mtt schußbereitem Gewehr so unliebsam störte. Drei Tage Heimaturlaub und eine Belobigung vor versammelter Mannschaft sind fein ziemender Lohn, und es bleibt nur noch der Wunsch, daß der Anlaß zu Auszeich­nungen dieser Art sich öfter ergeben möge. Und nicht nur bei nachtwachenden Nus- ketteren! F. H.

Sie Gefahr de, Welt-Sire«,.

Krieg oder Friede im Bergarbeiterkampf?

(Privat-Telegram m.)

London, 24. Februar.

Gestern nachmittag hat das internationale Komitee der Bergarbeiter eine Sitzung abgebalreri, in der die Stellungnahme der Bergarbeiter der ganzen Welt für den Fall eines Ausbruchs des General­streiks in England einer eingehenden Bespre­chung unterzogen wurde. Genaues über di« von dem Komitee gefaßten Beschlüsse ist noch nicht bekamtt. In großen Industriezentren habe« sämttiche Fabrikbesitzer ihren Arbeitern bereits bekannt gegeben, daß sie sich gezwungen sehen würden, sie bis auf weiteres zu entlassen.

falls der Bergarbeiterstreik ausbrechen sollte. In Leeds haben die Bergwerksbesitzer den Händlern mitgeteilt, daß sie von heute ab kei- nerlei Bestellungen mehr auf Kohlen annehmen könnten. Die Seidenspinnereien sind, da sie augenblicklich nur einen ganz ge­ringen Kohlenvorrat haben und es ihnen nicht möglich ist, diesen wegen der zu hohen Preise jetzt zu ergänzen, beretts am ersten Streik, tage nicht mehr in der Lage, ihre Betriebe fortzusühren und müssen sofort die Ar- beit ein st eilen. Allein in der Seidenspin, nerei werden also weit ü b e r h u n d er t t a u send Arbeiter brotlos werden.

Mu neues Spionage-Rätsel?

Seemann Jreland vomFoxhound".

England erlebt die freudige Genugtuung, abermals einen deutschen Spion erwischt zu haben: Der Dampfer .Eskimo" der engli­schen Wilfonlinie ist gestern, von Christiania kommend, mit einem Mann von dem britischen Kriegsschiff .Foxhound" in Hnll eingetroffen. Der Mann, der ein in England naturalisierter Deutscher namens Jreland ist, war wegen Spionageverdachts in Gewahrsam. Es heißt, daß er ertappt wurde, als er an Bord des .Foxhound" in einer Geheimschrift No­tizen machte, die zu erklären er sich weigerte. Wir erhalten über die etwas romantisch klin­gende Affäre folgenden Bericht:

London, 24. Februar.

(Privat-Telegram m.)

Der angeblich als deutscher Spion an Bord des englischen KriegsschiffesFoxhound" in Christiania verhaftete Seemann Jreland traf gestern, bewacht von einer starken Marine- Eskorte, in Hüll in London ein. Der fünfund­zwanzigjährige Gefangene, der ziemlich kna­benhaft und sehr bleich aussah, trug britische Marineuniform. Seine Hände waren gefesselt. Jreland soll taffächlich deutscher Abstammung sein und sich später haben natu­ralisieren lassen. Er hatte einen Ausflchtsposten im Maschinenraum inne und war seit acht Mo­naten an Bord des .Foxhound" in der briti­schen Marine angestellt. Das Schiff war auf Torpedoübnngen in den nördlichen Gewässern. Der Verhaftete wurde nach Chatham in das Marinegefängnis eingeliefert. Während der Ueberfahrt von Christiania nach Hüll war er in Eisen gelegt worden und hatte keine Erlaubnis, mit irgend jemand zu sprechen. Jreland wird in Kurzem in Chatham vor ein Kriegsgericht gestellt werden.

Hk«Grspensterfchifi" vor Dünkirchen.

(Privat-Telegram m.)

Paris, 24. Februar.

Auch Fr a n k r «i ch hat wieder «in kleines «Sensatiönchen": Hiesig« Zeitungen lassen sich aus Dünkirchen melden, daß vorgestern abend im dorttgen Hafen eine Pacht mit der deutschen Flagg« eingelaufen sei, die den Namen «Porthof" trug. Das kleine Schiff, das mehr einem Küstenwächter als einem DergnügungSboot ähnlich sah, war so eingerichtet, daß es selbst dem heftigsten Stur­me Trotz bieten konnte. Am vorderen Teile hatte es einen Wellenbrecher und eine groß« Panzerplatte. Man konnte be­merken, daß sich an Bord kinematogra- phische Apparate befanden. Man ist äußerst verwundert darüber, daß das Schiff gerade jetzt, kurz vor Beginn der großen Ma­növer, hier angekommen ist und glaubt natür­lich, daß es eigens zum Zwecke der Spiona­ge von Deutschland herübergekommen ist. So geheimnisvoll wie es gekommen, soll es dann auch wieder verschwunden fein.

Man darf gespannt fein, wie sich das Ge­heimnis dieses seltsamen .Gespensterschiffs", das lebhaft an die Geschichte von den .Gespen­sterlustschifffen" über London und Dover er­innert, aufklären wird. Wahrscheinlich han­delt es sich bei dem angeblichen .Küstenwäch­ter" um irgend einen privaten Pergnü- guugs - Dampfer, dessen Reifende in dieser kritischen Zett sich an den Reizen von Dünkirchen erbauen wollten. Im übrigen ist allerdings ein Schiff mtt dem Namen .Port­hof" unter den deutschen Marine- oder Pri­vatfahrzeugen gänzlich unbekannt. Viel­leicht handelt es sich gar also um eine opti­sche Täuschung der argwöhnenden Fran­zosen.

Die Bombenmanner von Paris.

Höllenmaschinen in Autodroschke».

(Privat-Telegram m.)

Paris, 24. Februar.

Di« Bombenanschläge gegen die Krastdroschken-Gefellfchaften sind das große Tagesereignis, das die Pariser Bevölkerung lebhaft beschäftigt. Im Laufe des gestrigen Tages wurden im ganzen siebzehn Bom­be n in Kraftdroschken entdeckt. Zwölf Autos sind tatsächlich in Brand gesteckt worden. Fünf Bomben konnten herausgeholt werden, ehe sie

ihren Zweck erreicht hatten. Daß es sich bei den Verbrechen um eine wohlorganisier­te Bande handelt, geht daraus hervor, daß alle Bomben genau die völlig gleiche Her­stellungsart zeigen und daß sie stets an die gleiche Stelle im Wagen, nämlich hinter di« tapezierten Rückenlehne, gelegt werden. Die Sprengkörper sind ganz raffiniert hergestellt. Die Chauffeure erinnern sich, daß sie als letzt« Fahrgäste Männer für ganz kurz« Strecken be­förderten, die ihnen nicht ganz geheuer vorka­men. Die Polizei nimmt daher an, daß die Fahrgäste streikende Chauffeur« waren.

Jas rote Präsidium.

Zwei Sozialdemokraten als Präsidenten.

In der gestrigen Sitzung des Landtages im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt wurde der sozialdemokratische Abgeordnete Winter zum Präsidenten, der sozial­demokratische Abgeordnete Ha r t m a n n zum Vizepräsidenten gewählt. Die bürgerlichen Abgeordneten hatten bei der Wahl weiße Zet­tel abgegeben, da von vornherein keine Aussicht vorhanden war. die sozialdemokratt- sche Majorität zu erschüttern, lieber die Wahl wird uns berichtet:

Rudolstadt, 24. Februar.

(Privas-Telegramm.)

Bei der gestrigen Präsidentenwahl im Land« tag wurde vom sozialdemokratischen Abgeord­neten Hartmann der sozialdemokratische Füh­rer Winter zum Präsidenten vorgeschlagen. Der nationalliberrale Abgeordnete Sommer gab namens der bürgerlichen Abgeordneten die Erklärung ab, daß diese sich der Abstim­mung enthalten würden, da sie, entge­gen dem allgemein herrschenden Parlaments­gebrauch, zu den Vorbesprechungen zur Präsidentenwahl nicht hinzugezogen worden seien. Darauf erwiderte der Vertteter der, Sozialdemokratie, die sozialdemokratisch« Frattion habe nur dasselbe getan, was die bürgerlichen Parteien bei der letzten Wahl getan hätten. Danach wurde Abgeordneter Winter zum Präsidenten und Abgeordneter Hartmann zum Vizepräsidenten gewähst. Langjähriger Erster Präsident des Landtags war früher im Rudolstadter Landtag der Land­kammerrat RittergntÄesitzer Lüttich, der ftühere Reichstagsabgeordnete. Als zweiter Präsident wurde dann mehrere Perioden hin­durch ein Sozialdemokrat gewählt. Nachdem sich aber di« Gegensätze immer mehr zugespitzt hatten, Netz die bürgerlich« Mehrheit die So­zialdemokraten bei der Bildung des Präsi­diums unberücksichtigt. Jetzt, da di« Sozial­demokratie die Mehrheit hat, hat umgekehrt diese di« B ü r g er l i ch e n vollständig ausge­schlossen.

Mn Parlamentskonflitt in Sicht?

Ein weiteres Prtvat-Telegramm aus Rudolstadt meldet uns: Zu dem dro­henden Konflist zwischen der Regierung und dem Landtag erklärt Staatsminister Freiherr von der Recke: Die sozialdemokratische Partei, di« im neuen Landtag die Mehrheit hat, will es anscheinend auf einen Konflikt ankommen lassen. Sie hat der Regierung ein Pro­gramm mit sehr radikalen Forde­rungen unterbreitet und zu verstehen gege­ben, daß von der Annahme dieser Forderun­gen di« Arbeitsfähigkeit des Landtages abhän­gen würde. Die Annahme der Forderungen des sozialdemokratischen Programms in ihrer Gesamtheit ist indessen ausgeschlossen. Unter diesen Umständen ist also die Möglichkeit einer Auflösung des Landtags in nächste Nähe gerückt.

Au» den Parlamenten.

Mädchenhandel und Staatsangehörigkett. (Bon unferm parlamentarischen Mitarbeiter.)

Im neuen Reichstag scheint die Fre­quenz nicht besser werden zu sollen, als im vorigen. Bei fast leeren Bänken erörterte man gestern das Ansfiihrungsgesetz der internatio- nalen Bekämpfung des Mäd chenhandels. Hier bot das Haus den Anblick seltener Ein­mütigkeit: selbst von sozialdemokratischer Sette erklang Anerkennung für die Bemühungen des deutschen Komitees, und der Gesetzentwurf wurde dänn auch ohne Kommission s- beratnng in erster und zweiter Lesung an- ?genommen. Allgemeiner Sympathie. er- reute sich auch das Gesetz über Abänderungen der Staatszugehörigkeit, der dazu dienen soll, den Deutschen im Ausland« bk Beibehaltung der Reichszugehörigkeit zu er­leichtern. Der Entwurf wurde ausführlich durch den Staatssekretär Delbrück, der eine histo. rffche Uebersicht gab, behandelt. In der Debatte hatte man 6ter und da einige Bedenken, insbe­sondere aus der äußersten Linken, wegen der Bestimmungen über die Naturalisierung der Ausländer. Der Entwurf wird an ein« Kom­mission gehen, wenn man auch gestern noch nicht zu Ende kam, sondern di« Debatte auf Diens-