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Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

2. Jahrgang

Sonnabend, 24. Februar 1812

Fernsprecher NI und 952.

Nummer 68

Fernsprecher 951 und 952.

SSI

darf diesen Satz gern und willig unterschreiben, nur scheint es, daß über die Wege zur Errei­chung des Ziels die Meinungen wesentlich auseinandergehen.

Der Korreferent des Herrn von Bissing, Geheimrat Uhlemann, erwog beispiels­weise sehr ernstlich das »höhere Eingrei­fen des Staats" in die Jugendbewegung, für den Fall des Versagens freiwilliger Be­strebungen, und als weiterer naheliegender Ge­danke erschien ihm das Verbot der Be. schästigung jugendlicher Arbeiter in Fa­briken bis zur Erreichung einer gewissen Alters­stufe. Man merkt gleich: Hier sind die Grenzen des Möglichen bereits weit aus dem Ange ver­loren und es verdient (gewissermaßen als Cha­rakteristikum) nur noch erwähnt zu werden, daß ein dritter Redner, ein Professor, ausge- rechnet unsre Volksschulleh rrrdafür der- antwortlich machte, daß die Jugendbewegung noch nicht den Gipfel des Ziels erstiegen. Der Herr Professor meinte, unsre Lehrerhätten keinen Sinn mehr für die Natur, und darum könnten sie auch in der Jugend nicht mehr die Liebe zur Natur entflammen." Man sieht: Der Weg zur Erkenntnis führt mitten durch den Irrgarten! So löblich und achtenswert der Idealismus auch fein mag, ganz gleich, ob et sich im Kriegsspiel, in der Pfadfinderkunst, im Sport oder in der Charakterbildung der Ju­gend offenbart: Es gibt Grenzen, die den Eifer hemmen müssen. Denn auch in der Ju­gendpflege-Bewegung steht mitten im Kreis­lauf der Reformation das harte soziale Moment, das sich nun einmal nicht beschwö­ren und nicht bannen läßt. Man schaue einmal hinein in die Sphäre großstädtischer Volks­jugend, wo in der Schwüle des Daseinskampfs schon die zartesten Keime der Entwicklung ver­kümmern, und man wird erkennen, daß die Jugendpflege nicht als nattonalchädagogisches oder volks-hygienisches, sondern lediglich als soziales Problem gewettet und behan­delt werden kann. F. H.

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nitza nach Macedonien eingeschmuggelt. Wie es heißt, stehen die bulgarischen Behörden diesen Vorgängen passiv gegenüber. Auch sei­tens des bulgarischen Kriegsministeri­ums werden weiter Soldaten und Munition an die türkische Grenze entsandt. Wie hier ver­lautet, werden im Frühjahr die mazedonischen und albanischen Banden gemeinsam ge­gen dieTürkei operieren.

JnserttonSpreise: Di« ftchSgespaltene ZeU« für einheimisch« S «schäft« 15 Pfg., für au», toärtige Inserat« 25 Pf, Reklame,eil« für einheimisch« SeschLst« 40 Pf, für auswärtig« Seschäfte 60 Pf. Beilagen für die Sesamtaufiage werden mit 6 «Blatt pro Tausend be­rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restden, unb der Umgebung sind die «afteler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches JnfertionSorgan. »efchästSstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt rv 676-

Aehrenthak letzte Fahrt.

Das gestttge Leichenbegängnis in Wien.

(Priv at-Telegramm.)

Wien, 23. Februar.

Das gestrige Leichenbegängnis für den Grafen Aehrenthal machte den im» wsantestcn Eindruck. Unter Entfaltung des ganzen höfischen Zeremoniells ging fast das ganze offizielle Oesterreich hinter dem Sarge des toten Ministers, ebenso das Wiener diplomatische Korps und die Spitzen der österreichischen Aristokratie. Das Ministe­rium und die Kirche, in der die Einsegnung tattfand, und in der fast alle Mitglie­der des Kaiserhauses, vor allem der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, an­wesend waren, trug Trauerschmuck. Ueber den Hochaltar und die Seitenaltäre waren schwarze Tücher mit weißen Kreuzen und kleinen blau- goldnen Schildern, dem Wappen Aehrenthals, gespannt. Die Wappen trugen den Wahl­spruch des Grafen:Dem Sturme trot­zend". Ueberaus eindrucksvoll war der L ei­che nzug. Reiter eröffneten den Zug; den Sarg schmückten nur zwei weihe Kränze, die von der Gattin und den Kindern des Verstorbenen herrühtten. Reben dem Leichen­wagen schritten zwölf Hausoffiziere des Kai­serlichen Hofes mit brennenden Kerzen, die das Wappen des Grafen trugen. Hinter dem Harge folgten Büchfenträger, die auf rotseide­nen Kissen die Orden des Verstorbenen trugen. Hinter ihnen die Familienangehörigen und die Beamten mit Aehrenthals Nachfolger, Graf Berchtold, an der Spitze. Nach der Einseg­nung folgte die große Versammlung dem Sar­ge zum Schluß über di« Ringstraße und den schwarzen Bergplatz, wo der Zug sich auflöste. Die Leiche wurde darauf nach Doxau in Böhmen überfühtt, wo sie im Erbbegräbnis der Familie beigesetzt wird.

Aus den Parlamenten.

Die Teuerungsdebatte im Reichstag.

(Von unserm parlamentarischen Mitarbeiter.)

Im Reichstag ift's bereits öde gewor­den, und von derStimmung" der ersten Tage ist fast nichts mehr zu spüren. Di« Teue­rungsdebatte, die gestern abermals auf der Lagesordnung stand, schlängelte sich müh­sam werter, ohne indessen das winzigste neue Moment zu erbringen. Das Haus wies über­haupt große Lücken auf, denn nach den Anstrengungen der Etatslesung haben sich nicht wenige Mitglieder selber Fetten erteilt, da keine Abstimmungen bevorstehen und der Sonnabend und Montag überdies fitzungsfrei sind. Die Frequenz im Hause war in dieser Woche so gering, daß die Konstituierung mehrerer Abtttlungen nicht möglich war. Zu- crft sprach gestern Herr Antrick, von der Zolltattsdebatte (in der «r eine dreizehnstündi­ge Obftrukttonsrede hielt) genügend bekannt, aber entgegen manchen Befürchtungen machte er es gestern recht gnädig und begnügte ssth mit dreiviertel Stunden. Schatzsekrttär Wer­muth machte Mitteilung von der zeitweisen Suspendierung des Kartoffelzolles, worauf aber die Drbatw wieder vollständig verflachte. Die Besprechung der Jnterpellatton konnte indessen trotzdem gestern noch nicht beendet werden, man will aber am heutigen Freitag den türkischen Handelsvertrag und das Gesetz über die Rerchsangehöttgkttt vorwegnehmen.

Präsidium der Mitte?

(Privat-Telegram m.)

Berlin, 23. Februar.

In Abgeordnetenkreisen ist das Gerücht herbrttiet, daß die Konservativen, das Zentrum und die R atio nallibera- len sich berttts über die demnächst stattfin­dende definitive Präsidentenwahl d«S Reichstags geeinigt hätten. Danach soll das Zentrum den Präsidenten, die Rattonallibera- len den ersten Vizepräsidenten und die Kon­servativen den zweiten Vizepräsidenten stellen. Als Kandidaten werden für das Zentrum Graf P r a s ch m a, für die Nationalliberalen Dr. Paasche und für die Konservattven der Abgeordnete Dietrich genannt.

Bundesrat noch nicht beschäftigt hat, und daß weder über die Höhe der Forderung noch über die Art ihrer Deckung irgend welche Beschlüsse gefaßt worden sind. Die be- tttligten Instanzen beschleunigen nach Mög­lichkeit die Arbeiten, und es kann als sicher gelten, daß binnen kurzem Klarheit über die Regierungsvorlage geschaffen wird. In­zwischen sind über die Wehrvorlage und die Deüungsfrage die unsinnigsten Gerüch­te verbreitet worden; so ist es auch als falsch zu bezeichnen, daß der Staatssekretär des Reichsschatzamtes gegen weitere Ausgaben für die Armee und die Marine oppo­niere."

Ser kommende Balkanbrand?

(Privat-Telegram m.)

Sofia, 23. Februar.

Seit einiger Zttt bemertt man in der Hauptstadt viele Bandenführer aus Ma- csdonien, die über viel Geld verfügen und hier ungehindett Gewehre und Munition, wahr­scheinlich für die Revolutionäre in Makedonien, eintausen. Die Bandenführer aus Stuemitza, Cawdawo und Alltrandew haben allein für etwa fünfzigtausend Francs Munition gekauft. Diese Munition wird über Rustendil und Dub-

ras Drama vm kMkocha«.

Ein Kulturbild ans dem dunkelsten Osten.

(Von unfeint Korrespondenten.)

Ein Kulturbild aus dem dunkelsten Osten, wie es die Phantasie eines Diderot nicht fen- sattoneller hätte ausmalen können, wird in den nächsten Tagen das Göuvernementsgericht in Petrokow im Gouvernement Wattchau beschäf­tigen. Es ist der Prozeß gegen die Mönche von Czenstochau: Den Paulanerpater Damazy Maczoch, die Mönche Basil Olrsinski und Isidor Starczewski und die frühere Telephonistin Helene Krzyzanowska, verehelichte Maczoch aus Granica. Ms Haupt- angcklagter erscheint der Pater Damazh Mac­zoch, der des vielbesprochenen Kleinodien- raubes an der Mutter Gottes von Czen­stochau und ferner der Ermordung seines Vet­ters. des Posthalters Waczlaw Maczoch aus Granica beschuldigt ist, während die übrigen Angttlagten der Beihilfe zu diesen Taten ange- klagt sind. Die Vorgeschichte, dieses Prozesses mit ihrer geradezu kulturhistoiischcht Bedeutung hat sttt langem die Gemüter in ganz Rußland erregt und weit über die Grenzen des unend­lichen Reichs hinaus in der ganzen gesitteten Welt Schrecken und Entsetzen verbreitet. Han­delt es sick doch um die Schändung einer der ehrwürdigsten Wallfahrtsstätten der katholischen Christenheit, die mit einem Morde Hand in Hand ging und jetzt endlich ihre Sühne finden soll. Im Herzen des ehemaligen Königreichs Polen, an der Hauptstrecke der Wattchau - Wiener Eisenbahn, nur siebzehn Werst von der deutschen Grenze entfernt, liegt die Krttsstadt Czenstochau des russifch-polnr. scheu Gouvernements Petrokow, heute eine rege Fabttkstadt, aber seit Jahrhundetten, und vor allem in der Geschichte deS ehemaligen polni­schen Königreichs als die

heiligste Kulturstätte der Polen eine ganz hervorragende Rolle sPielerS>. Zit Häupten der Stadt erhebt sich auf dem Jasna Gora, dem Klarenberge, das Kloster vom Or­den des heiligen Paul des Eremiten, mit dem weltberühmten Marien bilde, entern tteU nen, auf Cvpressenholz gemalten, vom Alter schwarzbraun gewordenen, und an sich sehr un­scheinbaren Bilde byzantinischen Ursprungs, das jedoch wegen seiner Wundettätigkeit den Ruhm und Glanz Czenstochans in der katholi- schen Chttstenhett ausmacht. Das Kloster ist der berühmteste Wallfahrtsort für die Kakho. (ileit Rußlands und wird auch von Preußisch. Schlesien, Posen und Westpreußen, sowie aus Galizien her besucht. Der Wert der Juwelen

Römische Tripolis-Premiere.

Die Eröffnung der italienischen Kammer.

Das italienische Parlament hat gestern nach einer Pause von mehreren Monaten seine Arbeiten wieder ausgenommen. In ettter Linie hat es das Dekret zu bestätigen, in dem die Souveränetät Italiens in Tri­polis und der Cyrenaika ausgespro­chen worden ist. Wie es zu erwarten war, gestaltete sich die erste Sitzung zu einer begei- stetten Kundgebung für die Tripolis-Politik der Regierung. Saal und Tribünen der Kam­mer waren überfüllt. Auch viele Damen wa­ren anwesend. Der Präsident der Kammer, Marcora, Ministerpräsident G i o l i t t i und alle Minister bttraten zusammen den Saal, von andauernden Kundgebungen empfangen.

6ine Kundgebung für den Krieg!

Kriegsminister Spingardi erklärte, die Ar­mee schließe sich mit brüderlicher Liebe und berechtigtem Stolz den hohen Ehrungen an, die von so maßgebender Stelle unter so begeistetter Zustimmung ihren Brü­dern von den Land- und Seestreitkräften ge­zollt würden, die so mutig in Lybien fiir italienische Tüchtigkeit Zeugnis ablegten und durch ihr Leben die neuen Geschicke des Vaterlandes heiligten und sich opferten, damit das Vaterland größer, glücklicher und mächttger werde. (Fortgesetzter, begeistetter Beifall, allgemeines Rufen: Es lebe die Armee!) Der Präsident verlas die Tages­ordnung Lacava, Bettelo und Baccelli, durch die Heer und Flotte Gruß und Beifall gespen­det wird. Alle Abgeordneten und Tribünen­besucher erhoben sich und

äußerten ihre begeisterte Anstimmung. Der Präsident erklätte die Tagesordnung durch Zuruf angenommen. Sodann erhob sich Ministerpräfident Gtolitti, begrüßt von einer langandauernden großartigen Kundgebung. Er brachte einen Gesetzent- tourf ein betreffend die Giltigkeitser- klärung des Dekrets, in dem die volle und ganze Souveränität Italiens in Tttpolis und der Cyrenaika proklamiert wird. Die Kammer erhob sich von neuem. Unend­liche, eindrucksvolle Beifallskundgebungen be­grüßten das Dekret. Giolittt beantragte, die Kammer möge dem Präsidenten Vollmacht er­teilen, eine Kommission von einundzwanzig Mttgliedern zu entenen, die den Gesetzentwurf prüfen falle. Der Antrag wurde unter Bei­fall angenommen und die Sitzung unter­brochen, um den Regierungsvertretern die Möglichkeit zu geben, hem Beginn der Arbei­ten im Senat beizuwohnen.

Der Heroismus des Laubes.

Nach Wiedereröffnung der Sitzung erhob sich der Mttttsterprästdent Giolittt zu fol. gender Ansprache: FinM und Manfredi haben des Heroismus von Heer und Flotte gedacht. Gestatten See, daß ich des HeroiSmusdrs Landes gedenke. (Alle Senatoren haben sich schoben, Mrmischer Beifall.) Alle Bevölke­rungsschichten und sozialen Stände haben sich> einmütig um die Armee und die Marine ge­schart und freudig ihre Söhne hingegeben, um sür das Vaterland zu sterben. Diese Haltung des Landes ist die größte Stärke, die eine Ratton dem Auslande gegenüber geigen kann, und diese Kraft ist umso mächtiger, als sie sich unter der von der ungeheuren Mehrheit der Italiener anerkannten königlichen Standarte kundgkbt." (Das Haus hat sich erhoben, wiederholte Rufe:Es lebe der Kö­nig, es lebe Italien!") Gtolitti dankt dem Se­nat für diese patriotische Kundgebung.

Nur keine Unruhe!

Bundesrat, Wehrvottage und Deckungsfrage.

Ueber die Deckung der Kosten der neuen Wehrvorlage sind in den letzten Tagen allerlei Gerüchte verbreitet worden, die fogar von einer ernftlicben Erschütterung der Stel­lung des Reichsfchatzsekretärs Wermuth zu berichten wußten. Hierzu bttngt nun die offi­ziöse Norddeutsche Allgemeine Zel- tung an der Spitze des Blattes folgende Er­klärung: .Aus den Verhandlungen des Reichs­tages ist bekamtt. dak die Wehrvorlage den

Fung-IeutWand.

Die Jugendpflege in Stadt und Land.

Der Ruf nach Iugendpflege ist (wie so manche andre soziale und politische Forderung) zum Schlagwott unsrer Zeit geworden. Aber beim Schlagwort allein ift's nicht geblieben, sondern es darf auch auf ernste Arbett hinge­wiesen werden, die redlicher Idealismus ge­leistet hat. Und wenn die Früchte tiiefer Werk­tätigkeit nicht so goldig reiften, wie Fleiß und OPttmismus es erhofften, so beweist das noch nicht, daß die Arbeit unnütz ober gar aussichts­los ist. sondern höchstens, daß sie vielleicht am unrechten Ende angefaßt wurde. Aber auch der Eifer, der sich erfolglos müht, ist löblich, und man soll es deshalb nicht verurteilen, wenn die moderne Jugendpflege-Bewegung in ihrer allzubunten Gestaltung dem Kern der Idee manchmal entrückt erscheint, und die Re. form-, Erziehungs-, Befferungs- und Vered, lungsshsteme so hastig hervordrängen, als er. fordre die soziale Sturmflut des zwanzigsten Jahrhunderts einen hitzigen Wettbewerb in der sittlichen, geistigen und ethischen Umpflan­zung des Reichs der Werdenden. Der beste , Garten bleibt vom Unkraut nicht vettchont, und es kann also nicht wundern, daß in der Jugend­pflege-Bewegung sich Irrungen einge- fchlichen haben, die der Sache mehr schaden als nutzen. Daß das Unkraut trotzdem mit den I feurigsten Blütensarben prunkt, ist des Un­krauts Vorrecht. Aber die Gistblümchen brau­chen uns die Freude am wirklich Schönen nicht zu trüben.

An einem der letzten Tage war (im Rah­men der großen Grünen Woche) in Berlin die L Vereinigung der Steuer- und Wirt- schafts-Reformer vettammelt, die eines ganzen Tages Arbeit der Beratung des wich­tigen Themas widmete: .Die Jugend. I pflege in Stadt und Land, eine Quelle wah­rer V o lks w o h lfah r t." Die Erörterung grade dieses Themas lag eigentlich außer­halb des eigentlichen Arbeitsprogramms der Bereinigung, trotzdem hat sie mehr Interesse geweckt, als manche andre Beratung, die im ur­eigensten Jdeenbereich der Steuer- und Witt- | schaftsreform wurzelte. Leider haben indessen auch die in Berlin gepflognen Verhandlungen in der Hauptsache wieder den Beweis erbracht, daß das alte Sprichwort: .Soviel Köpfe, so­viel Pläne" auch heut noch Geltung hat, und zwar ganz besonders auf dem Gebiet der Ju. gendpflege. Es ist noch nicht lange her, seit man zum erstenmal (von Männern der Hygiene und moderner Pädagogik) den Ruf vernahm: »Die Jugend muß zur Natur zurück!" Der bleiche Pennäler mit den von langer Ueberan. strengung wundgeröteter Augen, der schlaffen Haltung und der Kummerbttlle wurde uns als Schreckgespenst der Degeneration vorgeführt, und an das Gewissen des zwanzigsten Jahr, hunderts pochte laut und gebietettfch die Furcht vor der .Schwächung der Rasse". Man verstand den Wink: Die Jugend wehren erschienen auf dem Plan, der alte Cooper feierte ht der Pfadfinder-Bewegung seine Wiederauferstehung, der Sport erlebte rau­schende Triumphe und die greise .Lern-Päda- gogik" wurde als Verbrechen gebrandmattt.

Man mag darin nun einen Fortschritt, oder ein Mettmal der Schwäche erblicken: Unsere Jugend widmete sich der Erfüllung der ihr zu- gewresnen neuen Aufgaben mit leidenschaft. licher Hingabe, und es ist sicher, daß die Schaf­fung der Möglichkeit körperlicher Stählung in das vom Wust der Bücherweisheit fast verftn- sterte Dasein der aufblühenden Gcneratton einen neuen Wertinhalt, Anlaß zur Be- geisterung für sinnlich erkennbare Ideale hineingetragen hat. Und schon das allein bedeutet einen Gewinn. Allerdings ist dieser Gewinn nicht unbestritten, denn im Berliner Rat der Steuer- und Wittschastsrefonner hat der General zur Disposition, Freiherr von Bissing, nicht nur den Wert des Strebens, sondern auch die äußere Aufmachung der Schöpfung bemängelt: .Wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß, wenn man die Seinen Schüler-Bataillone heranmarschieren sieht, schön angetan mit mehr oder weniger gut sitzenden Kleidungsstücken, die die Herzen der Mädchen und Frauen entzücken, daß Das keine Bewe. gung ist, die uns nutzen kann, denn es ist nicht nur ein Geist, und nicht nur ein Körper, den wir erzichen müssen, sondern ein Mensch, und den dürfet! wir nicht teilen!" Herr van Bissing ist ein warmer Anhänger der vom Feld- marschall von der Goltz proklamierten ,Jung- deutschland-Jdee", und so ist's also Io« x , gisch, wenn er zum Schluß sagt: .Die Armee und das Vaterland brauchen keinevorzedrill- ten Rekruten, sondern charakterfeste, W löniaötreue junae Männer!" Man