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Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

2. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Mittwoch, 21. Februar 1912

Nummer 65

Fernsprecher 951 und 952.

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MorgendlimNern im Men!

China und Japan: Die Gelbe Gefahr.

Die junge Republik im Erdosten hat ihren Präsidenten, und die Vertreter des neuen chi­nesischen Staatsgebilds in den Zen­tren der Kulturwelt bemühen sich zurzeit um die völkerrechtliche Anerkennung der Riesen-Re­publik, deren blutiges Werden mit dem tragi­schen Ende einer alten, int Innern aber längst degenerierte« Dynastie zusammenfiel. Daß die Mächte mit dieser Anerkennung nicht zögern, gebietet schon das politische Interesse des in­ternationalen Verkehrs. In kurzer Zeit dürfte also China, von außen nicht gestört, an die Neuordnung seiner inner« Angelegenheiten gehe« können. Der alte Fuchs Juanschikai wird allerdings fein schlaues Spiel doch nicht so weit spielen, als er es selber dachte. Die Revoluti­onäre lassen ihn agieren, solange sie seinen ein­flußreichen Namen und feine Erfahrung brau­che«. Ma« fagt, daß fein eigner Sohn im La­ger der Junge« stehen foll, und daß Juan­schikai durch ihn gedrängt wurde, so zu han­deln, wie er es getan hat. Es beißt auch, daß das Lebe« des allmächtigen früher« Kaiser- oünstlings jetzt unerträglich ist, daß feine Prä­torianergarde nur durch immer eiferne Diszip­lin und immer größte Geschenke noch gefügig ist, n«d daß er trotz ihr die Rache der Mandschu und das Mißtrauen der Republikaner fürchtet. Juanschikai fei heute nur ein & e f a n g n e r der revolutionären Kämpfer, deren Be­fehlen er gehorchen muß und deren Verabschie­dung er mit Freuden annehmen wird. Wen« her geeignete Zeitpunkt da ist, wird erst der wirkliche Präsident der Republik China unbehindert sein Amt antreten: Der Doktor Sunjatfen, dessen Initiative das neue China eigentlich fein Werden verdankt.

Es besteht kein Zweifel darüber, daß die brüske Wendung Chinas von der unbeschränk- teften Autokratie zur freiesten Republik das größte Ereignis ist, dem unsere Generation zusehen durste. Und dieses Ereignis im Reich der vierhundert Millionen Menschen vollzieht sich ohne allzuviel Blutvergießen, fast in cour- toifer Form von Besprechungen und höchstens Drohungen, mit weniger Opsern immerhin, als manches Hervorbrechen der Elemente for­dert: Eine moderne Revolution, in der hü­ben und drüben Ordnung gewahrt wurde, und die eher aus bestehenden Zuständen die Ergeb­nisse nahm, als daß sie jene gewaltsam zu än­dern suchte. Inmitten der stürmenden Vor­gänge, die eine jahrhundertalte Herrschaft um» reißen, gibt es einen diplomatisierenden Mac- chiavell, der (nach dem alten Witz des achtund­vierziger Jahres) den Hahn in feinster Rede überzeugt, daß er sich braten lassen muß. Sicher: Die Revolutionen waren früher romantischer, phrasenreicher und theatralischer, und ihre Tech­nik hat sich genau so verändert wie die Kriegs­technik. Der höfliche Chinese macht Revolutio­nen nicht anders als der leidenschaftliche Por­tugiese. Auch in Portugal ging bi# Revolu­tion ohne zu lautes Waffenklirren vor sich; auch dort löste sich eine morsch gewordene Ver­gangenheit fast glatt los und riß im Riederfal- fen nicht viel mit sich.

Die Revolutionen waren früher (die große kn Frankreich, die konstitutionelle in Deutsch­land, die wenig dauerhafte in Spanien) ge­walttätiger, sie waren Krampfzustände des ganzen Landes, das sich in der Aktion des Wi­derstands jahrelang verzehrte. Aber auch hier stand die Entwicklung nicht still: Heut sind die Völker-Revolutionen kühler, berechnender, we­niger provoziert und mehr das letzte Glied einer bestimmten Entwicklung, der das von der Eruption der Leidenschaft betroffne Land schließlich nicht entgehen konnte. Und noch einen Gedanken regt diese sonderbare Revolu­tion an, die mit dem kaiserlichen Wunsch schließt, daß sich »das Volk der Republik unter» werfen soll": Es wird eine vielmillionenstarke, durch Jahrhunderte brache Kraft frei! Das chinesische Volk schlägt einen andern als de« bisher beschrittne« Weg ein, und dieser neue wird die Pfade der weißen Völker kreu­ze«. Die »Gelbe Gefahr" wird früher, anders, elementarer wahr, als man es vor einem Lu­strum «och ahne« konnte. Eine Gefahr? Sicher: Von der alten Anschauung aus betrach­tet, die die Völker Europas einmal zur Wah­rung ihrer heiligsten Güter aufrief. Ein waf­fenfähiges Volk wird modernsten Kriegstheo­rie« zugänglich, wird lernen Maximkanone« bedienen und Torpedos dirigieren und wird sich weder in China «och sonstwo tribulieren lasse«. Es wird auch, vom jahrtausendlangen Schlafe erwacht, ökonomisch stark werden, und wird die europäischen Arbeitsmethoden mit

chinesischem Fleiß und asiatischer Genügsam­keit verbinden.

Abwehrmaßregeln, die feiner Einwande­rung jetzt in Nordamerika, in Afrika entgegen« tehe«, kann der Chinese mit dem Hinweis aus eine Armee beseitigen. Und wenn die Aus- vanderung notwendig ist, (weil ein allzu rnchtbares Land den Boden zu eng besetzt), so oird der nunmehrige Staatsgedanke sich viel­leicht nicht mit einer individuellen Auswande­rung begnügen, sondern (im Kraftbewußtsein der zahlreichsten Armee der Welt) die staatliche Auswanderung, die K o l o nie e r o b e r un g fordern. Aber wozu diese Phantasien! Diese ganze Revolution ist ein historischer Beweis, daß Prophezeien in der Geschichte überflüssig ist. Auch die Republik China wird andere Früchte zeitigen, als sie die kühnsten Konjektu- ralpolitiker heute hoffen oder fürchten. Eins nur muß die politische Kulturwelt des zwan­zigsten Jahrhunderts klar ins Auge fassen: Die Revolution im fernen Oste« hat dem Wett­bewerb der Völker ei« ungeheures neues Be­tätigungsfeld erschlossen, in dem Kräfte wirk­sam sind, die in ihrer elementaren Wucht ge­walttätig nach Geltendmachung ihres Wertes und ihrer Nutzung-Möglichkeit drängen, und es bedarf nur einer Rückschau auf die in der Revolution wirksam gewordne chinesische Volkskraft und Leidenschaft, um der euro­päischen Weltvormacht die Gefahr dieser riesigen Machtkonzentration im Gefüge einer freien Republik anschaulich vor's Auge zu füh­ren. Das, was in den letzten Jahrzehnten geworden, ist die »Gelbe Gefahr": Japan und China, die modernen Machtkonzentra­tionen der gelben Rasse, deren Entwicklungs­lauf erst begonnen hat und deren Ausstieg zur Höhe unverkennbar ist! -an.

Kiderleu und die Md Lutschen.

Eine Erklärung des Alldeutsche« BerbaiweS.

Der Staatssekretär des Auswärtige« Am­tes hat bekanntlich im Reichstag in aller Form bestritten, mildem Rechtsanwalt Cl a ß, dem Führer des Alldeutschen Verban- des, über die deutsche Marokko-Aktion Unter­redungen gepflogen zu haben, aus denen Herr Claß hätte entnehmen können, daß Deutschland Landerwerbungen in Marokko plane. Auch in andern Punkten wies Herr von Kiderlen- Waechter die Aussagen des Rechtsanwalts Claß über die Unterredungen mit dem Staats­sekretär als unzutreflend zurück. Auf die An­gaben des Staatssekretärs veröffentlicht der Geschäftsführende Ausschuß des Alldeutschen Verbandes nun folgende Erklärung:

Die Unterredung zwischen dem Staats­sekretär von Kiderlen-Waechter und dem Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandet hat nicht wenige Tage vor Agadir stattge- funden, sondern am neunzehnten April vorige« Jahres. Am ersten Juli folgte eine Unterredung zwischen Rechts- anwalt Claß und dem Unterstaatssekre­tär Dr. Zimmermann, da Herr von Kiderlen Waechter auf Urlaub gegangen war. Eine weitere Unterredung zwischen Herr« Claß und dem Staatssekretär hat nicht stattgesunden, also auch nicht eine solche im September vorigen Jahres, von der Herr von Kiderlen-Waechter im Reichs­tag gesprochen hat. Rach dem ersten Juli ist keine Unterredung zwischen dem Rechtsanwalt Claß und dem Auswärtigen Amt mehr gewesen, ©egenüber den sach­lichen Ausführungen des Staatssekretärs erklärt der Geschästsführende Ausschuß, daß sie in den entscheidenden Punkten den Tatsachen nicht entsprechen.

Was ist nun wahr? In dem Prozeß der Rheinisch-Westfälischen Zeitung gegen den Herausgeber des .Grenzboten" hat Herr Claß ft* bereit erklärt, die jetzt auch in der Fest­stellung des Geschäftssührenden Ausschusses des Alldeutschen Verbandes enthaltenen Tat­sachen unter seinem Eide zu bekunden. Herr Claß ist Rechtsanwalt und es ist also anzunehmen, daß er feine Aussagen vorher sorgfältig geprüft hat. Wie kommt es nun, daß zwischen den Angaben des Staatssekretärs und den unter Eid angebotnen Bekundungen des alldeutsche« Führers so unüberbrückbare Gegensätze klaffen? Eine Klarstellung er­scheint da doch unerläßlich!

8ine neue russische Verschwörung?

DerFuhrmann" von Zarskoje-Sselo.

(Privat-Telegram m.)

Petersburg, 20. Februar.

In der vergangene« Rächt wurde beim Bahnhof von Zarskoje-Dsrio (wo sich bekannt­lich das Palais des Zaren befindet) ein Fuhrmann verhaftet, der der Polizei seit mehreren TgLe« ausgefallen war, da er allem

Anschein «ach zu bestimmten Zeiten auf Wache stand, um die Abfahrt und Ankunft der im Za­renpalais verkehrenden Personen zu über­wachen. Der Fuhrman« erzählte «ach seiner Verhaftung eine phantastische Geschichte: Er sei von mehreren Unbekannten gedungen worden, einem Ingenieur aufzulauern und ihn zu verprügel«. Es wurde« im Zusammenhang mit der Verhaftung des angeblichen Fuhr- manns verschiedene Haussuchungen vorgenom­men, die zur Verhaftung einer Reihe von Personen führten. Die Verhafteten planten einen Anschlag gegen hoch, stehende Personen und beobachteten de­ren Fahrten, offenbar, um sich über die Mög­lichkeiten der Ausführung des geplanten An­schlags zu orientieren.

Der Berliner Massenmörder verhaftet!

Ein Geständnis des Schlossers TrenNer.

Wie wir schon gestern mitgeteilt haben, ist am Sonntag in Zittau in Sachsen der Schlosser Trenkler unter dem bringen- den Verdacht verhaftet worden, den drei­fachen Raubmord in der Alten Jakob­straße in Berlin ausgeführt zu haben, dem be­kanntlich der Juwelier Schultze, seine Frau und seine achtzehnjährige Tochter zum Opfer fielen. Trenkler versuchte nach feiner Fest­nahme einen Selbstmordversuch durch Erschießen, der aber mißlang, da die ihn ver­haftenden Beamten ihm die Waffe entrissen. Der Verhaftete ist ein Schlosser, der früher an­scheinend eine technische Schule besuchte und sich deshalb auch als Student ausgegeben hat. Er hat sich dadurch verdächtig gemacht, baß er in den letzten Tagen in Zittau und einigen umliegende« Orten Uhren an de« Man« zu bringen versuchte, und zwar zu einem Preis, der zu dem hohen Wert der Gegenstände in gar keinem Einklang stand. Dadurch wurde die Polizei auf Trenkler aufmerksam, und die weitern Ermittlungen bestätigten dann den Verdacht, daß Trenkler der langgesuchte Ber­liner Massenmörder fei.

Die Verdachtsmomente gegen Trenkler.

Aus Zittau wird uns berWet: Unter dem dringenden Verdachte an dem Morde der Schultzesche« Eheleute in Berlin beteiligt zu fein, oder wenigstens mit der Angelegenheit in Verbindung zu stehen, wurde hier am Sonn­tag der achtundzwanzig Jahre alte Schlosser Trenkler aus Klein-Schönau bei Zittau verhaf­tet. Die bei ihm vorgefundenen Silber- und Goldsache«, sowie einundzwanzig Uhren stam­men, wie aus den Stempeln und Nummern hervorgeht, unzweifelhaft aus dem Schultze- fchen Geschäft. Trenkler gab an, die Ge­genstände von einem Freunde, den er im Zuchthanse kennen gelernt habe, erhalte« zu haben, und leugnet jede Beteiligung an der Mordtat. Gestern früh traf der Berliner Kriminalkommissar Hoppe in Zittau ein. Zu­nächst fand im Bahnhofsgebäude eine kurze

Konferenz statt, dann begaben sich die Herren sofort in einer Droschke nach Kleinschönau, wo in der Wohnung des Trenkler eine Haus­suchung stattsand. Bei dieser stieß man auf einen kleinen, eisernen Ösen und fand in der Asche einige halbverbrannte, kleine Etikette, wie sie an Schmucksachen als Preisauszeichnung befestigt sind, und als be­sonders gravierenden Umstand entdeckte man die Firma Schultze, Berlin, auf die­sen Etiketts.

Bon der Hochschule zum Zuchthaus.

lieber die Familie des Trenkler ist mit« zuteilen: Der feit langem verwitwete Vater ist einundsiebzig Jahre alt; er hat drei Söhne und eine Tochter: alle sind, mit Ausnahme be3 jetzt verhafteten Schlossers, verheiratet und er« freuen sich großer Achtung im Ort. Der Vater befaß früher ein mittleres Bauerngut, verkaufte es aber vor längerer Zeit und ließ sich in einem Heinen Bauernhause in Klein-Schönau als Privatier nieder. Ter unter dem Verdacht des dreifachen Raubmordes feftgenomntene Sohn hat feiner ganzen Familie von Jugend auf viel Kummer und Sorge bereitet. Bereits in der Schule war er ein Taugenichts: später kam er zu einem Schlosser in Zittau in die Lehre. Dort verübte er allerhand Dummheiten und wurde entlassen. Run versuchte er es mit allem mög­lichen. Unter anberm besuchte er mehrere Se­mester die Technische Hochschule in Dresden. Wiederholt kam er mit dem Straf­gesetzbuch in Konflikt; als vorletzte Strafe ver­büßte er sechs Jahre Zuchthaus, well er in Reu-Gersdorf einem Reisenden eine Geldtasche mit einem Messer abgeschnitten hatte und dann «och tätlich gegen de« Reisenden vor­gegangen war. Auch als Hochstapler hat er sich betätigt und mehrfach Strafen erlitten. Für die Schuld Trenklers spricht auch der Um­stand, daß er nach Aussage feiner Familien­mitglieder vor etwa vier Woche« plötzlich auf zwei Tage verreiste. Das könnte mit dem Datum des Berliner Mordes überein- stimmen.

Ein Privat-Telegramm aus Zit« tau von heute früh meldet uns: In später Nachtstunde wurde hier bekannt, dach, hex unter

dem Verdacht des Raubmordes an der Juwe. lierfamilie Schultze zu Berlin verhaftete Schlosser Trenkler ein teilweises Ge. ständnis abgelegt habe. Heute früh fand abermals eine Vernehmung Trenklers statt. Der Verhaftete wird heute nachmittag nach Berlin transportiert werden.

6in Wort an den Kanzler!

Das englische Echo der Kanzler-Rede.

(Privat-Telegram m.)

London, 20. Februar.

Die »Daily News", bekanntlich da? deutsch-freundlichste Blatt Englands, agen von bet innerpolitischen Freitags­rede des Reichskanzlers von Bethmann Holl­weg unter der Ueberfchrist »Seltsame Politik": Die ausdrücklichen Ausführungen des Kanz­lers gegen die Sozialdemokratie und parla­mentarisches Regime sind seltsam z« lesen für einen Mann aus dem Westen, der sich kaum einen Premierminister vorstelle« kann, der ge­gen die elementarsten politischen Rechte und Praktiken des Westens eilten Kreuzzug eröffnet. Der Reichskanzler sagt, das die deutsche Regierung über den Par­teien stehe und doch drängt er alle andere« Parteien, gegen die stärkste Partei Front zu machen, doch stößt er viereineviertel Millionen Wähler aus dem Gchege heraus. Der Kanzler hofft die glänzende Mehrheit von im ganze« siebeneinehalbe Millionen Wähler, die für mehr Freiheit stimmen, dadurch zu be­sänftigen, daß er sich auf das Sicherheitsventil setzt und einige Fragmente von sozialen Re­formen herausbringi; aber tue«« er glaubt, daß das wirksam fein wird, so ist er in Deuffchland wahrscheinlich der einzige Mann, der so etwas glaubt. DaS deuffche Volk fühlt sich viel zu sehr als erwachsen, um sich immer noch als Herde behandeln zu lasse«. *

Die Partei der Fünfzehn.

Die Reichspartei des Reichstags, die bisher nur vierzehn Mitglieder zählte, hat de« an Stelle des Abgeordneten von Oldenburg in Eching gewählte« Abgeordnete« Schröder in ihre Fraktion aufgenommen, sodaß die Reichspartei über fünfzehn Mitglieder ver­fügt und im Sinne der Geschäftsordnung des Reichstages nunmehr eine Fraktion bildet, der eine Vertretung in den Kommissionen und im Seniorenkonvent zusteht. Die Partei hatte Herr« Schröder vorher nicht aufnehmen wol­len, weil er gegen die Rechte eine ««ziemliche Sprache geführt und damit obendrei« Herr« Elard von Oldenburg besiegt habe.

Sie Grüne Woche.

Der Bund der Landwirte im Sportpalast. (Bericht unsers Korrespondenten.)

Unter Beteiligung von über achttausend Landwirten aus alle« Teile« des Reiches und zahlreicher Reichs- und Landtagsabgeoronete« der konservativen und freikonservativen Partei trat gestern mittag im Berliner Sportpalast der Bund der Landwirte zu seiner dies­jährigen GeneralversanniÄung zusammen. Es waren fast alle bekanntere« Bundesführer er» schiene«, neben den beiden Bundesvorsitzenben Freiherrn von Wangenheim und dem frü­heren Reichstagsabgeordneten Dr. R ö s i ck e sah man den Bundesdirektor und frühere« Reichstagsabgeordnete« Dr. Diederich Hahn, den früheren Reichstagsabgeordneten Kammer- Herrn von Oldenburg und zahlreiche an­dere bekannte Bundesmitglieder. Der Bundes- Vorsitzende Dr. R ö ficke hielt, mit lebhaftem Beifall empfangen, eine hochpolitische Be­grüßungsansprache, in der er einen Rückblick auf de« letzte« Reichstag swahlkampf wirst, in dem die Gegner des Bundesmit orientalischem Gepränge und mit vergiftete« Waffen gegen die Rechte ins Feld gezogen seien". Den Hanlsabund und die Liberalen be­zeichnet er als eine Trabant eutruppe der Sozialdemokraten. Der Erfolg der Wahl sei der, daß der Liberalismus ge­schlagen fei und die Sozialdemokratie über ihren Sieg frohlocke. Der Reichskanzler möge

die Gefahre« der Sozialdemokratie nicht unterschätzen und schon, ebe die Revolu­tion da ist, energisch auftreten. Bezeichnend sei, daß gerade der Hansabnnd diese Konstella­tion herbeigesührt habe, obgleich bestimmte Persönlichkeiten des Bundes sich rühmen, zur nächsten Umgebung des Kaisers z« gehöre«. Unentwegt werde ®er Landwirte- Bund für Kaiser und Reich eintreten. Hierauf sprach der Bundessührer Freiherr von Wan­genheim über die Reichstagswahlen: Ein Strom schmutzigster Gewässer aus den Kloake« der Großstadt, mit Haß durchsetzt, und nicht reinlicher geworden durch den Zustrom des Goldes, ist über uns vahingebraust. Und was Watz die Folge? Wir haben allerdings einige