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Casseler Abendzeitung

2. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Dienstag, 20. Februar 1912

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 64.

Augenblicks" kein Groll für Ewigkei -

So war das Gericht Anfang Mai vorigen Ja-

einer Verurteilung gelangt, die jetzt das Ober-

F, H.

ergänzt:

London, 19. Februar.

Der Millionen Streik in England

Bilder vom Sozialistischen Songretz.

DU «afleter ftleuetUn Nachricht»» erfdjetr.en wöchentlich sechsmal and,wai abend«. Der beninmentepttl» betragt monatlich 60 Bfg. bei freiet Znsiellung in« C-auS. SefleOungen werben lebet jtit oon bet ®eld)äftsftelle ober ben Boten entgegengenommen Druckerei. Verlag und mebattion: Schlachthofstraft» 28/30 Sprech stunden der Redaktion non 1-3 Uhr nach, mittag« NtriMlche Eptechftunden für untere Abonnenten Mittwochs und Tonnabend« von «e Uhr abend«. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.

Nach fünftägiger Verhandlung hat gestern das hiesige Obergericht den Regierungs­rat Freiherrn von Waechter, der in erster Instanz zu sechzehn Monaten Gefängnis wegen Meineides verurteilt wurde, mangels hinreichenden Beweises frei­gesprochen. Die Anklage wegen Meineides war gegen Reg.-Rat von Waechter wegen ei­ner Zeugenaussage erhoben worden, di« er in dem Prozeß gegen den Redakteur von Roy im Jahre 1910 gemacht hatte. In dieser Aussage bestritt er unter seinem Eide, der Urheber ge-. t ~m n,eueren xsenaut oes stonaiqies ei= wisset anonymer Briefe an von Rov getoeien n§lt"c italienische Delegierte, Pompes zu sein, durch die er versucht haben sollte, den Ciotti, er überbringe die Grütze des ital^ Verdacht sittlicher Verfehlungen von sich ab-jonischen Proletariats in dem Augenblick, wo

In Lyon in Frankreich ist zurzeit der Sozialistische Kongreß zu feiner dws- jähriqen Tagung versammelt. Bei den gestri­gen Verhandlungen des Kongresses forderte (wie uns ein Privalte!egramm meldet) der englische Sozialisten- und Arbeiterführer Keir Hardie die Arbeiter aller Län­der auf, mit den englischen Arbeiter« gemein­sam in den Streik zu ziehen. I« Enaland würden im kommenden Monat eine Mil­lion Arbeiter in den Aus st and tre- ten. Im weiteren Verlauf des Kongresses er-

: der italienische Delegierte, Pompes

Die Errezung des Augenblicks": Das ist s. was des jungen Reichstags frühen Lertz so eigenartig charakterisiert. Die Erregung des Augenblicks kochte schon aus, als am Abend des Hauptwahltags die Sozialdemokratie ihre Siegesfcste feierte, und sie steigerte sich zur Er­bitterung, als jeder neue Stichwahl gang die vor Kus Jahren so leicht zurückgedrängte rote Flut mit wachsender Wucht aufschäumeu ließ. Unsere parlamentarische Kultur ist noch nicht so alt, als dah sie (wie etwa in England) vom Flut- oder Ebbe-Zufall der Stimmzettelwoze unberührt bleiben könnte, und es war also vorauszusehe», daß der praktische« Ar­beit des neuen Parlaments ein heißer Kampf der Geister um die parlamentarische Anerken­nung der äußern Wandlung des Hauses vor. angehen werde. Di« Erregung des Augenblicks einte die Rechte in dem (unklugen) Verzicht auf die Beteiligung an einer Geschäftsführung, von der aus Gründen der Gerechtigkeit die äußerste Linke nicht ausgeschlossen Werve« konnte; die Erregung des Augenblicks drängte den linken Flügel der RationaMberalen zum demonstratwen Protest gegen den Prästdial- Boykott der Rechten; die Errezung des Augen­blicks zwang die Herren Spahn und Paasche zum Wschiednehmen, und die Erregung des Augenblicks wars auch, die in den national­liberalen Gaurn draußen im Reich den Zorn der Wähler weckte, deren Auge und Empfinden die u r s ä ch l i ch e n Zusammenhänge der Krise innerhalb der Reichstagsfraktion entrückt wa­ren. Glücklicherweise pflegt die.Erreauna des

IießrregungdesAugenbliüs.

Parlamentarische und politische Momentbildcr.

Der im Jaimar dieses Jahres durch den ff Willen des Volks zum Loben zerusne Reichstag steht im Zeichen des Kampfs, -7- und Das, was in den ersten Daseinstagen die- 6, ses eigenartig geformten Parlaments ängst- tz liche Seelen erzittern machte, war die natür- ® .siche (und in gewisser Hinsicht auch notwendige) " Entladung einer durch die Wahlen übermäßig H gesteigerten Spannung, deren nächste Wir. | langen sich unmöglich in Friedens- und Feier- M Längen offenbaren konnten. Schon die ge- schäftsordnungsmätzige Vorarbeit in den eignen Angelegenheiten des neuen Hauses hat die W ^Gemüter tiefer erregt und mehr Aergernis " erzeugt, als in normalen Zeiten die Erstre. p bung einer ganzen Seffionleistung. Trotzdem | ists nicht vonnöten, Asche aufs Haupt zu streuen r und den Wandel der Dinge als 'des düstren ? Endes grauen Anfang zu betrauern, denn man - darf bei allen Schatten, die dem Gcbild des M Januarparlaments in der nun geglätteten M Form anhaften, nicht übersehen, daß die eigent- t liche Arbeitsfähigkeit des Reichstags keineswegs in Frage gestellt, vielmehr die Möglichkeit zu nützlicher Leistung von der Stimmzettelwoge völlig unberührt geblieben ist und auch für die Reichsregierung die I Schwierigkeiten des Zusammenarbeitens mit dem ihr verfassungsmäßig zugeordneten Par. lament nicht größer geworden sind, als sie früher waren. Daß trotzdem in des Reichs. | tags jungem Lenz so hell die Waffen klirren, hat seinen Grund in andern Umständen und Begleiterscheinungen.

Es ist in diesen Tagen von einer schweren Krise in der natio n allib er aken Par- te tei die Rede gewesen, deren Ursache in der & Haltuikg der Partei bei der Präsidentenwahl im fe Reichstag erblickt wurde. Für dieseLinks­schwenkung" der Nationalliberalen hat man in den nattonalliberalen Lokalorganisationen im Reich in erster Linie den Abgeordneten B as- sermann verantwortlich gemacht, und eS * r- scheint auch tatsächlich, daß die Wogen der Er- l regung bedenklich hoch gegangen sind, den» unter dem Eindruck der von überallher aus U dem Reich auf sie einstürmenden Protestkund. gebungen der Wähler hat die nationalliberale Parteileitung bei der zweiten Präsidenten­wahl bÄanntlich den Rückzug befohlen. Allerdings ohne Erfolg, denn sowohl Kaempf als Dove sind mit nationalliberaler Hilfe zu f den Präsidenteustühten emporgetragen worden. Inzwischen hat Herr Bassermann «in einmüti. | des Vertrauensvotum erhalten (gleichzeitig mit der Wiederwahl zum Parteiches), und die Parteikorrespondenz gibt in einem offiziellen Pronunziamiento eine Erklärung über die Zersplitterung der Nationalliberalen in der Frage der Präsidentenwahl. Sie bedauert, daß die Parole:Weitzer Zettel in der Stich­wahl zwischen Spahn und Bebel" nicht all. gemein von den Fraktionsmitgliedern be­folgt worden ist, weist aber gleichzeitig darauf hin, daß bei denjenigen Mitgliedern, die für Bebel stimmten, diese Demonstration nur aus der Erregung des Augenblicks" M zu crLären sei.

Scheidemaun gehl zn Hose!

Anläßlich der Wahl des sozialdemokratische« Reichstagsabgeordneten Scheidemann gum erftett Vizepräsidenten des Reichstags ist vielfach die Frage erörtert worden, wie sich der sozialdemokratische Vizepräsident zu den soge­nannten höfischen Verpflichtungen stellen werbe. Zu dieser Frage gab Abge- ordneter Bebel vor der Wahl folgende Erklärung ab: Unser Genosse w i r d z u H o f e gehen, wenn der erste Präsident verhin­dert ist und er wird auch ein Kaiserhow ausbringen, wenn der erste Präsident nicht da ist. Die Verpflichtung, neben dem ersten Präsidenten zu Hofe gehen, hat man in­dessen seitens der Sozialdemokraten abgelehnt, ebenso hat man eS abgelehnt, für die Mitglie­der der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion eine Erklärung dahin abzugeben, datz sie künf­tig bei einem Kaiserhoch den Saal nicht mehr verlassen, sondern sich von ihren Plätzen erheben würden. Man könne di« Ein­zelnen doch nicht festhallen.

gfae deutsch-afrikanische Sensation.

Freiherr von Waechter freigrsproche«.

(Privat-Telegramm.)

Dar-es-Salam, 19. Februar.

Nationen einzutragen.

Was ist nun wahr?

(Privat-Telegramm.)

Paris, 19. Februar.

DasParis-Journal" greift Kiderlen-Wäch- ter ebenfalls scharf an; es schreibt:Die Rede Kiderlen-Wächtcrs im Reichstag über das deutsch-französische Marokkoabkommen enthält so viele Gegensätze, datz es tatsächlich genügt, sie einfach wiederzugeben, um zu zei­gen, welch schwere Fehler Kiderlen-Wäch- ier begangen hat. Ein Punkt seiner Rede aber verdient ganz besonderes Interesse, weil ans ihm hervorgeht, daß es mit der Friedens­liebe Kaiser Wilhelms nicht sehr weit her sein muß, denn er hat dem Kriegsplan, den der Staatssekretär anläßlich des Aaadtr- falles entworfen hatte, zugesttmmt. Auch die Erklärung Kiderlen-Wächters, datz er in Kis- fingcn mitCambon bereits über Kompen­sationen am Kongo gesprochen habe, verdient Aufumrksamkeit, da Caillaux in der Kammer dies unter einem Eid geleug­net hat. Wer von beiden ist mm der Lügner ...?

Gras Beta Aehrcnthai t.

Der Tod des österreichische« AutzenministerS.

Arn «oratabenb obenb tft in Wien der öster­reichisch« Minister de« Aentzeren. »ras Beta bee Uehrenthal. nach langem Selben gestorben. Ein paar Stunden vor feinem Tobe mürbe dem Ster­benden noch die erbetene Entlassung auS dem Dienste erteilt unter Verleihung der Brillanten Mm Großtreu» de« StephanSordenS Lum Nach, feiger Aehretnhals wurde der bisherige Bot. febafter in Petersburg, Sraf Derch-old ernannt und heute früh durch den Kaiser vereidigt.

Die letzten Stunden des «UN aus dem Le­ben geschiedene» österreichischen Staatsmannes waren überaus schmerzvoll. Am Sonnabeno vormittag wurde Graf Aebrentbal in

zuwälzen. Berliner Schreibsachverständige aber hatten die Schrift seiner Briese als dieje-

Blätter:

Paris, 19. Februar. (Privat-Telegramm.)

die chauvinistische Torheit sich des kapitalistt- chen Bourgeois bemächtige, was dazu geführt habe, einen der fchlimmsten Piratenzuge ins Werk zu setzen.

Eine Million Arbeiter im Ausstandl

(Privat-Telegramm.)

Wie uns aus London berichtet wird, dürfte der für Anfang März geplante Riesen- treik in England über eine Million Grubenarbeiter umfassen. Mehrere Hunderttausend Arbeiter anderer Gewerbe werden ebenfalls gezwungen sein, die Arbeit einzustellen. Besonders dürften die Trans- portunternehmungen in Mitleiden- chaft gezogen werden. Viele Fabriken haben nur geringe Kohlenvorräte, so daß sie in we­nigen Tagen den Betrieb werden einstellen müssen. Der Arbeiterverband verfügt über massenhafte Streikgelder, und die Führer versichern, für eine Dauer von min­destens sechs Wochen gedeckt zu sein.

Lord Saldane spricht!

Der Kriegstninister beim Festbankett.

Lord Haldane, der von der Deutschla«»- sahrt heimgekehrte englische Knegsmintster, etzt in der Heimat seine Offenbarungen, über Ziel. Zweck und Erfolg seiner Berliner R e i s e in der ihm eigenen, mystisch angehauch­ten Weise fort. Am Sonnabend sprach Herr Saldane in Leeds in einer Versammlung in der Universität über den Wert seiner Erzie­hung auf einer deutschen Unwersitüt, wöbet er versicherte, datz diese Erziehung ihm Gelegen­heit gegeben habe, auch die politischen Fragen des Tag«S so zu sehen, wie sie dem Deutschen i« seiner nationalen Auffassung erschienen. Gestern hat der Minister auf einem Festbankett der Londoner Universttät diese Äusführungen in bemerkenswerter Weise

Reichstag über die marokkanische Frage gehal­ten hat (siehe Reichstagsbericht in der ersten Beilage) hat in der französischen Presse einen Sturm der Entrüstung geweckt urw die Pariser Blätter richten deshalb scharfe Angriffe gegen Kiderlen. Die radikale Petit Republique" sagt mit dürren Worten, Herr von Kiderlen fühle sein Ende heran­nahen. Bevor er aber in den politischen Ab­grund sahre, habe er noch einmal das Bedürf­nis, seine Verdienst« in das richtige Licht zu setzen. Roch schärfer sind die Angriffe andrer

Ein Pariser Privattelegramm von beute früh meldet uns noch: Mehrere Mor­genblätter kommen heute abermals auf die Rede Kiderlen-Wächters zurück und versichern auf Grund angeblich zuverlässiger Angaben, daß die französische Regierung zwischen dem fünfzehnten und zwanzigsten August des Vor­jahres durch direkte Meldung von der Absicht Deutschlands Kenntnis erhielt, i« M o- gador Truppe« zu landen. Das er­wartete französische Gelbbuch habe diese Tat­sache mit Stillschweigen übergangem weil man in Paris an der Gepflogenheit festhalte, Ak- tenstticke nur m i t G e n e h m i g u n g d e r b e- teiligten Parteien zu veröffentlichen.

(Privat-Telegramm.)

Auf einem Festbankett, das von der Londo. ner Universität veranstaltet worden war, hielt gestern Lord Haldaue eine 31 die, in der er unter anderem erklärte: Ich wünsche nichts lsb- hafter, als über Berlin zu rede«, da Ge­rüchte verbreitet worden sind, daß ich mich st u- dicuhalber «ach der brutsche« Reichs- Hauptstadt begeben habe. Während meiner Berliner Anwesenheit bin ich Männer« in höchster Stellung begegnet, die von Universalgeist beseelt waren. Ich hatte mit ihnen Unterredungen über verschie­dene Fragen. Wir haben nicht nur die Er­eignisse vom deutschen oder englischen Stand­punkte aus betrachtet, sondern wir haben uns auf ein«« «rhab«ne» Standpunkt ge­stellt, nämlich be« des Weltalls. Ich hatte Gelegenhett, mir Rechenschaft über die Art, wie die Ereignisse von beiden Teilen auf- gefaßt werden, abzulegen. Unsere Besprechun­gen waren nicht nur sehr offene, sondern (ich glaube, dah ich nichts vergessen habe), auch sehr bedeutungsvolle. Das ist alles, was ich Ihnen über meinen Berliner Aufenthalt sage« kann und es ist tatsächlich sehr viel.

Mephisto Edward Grey.

In einer Rede, die Sir Edward Grey am Sonnabend in Manchester über die aus­wärtigen Beziehungen Englands hielt, erklär­te er: Wir hatten ausgezeichnete Beziehungen und Freundschaften mit gewissen Mäch­ten, und wir suchten sie aufrecht zu erhalten. Das bedeutet aber nicht, daß wir, nicht provo­ziert, eine aggressive Politik gegen irgend eine andere Macht planten. Unsere Stärke zur See ist wesentlich für uns, und keine andere Macht sollte daran Anstoß nehmen, wenn wir einen Ueberschuß an Macht haben, im Vergleich zu jeder Kombination, die gegen uns zustande gebracht werden könnte. Mit einer Armee in solchen Grenzen, wie wir sie halte«, ist eine entsprechende Stärke zur See wesentlich für die Verteidigung dieses Landes, ohne die wir der Gefahr ausgesetzt fein wur­den, in unserem eigenen Hause nieder­geschlagen zu werde«, ohne Widerstand leisten zu können.

Snferttontotetfe: »U UchSgespallm« Zetir für einheimische Geschäfte 15- kür au», roärtta« Inserate 25 Pf, Reklamezeile für einheimisch- Gefchäfte « W-, für auSwärttze Geschäfte 60 Pf. Beilagen für bte Gesamtauflage werben mtt 4 Start pro Tansenb b«. rutmet Wesen ihrer bichten Verbreitung in bet Resiben, und d« Mngebung flnb bte Saftetet Neuesten Nachrichten etn vorzüglicher JnfertionSargaa. Geschäftsstelle: KSdttsche Straft? 5 Berliner Vertretung: SW. Friebrichftrafte 18, Telephon: Ernt IV 676.

Der Kaiser empfängt nicht...!

Das offiziöse Depeschenbüro veröffentlicht folgende Mitteilung: Bisher pflegte das gan­ze Präsidium des Reichstags naA dem die Konstituierung desselben schriftlich durch den Präsidenten beimKaiser gemeldet war, eine Audienz beim Kaiser nachzusuchen. Der dann regelmäßig gewährte Empfang galt d-m Präsidium in seiner Gesamtheit, nicht den einzelnen Personen, die ihm angehoren. Wie wir erfahren, hat sich diesmal die Anfrage beim Oberhofmarschallamt wegen des Empfan­ges beim Kaiser nur auf den Präsidenten und den zweiten Vizepräsidenten des Reichstags bezogen. Darauf ist die Ant­wort ergangen, daß der Kaiser beitens dan­ken lasse und verhindert fei, die Herren »« empfangen. Diese Antwort wurde auf ben Bors chlag des Reichskanzlers ge­geben, der dem Kaiser nicht empfehlen konnte, der Abweichung von der gewohnten Regel zu folgen und sie damit gut zu heißen.

(§#er Wuefte WW)ttn

Hessische Abendzeitung

DasJournal des Dsbats" veröffentlicht einen längeren Artikel, in dem di« Politik Kiderlen-Waechters einer Vernich, tenden Kritik unterzogen wird. Das Matt bezeichnet die Politik des Staatssekretärs als ungenügend und verwirrend und meint, Kiderlen-Waechter wolle sich als Nach­folger Bismarcks auffpielen, verkenne aber da­bei, daß sich die Zeiten und mit ihnen die Po. litische« Verhältnisse seit Bismarcks Abgang völlig geändert hätten. Während Bismarck mit der Politik aller Länder genau vertraut gewesen sei und demgemäß eine konse­quente P olitik^verfolgt habe, äfften ihm seine Schüler nur «ach, ohne die Verschieden- keit der Zeitverhältnisse und die Veränderun­gen in der Weltpolitik zu beachten. Die Reden Kiderlen-Waechters tot Reichstage seien nicht geeignet, ihm die Achtung der Diplomaten und noch weniger die Bewunderung der

lauer nanen oie ®egii|t feiner

DieErregung des Augenblicks" wirkt wie nige des Freiherrn von Waechter bezeichnet, «ine Massen-Suggestion: Sie durch. So war das Gericht Anfang Mai vortgen ^ah- bricht die solidesten Dämme sorglich erklügel- res unter Zubilligung mildernder Umstande zu ter Taktik, wandelt die kühlsten Temperamente einer Verurteilung gelangt, die fetzt das -ver- zu Feuerbränden der Leidenschaft und zwingt gericht wegen mangelnder Beweise ausgeyo- elbst die olympische Ruhe philosophischer Er- b«« hat.

kenntnis in ihren Bann. Herr von Bethmann ---------

Hollweg zum Beispiel erfreut sich (auch bei den « 9Saro!tO«0tfitttlC? Gegnern) der Anerkennung, selbst einem polt-1

Hüben Lawinensturz gegenüber die mild- Schwere Angriffe gegen Ktderlen-Wa cht lächelnde Ruhe des Philosophen nicht zu ver- Die Rede, die der Staatssekretär von St« eTne^un^ doch 2 am letzten Freitag die derlen.Waechter am Sonnabend ,tm Erregung des Augenblicks auch d i e f e n »«*««« über bte nro eisigenFels im Meer" zum Erglühen ge­bracht. Die zweite Rede des Kanzlers im Reichstag trug nämlich deutlich das Sigma der Augenblicks.Erregung, und es kann infolgedessen auch nicht überraschen, daß sie weder taktisch.klug noch staatsmännisch-richtig I war, da die Eingebungen momentaner Stim- mungseinffüffe dauernde Werte naturgemäß nicht schaffen können; mag die Aeutzerung die­ser Eingebungen auch noch so ehrlich gemeint sein Es läßt sich h«ut noch nicht abschätzen, wie die Reflexionen der letzten Kanzlerrede aus di« Arbeit des Reichstags und auf bte Stimmung der Parteien sich äußern werden;! es scheint indessen, daß die Erregung des Augenblicks auch fernerhin einen nicht ge­ringen Anteil an der psychischen Entwicklung des jungen Reichstags haben wird. Vielleicht entwickelt sich daraus später einmal eine Festigung unsrer parlamentarischen Kultur in der Richtung eines gefunden Ausgleichs, der Gegensätze und des Schwindens einseitiger Vorurteile. Diese Entwicklung aber setzt,Kampf voraus, und die Forderung des Tags ist nicht Kamps, sondern . . . Arbeit!