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Casseler Neueste Nachrichten

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Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

2. Jahrgang.

Donnerstag, 15. Februar 1912

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 60.

Fernsprecher 951 und 952.

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DU Coffeler Neueste» Nachrichte» erscheinen wöchentlich sechsmal und iroar abend». Der LbennemeniSprei» betragt monatlich 60 Pfg. bei freier Zustellung tu» Hau». Bestellungen werden jedrrzeU een der SeschLsttstelle oder de» Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion! Schlachthofstratze 28/30. Sprechstunden btt Redaktion von 1s Uhr nach­mittag». juristische Sprechstunde» für unsere Abonnenten Mittwoch» und Sonnabend« von II Uhr abend». Berliner Bertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon! Amt IV 676.

Die Nationalliberalen erwiderten ihm, sie hät­ten keine Sehnsucht nach Wiederauffrischung dieses politischen Gebildes. Der Fraktionsfüh­rer Hettner erklärte: Die Konservativen haben das Kartell immer nur so verstanden, daß wir uns ducken. Das ist aber nun glücklich vorüber!

Obliegenheiten weiter zu versehen und die Ord­nung aufrecht zu erhalten. Die Manifeste sind jetzt an die Stelle der kaiserlichen Edikte ge­treten. Die chinesische Preffe veröffentlicht in rotem Druck die drei gestrigen Edikte. Die Blätter bezeichnen die Art, wie die Republik ge­gründet wurde, als eine wundervolle Leistung und betonen die Schnelligkeit des Umschwungs und die geringen Verluste an Menschenleben.

FnserNon»ptelsei ®U sechsgespaltene Bette für einheimische Beschälte 15 Pfg., für au»- wärttge Inserate 26 Pf, Reklame,eile für einheimische Geschäfte 40 Pf, für au»wärttge Geschäfte 60 Pf. Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 6 Mark pro Dausen» be­rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung In der Residenz und der Umgebung sind die «astetet Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» gnserttonrorgan. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676-

Schroeder - Wrede - Löwen.

DerKlub der Harmlosen" am Rhein.

Im Düffeldorfer Sluck«, und Falschsptelerprozeß hat gestern abend die Strafkammer folgende» Urteil gefällt: Die vier Angeklagten, Tr. Schioeder Georg und August von Wrede und Josef Löwen sind der Deihülfe zum gewerbSmätzigen Glücks­spiel schuldig. Schroeder wird zu zwei Mo- naten Gefängnis und dreitausend Mark Geldstrafe. August von Wrede zu zwei Monaten Gefängnis und Georg von Wrede und Löwen zu je einem Monat Gefängnis verurteilt. Die erkannten ®e- fängniSstrafen werden durch die UnterfuchungShast bet allen Angeklagten für verbüßt erklärt.

7 ES ist immer wieder die alte Geschichte: Ein Bißchen Speck versühtt die klügsten Mäuschen! Die vier Priester des Baccarats und des Roulette am grünen Rhein, die der Arm der Gerechtigkett aus den verschwiegnen Win­keln deS Düffeldorfer Fortunatempels heraus- I' , langen mußte, um sie der Fürsorge der Justiz I zugänglich zu machen, sind sicher keine Zierde W ihres Metiers, keine glänzenden Repräsentan- M ten deS Märchenreichs des »Glücks im Winkel", aber sie sind (dem Verdienste seine Krone!) zwei­fellos den rührigen Leuten zuzuzählen, die die Spekulatton auf den Leichtsinn mit glücklichster Hand betteiben und sich dem Dienst der Näch­stenliebe mit einer Hingabe und Virtuosität widmen, die in ihrer geschäftlichen Inkarnation förmlich rührend wirken. Die Herren Schröder, Wrede und Löwen sind sicher auch nicht die Ein­zigen ihrer distteten Branche: In Berlin--^, und in den Centten andrer Riesenstädte, in den Bädern desinternattonalen High Life und am Sprudelquell der Sa ison- Uuterh altung jener Welt, die sich »nicht zu langweilen" pflegt, wirnmelfs von stillen Winkeln, wo bei »einem Witte wundermild" der Leichtsinn froh zu Gaste sitzt und die heilige Einfalt den Burgeft und Heidsiek kredenzt Aber den Herren vom Rhein gebührt dennoch der Ruhm. Fortuna so zatt in die güldnen Fesseln des Roulette und Baccarat geketttt zu haben, daß selbst die Poli­zei, frommen Staunens voll, den Argwohn ver­gaß und die Statuten des Kasino-Klubs der Harmlosen gern und willig sanktioniettr: Die W Düsseldorfer Kasino-Gesellschaft wuchs, blühte und gedieh, und der Märchenregen fun­kelnden Goldes rieselte sanft und lieblich auf ihr« Pflanzung nieder!

Eine bunte Gesellschaft; zu bunt eigentlich str die Sttlle der Gattenstadt am Rhein, deren zauberhafte Reize so mancher Dichtermund be­sang. Wenn der Herr von Wrede recht gesehen und die Legtttmattonen seiner »Klientel" ge­hörig geprüft hat konnte man in einem Al­len Zirkel die Söhne millionenschwerer Väter, Leute im bunten Rock (die indessen aus Grün­den bescheidner Rücksichtnahme auf die Andern im einfachen Bürgerkleid kamen), ehrbare Schlächtermeister, Befltffne der Justiz, Träge- ttnnen stolzer Schönheit und Pttesterinnen der Venus begrüßen, die sich in den verschwiegnen und idyllischen Salons des Tempels der For­tuna regelmäßig Rendezvous gaben; harmlose Leute, denen die unruhig hastende und stamp­fende Welt nur noch die Freude bot, hinterm ebenholznen Roulettettschchen das flücht'ge Glück zu kitzeln. Und die Herren des Hauses hielten auf Ordnung: Innerhalb der gobelin- behängten Wände deS Kasino-HeimS gab'S nur M eine »gefchloffne Gesellschaft", eine Gemeinde mammon-verzückter, im Wirbel der Lebens­genüsse blasietter Dekadence-Meuschen, denen die Priester deS Roulette und ihre blonde Assistentin sicher als aufopfernde Wohltäter er­schienen. Ein Idyll also, vom Goldesglanz wie von den Strahlen der Abendsonne über- blintt, und belebt durch daS nervenpttckelnde Knistern blauer und brauner Banknotenblätter. Bis die Polizei mit rauher Hand den Traum U zerstötte.

Das Gesetz ächtet das Glücksspiel; dicht ne» ? den dem Tempel des Baccarats grauen düstre Kettermauern zur Höhe, und wer in edlem Drang, als Priester stillen Glücks im Winkel sich dem Dienst der Nächstenliebe widmtt, hött aus dem Buch irdischer Gerechtigkeit di« Stim­me des Verhängnisses. Der Staat als Wächter über Gut und Böse pfercht den Leichtsinn hin- ter's weitmaschige Gatter endloser Sttafpara- graphen, bedroht Ten, der dos Glücksspiel ge­werbsmäßig übt, mit Hatter Pön und versucht auf diesem nicht ganz ungewöhnliche« Wege, der Volkserziehung di« Bahn nach oben zu ebnen: Ein löbliches Streben, wenn man anettennt, daß die staatliche Organisation «in wohlverstandnes Interesse daran hat, den »Teufel des Spiels" zu bannen, und das witt- 1 schastliche Verhängnis der Spielleidenschast k durch des Gesetzes Härte zu scheuchen; ein Kampf gegen Windmühlen angesichts der psychologisch überzeugend zu begründenden Tatsache, daß das Spielverbot die Leidenschaft der Uebung nur verstättt und imgrunde auch die wirtschaftliche Wertziffer d«r Svielopfer

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Die Londoner »Pall Mall Gazette" bringt unter allem Vorbehalt folgend« Mitteilung von einem diplomattschen Korrespondenten: Was auch bei HaldaneS Unterredung in Berlin gesagt worden fei: Von einer Aen- derung in der «mÄischen Politik kann keine Rede sein. Es ist Tatsache, daß Halda«« in Berlin das Festhalten feiner Regierung an der dreifachen Entente betont und ihre Notwendigkeit als Gegengewicht gegen den mächtigen Dreibund zur Wahrung deS euro­päischen Gleichgewichts hervorgeh oben hat Ferner ist daran zu ettnnern, daß das britische Kabinett nicht die Fnittattve zu Halda- nes Rais« ergriffen, sondern einfach di« Gele, genhett zu einer freundschaftlichen Aussprache wahrgenommen hat.

nicht vermindett, sondern eher erhöht hat. Rur ind (gegen früher) die Formen der Uebung etwas gewandelt, dem freundlichen Interesse des Staatsanwalts mehr angspatzt und der Spielbettieb raffinierter, luxuriöser und damit kostspieliger gestaltet worden. Das ist der Effekt; angesichts des beachtlichen Ziels fast ärmlich, und jedenfalls kein Wertstück gegen­über der Tatsache, daß die in mäßigen Inter­vallen immer wieder aufblitzenden Spiel-Sen- ütionen neben der Verbreitung der Spiel-Leidenschaft auch die hinterm verschwieg­nen Vorhang des Geheimnisses riesenhaft an­wachsenden wirtschaftlichen Gefahren des Brauchs in den düstersten Bildern offenbaren.

Staatsanwalt und Gerichtspräsident haben die Schöpfer des Düsseldorfer Kasino-Idylls als weltmännisch-gewiegte, der Einfalt und Leidenschaft also be sonders gefährliche Ver- ucher gekennzeichnet Es mag sein, daß die Herren wirklich nicht so harmlos waren, wie , ihre Firma es versprach, aber, an der Elite der Kollegenschaft gemessen, erscheinen sie doch nur als kümmerlich« Herberger des Glücks im Winkel, und daß sie mit ihren .Eonsortialen" schließlich in die Fallstricke des Strafgesetzes gerieten, verdanken sie lediglich der verblüsfend- dürfttgen Aufmachung des BttriebS: Fünf Matt pro Aktie sind eine bescheidne Taxe für die Exflustvität eines hinter dickgepolstetten Doppeltüren in der Furcht vor'm Staatsan­walt zitternden Clubs, und Herr Schröder, der »Manager" des Idylls, hat von den Tricks des Baccarat- und Roulette-Zaubers sicher nur die handwettsmäßigsten beherrscht, sonst würde er eine Kundschaft sorglicher gesichttt haben. Daß er das Verdienst beanspruchen darf, durch ein rräpariertes Roulette Fortuna in seinen Bann zezwungen zu haben, hat das Gericht nicht ein­mal als erwiesen erachtet; bleibt also nur die triste Alltäglichkeit: Beihilfe zum ge­werbsmäßig«« Glücksspiel, deren Ahndung bereits geschehen, ehe gestern die Richter von Düsseldorf ihr Urteil sprachen. Daß dieser Spruch die Leidenschaft der »süßen Sün­de" dämpfen wird, ist nicht zu Höften; im Ge­genteil: Die Gefahr erhöht den lockenden Reiz! F. H.

Sturm im Sachsen-Parlament.

Zusammenstoß zwischen Rechts und Links.

Wie aus Dresden berichtet wird, kam es in der gestrigen Sitzung der Z w e t t e n K a m- m e r des sächsischen Landtags zu febr hef- ttgen Auseinandersetzungen zwischen Libe- ralen und Konservativen. Die Fort­schrittliche VolkSpattei interpelliette den Mini­ster des Innern über die spätere Ansetzung deS Stichwahltermins im Wahlkreis Plau­en, wo bekanntlich der sächsische Führer der VolkSpattei, Landtagsabgeordneter Gün­ther, dem Sozialdemokraten Jäckel gegen­überstand. Der Redner der Volkspattei bttonte gestern, es liege ein Indizienbeweis dafür vor, daß der Wahlkommissar den Wahltermin doch auS parteipolitischen Gründen einige Tage später angesetzt habe, um den Konservattven Gelegenheit zu geben, Günther durchfallen zu lassen, falls die Volkspattei die in Stichwahl stehenden Konservativen nicht un- terstütze. Das letztere ist bekanntlich gewesen. Trotzdem ist Günther in Plauen nicht gewählt, weil namentlich die Agrattonservattven sich der Abstimmung enthielten. Der Minister, Graf Vitzthum, suchte die spätere Ansetzung des Wahltermins au? den Wahlverhältnissen des Kreises zu erklären.

Aus der Besprechung der Interpellation entwickelte sich hierauf eine heftige Aus­einandersetzung, namentlich zwischen Rationalliberalen und Konservattven, bei denen es zu statten Lürmszenen und beleidigenden Zwischenrufen kam. Die Erregung auf beiden Seiten brach sich wittierholt derart Bahn, daß die Worte der Redner in dem Lärm untergingen und der Präsident die größte Mühe hatte, die Mrmischen Wogen zu besänftigen.

DaS weite Gebiet der sächsischen und der Reichspolitik wurde angeschnitten, das Verhal­ten der Nationalliberalen im Wahlkamp bei der Wahl des Reichstagspräsidiums, ihr Verhältnis zu den Konservattven in Sachse« und auch ihr Verhalten bei der Präsidenten­wahl in der sächsischen Kammer und «och man­ches andere in erregte Verhandlung gezogen. Stundenlang platzten die Leidenschaften aufeinander. Am heftigsten jedoch, als nament­lich der konservative Fraktionsführer. Geheim­rat Opitz,und fein Fraktionsgenosse Bohme den Rattonalliberalen den Vorwurf machten, sie hätten es auch bei der Präsidentenwahl im Reichstag wieder an patriotischem und nationa­lem Gefühl fehlen lassen und vor einigen Wo­chen mit den Sozialdemokraten im Reich ein Stichwahlbündnis abgeschlossen. Schließ­lich klang der Sturm auf konservattver Sette in eine Elegie aus. Opitz bedauette, daß das Kartell der Rechten in die Brüche gegangen fei.

Das alte »himmlische Reich der Mitte" ist nun also auch formell eine Republik ge­worden. Das Dekret ist erschienen, das die Abdankung der kaiserlichen Dynastie verkündet, und zugleich zwei andere: Eines, das die Ver­gangenheit liquidiett, die Rechte und die Ehrengabe« der amtlosen Mandschufannlie festsetzt, und eines für di« Zukunft, die ein« Republik China und als vorläufigen Präp- denten Yuanschikai sehen soll. Den Mächten wird ein diplomatisches Schreiben zugehen, das ihnen di« Wandlung der Dinge mitteilt. Die Mächte werden, wie man weiß, zaudernd und vorsichtig, aber dennoch die Republik an­erkennen. Die Minister und Beam­ten behalten vorläufig ihre Posten, ebenso die in fremden Ländern akkreditierten Diplo­maten und das Personal der Gesandtschaften im Auslande.

Wirrwarr im Wallsibaur.

Die PräfidiaNttse im Reichstag.

(Bon unfern parlamentarischen Mitarbeiter.)

Bon durchaus zuverUiffiger Sette erhält unser parlamentarischer Mit- arbeitet die Mitteilung, daß in Re- gierungskreise« die Frage der Rot- Wendigkeit einer Auflösung des Reichstags sehr ernstlich erwogen werde. Jedenfalls könne die etwaige Lösung der gegenwärtige« Präsiden - tenkris« »nr eine provisorische sein, da durch W eigenartige Par- teiett»die Arbeits­fähigkeit de«Reichstags dauernd in Frage gestellt erscheine. Falls es nicht gelinge, einen Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien zu ermög­lichen, werde die Frage der Auflö- sung des Reichstags akut werden.

Obwohl es schon vor Beginn der gestrigen ReichStagssitzung feststand, daß sich das »Hohe Haus" wiederum vettagen werde, ohne in die Tagesordnung eiuzutrtteu, waren doch Sitzungssaal und Tttbünen wieder nahezu bis auf den letzte« Platz besetzt. Denn so kurz auch die Sitzung werden mochte, sie stellte doch einen y st »rischen Moment dar: Zum ersten ale sollte in dem inschttstlosen Hause am Ko- nigsplatz ein Sozialdemokrat vrapdie- ren! Wie wird er sich dabei anstellen? so fragte man sich. Run, wenn man unbefangen urtei­len will, so machte der Abgeordnete Philipp Scheidemann seine Sache nicht schlecht. Er hatte sich zu dem feierlichen Akt sogar in eilten schwarzen Gehrock geworfen, und mit einer leichten Verbeugung nach dem Regierungstisch hin eröffnete er um zweieinviertel Uhr die Sitzung. Ruhig, und ohne irgend Wel*- äußern Zeichen von Unsicherheit teilt er dann zunächst das Ergebnis der Schriftführerwahlen mit. Dabei war diesmal auch für die Polen ein Posten abgefallen. Es folgte die Mittei­lung, daß der Abgeordnete Freiherr von Hert- ling wegen Uebernahme des MinisterprL«di- umS in Bayern sein Mandat niedergelegt hat (wodurch übttgens das Zentrum Gelegenheit erhält, den in Köln durchgefallenen Abgeordne­ten Trimborn wieder in den Reichstag zu bringen). Und dann kam der interessanteste Moment der kurzen Sitzung: Die Mitteilung, daß der Abgeordnete Spahn dem Bureau mttgeteilt habe, daß er

sei« Amt als PrSfident niedergelegt.

Die Rechte quittierte hierüber mit Bravo­rufen, die Linke mit Lachen, in das übri­gens auch die Rattonalliberalen einstimmten. Vizepräsident Scheidemann knüpfte hieran die weitere Mitteilung, daß «in Anttag Baffer- mann-Roeren vorltege, die Sitzung zu ver­tagen. Der Antrag wurde genügend unter« stützt, und die Abstimumng ergab seine nahezu einstimmige Annahme. Damit hatte die kurze, aber denkwürdige Sitzung ihr Ende erreicht, und die zahlreichen Neugierigen, die im Tiergatten vor dem Reichstagsgebäude den Ausgang der Dinge abwatteten, konnten sich mtt eigenen Augen überzeugen, daß das Hohe Haus noch immer auf seinem alten Platze stand, daß sich kein Abgrund aufgetan batte, um es mit Mann und Maus zu verfchlingen, kein Blitz es zerschmettert hatte, obwohl ein Sozial­demokrat die Sitzung «leitet hatte. Rach Schluß der Sitzung fanden noch Be­sprechungen innerhalb der Frak­tionen statt, über deren Ergebnis indessen nichts Bestimmtes verlautet. Der Ausgang der auf Mittwoch vertagten Präsidentenwahl wird wesentlich von den Entschließungen der natto- nalliberalen Fraktton abhängen, die sich in einer sMveren Krisis befindet. Hier und da

Lord Haldaner geheime Mission.

Der KttegSminister beim König.

lieber den Zweck der Halda««.Fahrt nach Berlin sickert allmählich allerlei durch, das neue Rätsel aufgibt. So verlautet neuerdings, daß im Laufe der Verhandlungen, di« Lord Haldane in Berlin mit den maßgebenden Per­sönlichkeiten hatte, auch ander« Punkte als die bereits bekannten das Gesprächsthema bilde­ten. Es handle sich um Fragen, di« wahr- cheinlich Anlaß zu Meinungsver- chiedenheiten zwischen beide« Regie- runden geben werden. Man weist übrigens neuerdings darauf hin, daß England nichts unternehmen werde, ohne die f r a n z ö z i s ch e Regierung hiervon verständigt zu haben, und daß keine Entschlüsse gefaßt werden wür­den, die irgendwie die Harmonie des herz­lichen Einvernehmens zwischen England nub Frankreich beeinträchtigen könnte«. Inzwischen hat der heimgekehtte Kriegsminister in Lon­don Bericht erstattet:

London, 14. Februar.

(Privat - Telegramm.)

Kriegsminister Haldane, der bekanntlich kurz vor seiner Abreise nach Berlin eine län­gere Audienz beim König hatte, wurde gestern wieder vom König im Buckingham- palast empfangen und blieb fast eine Stunde in Beratung mit ihm. Kurz vor­her war Mattneminister Churchill andert­halb Stunden lang beim König im Palast ge­wesen, eine Tatsache, die den Abendblättern zu der Bermuttmg Anlaß gibt, daß die Flot- tenf rag« zwischen England und Deutschland doch mit Haldane's Mission zu tun hatte und daß Churchills Rede in Glas­gow unter voller Kenntnis d-r Zwecke *~1 KrisgSministerreise gehalten wurde. Zwi­schen den Konferenz«« hielt der König eine Sitzung des Geheimen Rats ab. Un- ter diese« Umständen sieht man der heutigen Eröfstmng des englischen Parlaments diesmal mit ganz besonderer Spannung ent­gegen und zwar (wie di« Abendblätter hervor, heben) nicht nur in politischen Kreisen, sondern der ganzen zivflisierten Welt. Die Lust ist hier mit etwas Außerordentlichem geladen und man nimmt an, daß di« Klärung bald, vielleicht schon heut« im Unterhaus erfolgen wird.

Die Republik der Zivilisation.

China unter der Herrschaft der Republik.

In den Wein der republikanischen Begei­sterung in China ist gleich am zweiten Tage deS Daseins der neuen Republik «in Trop­ft« Wermut geflossen: DaS kaiserliche Edift hat viele Republikaner nicht befriedigt, da es eine Anerkennung des Abkommens mit der provisorischen Regierung nicht enthält, und diese überhaupt nicht erwähnt, ferner, well die Macht auf Yuanschikai persönlich und nicht auf die provisorische Regierung übettragen worden ist. Die Rattonalvettammlung wird heute die Lage beraten und über die zukünftige Politik beschließen Jnzwftchen ist di« »neue Zett" in ihre Rechte eingetreten:

Peking, 14. Februar.

Yuanschikai hat ein Dekret veröffentlichen lassen, in dem er erklärt, daß China von jetzt an Ta Tschung Hoa Ming Ka »Große Re« publik der Mitte der Zivilisation" heißen wird. Die neue chinesische Fahne wird fünf Farben haben. Die offizielle Kleidung wird die amerikanisch« Zivilklei­dung sein. Die Dekorattonen und bi« Orden werden beibehalten. Der Chinesische Kalender wird in der Weise geänbert, daß an die Stelle des Regierungsjahres des Kaisers das Jahr der Republik tritt. In einem Manifest nimmt Yuanschikai den Titel »Bevollmächtigter Organisator der Republik" an und befiehlt den Zivilbeamten und der Polizei, ihre