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Nr. 58. 2. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Dienstag, 13. Februar öi

uns

fürchtete zweierlei: Zusammengefaltetes Pa­rier und den Schnupfen. Er ließ die Zeitun­gen, dir er lesen wollte, wie Taschentücher aufplätten, weil sie k e i ne Fa l t'e haben durf­ten. Was den Schnupfen angeht, so erfüllte er ihn geradezu mit Entsetzen: Wenn er einen neuen Flügeladjutanten wählen sollte, fragte er ihn nicht nach Nam' und Art, sondern rich­tete an ihn nur die Frage:Bekommen Sie leicht den Schnupfen?" Wenn der Offizier mit einem Nein antwortete, war er in Gnaden an- genommen; sobald er aber nur ein bißchen zö­gerte, mußte er wieder zu seinem Regiment zu ruckkehren. Die Personen

aus der Umgebung des Königs selbst die aus seiner weiblichen Umgebung, machten pch die Schnupsensurcht ihres Herrn zunutze, wenn sie einen kleinen Urlaub erhalten oder sich einer schweren Arbeit entziehen woll. ten; jre begannen hartnäckig zu niesen. Bei der dritten Explosion blickte der alte König voll Besorgnis auf den Nieser und sagte sofort: Ich werde Sie heute nickt mehr brauchen!" Trotz seiner Scknupfenfurcht ging er bei jedem Wetter aus, suchte sich die schmierigsten Drosch­ken, die er finden konnte, und ließ sich jeden Morgen vier große Eimer Seewasser über den Körper gießen. In Nizza, in Ostende war das eine höchst einfache Sache; wo aber mag er das Seewasser hergenommen Haben, wenn er nicht in irgend einem Seebade weilte? Man fragt sich überhaupt, wie es die Dienerschaft solcher Herrschaften fertig bringt, allen Launen der anspruchsvollen königlichen Herren und Damen zu genügen? Man mache sich einmal eine Vor­stellung von der Tätigkeit des Kammerdieners Eduards des Siebenten, der im Hotel die siebzig Koffer des Königs aus- und entpacken mußte! Und das war noch nichts im Vergleich mit dem Reisegepäck der Königin Viktoria, denn sie nahm, so oft sie England ver-1 lwß, ihre ganze Wäsche, ihr ganzes Geschirr und | einen großen Teil ihres Mobiliars

mit, von dem schönen venetianiscken Spiegel, der ihr Boudoir schmückte, und dem kleinen, mit Photographien beladenen Schreibtisch aus» Rosenholz bis zu dem schmalen und hoben Mahagonibett, das sic überallhin begleiten mußte. Die Könige (besonders die, die nicht mehr ganz jung sind) scheinen nmständlicke Rersen dieser Art mit Resignation hinzuneh- men; manchmal nur suchen sie die ganze Last des Königsmetiers wenigstens für ein paar Stunden abzuschütteln und sich frei und ohne Ketten unter dem Volke zu bewegen. In Air beschloß eines Tages der König von Griechenland, versühtt durch die schönen Wasser des Bourget-Sees, der Etikette ein Schnippchen zu schlagen und wie ein simpler Spießbürger ... zu angeln! Der König verschafft sich das erforderliche Angelgerät, pil. gett zu den Ufern des Sees und läßt sich nie­der. Die Fische sind aber keine Hofschranzen: Sie wollen dem angelnden König nicht den Gefallen tun, anzubeißen. Eine, zwei Stunden vergehen... Nichts! Und was den König am meisten ärgert, ist, daß kaum dreißig Schritte von ihm ein ganz gewöhnlicher Sterb, kicher sitzt, der jeden Augenblick seine Angel aus dem Wasser zieht und jeden Augenblick einen Fisch, bald eine Forelle, bald eine Ma­räne daran hängen hat. König Georg gelang: zu der Ueberzeugunz, daß es schwerer sei, einen Fisch anzukocken, als

über Menschen zu herrschen.

Er faßt den schwere« Entschluß, sich zu demü­tigen, und den Angler anzufprechen, um zu er­fahren, wie er die Sache anfange. Der Angler springt auf, grüßt theatralisch und sagt mit einer Stentorstimme;Majestät . . ."Wie, Sie kennen mich?" fragt der König.Majestät, Sire, ich stelle mich selbst vor: Sabadou, zweiter Baß im Kapitol-Theater zu Tonlose, gegenwärtig erste Krast des Stadttheaters von Äix-les-Bains . . . Ich sah Sir ost im Zu- schauerraum sitzen."Können Sie mir nicht sagen, wie es kommt, daß Sie so viel Fische sangen, während ich . . ."Die Gewohnheit,

Majestät, die Geschicklichkeit, der versönliche Zauber. Es gehört dazu Lehrzeit; ich habe die meine in Pinsaguel bei Tonlose, am Zusam. mensluß von Arisge und Garoune, durckze- macht . . . Pinsaguel! Waren Sie noch nie in Pinsaguel? Dorthin müssen Sie gehen, das ist das Paradies der Angler."Ich werde schon noch hinkommeit, aber einstweilen muß ich wie ein betrübter^Lohgerber heimgehen . . ."Das sei ferne! Setzen Sie sich aus meinen Platz, Majestät. So oft ichhopp" sage, nehmen Sie die Angel aus dem Wasser, und dann werden wir ja sehen." Der König tat nach dem Wil- len Sabadous, der nach drei Minuten mit weithin schallender Stimmehopp" rief. An der Angel saß eine Forelle . . . und dieser Tag wurde einer der schönsten im Leben des Königs. - »drs-

Der neue Mann in Bayern.

Tas Ministerium Hertling ist perfekt!

Rascher als anzunehmen Wtr, hat die

Kabinettskrise in Bayern ihre Lösung gefunden: Der vom Prinzregenten mit

Ministerpräsident Frhr. von Hertling.

6er Bildung des neuen Kabinetts betraute Zeutrumsführer Freiherr von Hert­ling (über dessen Berufung wir bereits be­richtet haben) hat inzwischen das'neue Kabinett gebildet und dem Prinzregenten die Minister­liste zur Genehmigung vorgelegt. Den Vorsitz und das Aeußere übernimmt Freiherr von Hertling selbst, Inneres: Freiherr von So­den, Justiz: Ritter von Theleinann, Kultus-Ministerium: Ministerialrat von K n i l l i ug , Finanzen: Ministerialrat von Breunig, Verkehrs-Ministerium: Eisen- bahnpräsident von Seidl ein, Kriegsmini- fterium: GrafHorn. Richt ein einziges Mit­glied aus dem früheren Ministerium ist in das neue Kabinett ausgenommen worden. Charak­teristisch ist auch, daß in dem Kabinett Hert­ling kein einziger Bürgerlicher sich befindet, das ganze Ministerium sich vielmehr aus­schließlich aus Angehörigen des Adels zusam- menfetzt.

Die Februsrflut im Süden.

Die Opfer der Neberfchweulmungs-Katnstrophe.

Wie uns aus Lissabon berichtet wiro, halten die N e b e r s ch w e m m u n g e n in Portugal immer noch an. lieber zweihundert Meilen Eisenbahnstrecken sind vollkommen zerstört. Das Dorf Capa-Rica ist durch die Fluten ganz überschwemmt, der Verkehr ist dort nur noch auf Booten möglich. Der größte Teil der Einwohnerschaft ist in den Fluten um- gekommen. Zahlreiche Leichen schwimmen im

Wasser umher. In Oporto wurden in der ver. gangenen Nacht mehrere Schiffe an Land ge­worfen. Auch in Loixon ist der durch den hoch, gehenden Duro angerichtere Schaden enorm. Das Torf Gottas ist vollkommen durch die Waflermengen zerstört worden. Depeschen von heute früh berichten:

/ Lissabon, 12. Februar.

(Privat-Telegram m.)

Ein durch die starten Regengüsse der letzten Zeit verursachter Erdrutsch ver­schüttete in der Ortschaft Mirandclla zwei Wohnhäuser. Vierzehn Personen sind verschüttet worden. Bis setzt gelang es, acht Leichen zu bergen. Das Unwetter hält mit unverminderter Heftigkeit an.. Unter der Bevölkerung herrscht die größte Rot und man befürchtet den Ausbruch von Unruhen, da die Hilfsaktion der Regierung völlig ungenügend ist.

Auch Frankreich ist in den letzten Ta­gen von schweren: Unwetter heimgesucht wo: den. In ganz Frankreich, besonders an der Mittelmeer, und atlantischen Küste, herrschten gestern überaus heftige Stürme. In Marseille Wurde durch Hagelwetter beträchtlicher Scha­den angericktet. Man befürchtet, daß zahl­reiche Schiffs Unfälle vorgekommen sind. In Spanien hat die Ueberschwcrn- mung ebenfalls ungeheuren Schaden angerick- tet. Sevilla ist von allen Seiten von Was. ser umgeben, und von der Höhe des Turmes Giralda sicht man nichts weiter als eine weite Wasserfläche. Die Stadt ist förmlich in eine Insel umgewandelt worden. Glücklicherweise ist die Eisenbahnlinie, die Madrid mit Sevilla verbindet, noch intakt, sodaß die Stadt wenig- chcns von der Lebensmittelzufuhr nicht abge­schnitten ist.

Sie MM der Lager.

Ein Bergarbeiterstreik im März?

Ein P r iv at-T e l e g r am m berichtet aus Breslau: Zu dem nach ktrrzer

Tauer beendigten Streik in der Königin Luise- Grube will ein Blatt erfahren haben, daß den Bergleuten auch von sozialdemokratischer Seite die Wiederaufnahme der Arbeit empfohlen worden sei, da von den sozialdemokratischen Verbänden ein allgemeiner Bergar- beiterausstand für ganz Deutsch­land im M ä r z in Szene gesetzt werden soll, sobald der in England angekündigte General­streik der Bergarbeiter zur Tatsache geworden sei. Im Zusammenhang hiermit wird uns ans London gemeldet: In Chesterville be­schlossen gestern die Vertreter der Kohlenarbei- ter von Derbyshire, daß am Dienstag und Mittwock den Grubenbesitzern die Kündi­gung für den ersten März zugehen soll. Das bedeutet, daß e i n n n dv i e r z i g t a :: s e n d Bergarbeiter die Arbeit niederlegen werden.

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Aus Berlin wird uns gemeldet: Im Br- kinden des erkrankten Abgeordneten Bebel ist eine Besserung eingetreten. Der Pat'tttt hat nachmittags das Bett bereits verlassen, so daß ein Anlaß zu Beiorgniffen nicht mehr vorliegt.

Trotz aller offiziösen Dementis wird es als Tatsache bezeichnet, Faß der italienische Boi. schafter am Berliner Hose, Alberto Pansa, der seit fünf Jahren diesen Posten bekleid-:, in den nächsten Wochen bereits seine diploma­tische Laufbahn a u s g e b e n wird. Pansa be­absichtigt, sich nach Bologna zurückzuziehen.

Am Sonnabend, in später Abendstunde Hal der französische Senat das deutsch-französische Marokko-Abkommen mit 222 gegen 48 Stimmen angenommen. Damit ist die Behand­lung dieser deutsch-französischen Angelegenheit abgeschlossen. Achtunddreißig Senatoren ent­hielten sich der Abstimmung über das Ab­kommen.

Wie uns aus Wien berichtet wird, ist j,t dem Befinden des Grasen A c h r c n t h a l bis­her keine Aendernng zu verzeichnen. In post, ttschcn Kreisen wird mit Bestimmtheit amte, nommen, daß der gemeinsame Finanzministcr Baron Burian, in absehbarer Zeit zum Minister des Answättigen ernannt werden Wird.

Neuer vom Tage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichttri.» @in Graf als Hochstapler. Unter dem Verdacht der Hochstapelei und anderer Ver­gehen wurde in Erkner bei Berlin der rus­sische Graf Alexander von Czarmowskv verhaftet. Der Graf, der sich als Rittmeister auszugeben Pflegte, wohnt bereits seit einigen Monaten mit seiner Familie in Erkner, wo kürzlich mehrere Anzeigen gegen ihn entgingen. Bei seiner ersten Vernehmung bestritt er, die ihm zur Last gelegten Schwindeleien verübt zu haben. Ob er wirklich russischer Graf und Ritt­meister ist, wird die bald stattfindende Untersu­chung ergeben.

Schutzmann Glautz ist ausgeliefert, ^cr deutsche Schutzmann Wilhelm Glauß, destcn Auslieferung von Deutschland wegen Dieb­stahls nachgesucht worden war, ist an Deutsch­land ausgeliefert worden. Er hatte gegen seine Auslieferung geltend gemacht, daß er keinen Diebstahl begangen habe und in Wirk­lichkeit von der deutschen Polizei wegen Lan­desverrat int Zusammenhang mit der Spio- nageangelegenbeit in Wilhelmshaven gesucht werde. Glauß' Kollegen Suhr, dessen Ver­schwinden Wir am Sonnabend meldeten, hat man noch nicht aussindig gemacht.

Eine Todessahrt im Automobil. Gestern abend stürzte das Automobil des Gutsbesitzers Förster bei Blankenheim in Thüringen einen Abhang hinunter. Die beiden Insassen, der Gutshcsitzer Förster und bet Aviatiker -Henkel aus Apolda, Wurden herausgeschleu­dert. Während Förster tödlich verletzt wurde, kam der Aviatiker mit leichten Verletzungen davon. Durch den Sturz explodierte der Mo­tor des Automobils und setzte das Fahrzeug in Brand. Es wurde durch das Feuer voll­ständig zerstört.

Feuer im Königsberger RegiernngS- gebäude. Im neuen Anbau des Regierungs­gebäudes in Königsberg entstand am Sonnabend im Dachgeschoß Feuer, das be­trächtlichen Umfang annahm. Die Löscharbei­ten wurden durch den herrschenden Wasserman­gel sehr erschwert. Das Dachgeschoß wurde völlig eingeäschert. Die dort lagernden Be­stände des Provinzialvereins vom Roten Kreuz wurden vernichtet. Der Brand dauerte mehrere Stunden. Man vermutet, daß das Feuer in einem der Schornsteine zum Ausbruch gekom­men ist, und sich von da auf das ganze Dach­geschoß ausgedehnt hat.

Die Kältewelle in Amerika. Der grim­mige Frost bauert im Westen der Union an. Es werden dauernd Temperaturen von achtund- zwanzig Grad Celsius registriert, dazu herrschen furchtbare Schneestürme, die den Verkehr unter­brechen. Viele Fabriken schließen, weil ihre Räume nicht warm zu bekommen sind. Kohlen- maugel erhöht vielfach die Leiden der Bevölke­rung; besonders in den ärmeren Volkskreisen wird die entsetzliche Kälte sehr schwer empfun­den, und man ersehnt allgemein einen Witte- rtingsumschlag .

Zar Neueste aur kastel.

Sm Zeichen der Stadtverordneten-Wahl.

Tie Wahl zum Deutschen Reichstag ist vor­über, und wieder steht die kurhefsische Residenz inmitten einer Wahl: Heute und morgen ge­ben die Wähler der dritten Abteil.nng ihre Stimme für die neuen Stadtverordneten ab! Bekanntlich sind in der dritten Abteilung vom Wahlausschuß des Großen Bürgervereins fol--

Was soll fie werden?

Ein Wort zur Berufswahl unsrer Töchter.

Einige Wochen vor Schluß des Schulhalb- sahres, da viele junge Mädchen mit dem Ein­tritt ins bürgerliche Leben vor die Wahl eines Berufs gestellt werden, kam ein Vortrag, bei: Fräulein Oberlehrerin Drees ans Hannover am Sonnabend im Verein Frauenbil- bung . . . Frauen st udium über die Be - rufsaussickten der Schülerinnen Höherer Mädchen schulen und weiter­führender Bildungsanstalten hielt, gerade zu rechter Zeit. Das Interesse an diesen Fragen War so lebhaft, daß für die zahlreiche Zuhörer­schaft, die sich aus Eltern und Heranwachsender weiblicher Jugend zusammensetzte, die Sitz­plätze nicht ausreichten. Die Notwendigkeit, die jungen Mädchen für den Daseinskampf auszu- rüften, ist bei den sich immer schwieriger gestal­tenden sozialen Verhältnissen, die bewirken, daß nur ein Bruchteil der weiblichen Jugend ihrem natürlichen Beruf, der Ehe, zugesührt wird, dringender als je. Eine vertiefte Frauenbil­dung ist nun freilich, wie die Leiterin des Abends dem Vortrage von Fräulein Drees vorausschickte, das beste, was sorgende Eltern ihren Töchtern mit auf den Weg ins Leben ge­ben können, und zugleich das g&ignetfte Mit­tel, sie zu tüchtigen und guten Müschen heran« zubilden. Nur darf hierbei ein idealistischer Gesichtspunkt nicht der allein ausschlaggebende sein. Unsere Töchter müssen später aus eignen Füßen sieben können, und zu diesem Ziel gilt cs, einen Beruf für sie zu wühlen, der ihnen nicht nut einen befriedigenden Lebensinhalt, sondern auch ein materiell gesichertes Dasein schafft. An der Hand eines sehr reichen Ma­terials Wies Fräulein Drees nach, welche Bil- dnngswege sich sür das weibliche Geschlecht na­mentlich empfehlen und ivelche Berufe ihm bis jetzt offen stehen.

Als Voraussetzung stellte die Rednerin die Forderung auf, daß für jedes junge Mädchen ethische und soziale Gründe die Triebseder sein sollten zur Ergreifung eines Berufs. Tenn ;cbe Staatsbürgerin habe die Pflicht, sich, ein zufügen in den Riesenorgauismus des arbei­tenden Volkes und habe nach Kräften Werte zu schassen, die der Mühe lohnen. Es müßten alle Berufe den Mädchen offen neben, soweit ihre

Ausübung nicht über die physischen und psychi­schen Kräfte des weiblichen Geschlechts ginge. Begabung und Neigung hätten bei der Berufs­wahl vor allem mitzusprechen; aber auch nach bei: Aussichten der Berufskategorien unb bem Vorhanbenfeiu ber Bilbuugsmöglichkeiten sei zu fragen. Nicht nur die Erwägung, wie wirb unser Kinb glücklich, bürfe hier bestimmend sein, sondern in welcher Betätigung Wird es am leistungsfähigsten sein können? Noch immer, so sagte Frl. Drees, liegen in einer lauteren und treuen Berusserfüllung die reichsten und schön­sten Glücksmöglichkeiten. Die Berufsaussichten aber sind umso besser, je gründlicher die Vor­bildung. Man betreibe die Vorbereitung auf den Beruf nicht in der Erwägung, daß er nur ein Ucbergang sei; er muß Lebensarbeit im vollsten und höchsten Sinne sein. Die Möglich­keit der Qualitätsleistung wird am ehesten durch die Vorbildung vergrößert. Ihre Gründ­lichkeit kam: dadurch gewährleistet werden, daß sie sich ohne Uebereihtng vollzieht. Daher ist auch von ber Ausbildung auf den sog/Pressen dringend abzuraten. Sie können nur eine Art Dressur, keine tiefgründige Schulung bieten. Zur Sicherung ber Gründlichkeit sollte man ver­wehen, es zur Ablegung von Prüfungen zu. bringen, auch wo sie von berufswegen nicht un­bedingt nötig find. Ueberhaupt empfiehlt es sich, die Vorbildung so zu Wählen, daß später eine Erweiterung möglich ist. Ein Beruf ist auch deshalb noch nicht empfehlenswert, weil die Ausbildungszeit kurz und die. Bezahlung int Anfang verhältnismäßig gut ist: in ber Re­gel ist in einem solchen Fall ein Aufsteigen aus­geschlossen.

Die Ausbildung der jungen Mädchen kompliziert sich gegenüber ber ber männlichen Jugend dadurch, daß meist auch die Heirats- inöglichkeit durch Vorbereitung in ber Führung des Hauswesens berücksichtigt Werden soll. In diesem Fall ist zu raten, die Hausbildung nicht mit ber Vorbildung für den Beruf zu ver- iluiJeit. Tie jungen Mädchen, die eilte lange Berufsausbildung vor sich haben, tun am besten, sich erst nachher ber Erlernung der Haus­wirtschaft zu widmen. Vor allem sollten sich die Eltern zur rechten Zeit klar Werden über die Wege, die die Ausbildung einzuschlagen hat . . . Tie Vortragende ging sodann auf die Vorbil­dung ein. die die verschiedenen Berufsarten er­fordern, und die Aussichten, die sie bieten, be­

ginnend mit dem eigentlichen Frauenberuf, der Hauswirtschaft. Sie sprach ferner über die Be­tätigung ber Frau im Handwerk, in der Land­wirtschaft, im Handelsgewerbe, Verkehrsge­werbe, Bibliotheksdienst, in ber Krankenpflege, im Lehrberuf unb schließlich in bei: akademi­schen Berufen. Zur genauen Orientierung in biefen Fragen empfahl sie bon ber einschlägigen Literatur u. a. das Handbuch der deutschen Frauenbewegung. Nachdrücklich betonte sie, daß sich, auch in überfüllten Berufszweigen, die Aussichten durch eine gründliche und umfas­sende Bildung günstiger gestalten, und ver­weilte besonders eingehend bei den einschneiden­den Veränderungen, die in letzter Zeit in den Bestimmungen über die Vorbereitung zum Lehramt eingetreten sind. Bei dem übergroßen Zudrang zu diesem Beruf sei eine Abnahme des Seminarbesuches dringend zu wünschen . . . Das Publikum und die Leiterin des Vereins dankten Frl. Drees sehr herzlich für die wert­vollen Hinweise, wo Ansätze zu ersprießlicher Frauenarbeit geschaffen und welche Wege zu ihrer Erlangung einzuschlagen sind. H. E.

km Gastspiel im Hoftheater.

Edmund Schmasow gehörte unferm Hoftheater noch zu einer Zeit an. wo es weni­ger leere Häuser gab, wo das Publikum eben mehr mit feinem Theater verwachsen war. Tas war gestern leider deutlich wahrzuneh­men. Schmasow's Name übt noch immer eine gewisse Anziehungskraft aus, man begrüßte ihm beim Auftreten mit lautem Beifall, ob­wohl er lange nicht zu denErsten" in seinem Fache gehört. Er hatte gewiß einige treffende Momente in seiner Auffassung, die in "ihrer herben Komik besonders vom dritten Rang gewürdigt wurden. So begleitete er die Wor­te von:idealen Lebenszweck" mit einer un­nachahmlichen komischen Gebärde, und wahre Lachsalven löste fein Spiel, durch eine vorzüg­liche Maske unterstützt, in ber Diebesszene mit den Zigeunern aus. Selbstverständlich feier­ten bic alten Casselanerihren" Schmasow ge­bührend nach jedem Akte. Fräulein Wolf sang erstmalig die Arsena und recht unvorteil haft. Tie undeutliche Tertbcbanblung sckuf mit den gaumigen Tönen nur wenig Erfreu­liches. Im Duett mit ihrem Partner hinkte sie immer nach: und geradezu ängstlich kam

hex Dialog, der ganz deuüich zweimal hör­bar war. Der Zigeunerchor litt sichtlich unter dem entgleisten Rhythmus der hämmernden Führer, und die ausmarschierenden Soldaten im Schlußbild Würben sicher ihren eiligen Pa­rademarsch, ber gestern bedeutend mehr wie die vorgeschriebenen einhunderwierzehn Schrit­te in ber Minute hatte, auf dem Parabefelde nicht lange durchführen können. G. 0. K.

Kleines Feuilleton.

Der siebzigjährige Barnay. Der Schau­spieler Ludwig Barnay feierte gestern in guter Gesundheit seinen siebzigsten Geburtstag. Im Jahre achtzehnhundertsechzig begann seine künstlerische Lehr- und Wanderzeit, bereit Höhe­punkt durch die Namen Weimar, Frankfurt, Hamburg und Berlin bezeichnet werden. Zwischen Hamburg und Berlin gab es eine Künstlerfahrt nach Amerika. Die Stätte, wo heute mehr bombastische Künstlichkeit, farbiger Orieutalismus getrieben wirb, bas Deutsche Theater in Berlin, verbankt seine Entstehung unter ben anberen auch Ludwig Barnav. Die­ser Tag ist auch für die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger ein Würdiger Gedenktag, denn Barnays begeifterter Weckruf gab vor vierzig Jahren den entscheidenden Anstoß zur Gründung ber Genossenschaft und ihrer Pen­sionsanstalt. Dem Jubilar wurden die reich­sten Aufmerksamkeiten aus aller Welt zuteil.

i" Tie Frankfurter Universitätsfragc. Vor einigen Tagen war eine Kommission des preußischen Kultusministeriums in Frankfurt a. M. unb hat die bestehenden wissenschaftlichen Einrichtungen, die für die Universität in Aussicht genommen sind, unter Führung des Stabtrates Dr. Wöll hesichtigt.

=£= Ludwig Don Miller P. In Starn­berg ist der Erzgießer Ludwig von Miller, ber mit seinem Bruder, dem Reicksrat Ferdi nand von Miller, bem Freunde des Regenten, die berühmte Erzgießerei in München leitete, zweiuiidseckzig Jahre alt unerwartet rasch ge­storben. Miller war Direktor her bildenden Künste in ber Münchener Akademie unb schift als Bildhauer etwa siebzig Kolossalstatuen, darunter solche von Humboldt, Shakespeare unb Kolumbus sowie zahlreiche Sianbbilber bayrischer Herrscher.