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Casseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

2. Jahrgang

Freitag, S. Februar 1912

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 55

Fernsprecher 851 und 952.

: zeitig genug nach Frankfurt ährend des Deutschen Jubi-

Personen.

Stmßeukämvfe in Belgien!

Blutige Ttrcittrawalle in der Borinage.

(Privat-Telegramm.)

Brüssel. 8. Februar.

In dem Streilgebiet der Borinage ist e8 gestern zu schweren Zusammenstößen zwischen der Polizei und den Ausständigen geg­lommen. Als in Quaregnon die Gendarmerie erschien, rissen die erregten Bergarbeiter das Stratzenpflaster auf und eröffneten da­mit ein Bombardement; zwei Gendar­men wurden durch Steinwürfe schwer ver­letzt. Ein Gendarmerieoffizier gab in der Erregung aus seinem Dienstrevolver sechs Schüsse auf die Menge ab, glücklicherweise ohne jemanden zu treffen. Zur Verstärkung der Gen, darmerie traf gestern abend eine Eskadron des zweiten Jägerregiments zu Pferde aus Lournai in Quaregnon ein. Die Streiken­den hatten über die Straßen Drähte gezogen, um die Kavallerie am Vorrücken zu hindern, doch wurden diese Drahthindernisse von Mann- schäften zu Fuß beseitigt. Nachdem am Sonn­tag im Bezirk der Borinage die Plünderung von zwei Bäckerwageu das Signal zur Ruhe­störung gegeben hatte, läßt sich die allgemeine Erregung der Streikenden von Tag zu Tag be­drohlicher au. Obgleich die meisten Sommunal- Verwaltungen des Streikgebietes Unterftützun- gen bewilligten und auch private Mildtätigkeit nicht fehlt, ist doch die Notunter den Fa­milien der dreißigtausend Ausständigen ganz entsetzlich. Es sind Zusammen­rottungen in Monsville und verschiedenen anderen Orten vorgekommen. Die Laternen wurden zertrümmert und umgeworfen. Rach Einbruch der Dunkelheit wurden gestern in den Lebensmittelgeschäften die Schaufenster einge­drückt und die Läden auSgeplündert. Auch Wagen und Boten dieser Geschäfte wur­den beraubt. Der ganze Borinage-Distrikt ist in fieberhafter Erregung und erwar­tet das Referendum über die Fortsetzung des Streiks, das der Verband der Arbeitersyndikate aus Frettag anberaumt ha^

$te CafleUr Neueste» Nachrichte» erschein«, wöchentlich sechsmal und «war oben»«. Der SbormementSpretL beträgt monatlich 80 $fg. bei freier Zustellung in« Hau«. Bestellungen werben iebeneU von der »eschilstSstelle ober den Boten entgegengenommen. Druckerei, «erlag und Rebottton: «chlachthosstrabe 28/80 Sprechstunben der Redaktion oon 18 Uhr nach, mittag«, juristische Sprechstunden für unsere Abonnenten Mittwoch« und Sonnabends von ta Uhr abend«. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 678.

Das Wölfische Telegraphenbüro verbreitet folgende offiziöse Erklärung: Rach einer Information von berufener Stelle sind die Gerüchte, daß die Deckung für die Kosten der Wehrvorlagen durch eine Dividenden- steuer, Couponsteuer oder AchnlicheS beschafft werden würde, ganz unbegrün­det.

des Monats vorgelegt werden, ihr Ab. i schloß und die endgülttge Regelung der Decküngsfrage wird erst in etwa vier­zehn Tagen erfolgen.

Zur gestrigen Thronrede des Kaisers an den neuen Reichstag wird uns von ge. I schätzte, parlamentarischer Seite geschrieben: Die mit ungewöhnlicher Spannung ' erwartete Thronrede brachte nach den heißen Kämpfen in der Wahlschlacht und den erregten Betrachtungen über deren Ausgang keinerlei Wendungen, aus denen man auf die Miß­stimmung des Kaisers und der Regierung schließen könnte, sondern die milden Worte waren offenbar dazu gestimmt, besänfti­gendes Oel auf die wild schäumenden Wo. gen zu gießen. Dieser Entschluß war das Er­gebnis der häufigen und langen Beratungen, die der Kaiser in jüngster Zeit mit dem Kanzler führte: Vom diplomattfchen Standpunkt ist es auch gewiß das Richtigste für die Reichsleitung, die Gegner erst einmal herankommen zu lassen, um ihnen dann mit offenem Visier entgegenzutreten. Die ganze Thronrede atmet echten Bethmann'schen Geist, wiewohl es nicht zu verkennen ist, daß einzelne Züge das Gedankengepräge des Monarchen tragen, der auch mit dem neuenroten Reichs- tag" zu Ergebnissen zu kommen sucht, die dem Reich zum Heile gereichen.

lieber die Kämpfe des Tages hinweg: . Das ist die Quintessenz der kaiserlichen Kund» gebung! Im Vertrauen auf die gesunde straft de» deutschen Volks soll regiert f-werdeu, und ferner so, daß das feste Gefüge des Reichs und der staatlichen Ordnung un­versehrt bleibt, daß die Wohlfahrt deS Volkes sich in allen seinen Schichten und Ständen mehrt, und daß die Stärke und da- Ansehen der Ration gewahrt und «höht werden. Keine Verbitterung üb« das starke Anschwellen der Sozialdemokratie gibt sich in den Worten des Kaisers kund, keine Ankündi­gung von Gewaltmaßregeln ist wahr­nehmbar, falls sich die Mehrheit des Reichs­tags nicht willig den Forderungen der Regie­rung beugt. Di« Versuche, in dieser Richtung verschärfend auf Kaiser und Kanzl« zu wir­ken, sind also ergebnislos gewesen. Man mag die Thronrede .farblos" und platonisch" nen­nen, doch man wird den streng k o n st i t u. tionellen Standpunkt würdigen müs- sen, von dem aus die Richtlinien der Gesetz, grbung gezogen wurden. Sache deS Reichs­tags ist es, wie er sich ihrer bedienen will.

Drei Punkte heben sich aus den Ausführun­gen d« Thronrede ragend hervor. ES sind die Hinweise auf die soziale Fürsorge, auf die Finanzen des Reichs und die Wehrkraft des deutschen Volks. An erster Stelle wird betont, daß die prattischen Auf­gaben des neuen Reichstags in der Förderung der sozialen Gesetzgebung erblickt werden müssen.Die Entwicklung steht nicht still!* So heißt es in den Worten des Kaisers. Wenn dies auch eine anerkannte Wahrheit ist, so kann es doch nur nützen, wenn sie besonders betont und in allen Zweigen des staatlichen Lebens beachtet wird. Mit dem früheren Mtinister von PosadowSki zieht eine Koryphäe auf dem Bo­den der fozialen Gesetzgebung in den Reichs, tag. Von Posadowskis Anregungen erwartet man eine gesunde Entwicklung der sozialen Bestrebungen.

Bezüglich dm Finanzen sollen alle Wege gemieden werden, die in die alte Pumpwirt- schast zurückführen könnten. Die Thronrede spricht von »strengen Grundsätzen". Man hat die Empfindung, als ob hier ein Wort fehlt«, und das Wort lautet:Sparsamkeit!" Aber um die Deckung der großen Heeresvor. lagen wird sich der Zwist entspinnen, der un- ter Umftäiüten zum Konflikt führen kann. Wird Bcthmann-Hollweg der Kanzl« fein, der durch die drohenden Klippen sich« hindurch zu steu­ern vermag? In der Debatte über die Bewil­ligung der Mittel für die Heeres- und Marine­vorlage wird man schwerlich »über die Kämpfe des Tags" hinwegblicken können, aber der Reichstag wird sich auch in diesen Kämpfen (die sich« nicht ausbleiben werdend immer der Pflicht zur Arbeit, zur positiven Lei. stung bewußt bleiben müssen, denn davon , hänat allein sein Schicksal und das Wohl des

Sie Lustwacht in den Vogesen.

Frankreichs antideuffche Liebenswürdigkeiten.

Herr Millerand, der neue Kriegsmini, st« Frankreichs im Kabinett Pcincars, schein! den Ersahrnngösatz bestättgen zu wollen, vatz neue Besen vortrefflich kehren". H«r Mille- rand richtet sein Augenmerk nicht nur auf die irdische Wehrkraft Frankreichs: Rein, auch dieüberirdische" liegt ihm sehr am Jperjett, und so hat er denn berausaesunden. daß die

Snferttonflpretfe: Di« sechSg-spalt-ne Zeil« für wiheiurtsch« »eschüste 15 Psg., für au«, würtige Inserat« 25 Pf R-Namez-ile für einheimische Seschüst« «0 Ps für <m«w»rttg, SeschSste 60 Pf. Beilage» für bie »esamtmlflage werbe» nrtt « Mark pro Lausend be­rechnet. Wegen ihrer dichten «erhreitung in der Restbenz und bet Umgebung sind bie Casseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliche« gnferttonSorgan. »eschLftSstelle: kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: BW Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV «76.

Hebet den Kämpfen!

Die gestrige Thronrede an den Reichstag.

Ein Telegramm uns«s parla­mentarischen Mitarbeiters meldet uns: Dem Reichstag ist gestern der neue Reichshaushaltsetat, dessen Grundzüge bereits bekannt sind, zugegangen. In den nächsten Tagen wird dem Reichstage auch daS neue StaatsangehörigkeitS-Besetz zugehen. Die neuen Wehrvorlagen dürsten dem Reichstage erst gegen Ende

Sie bayerische Krise spitzt sich zu!

Ein Regentschaftswechsel in Sicht?

Dir parlamentarische Krise in Bayern wird möglicherweise Folgen von w ei'trei­ch e n d st e r Bedenttmg haben: Depeschen aus München berichten nämlich, daß man in dorti­gen ersten politischen Kressen mit der Mög­lichkeit einer Uebertragnug der Re­gentschaft auf den Prinzen Ludwig ebenso wahrscheinlich wie mit der Bildung eines ganz neuen Ministeriums rechnet. Graf Podewils würde dann Oberst­hofmeister werden, ein Posten, der ihm schon lange reserviert ist. Das derzeit noch die Ge­schäfte führende Ministerium ist seit der Ein­reichung seines Demissionsgesuches ohne Fühlung mit dem Regenten. Es wird darüber berichtet:

München, 8. Februar.

(Privat-Telegramm.)

Der politische Konflikt in Bayern, der im November zur Landtagsauflösung führte und am Tage der Neuwahlen den Rücktritt des Gesamtmsiiisterinms zur Folge hatte, wird in allernächster Zeit noch andere Konsequenzen nach sich ziehen. Der Prinzregent hat am Dienstag (wie wir schon mitteilten) die De­mission des Kabinetts dahin beant­wortet, daß er sich seine Entschließung zu­nächst Vorbehalte. Inzwischen hat er sich in mehreren längeren Unterredungen mit seinem Sohne, dem Prinzen Ludwig, beraten. Prinz­regent Luitpold möchte mit Rücksicht auf sein hohes Aller die Regensschaft, die er fünfundzwanzig Jahre lang verwaltet, in bie Hästde seines Erben legen. Dieser Wunsch des greisen Fürsten kann (wie zuver­lässig verlautet) schon in Bälde zur Tat wer­den. MU dem Uebergang der Regensschaft an den Prinzen Ludwig würde ein n e u e r K u r 8 in die bayrische Politik einziehen. Da die Auswahl der Persönlichkeiten, die das neue Ministerium bilden sollen, schon unter diesem Gesichtspunkt erfolgt, ist es neuerdings sehr fraglich geworden, ob Graf Podewils wieder an die Spitze der kommenden Regie­rung tritt. Die Ungewißheit Über die Zusam­mensetzung deS Kabinetts findet wahrscheinlich schon heute ein Ende. Jedenfalls steht die Be­rufung des neuen Ministeriums un­mittelbar bevor.

An Parlaments-Krawall in Sicht?

(Telegramm unsers Korrespondenten.)

München, 8. Februar.

Rach dem Zusammentritt des Landtages dürste es sehr bald zu einem pari amen- tarischen Skandal kommen. Die liberale Fraktion der bayerischen Abgeordnetenkammer wird nämlich an die Regierung die Frage stel­len, wie die Regierung und einzelne ge­wisse Minister dazu gekommen sind, wäh­rend der Wahlen dem Zentrum geheime Wahlhilfe zu lessten. Die Vorgänge stützen sich auf auf tatsächliche Ereignisse. Die liberale Fraktion wird ihr Vorgehen unter Beweis stellen. ES Heißt, daß vor den Wahlen in RegierungAreisen offen der Wunsch ausgesprochen worden sei, das Zentrum möge auch im neuen Landtag die Mehrheit be­halten. Don dieser Stimmung in RegierungZ. kreisen soll angeblich auch die Parteileitung deS Zentrums unter der Hand verständigt worden sein.

Schließlich berichtet uns noch ein Pri- vat.Telegramm aus München: Rach Mitteilungen von unterrichteter Stelle sst der Zentrumsführer Frei Herr von Her Hing als Vorsitzender des bayerischen Ministerrats und als Kultusminister im neuen Ka-

Set Mutet im Norden.

Ein Stimmungsbild von der Wasserkante. (Von uusetm Korrespondenten.) Sttalfnnd, 7. Februar.

Der Berlin-SkandinavierExpreß rattert durch Vorpommern, der Küste Rügens entgegen. Er ist schwach besetzt ... es geht jetzt kein Mensch ohne besonderen Anlaß im Norden denWinter suchen", der ja auch bei uns in Deutschland eine sibirische Filiale mit allem Zubehör errichtet bat. Dom stahl, blauen Himmel leuchtet die Sonne. Aber ihr blenbenber Glanz sst ohne Wärme und vermag es nicht, auch nur den kleinsten Ausguck in die mit einem vielgestaltigen Eisblumengewirr be­deckten Fenster des -Speisewagens hineinzu. tauen. Und diese Kälte legt sich, wie lähmend, auch auf die Stimmung, macht schweigsam und mürrisch. Man ißt sich ohne Laune durch das stereotype Speisewagenmenü hindurch, fährt, wie in einem Eistunnel, durch eine Land­schaft, von der man trotz blitzenden Sonnen­lichtes des Hochmittags nichts sieht . . . und ohne die mindeste Anwandlung von Reid über, lasse ich den paar Stoöholmreisendeu die vier.

französische Ostgrenze gegen feindliche Flugzeuge ungenügend geschützt fei Man höre und staune:

Paris, 8. Februar.

(Privat-Telegramm.)

Im französischen Kriegsministerium ist matt seit einiger Zeit eifrig mit der Ausarbeitung von Plänen für den Ausbau der Mili. täraviatik Frankreichs beschäftigt. Kriegs- minister Millerand hat beschlossen, längs der gesamten O st grenze Militär­fliegerposten aufzustellen, die mit einan­der durch drahtlose Telegraphie ver­bunden sein werden. Diese Maßnahme ist ge. troffen worben, damit die leitenden Kreise in Paris jeden Augenblick verständigt werden können, wenn ein Lustkreuzer einer anderen Macht (gemeint ist Deutschland!) die Grenze überfliegen sollte, und vornehmlich aus dem Grunde, weil die Fortschritte, die die deutsche Flugschiffahrt in der letzten Zeit ge­macht hat, in Paris Beklemmungen her. vorgerufen haben.

Gleichzeitig wird auch an der Verstärkung der französischen Seestreitkräfte mit be­trächtlichem Eifer gearbeitet: Wie uns ein Te­legramm aus Paris meldet, hat der gestrige Ministerrat die Hafenbehörden von Brest und ßOrient beauftragt, alle erforderlichen Vorbe­reitungen zu treffen, um am ersten Mai die Kiellegung zweier Dreadnoughts von 23 500 Tonnen vorzunehmen, die in drei Jahren vollendet fein sollen.

nlert, fährt aber zurück, wo es wi,_____

läums-Bundesschießens Passagier­fahrten ausführen kann. Das Luftschiff ist ein Schwesterschiff derSchwaben", unterscheidet sich aber von ihr durch einige kleinere Verbesse­rungen, insbesondere am Stenerapparat. Die Passagierkabinen bieten Raum für zwanzig

Der neueste Zeppelin.

Die Ferttgstellung drS neuenL. Z. XI*.

(Privat-Telegramm.)

Friedrichshafen, 8. Februar.

DaS neueste Erzeugnis der Zeppelin-Luft- schiffbau-Werft, das LuftschiffL. Z. XI", ist jetzt soweit ferttggestellt, daß vom nächsten Donnerstag an Probefahtten unternommen werden können. Anfang März wird sich das Luftschiff nach Frankfurt a. M. begeben, wo der neue Lufsschiffhafen durch feinen Aufent­halt die Weihe erhalten wird Das Luftschiff bleibt etwa zwei Monate in Frankfutt, unter­nimmt dort Paffagierfahtten, tut dann Dienst beim Oberrheinischen Zuverläffiakeitsflug, wird, hierauf einige Wochen in Hamburg ftatic-

binett in Aussicht genommen. Als Minister des Auswärtigen und deS Königlichen Hauses wird Freiherr von Würtzburg und als Finanzminister der Münchener Bandkdirektor Freiherr von Pechmann genannt, der mit an der Spitze der nengegründewn bayri­schen konservativen Parier steht. ~-

Aus der Rekchstags-Msppe.

(P r i v a t - T e l r g r a m m e.)

Immer noch: PrSfidentenfrage.

Gestern nachmittag haben geheime, unber- bftMiche Besprechungen zwischen den Vertretern der Rationalliberalen, der Forsschrittlichen Volkspartei und der Sozialdemokratie Wer die Präsiden­tenwahl stattgefunden, die aber zu keinem Resultat geführt haben. Die Rationalttbe- ralen vertreten den Standpunkt, daß eine aus­gesprochene Präsidentschaft der Linken nicht möglich sei und verlangen von der Sozial- bemotrotte eine Erklärung über die Stellung der Partei zu den bekannten Repräsentations­fragen. Diese Fragen dürsten heute mittag in einer Fraktionssitzung erörtert werden.

Die Deckung der Heer-Forderungen.

Der Reichskanzler hattt in den letzten Tagen über die Deckungsfrage der Heeresvor- l a g e Besprechungen mit den FraktionS- f ü h r t r n ab gehalten, die in den nächsten Ta­gen noch fortgesetzt werden sollen. Rach den Verlautbarungen, die in Abgeordnetenkreisen des Reichstags kursierten, werden die Heeres- vorlagen größer ^Forderungen stellen, als bisher angenommen worden ist, infolgedes­sen werden die Deckungsmittel größere sein müssen, als bisher verkantete. Die EtatSbe- ratungen werden am Montag ober Diens­tag der nächsten Woche beginnen.

Wahlprotesie, Partei-Sezessiou.

Besin Reichstag sind bereits eine größere Anzahl von Wahlprotesten eingÄaufen. Die Zahl der Wahlprüfungen wird diesmal erheblich größer wie früher fein, zumal eine Reihe von Wahlsiegen nur mit sehr knappen Mehrheiten erfochten woiden ist. Es scheint, daß die Wirtschaftliche Vereini­gung sich auflösen will: Ein Teil der Mitglie­der der Vereinigung (Drei Abgeordnete) hat sich der deussch-konservativen Bereinigung an- geschlossen. während ein anderer Teil zu der antisemitischen Gruppe Bruhn-Werner überzu­treten und der Restwild" zu bleiben gedenkt.

Reiches ab. Und so kann denn die Mahnung des KaisersUeber die Kämpfe des Tages hinweg" (<ckS Ziel wenigstens) auch zur Lösung des neuen Reichstags werden, -u-

3vm ersten Mal im eignen Heim.

(Von unferm Korrespondenten.) Berlin, 8. Februar.

Auf dem goldgekuppelten Reichstagshaus am Königsplatz wehten gestern auf den Eck- türmen lustig im Winde schwarz-weiß-roie Flaggen: Zu Ehren des Zusammentrittes des neuen Reichstags. Dichte Menschen­mengen hatten vor dem Hause Aufstellung ge» non neu, jubelten den Abgeordneten zu, als te iu Autodroschken vor dem Portal anfuhren, und mancher Neuling mag sich über diese Ova­tionen recht gefreut Haden. Im Sitzungssaal elbsi eine dichte Fülle, darunter viel neue Ge- ichter, und ein Getöse von den Unterhaltun­gen, als rauschten die Wogen am Meeres- ttand. Gar manchen sah man noch in Uni» orm oder Frack, der nach der feierlichen Er­öffnung im Schloß in der Eile noch nicht ab. gelegt worden war. Plötzlich wird es still: Der dveiundachtzigjährige Abgeordnete Träger steht am Präsidenientisch, trotz des Weißen Haares in jugendlicher Frische und tellt in scherzenden Worten fest, daß er der Netteste ist und daher vorläufig die Geschäfte ühtt. Er beruft als provisorische Mitglieder des Präsidiums einen Konservativen, einen giationautberalen und einen Sozialdemokra- ten, und läßt bann den Namensaufruf erfol- gen, der die Anwesenheit von dreihun­dertvierundsiebzig Mitgliedern er. gibt. Damit ist die erste Sitzung des neuen Reichstags beendet, die zweite folgt am Don­nerstag mit der Tagesordnung: Wahl des Präsidiums. Und da dürste es denn gleich weniger gemütlich werden.