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nommen haben. Diese Kämpfe werden sich vielfach um Handwerkerfraqen drehen. Da kann es nicht Wunder nehmen, wenn das Handwerk bemüht war, möglichst viele Hand­werker in den Reichstag zu entsenden. So fin­den wir einen Zimmermann, einen Nötiger, mehrere Müller, einen Bau- t t g e r. mehrere Müller, einen H ü t t - mann, einen Baumann, einen M e tz - g e r, mehrere Schmiede, darunter einen Silberschmidt, Becker, Fischer, Wagner, Schröder, Faßbender und einen Koch.

Dieser Koch hat aber nur eine kleine Aus­wahl an Speisen. Er bereitet einen süßen Brey, zu dem er zwei Portionen Quarck verbraucht. Dann gibt es Speck mit Kohl und geräucherten Schweins -Nacken. Als Nachtisch reicht er Kompott von Schleesen), Kirscben, die er von einem Kerschbaum ge­pflückt hat, der aber nicht in Sachsen, wie sei­ne Schreibweise vermuten läßt, sondern in Bayern gewachsen ist. Stoll e und P f a n n- kuchsen). Als Getränk bietet er Mummte), aber keine braunschweigische, sondern westfä­lische. Werden seine Vorräte alle, dann muß er sich Ersatz aus seinem Tierpark holen, der aber nicht sehr gut besetzt ist. Damit diese Tiere nicht zu verhungern brauchen, hat er auch einen Vorrat an K l e Y e. Trotzdem der Tierpark nur aus einem Kappheng st, einem Bock und einem Hähnle besteht, ist doch zu seiner Pflege ein Viehmeyer an­gestellt worden, der bei seiner Arbeit noch da­zu unterstützt wird durch einen bayrischen Schedelbauer. An anderen Tieren ist auch kein allzu großer Bestand zu verzeichnen. Nur ein einziger Wurm, ein Fuchs, ein Haas und ein Haase sind vorhanden.

Fuchs und Hasen leiden aber große Not, denn ihnen stellt ein Jäger nach, der gar eifrig in sein Horn bläst. Aber der Jäger schießt nur mit einem Bolzten). Dem Jä­ger hilft ein F ö r st e r. der fitfi aber in der Hauptsache um seinen einzigen Stamm küm­mern muß. Ist der Jäger von der Jaad zu- rückaekehrt, dan" erholt er üch erst noch am Reck, reiniat sich dann, b-stebt firt> im Svie- gel "nd geht dann zu keiner Göhre, die er mit Raute schmückt. Als Sp'-lzeng hat er ihr Feuerstein mttoebr-'cht.'t

stch aber die Gößre nicht vi-I. Sie li'b- m hr den Bernstein. Trotzdem dem Reichstag sehr viele Drucksachen zugehen, hat er doch nur

Reichstags-Psychologie.

Der Reichstag imSpiegel seiner Namen".

Als stärkste Partei ist die Sozialdemokra­tie aus den Wahlen hervorgegangen. Da ist es denn auch kein Wunder, wenn sie das Haupt des Reichstages stellt. Die Frage, ob sie dementsprechend auch zu Hofe gehen werde, scheint auch entschieden zu sein, denn sie hat in ihren Reihen den einzigsten Hof­mann. Freilich hat sie auch dafür gesorgt, daß der Hof nun auch seinen Hofrichter bekommt. Im übrigen aber scheint sie gar nicht so antimonarchisch zu sein, wie sie im­mer hingcstellt wird, denn ihr ist es zu ver­danken, daß der Reichstag auch einen Kö­nig hat. Diesem König schreitet ein Herold voran. In seinem Gefolge befindet sich ein Herzog. Bei den bevorstehenden Verhand­lungen werden die Abgeordneten oftmals in Hitze geraten. Ein heiliger Zürn wird über sie kommen, es wird Gröber zugehen, tote bei den Wahlkämpfen. Aber der bekannte Herr von Knigge wird dafür sorgen, daß die beiden Rupp ihren Namm unverfälscht behalten und daß ihnen nicht noch eine End­silbe angehängt wird. Wenn nun so auch manchmal N e h b e l im Reichstag herrschen wird, und Hebel und Keil angesetzt wer­den müssen, ja daß sogar Dietrich, List und Liszt gebraucht werden müffen, um die Vorlagen durchzudrücken, so ist doch zu hoffen, daß endlich alle K ä m p f (e) zum Sieg füh­ren werden.

Diese Kämpfe werden ausgefock>ten durch Einen Ritter und einen Held. Ihnen hel- ren aber berühmte Krieg sgestalten aus Ge­schichte und Sage. St.-Michaelis, der alte König David und sein Sohn, nicht der Kö­nig Salomo, sondern D a v i d s o h n, der alte Recke Hildenbrandt und der aus dem SOiäfir. Kriege bekannte Woldstein beteili­gen sich an den Kämpfen. Wo Kampf ist. darf der Pfeiffer nicht fehlen. Auch ein Dichter muß da sein, um die Heldentaten zu besingen. Leider haben sich da die Wähler aber ver- grifien und haben keinen epischen, sondern einen lvrischen Dichter, Heine, in den Reichs­tag entsandt. Aber Kämpfe erheischen auch Ovker, und so hat man dafür Sorge getragen, daß auch Freund H e v n zur Stelle ist, um die gefallenen Helden nach Walhalla zu geleitm, ftachdem sie von ihrem Schatz Abschied ge-

ßkr. 50. Z. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Sonnabend, 3. Februar 1912.

wurden vorläufig behördlich geschlossen und die Geschäftsbücher beschlagnahmt. Wilscheck ist Bstern abend im Elisabeth-Krankenhaus seinen erletzungen erlegen. Er ist nicht mehr zum Bewußtsein gekommen, sodaß er über die Be- tveggrünve seiner Tat nichts mehr aus- sagen konnte. Ob Konkurs über das Vermögen dez Bankhauses eröffnet werden wird, ist noch zweifelhaft, weil es wenig wahrscheinlich ist, daß eine genügende Masse zur Deckung der un­verhältnismäßig hohen Passiven ""vorhanden sein dürste. Ebensowenig steht bis zur Stunde fest, ob und welche Personen durch den Zusam­menbruch des Bankhauses geschädigt sind, und w i« h o ch sich die Verluste im Einzelnen be. laufen.

Bin Bankkrach im Ruhrrevier?

(Privat-Telegramm.)

K Steele a. Ruhr, 2. Februar.

Der vor einigen Wochen durch Selbstmord auS dem Leben geschiedene Oberstadt­sekretär Müller aus Steele a. d. Ruhr hat (wie sich gestern herausgcstellt hat) als Rendant der hiesigen Volksbank große Unterschlagungen verübt, deren genaue Höhe jedoch noch nicht festgestellt ist. Ein Teil der Bareinlagen, die in der Hauptsache kleine Leute geleistet haben, ist verloren. Ob die Bank den ihr entstehenden schweren Schaden überdauern wird, steht noch nicht fest, erscheint aber kaum wahrscheinlich, da die Unterschlagun­gen Müllers in die Hunderttausende gehen sollen.

Dor Pariser MMoneu-Krach.

(Privat-Telegramm.)

Paris, 2. Februar.

Durch die nach einer Version mit drei­ßig Millionen, nach einer anderen Version mit fünfzig Millionen Francs bezifferte Insol­venz der hiesigen Bankfirma Henrotte und Müller find viele kleine Sparer in Pa­ris und in der Provinz betroffen: Die Bank genoß großen Kredit bei zwei bedeutenden Pa­riser Finanz-Instituten. Man befürchtet, daß »ie Zahlungseinstellung noch andere Insol­venzen im Gefolge haben wird. Auf welche Umstände der Zusammenbruch Mrückzuführen ist, ist noch nicht festgestellt. An der Börse herrscht große Aufregung.

Auch einFliegender Holländer". Der Aeroplan im Dienst des Verbrechens. (Von unserm Korrespondenten.)

Eine erstaunliche Geschichte von der zwei­maligen Flucht eines Verbrechers, die die kühnen Erfindungen der Romanschrift­steller weit in den Schatten stellt, und in der das modernste Fluchtmittel, das Flugzeug, eine Rolle spielt, wird uns aus Paris be­richtet. Am neunundzwanzigsten Januar kam das ganze holländische Staatsgefängnis zu Schwalingen in die höchste Aufregung durch die rätselhafte Flucht eines gewissen Marius Devos, der zu fünf Jahren Ge­fängnis verurteilt worden War und sich feit einiger Zett hinter Schloß und Riegel befand. Man wußte zunächst nicht, wie der Verbrecher entnommen war, doch benachrichtigte die hol­ländische Polizei zugleich die französische tele­graphisch, und diese nahm den Flüchtling in Paris fest und brachte ihn in der Concier- gerie in sicheres Gewahrsam. Auch von hier ist Devos nun auf die waghalsigste Weise entkommen. Als er mit noch einem Dut­zend anderer Gefangener im Hof des Ge­fängnisses spazieren geführt wurde, stürzte er sich plötzlich auf die Mauer, kletterte an dieser wie eine Katze in die Höhe und kam glücklich hinauf und hinüber, obwohl sie vierzehn Fuß

hoch und mit eisernen Spitzen besetzt war. Er sprang auf der anderen Sette auf einen kleinen leeren Hofraum hinab; die nacheilen­den Wärter glaubten, daß sie ihn hier sicher hätten, denn die Mauer dieses Hofes ist sehr hoch. Aber plötzlich wurde ein kleines Fen­ster in einer Höhe von zwanzig Fuß geöffnet; zwei Komplicen ließen eine Draht st rick- leiter herunter, an der Devos blitzschnell hinaufkletterte, dann schloß sich das Fenster wieder, und von nun an war jede Spur von dem Flüchtling verloren.

Das kleine Fenster ist an einer Treppe ge­legen, die zu dem Hauptausgang des Gefängnisses führte. Den eifrigen Nachfor­schungen gelang es, die beiden Komplicen des Verbrechers als seine beiden Brüder fest­zustellen und einen von ihnen, Maurice De­vos, festzunehmen. Maurice Devos, der bei seiner Arretierung einen Polizisten durch einen Biß im Gesicht schwer verletzte und einen andern mit einem Hammer beinahe ge­tötet hätte, verweigerte jede Auskunft über die Pariser Flucht seines Bruders, gab aber eine überrraschende Erklärung seiner Flucht aus dem holländischen Gefängnisse. Eines Nachmittags war es dem Verbrecher geglückt, sich ln einem Wagen mit Baumaterial zu ver­stecken, der im Gefängnishofe stand; als der Wagen aus dem Gefängnishof hinausfubr. brachte er auch dem Verbrecher die Freibeit. Auf freiem Felde ließ er sich geräuschlos her­untergleiten. und zwar an einer Stelle, wo in einiger Entfernung seine beiden Brüder Mau­rice und Jean verabredetermaßen auf ibn warteten. Maurice ist Aviatiker und hatte seinen Flugapparat zum Aufflie­gen bereit gemacht. Die drei Brüder be­stiegen das Lustgefährt, und nach kurzer Fahrt schwebten sie in einer Höhe von tausend Fuß über der Grenze Hollands und . . . lan­deten in Belgien. Die Brüder zerlegten nun den Apparat und schickten ihn mit der Eisen­bahn nach Paris, um jedes Anfiehen zu ver­meiden. Sie selbst fuhren int Automobil nach der französischen Hauptstadt. Bisher ist von demfliegenden Holländer", wie man den Ver­brecher mit Fug und Recht getauft hat, nach seiner zweiten Flucht aus Paris keine Svur entdeckt worden. Dr. M. S.

$ie Politik der Tages.

Kauft Deutschland Kolonien?

Ein Privattelegramm berichtet uns aus London: Der Berliner Vertreter der Daily Mail" meldet seinem Blatte: Er er­fahre aus bester Quelle, die als durchaus gut und zuverlässig zu bezeichnen ist, daß Por­tugal sich bereit erklärt habe, den südöstli­chen Teil der I n s e l T i m o r, die zu den malerischen Inselgruppen gehört, an Deuts ch- Icnb zu verkaufen. Der andere Teil der In­sel ist niederländisch. (Es scheint also, daß die koloniale Kauflust trotz aller Dementis doch recht rege ist.)

Die Fortuna von Hamburg.

Aus Hamburg wird uns berichtet' Wie in hiesigen unterrichteten Kreisen bestimmt ver­lautet, soll die Hamburger Staatslotte­rie bis zu ihrer demnächst stattfindenden drei- bundertzweiundvierzigsten Ziebung große Ver- änderungen erfahren. So beabsichtigt man. den Hauptgewinn citf eine Million M ark zu erhöhen. Der Preis der Lose wird von kmn- dertvierundvierzig auf zweihundert Mark bin- aufgeschraubt werden. Eine diesbezügliche Vorlage ist im Senat bereits ausgearbeitet. Die Neugestaltung verspricht Hamburg erheb­liche finanzielle Vorteile.

Der Studentenkrieg in Agram.

Depeschen aus B u d a v e st zufolge herrscht infolge der vorgestrigen Tumulte unter den Studenten von Agram große Aufregung.

Kaum wurde die Universität gestern geöffnet, als die Studenten ht die Aula stürzten, wo ihnen aber der Universitätssekretär erflärte, daß sie die Aula bald wieder räumen müßten, da die Universität geschlossen würde. Die Studenten sandten darauf eine Abordnung an den Rektor und ließen ihn fragen, welche Maß­nahmen er gegen die Polizei zu ergreifen ge­denke, da sie die Universität beleidigt habe. Wie verlautet, soll die Universität auf ein Jahr geschlossen werden.

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AuS Berlin wird uns berichtet: Prinz Friedrich Leopold von Preußen überbringt im Auftrage des Kaisers dem Kronprinzen Boris von Bulgarien zu bestem heutiger Großjährigkeitserklärung den Schwarzen Adlerorden.

In Berlin fand gestern abend eine Ver- trauensmänner - Versammlung der Berliner Kohlenarbeiter statt, um über den Stand der Lohnbewegung zu beraten. Das Resultat ist, daß bis auf weiteres der drohende Streik vermieden wird.

Das serbische Ministerium Milowa - nowitsch hat gestern demissioniert. In dem Demissionsschreiben wird betont, daß die Re- gierung mit der Skupschtina nicht arbeiten könne, da sie keine Majorität besitze. Dem Kö­nig wird vorgeschlaegn, die Skupschtina auf» zulösen und Neuwahlen vorzunehmen.

Neuer vom Tage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.) Schneefälle und Verkehrsstörungen. Der starke Schneefall, der vorgestern und gestern in der Umgegend von Elberfeld eintrat, hat in dem Straßenbahnverkehr nach den Außenbe­zirken große Störungen hervorgerufen. Di« Bergischen Kleinbahnen, die vorgestern noch stellenweise den Verkehr aufrecht erhalten konnten, stellten gestern vormittag den Betrieb auf allen Strecken ein. Da auch heute früh von neuem heftiges Schneegestöber eingesetzt bat, ist noch gar nicht abzusehen, Wann der Verkehr in vollem Umfange wieder ausgenommen wer­den kann.

Ät Vom Zuchthaus ins Irrenhaus. Der Bergmann Kar! Braun aus Watten­scheid war seinerzeit vom Schwurgericht in Bochum wegen versuchten Mordes zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Später bekannt gewordene Momente führten zu der Ansicht, daß er die Tat im Verfolgungswahn begangen habe. Diese Annahme wurde durch die Beweisaufnahme im gestrigen Wiederauf­nahmeverfahren und durch die ärztlichen Gut­achten bestätigt. Braun wurde daher freige­sprochen. Er muß jedoch wegen seines gemein­gefährlichen Zustandes in eine Irrenanstalt ge­bracht werden.

ttr Die Kinder mit dem Säbel ... In dem Städten Lage bei Bielefeld fand gestern ein Säbelduell zwischen zwei Schülern statt. Einem der Duellanten wurde der Brustkorb zerschla­gen: der andere erlitt schwere Verletzungen im Gesicht, lieber den Grund des Zweikampfes verweigern beide jegliche Angaben. Man ver. mutet jedoch, daß eine Liebelei die Ursache des Zweikampfes ist, da man beobachtet hat, daß die beiden Duellanten sich sehr ausfällig um die Gunst eines jungen Mädchens bemühten.

nr Ein Münchener Sensations-Prozeß. Der bisherige sozialdemokratische Abgeordnete Auer in München hat den hohen Beamten des bayrischen Verkehrsministeriums Mißbrauch und Ausbeutung ihrer Stellung zu ihrem per­sönlichen Vorteil vorgeworfen. Die Staats­anwaltschaft hat deshalb Anklage gegen Auer erhoben. Der Prozeß kommt am achten Fe­bruar zur Verhandlung. Wie die Münchener Post meldet, werden zu der Verhandlung sechs­unddreißig Zeugen geladen, darunter der V^r- kehrsminister und andere hohe Beamte. Wie

verlautet, wird sich der Prozeß zu einer kleinen Sensationsaffäre gestalten; es ist deshalb nicht ausgeschlossen, daß er unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfindet.

rs Ter Mörder des eigenen Kindes. Der von seiner Frau getrennt lebende Metzgermei­ster W a i b e l in Heidelberg schoß auf sein vier Monate altes Kind und versuchte sich dann im Neckar zu ertränken und später auf der Poli­zeiwache zu erschießen. Vater und Kind sind schwer verletzt. Die Aerzte hoffen jedoch, den Mann am Leben erhalten zu können, während wenig Aussicht auf eine Wiederherstellung des Kindes vorhanden ist. Waibel hat offenbar in einem Anfall von Irrsinn gehandelt.

rrr Ein Drama in der Kirche. In Ca - b a n n e s in Frankreich stürzte gestern während der Messe ein Teil des Daches der Dorfkirche ein. Der Pfarrer wurde sofort durch herab« stürzende Steine erschlagen, ein Chorknabe wurde schwer verletzt. Das Dach war schon seit langem reparaturbedürftig, doch hatte es der Gemeinde immer an dem nötigen Geld zur Ausbesserung gefehlt. Die in den letzten Ta. gen niedergegangenen Schneemassen haben jetzt den Einsturz verschuldet.

Die Schreckenstat eines Geisteskranken. Der erst kürzlich gegen Revers aus der Irren­anstalt in Wien entlassene Versicherungsagent Reinhold R o sch hat gestern früh ohne jede Ursache seine Frau mit einem scharf geschliffe- nen Messer überfallen und sie durch einen Stich in die Brust lebensgefährlich verletzt. Der Irrsinnige ist flüchfig. Es ist bisher noch nicht gelungen, ihn zu ermitteln. Da ihm größere Geldmittel zur Verfügung standen, wird es ei­nigermaßen schwer halten, feiner wieder hab­haft zu werden.

zz Frau ToselliS dritte Ehe. Berliner Blätter bringen die Nachricht, daß sich Frau T o s e 11 i, die frühere Kronprinzessin von Sachen, in nächster Zett mit einem italienischen Offizier verheiraten will. Die Nachricht ist vor­läufig mit großer Vorsicht aufzunehmen; immerhin ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß Frau Toselli wieder einmal der sensations­gierigen Welt Veranlassung geben will, sich über ihre Person unterhalten zu können.

iS Baronin Vaughan geschieden. Gestern erfolgte vor einem Pariser Gericht der Ur­teilsspruch in dem Scheidungsprozeß der Baro­nin Vaughan gegen ihren Gatten Du- rieur. Das Gericht kam zu einer Veruttei- lung des Gemahls der Baronin und erkannte auf Zahlung einer monatlichen Apanage von 5000 Francs. Als die Baronin Vaughan mit Durieux die Ehe einging, setzte sie diesem mo­natlich 5000 Francs auf Lebenszeit aus. Da sie ihre Verpflichtung nicht gerichtlich aufheben lassen wollte, machte sie ihren Anspruch dahin geltend, daß ihr Gatte ihr 5000 Francs monat- lich zurückzahle. Das Gericht hat nunmehr die­sen Anspruch auch für Recht anerkannt.

$os Rmeftr aus Mel.

Sie neuen Wohrmngsgeld-Klaffen.

Für den Haushalt der meisten Beam­ten, insbesondere der unteren und mittleren Beamten, spielt der Wohnungsgeldzu- schuß eine nicht unerhebliche Rolle. So be­greift es sich, daß diese Kreise mit großer Spannung jeweils der Etttscheidung des Bun­desrats über ihre Eingaben um einen höhe- renWohnungsgeldzuschnß, das heißt: Um Heraufsetzung bet'Orte, in betten sie dienstlich tätig sind, in eine höhere Klasse, ent­gegensehen. Die Entscheidung ist bereits in der vorletztenWoche gefallen, wird aber jetzt erst.veröffentlicht. Allem Anschein nach hat der Bundesrat die Veröffentlichung bis nach den Stichwahlen verzögert, weil er besorgte, daß das Bekanntwerben der Mißerfolge der meisten Städte und ihrer Beamtenschaft bis

einen einzigen Leser. Der Reichstag soll Abgeorbnete aus allen Teilen bes Teufichen Reiches erhalten. Wir finden aber trotzdem nur einen Preuß. einen Sachse, der noch dazu ans Schlesien stammt, und einen Frank. Dahingegen hat das außerdeutsche Land Braband auch einen Vertreter ent­sandt. Ein Dorf und fünf Städte schickten Reichsboten nach Berlin, nämlich Arnstadt, Fischbeck, Kiel. Landsberg. Schwa­bach und Stadthagen.

Bekanntlich werden die Abgeordneten je nach ihrer politischen Stellung auch nach Far­ben bezeichnet. Da ist es nun merkwürdig, daß sich der einzige R o t h e r nicht bei den Sozialdemokraten, sondern bei den Konserva­tiven befindet. Tie Schwarz (en) finden sich nicht allein beim Zentrum, sondern auch in andern Parteien. Damit aber auch ein hel­lerer Ton in die schwarz-rote Färbung hinein­kommt, hat man dafür gesorgt, baß auch Witt im Reichstage vertreten ist. Religion soll ja im Reichstage keine Rolle spielen. Aber ganz läßt sich das doch nicht vermeiden. So ist denn auch nur ein einziger Frommer in den Reichstag gekommen. Dieser eine aber wirb dafür sorgen, baß alle reuigen Reichs­tagssünder Ablaß erhalten. Wenn auch mancke behaupten, daß die Taten des neuen Reichstags eitel Rauch fein werden, so glau­ben wir doch nicht daran, denn ein Reichstag, in dem das Wort Jungk eine Rolle spielt, wird mit Jugendkraft seine schweren Aufga­ben lösen. Und wenn wirflich einmal die Wo­gen hochgeben sollten, dann wird der Deich­mann dafür sorgen, daß sie den Deich nicht überfluten. . . R. W.

Bin Gastspiel im Hostheaier.

Nach dem gestrigen zweiten Gastspiel kann über die Qualität von Fräulein Pr e i ß m a n n vom Stadttheater in Halle kein Zweifel mehr herrschen, und der Intendantur nur zum Enga­gement der trefflichen Sängerin geraten wer­den. Reber die Gesangskultur sind wir schon unterrichtet worden und mit koloraturreichen Arien, gewiß ein Prüfstein für jede Hochdrama­tische. wurde Frl. Preißmann allen Anforde- nmaen gerecht. Sowohl in der Tiefe wie in der Hetzen Lage brachte ihr Organ das Ge- sgncslechnische mit warmer, schöner und beseel­ter Tonenffaltung. Im zweiten Akt fesselte das reife Svieltalent, und man wird selten im The­

ater so ergriffen, wie von dem in tiefster Seele empfundenen, bis zur Grenze gesteigerten, zwei­ten Aft. Eine Woge von Leidenschaft, edelster Gesinnung und Empfindung, die zuletzt doch in der großen Gattenliebe und -tre.ue wurzeln, brach aus dem Gesang und der Darstellung der Künstlerin hervor und ließ den ergriffenen Zu­hörer alles Mitempfinden. Der Gesamteindruck, der unter Professor Beiers Leitung stehenden Aufführung mit Frau Sedlrnayer's. reizvoller Marzelline, Herrn Brandenbergers Flo­restan, dem glut- und haßerfüllten Pizarro Wnzel's und den geschickt ergänzenden Lei­stungen der Herren U l r i c i (Rocco) und War deck (Jaguino) war harmonisch geschlos­sen. Reicher Beifall zeichneten die Sänger und besonders bett Gast aus. G. 0. K,

Kleines Feuilleton.

t±ü Gerhart Hauptmann als Societfik. Der schlesische Dichter hat sich bewegen lassen, der von Mitgliedern des Berliner Lessingthe- a t e r s gebildeten Societätsbühne beizutreten. Er wird das junge Unternehmen durch seinen Rat unterstützenund ihm voraussichtlich auch die Aufführung seiner Werke übertragen.

Die Sinfonie der Taufend. Am ersten und zweiten März wird in Leipzig Mah­lers achte Sinfonie unter Göhlers Lei­tung von tausend Mitwirkenden aufgeführt. Das Orchester umfaßt einbundettsechzig Mu­siker. Der Chor zerfällt in drei Gruppen, dabei befindet sich der Riedel-Verein, der bei der Münchener Uraufführung großen Erfolg ern­tete. Außerdem sind dreihundert Kinder be­teiligt. An der Spitze der Solisten siebt Gertrud F o e r st e l. Außerdem sind noch fol­gende Solistinnen zu nennen: Matta Wintcr- nitz-Toeda und Vally Fredttch-Höttaes.

DerSänger des Westens" in Berlin. Das ittsche StückThe Plah-Boy of the We­stern World", dessen Aufführung in Newyork und in Chicago zu zahlreichen Theaterskanda- len und Eingrfffen der Polizei geführt hat, wird voraussichtlich auch im Laufe der kommen­den Saison auch vor dem deutschen Pu­blikum sein Glück versuchen. Der Londoner Standard bringt in bestimmter Form die Nach­richt, daß diese irische Komödie inzwischen von dem in London lebenden Journalisten Sil Va- ra ins Deutsche übertragen worden sei, und daß Reinhardt bas Werk in Berlin auMhren. werde.