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Hessische Abendzeitung

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Sonnabend, 3. Februar 1912

Fernsprecher 951 und SSL

Nummer 50

2. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Sie Republik der Sorge.

Die Streik-Katastrophe in Portugal.

Ein düstres Verhängnis schwebt über dem Land, über das einst das Haus der Braganca sein hartes Zepter schwang: Portugal kommt nicht zur Ruhe, und di« offiziösen Ver­sicherungen über denFrieden im ganzen Land" werden überdröhnt vom Krachen der Bomben und vom Geknatter tödlicher Salven, di« das Volk von Lissabon wie reise Aehren niedermähen. Wie es kam? Einem lawinen­artig um sich greifenden Arbeiteraus- sta n d sind Unruhen gefolgt, in der Hauptstadt selbst haben streikende Gruppen werktätig die wichtigsten Betriebe aufgehalten, Elektrizitäts­anstalten und Tramways ruhen. Den Maß­nahmen der Regierung antworteten drohende Manifestationen und Bomben, die gegen die republikanischen Truppen fielen, und endlich der Generalstreik in Lissabon, den wieder der Belagerungszustand in möglichst gesetzmäßige Grenzen eindämmen soll. Ein General be- herrscht jetzt die Hauptstadt mit den Befugnis­sen eines Diktators: Das Leben staut sich wie in einem Engpaß, und die Totenstille auf den Straßen, die geschlossnen Läden und Theater, die ungewohnt« Leere der Chausseen, die kein Wagen und kein Automobil stört, kennzeichnen, wie sehr Handel und Industrie im Lande stocken. Auch die Eisenbahner feiern, um so der Republik die Ordnung erschweren, um zu verhindern, daß Truppen aus ruhigern Provinzen in die wildgärende Hauptstadt ge­bracht werden. Ein Bürgerkrieg also im alten und neuen Stil zugleich: Im alten, da mit Gewehr und Revolver attackiert wird, und int neuen, nachdem die Räder des sozialen Lebens festgebannt wurden. Alle diese Symp- toine sind nicht neu: Je nach Temperament und der Entwicklung der Bevölkerung machen sie sich in jedem Lande anders merkbar, aber sie gehören zu den regelmäßigen Erscheinungen unsrer Zeit, zu den Kampfmitteln des zwan­zigsten Jahrhunderts.

Vielleicht ist die Katastrophe, die das ganze Land erschüttert, nicht einmal ein Argument gegen die Republik, die das schwere Erbe nach dem Braganza-Regime angetreten hat. Sie sind im Bereich eines neuen Regierung- Systems besonders erklärlich, weil dort die Hoffnungen auf eine beflre Lebensweise, auch auf eine raschere Entlohnung der politischen Mitarbeit rege sind. Aber zweifellos haben Ar- beiterunmhen und ihr trauriger Nachklang im heutigen Portugal eine schwerwiegen­dere Bedeutung als sonstwo, denn vor den Grenzen des Reichs steht ein ungeduldiger Prätendent, dem jede trübe Situation der Republik recht sein muß. Er mag auch die Ge­legenheit benutzen, daß man keine Zeit hat, sein Treiben fest im Auge zu behalten. Er dürfte endlich bei allen Bedrängnissen der Republik seine und seiner Emissäre Hand im Spiele ha­ben. König Manuel (der seine Hoffnun­gen gerade jetzt wieder der Welt verkünden läßt) hat mehr als einmal bewiesen, daß er für feinen zerbrochnen Thron hinter den Ku­lissen emsig arbeitet. Vor wenigen Monden zogen royalistische Truppen unter der Führung eines abenteuernden Hauptmanns gegen die Re­publik, wagten sich im Norden ein wenig über die Grenze und gerieten schließlich (man weiß nicht wo) in Verlust. Mit demheroischen 3uge", den der kleineZigarettenkönig- gegen seine Sieger unternehmen ließ, ging es also nicht, und so versucht er nun den minder hel­denhaften, aber wirkungsvollem Weg, das kaum gefügte Werk von innen aus zu zer­stören.

Die enge Verbindung von anarchistischen und royalistischen Idealisten ist schon öfters in Paris ans Licht gebracht worden. In der gnadenlosen Verneinung des Bestehenden tref­fen sie sich, und in der Skrupellosigkeit ihrer Be­helfe einen sich ihre Maxime. Sie treffen sich auch darin, daß die Einen die Geldmittel be­nötigen, über die die Andern mehr oder min­der reichlich verfügen. So was schafft immer und überall Brücken über Gegensätze. Unter diesen Umständen muß die republikanische Re­gierung im einstigen Reich der Braganza einen Kampf gegen zwei Fronten führen: Gegen unzufriedne Arbeiter auf der einen, und gegen die Feinde, die im Hintergründe warten, auf der andern Seite. England und Frank­reich sollen der bedrängten Republik ihren Beistand angeboten haben. Das deutet auf die Schwere der Ereignisse und ist eine noch nach­drücklichere Anerkennung des jetzt Bestehenden, als alle frühem Erklämngen. Besonders in England (das Manuels Gastfieund ist, wenn er sich nicht in Pariser Varietss und Spiel- sälen aufhält) lassen sich die führenden Poli­tiker durch jagdgemeinschastliche Gründe nicht jwt Feindschaft gegen die Republik verleiten.

Und auch Deutschland mag einsehen, daß mit der Besiegung der Republik ein ewiger Kampf eröffnet wird, der seine immer mäch­tigem kommerziellen Interessen stören und ge­fährden muß. Sodaß also für alle Interessen­ten im alten Europa die kluge Mahnung eines kundigen Thebaners gelten darf: Hände weg!

Dom Manuel kann auch jetzt wieder (wie er es schon einmal getan hat) die Unverläß- lichkeits Englands an den Pranger stel­len: Er hat, mit Ausnahme seiner höfischen Umgebung, keinen Freund in Europa, der ihm aufrichtig und wirksam helfen will. Auch der Kampf der Arbeiter in Evora wird seine Chancen nicht bestem: Die Streikenden stellen schon ihr« Bedingungen, und die Regiemng ist sichtlich bemüht, nachzugeben, soweit es die äu­ßerste Staatsräson zuläßt. Die Verhafteten von Evora sollen sreigelasten, die Arbeitsbörsen wieder geöffnet werden. Die verspricht das Ministerium, und nur darüber, ob der Zivil­gouverneur entlasten werden soll oder nicht, ist der Zwist noch lebendig. Natürlich können (wo hüben und drüben die Leidenschaften aufiohen, und die Waffe schußbereit den Verhandlungen nachhilft), noch arge Störungen eintreten, aber wie weit diese auch gehen: Sie toerben kaum das Signal zum Sieg der Braganza ge­ben. Dafür spricht die Stellungnahme der dar­über gewiß wohlunterrichteten Mächte, dafür spricht auch Alles, was aus dem dichten Ge­webe der parteiischen Nachrichten über die Stimmung des Volkes selbst ins Ausland bringt Das Land, das unter der Braganza- Herrschaft jahrzehntelang geseufzt, durchkämpft abermals eine Zeit schwerer Heimsuchung; aber vielleicht ist diese neue Prüfung nützlich: Sie läutert das Staatsbild von den Linien der Leidenschaft und festtgt das Gefüge, besten ha­stige Zusammensetzung einst emste Sorge weckte. -atu

Tie Schreckensherrschaft in Liffabon.

Die Mastenverhaftungen bauern an!

(Privat-Telegramm.)

Lissabon, 2. Februar.

Die Regierung erklärt den Streik zwar für beendet, doch herrscht hier weiterhin'! e b h a f t e Unruhe. Kavallerie galoppiert durch die Straßen und fordert beständig die Passanten auf, weiter zu gehen. Viele Gmppen von V e r- wundeten und von Gefangenen, eskor­tiert durch Kavallerie und Infanterie, paffieren die Straßen. Im Laufe des gestrigen Tages wurden zahlreiche Hausfuchungen in der ganzen Stadt vorgenommen und viele be- deutende Personen arretiert. Die Po­lizei sucht nach spanischen und kubanischen Anarchisten, die in Lissabon fein sollen. Einige sind bereits festgenommen worden. Die Regie­rung wird heute im Parlament erscheinen und über die Ursachen des Streikes und über die Militärherrswaft in Lissabon Erklä­mngen abgeben. Die Aufhebung der konstitu­tionellen Garanfien im Distrikt von Lissabon dauert noch an. Aus den Provinzen Algarve und Alemtejo find Truppenverstärkungen her­angezogen worden, auch die Kavalleriepatrouil­len in den Straßen werden verstärkt. Gestern wurde von den Truppen eine große Streife nach

Anarchisten und Monarchisten veranstaltet, an der sich sowohl die in der Stadt befindliche Garnison, als auch die vor den To­ren der Stadt lagemden Truppen beteifigten. Alle Straßm, die verdächtig waren, den Mo­narchisten Unterschlupf zu gewähren, wurden milfiärifch besetzt. Im ganzen wurden gestern fünfzehnhundert Personen ver­haftet und an Bord des KreuzersAdama- stor" gebracht. Unter denVerhafteten befindet sich der letzte monarchische Minister des Aeußern, Joss Azevedo Castello Branco,der beschuldigt wird, unter den Streikenden zu­gunsten der Monarchie agitiert zu ha­ben. Die Hauptaufgabe der Tmppen bestand darin, das Gebäude der Arbeitervereinigungen, in dem sich mehr als sechshundert Streikende befanden, zu bewachen. In der Nähe des Han­fes waren Soldaten mit geladenen Ge­wehren ausgestellt. Das große Gebäude wurde während der Nacht regelrecht belagert, woran sich auch eine Batterie Feldartillene beteiligte. In mehreren Arbeiterwobungen wurden Bomben mit sehr gefährli­chen Sprengstoffen beschlagnahmt. In dem Gebäude der Arbeitervereinigungen wur­de außerdem noch eine regelrechte Werkstatt zur Bombenfabrikation entdeckt.

Wie weiter aus Liffabon berichtet wird, verlas gestern in der Kammer der Justizmini­ster einen Dringlichkeitsantrag, wonach die bei den jüngsten Ereignissen Verhafteten fumma- risch vom Militärgericht abgeurteilt wer­den fallen. In Lissabon fei es den Reaktionären gelungen, die Arbeiterkreise zum Anschluss an

den Streik in Evora zu bewegen. Sie hätten auch den Versuch gemacht, die Soldaten in den Kasernen zur Anarchie zu verleiten. Die Kammer sprach der Regiemng ihr volles Vertrauen aus und nahm einen Antrag an, nach dem der Belagemngszustand und die Aus­hebung der konstitutionellen Garantien vorerst bestehen bleiben sollen.

schastsfrage:

Berlin, 2. Febmar.

Der Prafidentenstuhl im Reichstag.

Schwerin-Löwitz, Schönaich oder Paafche?

Wie uns ein P r i v a t 1 e l e gr a m m ans Berlin meldet, verlautet in parlamentari­schen Kreisen, daß Herr von K r ö ch e r, der frühere Präsident des Abgeordnetenhauses in Anwesenheit hervorragender Parteiführer der früheren Mehrheit des Reichstags erklärt habe, die Wahl des Grafen von Schwerin- w i tz zum Präsidenten des neuen Reichstages sei gefichert. Es hätten bereits diesbezüg­liche Verhandlungen zwifchen den Parteien stattgefunden, und man könne mit einer glat- t e n W a h l des frühem Präsidenten sicher rech­nen. Im Gegensatz dazu steht allerdings eine Auslassung desVorwärts" zur Präsident-

(Privat-Telegramm.)

DerVorwärts", das sozialdemokratische Zentralorgan, äußerte sich über die Präsi­dentenfrage für den künftigen Reichstag in einer Weise, die deutlich erkennen läßt, daß die Sozialdemokraten in dieser Frage bereit sind, sich mit den Liberalen zu verständigen. Das Blatt schreibt:Gerade weil die Regie­mng sich allen liberalen Fordemngen ableh­nend gegenüberstellen wird, ist es nicht unwich­tig, daß das Präsidium des neuen Reichstages nicht von vomherein dem Bund gegen die Ar­beitsfähigkeit angehört. Deshalb wird die Lö­sung der Prästdentenftage eine erste Probe für den Emst der liberalen Parteien sein. Ist es ihnen wirklich um die Durchsetzung bet ver­sprochenen Forderungen zu tun, bann werben ste sich nicht um das Geschrei der Klerikalen und Konsemattven scheren und die Zusammen­setzung eines PrästdiumS ermöglichen, das diese Arbeit zu fördem und nicht zu behindem ge­willt ist. Jedenfalls wird das Verhalim der Liberalen schon in dieser Frage zeigen, ob ste den reaktionären Einschüchtemngsbestrebungen gegenüber standhaften . . ." Demnach werden die Sozialdemokraten sicher einen Platz im Präsidium beanspmchen. Von den liberalen Präsidenttchafts - Kandidaten scheint Prinz Schönaich-Carolath auSzuscheiden. Da­gegen soll bet A b georbnet« Paafche günstige Chancen besitzen.

St. Tnmborn bleibt im Reichstag!

Wie uns ein Prtvattelegramm aus Köln meldet, ist für den bei den letzten Wahlen unterlegenen rheinffchen Zentrumsführer, Ju« stizrat Dr. Triinborn, jetzt ein Mandat gefunden worden. Der Kölner Landge­richtsrat Dr. Becker, der feit neunzehnhun­dertzwei den Wahlkreis Siegburg-Wald- b r ö h l im Reichstage vertritt und auch am zwölften Januar dort mtt großer Mehrheit wiedergewählt wurde, will zu Gunsten Trim- boms verzichten, wenn die Zentrumspar­tei damit einverstanden ist. Am heutigen Frei­tag foll die Partei darüber beschließen. Becker wurde am zwölften Januar mit 16 602 Stim­men gewählt, während sein Gegner Lambertz nur 3182 Stimmen erhielt, und es alle gegne- rischm Parteien, Liberale, Sozialdemokraten und Antisemiten, zusammen nur auf knapp sechstausend Stimmen brachten.

Bor und hinter den Auliffen.

Aus Berlin wird uns depeschiert: lieber das Zustandekommen der dem Sinne nach übereinstimmenden Stichwahlparolen der Fortschrittlichen Volkspartei und der Sozialdemokraten wollen di«Berli­ner Politischen Nachrichten" (denen wir die Verantwortung für die Richtigkeit der Mel­dung überlassen müssen) wffsen, daß das Ab. kommen am siebzehnten Januar im Direktions­zimmer der Mitteldeutschen Kredit- bank in Berlin von einigen Herren der Fort- schrttlichen Volkspartei und den Vertretern der Sozialdemokratie abgefchlossen wurde. Die Verhandlungen hätten zu einem glat­ten Abschluß geführt. Die Bemühun­gen eines ehemaligen Abgeordneten der Fort­schrittlichen Volkspartei, auch die Parteileitung der nationalliberalen Partei zum Bei­tritt zu dem Stichwahlbündnis zu bewegen, seien indessen glatt abgelehnt worden.

Das Scho vom Ssten.

Nach der Diner-Rede des Britengenerals.

Daß unsere Befürchtungen im vorgestrigen LeitartikelLicht und Schatten" über die Diner-Rede des britischen General­majors in Petersburg nicht unberechtigt waren, beweisen die Steuerungen eines Teils der russischen Presse zu der deutschenfeindlichen Rede d«s wortstarken Helden auS Enaelaud.

Die Krone aller dieser blindwütigen Gehässig, kett findet sich aber in der politischen Zeitschrift Ss w j e t". Die Ausführungen dieses Blat­tes verdienen, soweit sie Deutschland berühren, schon deshalb toiebergegeben zu werden, damit man einen Begriff bekommt, was sich in Ruß­landpolitisch" nennt und ... gelesen wird.

Petersburg, 2. Februar.

(Privat-Telegramm.)

Die angesehene politische Zeitschrift Sswjet" (die in Rußland etwa die Rolle der Zukunft" in Deutschland spielt) schreibt zu der Petersburger Rede des britischen Gene­rals:... Wir wollen heute Deutschland nicht wegen der Vergangenheit beschimpfen, halten wir uns daher an die Gegenwart. Deutschland hat dem russischen Ochsen, der ihm im Namen der uneigennützigen Freundschast gefällig den Rücken darbot, siebenund. siebzig Häute abgezogen. Aber diese Beschäftigung ist langweilig geworden, diese Rolle wurde überdrüssig, sie widerspricht zu sehr der russischen nationalen Würde. Deutsch­land fühlte die schroffe Wendung in der russischen gesellschaftlichen Stimmung und fing an, eine andere, schon nicht mehr so offenbar, zige Politik zu treiben. E s bereitet uns eine Katastrophe, unendlich viel ärger als die japanische. Alles, was gegenwärtig von der Berliner Diplomatie unternommen Wirb, ist gegen Rußland gerichtet. Als Erzfeind des Slawentums schläft Deutschland nie und trachtet danach, das rus­sische Reich zu verschlingen. Die Kräfte reichen noch nicht aus, aber da, wo die Kräfte nicht reichen, werden Schlauheit, List und Intrige helfen. Es ist ein großes Glück für uns, daß die Engländer, durch moralische Vorteile veranlaßt, sich entschlossen haben, sich fest mit Rußland zu verbünden. An sie nähert UNS auch di« gegenseitige religiös« Hinneigung an, die sich viel früher als das gegenwärtig« herzliche Einverständnis gezeigt hat ..

Franz Ferdinand und Rußland.

(Privat-Telegramm.)

AuS Wien liegt heute folgend« charakieri. stische Meldung vor: In hiesigen politischen Kreisen verlautet, der Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, habe gelegentlich fei- ner Anwesenheit in Berlin Besprechungen po­litischer Natur gehabt, in denen die Rot. Wendigkeit einer Annäherung Österreich- Ungarns an Rußland zur Sprache kam. Veranlassung dazu seien die Vorgänge auf dem Balkan. Der österreichische Thronfolger sei seit jeher Anhänger eines freundschaftlichen Ver. hältnisses zu Rußland gewesen und werde in dieser Ansicht durch seine militärischen Ratge- ber bestärkt, die für ein g e m c i n s a m e s Vorgehen der Donaumonarchie mit dem Zarenreiche eintreten.

Re Tragödie eines Sanftere.

Ein Opfer verfehlter Spekulationen.

Der Inhaber des Bankgeschäfts Paul Wilscheck und Companie am Schöneber­ger Ufer in Berlin, Paul Wilscheck, versuchte, gestern sich durch einen Schuß in bie Schläfe zu töten. Schwer ver­letzt würbe er in ein Krankenhaus ge­bracht, wo er gestern abend feinen Ver­letzungen erlegen ist. Finanzielle Sorgen waren die Veranlassung zu der Tat, über deren Vorgeschichte folgen­des bekannt wird.

Das Bankgeschäft Paul Wilf check und Companie in Berlin besteht seit etwa zwei Jahrzehnten und hatte zuletzt seine Bureau- räume am Schöneberger Ufer. Begründer und Inhaber War der Bankier Paul Wilscheck, der mit seiner Familie in Wilmersdorf eine elegante Wohnung innehatte. Wie mitgeteilt wird, spekulierte Wilscheck namentlich in letzter Zeit außergewöhnlich hoch an aus­ländischen Börsenplätzen. So hatte er insbesondere an der Londoner Börse groß« Engagements. Dort sollen nun fast alle feine Spekulationen f ehlge schla g en fein, so daß Verbindlichkeiten in großer Höhe (man fpricht von einer Million Mk.) auf ihm lasteten Als Wilscheck sich gestern vormittag im Privat­kontor am Schöneberger Ufer befand, erfdien eine Frau von Hegern, um ihr von dem Ban­kier verwaltetes Vermögen in Höhe von meh­reren hunderttausend Mark abzu. heben. Während sie sich' im Vorraum befand, krachte im Privatkontor des Bankiers ein Schuß. Als man hinzueilte, fand man Wil­scheck auf dem Boden liegen; er batte sich eine Kugel in die Schläfe gejagt. Man schaffte den Lebensmüden in das Elisabeth-Krankenhaus Wilscheck stand im dreiundsechzigsten Lebens- fahre, er War eine Zeitlang Vorsitzender des Aufstchtsrats der Vermögensverwaltungsstelle für Offiziere. Er hinterläßt zwei Töchter, von denen die eine an einen Baron, die andere an einen Hauptmann verheiratet ist. Ob vielleicht Veruntreuungen von Depots vorliegen, läßt sich zurzeit «icht feststellen. Sie Bureauräume