CWler Neueste Nachrichten
2. Beilage.
Freitag, 2. Februar 1912.
Nr. 49.
Zweiter Jahrgang.
Zu bist mein!
Roman, von H. von Erkin.
7) (Nachdruck verboten)
Tiefe Blässe überzog Angelikas Wangen. Ihre Augen starrten furchtgeweitet vor sich hin, dann war sie wie gehetzt zur Tür gestürzt, flog die Treppe hinab und stieß mit Frau Reichmann zusammen, die langsam, den Kopf tief gesenkt, von dem Krankenzimmer daher kam und der ihr Entgegeneilenden zurückwinkend, leise sagte:
„Richt hier, Kind — kommen Sie."
Wieder fühlte Angelika Frau Reichmanns forschenden, teilnahmsvollen Blick, und bebend, stammelnd stieß sie hervor:
„So reden Sie doch! Ist es — gute Kunde, die Sie bringen?"
Und langsam, langsam schüttelte Frau Reichmann das Haupt. Dann hatte sie den Arm um Angelika gelegt und so, mütterlich sie umfaßt hauend, und mit sich nieder auf einen der Sitze ziehend, sprach sie zu ihr.
Ein Schrei unterbach sie, zitternde Arme hielten sie umfangen, klammerten sich fest an ihr---
„Gelähmt! — hilflos gelähmt — fürs ganze lange Leben!"
„Vielleicht nicht für's — lange Leben — wenn die Rückenlähmung sich als fortschreitende herausstellt."
Im leisen Flüstertöne, der fast wie ein Trösten klang, sagte es Frau Reichmann, die bebende Madchcngestalt fester an die Brust schließend.
Fassungsloses Weinen klang auf, gepaart mit dem Grausen vor dem einen Wort, das der Jugend das furchtbarste, schreckensvollste ist — Sterben--
. „Sterben müssen — so gräßlich sterben müssen —' langsam, Tag um Tag sich sterbe» fühlen —"
Wie ein Krampf schüttelte es die zarten Glieder, und dann ein entsetztes Fragen:
„Weiß er's denn — fühlt er's denn, das ganze Fürchterliche?"
Wieder war die Antwort nur ein leises Flüstern —
„Er ahnt es wo,hl."
Stille. Dann lag Angelika vor Frau Reichmann niedergestürzt und preßte die gefalteten Hände in ihren Schoß.
„Ich möchte ihm helfen können! Ich möchte ihm Gutes tun können, daß er das Böse so nicht fühlt!"
„Armes, armes Kind!"
Frau Reichmanns Hände lagen auf dem blonden Haupte, das mit flehenden, verzweifelten Kinderaugen zu ihr emporsah.
Und noch ein anderer sah sie so, zu Boden geschlagen von Schmerz und Jammer, und die dumpfe Qual, die auf ihm selber lastete, verschwand unter dem, was dieser Anblick ihm gab.
Am Eingang der Veranda stehend, schaute Hartmut starr zu Angelika hinüber.
Sie fühlte plötzlich seinen Blick, hob den ihren zu ihm und stand im nächsten Moment wie emporgeschleudert da, die Hände airsgestreckt, als wolle sie ihn weit, weit von sich hin- wegdrängen. _
Ein paar Sekunden noch schaute er sie unbeweglich starren Angesichts an, dann wandte er sich und ging.
Sie aber sah ihm nach, so Perloren, so völlig verwirrt, daß Frau Reichmann kein Wort des Trostes fand und nur die Arme ihr entgegenbreitete wie ein Zufluchtshafen.
Doch Angelika wich vor den geöffneten Armen zurück, die sie zugleich bedünkten, wie richtend ausgestreckt gegen den, der da stumm gegangen war. Sie murmelte etwas Unverständliches, während sie an Frau Reichmann vorbei hinein in das Haus glitt.
V.
Die Kunde, die Angelika in fassungslosem Jammer auf ihre Knie niedergezwunqen, hatte auch Hartmut bis ins Innerste getroffen. Ihm
war, als sei der Boden unter fehlen Füßen fortgenommen, als fei feines Bleibens nicht länger aus dem Ulmenhof, als weise alles ihn hinaus aus dem Haufe, in das durch seine. Hand das Unglück gekommen. Dabei ein verzweiflungsvolles Wehren gegen eine Schuld, mit der er selber sich belastet.
Hin zu seinem Vater stürzen, es ihm zurufen:
„Sprich mich frei vor dir und vor mir selber!"
Die Wahrheit bekennen, dem die Schuld geben, den sie traf! — —
Dem, der auf seinem Siechenbette lag und büßte, so hart, so furchtbar büßte, daß beste nehmen von seines Vaters Liebe, so daß er dessen Gegenwart nur noch als Qual und Scham empfinden mußte.--
Und selbst, der alte Mann, mit seiner unerbittlich strengen Ehrenhaftigkeit, der sich nicht a.bsinden lassen würde mit beschönigenden, halb verhüllenden Worten, der volle Wahrheit sich erzwingen und der zerbrechen würde an dieser Wahrheit.
Aus verlorenem Brüten fuhr Hartmut plötzlich empor. Die Tür des Zimmers hatte sich geöffnet, vor ihm stand sein Vater.
Zum ersten Male wieder, seit dessen Hand ihn aus dem. Krankenzimmer gewiesen, fand er sich ihm gegenüber.
Sein Vater — hochaufgerichtet die Gestalt, das Gesicht, das die letzten Tage zum Greisenantlitz gewandelt, wie aus Erz gegossen, die Augen groß und fordernd auf den Sohn gerichtet, so stand er in stummen Worten da.
Und in seinen Blick hinein traf der des anderen, frei und ohne Zucken, doch die Lippen blieben geschlossen.
Da kam aus des Vaters Mund — wie ein Donner klang es ihm — ein einziges Wort.
„Sprich!"
Und ein anderes gab ihm Antwort, das war ein Schrei der Kindesliebe, die sich an das Vaterberz stürzen will —
„Vater!"
Roch höher hob sich die Gestalt des alten Mannes und seine Stimme dröhnte:
„Sprich — rechtfertige dich — erkläre, wenn du es kannst! Wessen Hand hat deines Bruders Leben vernichtet?"
Eine Geberde leidenschaftlicher Abwehr — „Vater, wessen klagst du mich an?" „Dessen, was meine Augen sahen — in deiner Hcmd bfe Pistole, vor der dein Bruder sich geflüchtet. Tat er es — mutzte er es tun? Kannst du dich freisprechen Mit einem Nein?"
Es blieb still ein paar Sekunden, dann kam die Antwort festen Tones, geraden Blickes:
„Er tat es — ob er es in Wahrheit mußte — nein."
„Er tat es!"
Es war ein Aufschrei, von all' der Qual durchzittert, die in diesen Tagen das Vaterherz stumm in sich verschlossen. — „Er tat es und du — was du getan — deine verruchte Hand —"
„Bei meiner Ehre, Vater, ich biir nicht schuldig, wie du es glaubst!" fiel Hartmut ihm ins Wort. „Wie du mich auch stehst, das richtet mich in deinen Augen, doch was zwischen mir und meinem Bruder vorlag. wär derart, daß ich mich darüber vergessen konnte, wie es geschah." '
„Dick vergessen in eifersüchtiger Wut bis zur Mordbedrohung ---"
Hartmut zuckte empor, seine Augen flammten auf.
„Darum? — um Eifersucht, glaubst du? — darum?"
Er verstummte plötzlich vor seines Vaters Blick, vor seiner gebietenden Frage:
„Und um was sonst, wenn nicht um dies Einzige, das noch ein Begreifen zuließe?"
Um welches andere sonst--------
In seines Vaters gramdurchfurchtes Gestcktt starrte Hartmut, und in ihm tobte ein schwei-
gender, gewaltiger Kampf, in den hinein noch einmal die gebieterische Frage llang:
„Um welches andere sonst? — Sprich, stehe mir Rede!"
Ein tiefes Atemholen, ein Aufrecken der Gestalt, als wolle er sich stählen für die Last, die er im Begriffe stand, auf sich zu nehmen, und schweren Tones sagte Hartmut:
„Befrage mich nicht weiter, Vater; ich vermag es nicht, dir so die Antwort zu geben, wie du sie forderst."
„Du vermagst es nicht. Und vermagst es doch, hier vor mir zu stehen, vor mir die Stint zu erheben! Oder weißt du es nicht!" — mit zusammengepreßten Lippen suchte der Rittmeister das Zittern zu bezwingen, das ihm die Stimme zu ersticken drohte — „weißt du es nicht, welcher Urteilsspruch heute deinem Bruder gefällt wurde?"
Hartmuts Nacken hatte sich tief gesenkt.
„Ich weiß es." — Dann hielt er flehend, beschwörend die Hände ausgestreckt. „Ich leide an dem Verhängnis, das uns alle betroffen, so schwer wie du, Vater. Stoß mich nicht von dir in dieser Zeit des Unglücks. Laß mich versuchen, dir ein Trost, eine Stütze zu sein."
„Du?"
Ein einziges Wort nur. doch es schrie ihm zu, was er selber fühlte, daß es nie in seiner Macht stehen würde, etwas von dem Leid gut zu machen, das fein Vater um seinen liebsten Sohn litt. Tiefer noch senkte sich ihm der gebeugte Nacken und streckte sich wieder empor, wie seine Stimme noch einmal verzweifelt sich hob.
„Vater, so wahr ich lebend vor dir stehe, mich trifft nicht solche Schuld, wie du es glaubst!"
„So wahr du lebend vor mir sichst ... du . . . du! Fühlst du's denn nicht, was dein Anblick mir tut? Muß ich erst sagen, was ich als einziges von dir zu fordern habe? Du lebend vor mir . - . in gesunder Kraft . . . und der andere . - -"
Die Stimme brach ihm, die Schultern sanken ihm kraftlos ein, die zitternde Hand hielt er vor die Augen gepreßt.
Wie ein Versinkender rang Hartmut mit dem Jammer, der ihm vor diesem Anblick bis an die Kehle stieg und dem Trost zu geben ihm verwehrt war- Nur wie heiseres Raunen rang es sich über die Lippen:
„Sei ruhig Vater . . . mein Anblick soll deinen Schmerz ' nicht herber machen ... ich werde tun, was du von mir forderst, ich werde gehen."
Kein Laut gab timt Antwort, kein Blick streifte ihn mehr. An ihm vorüber schritt eine gebückte Greisengestalt aus dem Zimmer.
(Fortsetzung folgt.)
Gericht und Neckt.
Sk« Nachspiel zur Rendeler Bluttat.
Wie wir seinerzeit ausführlich berichtet haben, hat am fechsundzwanzigsten August vorigen Jahres, morgens früh, der Landwirt Wilhelm Gunderloch zu Rendel in Oberheflen seinen Schwiegervater Fritz Eberhardt, seine Schwiegermutter, die Ehesrau Eberhardt, seine Schwägerin, die Ehefrau Johanna Wissenbach, seinen Schwager Karl Wiflenbach und ferne Frau, Elise Gunderloch, geborene Eberhardt, mit einem Jagdgewehre erschossen. Dann floh Gunderloch in das Feld bei Rendel und erschoß sich dort selbst.
Der Weitzbindermeister Heinrich Müller von Niederdorfelden war nun beschuldigt, den Landwirt Gunderloch bei Begehung des fünffachen Mordes an seiner Familie begünstigt und von der Tat vorher gewutzt zu haben. Der Angeklagte Müller, der gestern deswegen vor der Gießener Strafkammer stand, war mit Gunderloch vor der Tat viele Tage zusammen. Müller wurde infolgedessen am elften September verhaftet. Er bestntt, daß
er überhaupt unmittelbar vor der Tat mit Gunderloch zusammen gewesen sei. Es konnte jedoch das Gegenteil sehr leicht sestgestellt werden. Müller war auch dabei gewesen, als man gemeinsam in Aschaffenburg die Waffe kaufte, mit der der Mord ausgeführt wurde. Die Waffe hat der Angeklagte sogar bezahlt und zwar mit einem Tausendmarkschein, den er vorher von Gunderloch erhalten hatte. Reden, die bei dem Waffenhändler zwischen beiden geführt wurden, und die Umstände, daß man bei der Leiche des Selbstmörders Gunderloch kein Geld vorgefunden hat, waren ebenfalls verdächtig. Denn es ist nachgewiesen, daß Müller, bevor er sich von Gunderloch trennte, über den Rest des Tausendmarkscheines, den er zum Waffenkauf erhielt, verfügte. Müller und Gunderloch haben auch in den Tagen unmittelbar vor der Tat mit zweifelhaften Frauenzimmern, lustige Autofahrten unternommen. Ein Gespräch, das beide in der Wirtscbaft zu den „Drei Hasen" in Hanau gesührt haben, ist allerdings nur bruchstückweise gehört worden. Hierbei soll Müller dem Gunderloch gesagt haben, ihm könne doch weiter nichts passieren. Der Gerichtshof kam zu einem freisprechende n U r t e i l. In der Urteilsbegründung er- klätte er aber: Die Beweisaufnahme hat außerordentlich viel Umstände für die Schuld des Angeklagten ergeben. Er habe wissen müssen, daß Gunderloch ein Verbrechen plane, und das zu einer Zeit, wo er diese Tat durch eine Anzeige an die Behörden oder die Bedrohten hätte verhindern können. Immerhin seien dem Gerichtshof aber Zweifel gekommen, die zu einer Freisprechung wegen nicht hinreichender Beweise geführt hätten. Der.Gerichtshof bedauere, im vorliegenden Fall einen Freispruch fällen zu müssen. -k-
cbo Wegen zehn Pfennigen . . . drei Jahre Zuchthaus! Vor dem Schwurgericht in Ra-, tibor hatte sich der fünfundzwanzigjährige, wiederholt wegen Diebstahls mit Gefängnis und Zuchthaus vorbestrafte Grubenarbeiter Johann Koscharh aus Koblau bei Ratt- bor weaen Raubes zu verantworten. Der Angeklagte, der gegenwärtig wegen Mundraub eine Zuchthausstrafe von anderthalb Fahren verbüßt, trieb sich im letzten Herbst arbeitslos in der Gegend von Ratibor herum. Bei seinen Streifereien begegnete er eines Tages einem vierzehnjährigen Jungen, der Grubenlampen zur Ncufüllung nach Petershofen bringen sollte. Hierbei soll er dem Jungen mit Gewalt den Betrag von zehn Pfennigen abgenommcn haben. Der Angeklagte leugnete zwar die Tat mit älter Entschiedenheit, der Knabe aber erkannte ihn mit aller Bestimmt, heit wieder. Die Geschworenen verurteilten den alten Zuchthäusler neuerdings zu drei Jahren Zuchthaus und sechs Jahren Ehrverlust.
Die Stimme des Gewissens. Ein Pri- vat-Telegramm meldet uns aus Köln: In Herford war im-Dezember das Dienstmädchen Vollhöfer zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil es dem Kindermädchen Kniver aus Rache Salzsäure in den Kaffee gegossen haben sollte. Als Bela, stungszeuzin war damals das Kindermädchen Kniper ausgetreten. Von Gewissensbissen getrieben, legte dieses jetzt das Geständnis ab, die Salzsäure sich selb st in den Kaffee ge. gossen zu haben. Im Wiederaufnahmeverfahren wurde das unschuldig verurteilte Dienstmädchen sreigesprochen.
Ein Pokizeikommiffar a. D. als Spion. Wie uns aus Essen berichtet wird, verurteilte die dortige Straflammer gestern den Polizei, kommissar a. D. Reith wegen einfacher Spionage (Vergehen gegen den Paragraphen 49 a des Strafgesetzbuches) zu anderthalb Jahren Gefängnis unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre Der Angeklagte, der angeblich infolge un- günstiger wirtschaftlicher Verhältnisse dazu getrieben worden ist. Spionage zu treiben, war vor Gericht in vollem Umsanz geständig.
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Bekanntmachung.
Die bei dem hiesigen ständischen Leibhause versetzten Pfänder aus dem 2. Halbjahr 1910. von 74247 bis 97801, sowie die in derselben Zeit bei den Leihbaus-Agenturen eingelieferten Pfandstücke, müssen noch bis zum 6. Februar 1912, vormittags 11 Uhr, bei Meidung der Versteigerung eingelöst oder, falls hiergegen 'seitens der Leihhaus-Verwaltung Bedenken nicht bestehen sollten, erneuert werden.
Nach Ablauf dieses Termins findet die Erneuerung der Pfänder nicht mehr statt.
Die Leihhaus-Verwaltung.
Mtert die hungernden Bogel!