Einzelbild herunterladen
 

Kampftag im Parlament-

Wahl.Xachrveh en" im Abgeordnetenhaus.

<Vo« utrfetm parlamentarischen Mitarbeiter.)

.Im preußischen Abgeorbnetenhaus stand gestern (am zweite« Tag) die Fortsetzung der Etatberatung auf der Tagesordnung. Aber statt der Etat- gabs auch am Mittwoch wieder eine W a h l d e b a t t e. Zuerst kam der nationalliberale Fraktiousvorsitzende Fried­berg zum Wort, der in zweistündiger Rede Herrn Herold und das Zentrum zu zersausen suchte, ähnlich wie vorgestern Genosse Hirsch, dem Herr Friedberg übrigens zu den Angriff fen auf das Zentrum in selten gehörter Schärfe durchaus beipflichtete. Endlich ging er zum Etat über, um allerlei Anfragen an die Regie, rnngsvcrtreter zu richten: Ueber die Polen­politik, die Beteiligung am Kohlensyndikat, über den Stand der Wahlreform und anderes mehr. Minister von Dallwitz antwortete sofort, indem er bewute, daß an eine Wahl, reform angesichts der herrschenden Erregung nicht zu denken sei. In der Polenpolitik habe sich der Kurs absolut nicht geändert. Schließlich richtete auch der Minister eine Philippika gegen die Sozialdemokraten, indem er auf das entschiedenste hervorhob, daß ein Beamter, der direkt oder indirekt bei den Wahlen die Sozialdemokratie unterstütze, sei­nes Postens nicht mehr würdig sei.

Minister des Innern, von Dallwitz»

Ein Wechsel in der Poleupolitik ist nicht eingetreten. Auch in der Stellung unse­rer Beamten zu den Welfen ist keine Aende- rung erkennbar. Es ist bemängelt worden, daß die Regierung sich nicht über die Wahl­reform geäußert hat. Die vorhandenen Ge­gensätze über Art und Umfang der Wahl, reform haben sich indessen nicht gemildert, son­dern noch verschärft, was auch ine Reichstags­wahlen bestätigt haben. Wir werden daher in diesem Jahre von der Wiedereinbringung einer Vorlage ab seh en. Der Minister ver­teidigt dann den Wahlerlaß, durch den die Re- ßiernngspräsidenten aufgefordert worden sind, I«ch über etwaige Angriffe gegen die Politik »er Regierung zu äußern. Es handelt sich an­geblich um eine einseitige Parteinahme zugun­sten einzelner Parteien, oder um eine Mobil­machung der Landräte für die Konservativen. Die Regierung muß sich aber informieren, und diesem Zweck diente der Erlaß. Die Beamten sollten keineswegs zu Agenten des schwarz- blauen Blocks gemacht werden. Die zuneh­mende Maßlosigkeit der sozialdemokratischen Agitation in ihrem Kampf gegen die Staatsordnung hat den Erlaß veran­laßt. (Abgeordneter Dr. Liebknecht (Soz.): Unglaubliches Zeug! Unruhe rechts.) Dieser zersetzenden Tätigkeit muß die Regie­rung entgegentreten.

Ein Beamter bricht den Treueid,

wenn er mittelbar oder unmittelbar die Be­strebungen einer antimonarchistffchen Partei fördert. (Stürmischer Beffall rechts, Unruhe links.)

Präsident Freiherr von Erffa ruft den Ab­geordneten Liebknecht wegen seines Zwi­schenrufes zur Ordnung.

FinanAminister Dr. Lerche weift de» Vor­wurf zuruck, als ob der Etat »oberflächlich auf­gemacht" sei. Der Finanzminister streift noch kurz die Frage, ob es ratsam gewesen ist, im vorigen Jahre keine Anleihe auszunehmen und erklärt schließlich, daß es nicht möglich sei, die gesetzlichen Bezüge der Altpensionäre zu erhöhen. Das würde allen bisherigen Gepflo­genheiten widersprechen und den Staat und die Kommunen in unerträglicher Weise be­lasten.

Eisenbahnminister von Breitenboch ver­spricht eine ausführliche Erörterung der Frage der deutschen Eisenbahngemeinschaft in der Budgetkommission.

Handelsminister Dr. Sydow gibt Auskunft über den Verlauf der Verhandlungen zwischen der Bergverwaltung und dem Rheinisch-West­fälischen Kohlensyndikat. Das Abkommen zwi­schen dem

Rheinisch-Westfälischer Kohleusyrrdika und den fiskalischen Ruhrzechen ist getroffen zunächst für nur e i n Jahr. Dem' Fiskus ist die allerwünschenswerteste Freiheit für das Quantum seines Rnhrzechenabsatzes gelassen. Die Interessen des Fiskus sind in jeder Weise gewahrt. Wir haben uns ein Rücktrittsrecht auch innerhalb dieses provisorischen Jahres Vorbehalten. In bin bereit, die Verhandtun- S; mit den Privatzechen an der Saar zu ren.

Abg. Freiherr von Zedlitz (freikons.): Wir billigen es, daß in diesem Jahre keine Wahlrechtsreform angekündigt wird. Nicht die Regierung erschwert die Erfüllung der Zusage von neunzehnhundertacht, sondern Diejenigen, die das Reichslagswahl­recht verlangen. Man wird versuchen, das Ergebnis der Reichstagswahlen im . Sinne der Demokratisierung Preußens nach Kräften aus­zunutzen. Wir haben vorausgesagt, daß die Verhetzung des Bürgertums in der Haupt­sache der antimonarchistischen Sozialdemo­kratie gugute kommen muß. Die Art, wie der Herr Ministerpräsident das Auftreten des Herrn von Heydebrand als Wahlmäche charak­terisiert hat, war den Gegnern Wasser auf der Mühle. Nach dieser Richtung trifft die Regie­rung ein ernster und schwerer Vorwurf. Der Redner tritt der Behauptung entgegen, als ob die Landräte

politische Wahlmache getrieben hätten. Die Finanzreformsteuern ha­ben viele ins revolutionäre Lager getrie­ben, vor allem auch die Ablehnung der Erb­schaftssteuer unter Aufrechterhaltung der Lie­besgaben. (Hört! Hört! und Zustimmung links.) Die Rekrutierung unserer Verwaltung muß in neuer Form erfolgen, und entscheidend muß allein die Fähigkeit des Mannes sein. Der Tüchtige voran und nicht nach äußeren sozia­len Rücksichten gehandelt. (Beifall links.) Das liegt im dringenden Interesse der Verwaltung selbst.

Abg. von Trampozynski (Pole) spricht ge­gen die dauernden Steuerzuschläge, die Ver­schleuderung von Staatsgeldern in den Ostmar­ken und die Praxis der Ansiedelungskommis­sion, der deutschen Mittelstandskaffe und der Bauernbank.

Das Haus vertagt sich hierauf. Abgeord­neter Hirsch (Soz.) wendet sich in einer per­sönlichen Bemerkung gegen den Minister von Dallwitz und erklärt, daß, wenn der Minister in seiner Rede etwa andenten wollte, daß er, Hirsch, niedrige Begriffe von Treu und Glauben habe, das eine junkerliche Frech­heit sei. Der Redner erhält einen Ordnungs­ruf. Weiterberatung: Donnerstag.

Das Verbrechen eines Gymnasiasten.

Ein Sechzehnjähriger als Giftmischer.

Aus Dresden wird uns geschrieben: Vor dem hiesigen Schwurgericht hatte sich gestern der sechzehnjährige Gymnasiast Richard Leopold Döring aus Leipzig wegen versuchten Giftmordes an den eignen Eltern zu verantwotten. Die Ver­handlung entrollte trostlose Sittenbilder aus dem Großstadtfumpf. Als Sohn angesehener Eltern erbte der Gymnasiast von seiner in Leip­zig verstorbenen Großmutter ein Vermögen von hundertachtzigtausend Mark» das bis zu seiner Großjährigkeit von seinen Eltern

Nr. 49.

Zweiter Jahrgang.

CaffelerNeukste Nachrichten

L Verlage.

Freitag, 2. Februar 1912.

verwaltet werden sollte. Dessenungeachtet ver­fügte der Angeklagte stets über große Geldbe­träge. In unheilvoller Verblendung erfüllten die Ellern, die in abgöttischer Liebe an dem Sohne hingen, diesem jeden Wunsch. Ver­langte er Geld, so erhielt er jede beliebige Summe. Kaum fünfzehn Jahre alt, unterhielt er bereits kostspielige Verhältnisse mit Kabarett und VarietSbamen, stand zu einer Schauspielerin in Beziehungen ünd überschüt­tete diese mit den kostbarsten Geschenken. In dem bekannten VergnügungslokalTrokadero" auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden war der Jüngling ständiger Gast und verschwendete in Sektgelagen große Sum­men. Mit seinen Geliebten unternahm er »Ausflüge" nach Wien und an die Riviera und tauchte sogar an der Spielbank in Monte Carlo auf. Waren seine Barmittel einmal erschöpft und wollten die verblendeten Eltern nicht mehr mit neuem Gelde herausrücken, dann st a h l er den Eltern Schmucksachen und Silbergeräte, um den Erlös sofort in der geschilderten Art zu vergeuden.

In der Schule brachte er es nur bis zur Quatta, in welcher Klasse er drei Jahre ver­brachte. Im Oktober vorigen Jahres reifte nun in dem BUrschen der Entschluß, feine Eltern aus der Welt zu schaffen, um in den Besitz der großmütterlichen Erbschaft zu gelan­gen. Nach den Aussagen des bei seinen Eltern in Stellung befindlichen Dienstmädchens hat der Bursche schon früher geäußert:Wenn ich nur wüßte, was ich machen foll, daß ich zu meinem Gelde komme; der Vater müßte eift weg. Am Abend des einunddreißigsten Oktober vorigen Jahres stand in der elterlichen Woh­nung das Abendbrot bereit. Wie au anderen Tagen goß der Sohn, ehe noch die Familie ver­sammelt war, für die Eltern Bier in die be­reitstehenden Gläser, holte dann aus der Küche ein Fläschchen Salzsäure und schüttete da­von etwa zwanzig Gramm in jedes der bereits gefüllten Gläser. Durch einen Türspalt hatte das Dienstmädchen den verbrecherischen Vor­gang beobachtet. Sie schüttete das vergiftete Bier weg, reinigte die Glä^r und füllte sie frisch. Nach etwa acht Ta' ->. h-elt das Mäd­chen dem Angeklagten die oerbrecherische Tat vor und teilte ihm mit, das; sie die Vergiftung vereitelt habe.Darum auch; ich habe mich ge­wundert, daß nichts vorgekommen ist. Daß du aber schweigst, sonst weißt du, was dir ge­schieht!" drohte der Angeklagte. Nach dem Gutachten der Aerzte ist der jugendliche Ver­brecher ein pathologischer Lügner und Schwindler, körperlich und Physisch entartet. Er wurde daher freigesprochen, doch dem Fürsorgeamt überwiesen.

Am aller Weit.

Berlin Sei Nacht.

In der Nacht zum Mittwoch wurde in Berlin ein Spielklub ausgehoben, der seit längerer Zeit in einem sttllen, verborgenen Lokale hauste. In der F r ö b e l st r a ß e befin­det sich die kleine Kurfürstenbar, die anscheinend nur für die Zusammenkünfte dieses Spielklubs ins Leben gerufen zu fein schien, denn merk­würdigerweise hat sie von der Straße keinen Eingang, sondern konnte nur durch den Haus­flur betreten werden. Der Kriminalpolizei war es bekannt geworden, daß hier seit einiger Zeit ein Spielklub sein Heim aufgeschlagen hatte. Bereits vor acht Tagen sollte dieses Lokal aus­gehoben werden, jedoch bekamen durch eine Un­geschicklichkeit die Beteiligten hiervon Wind. Seitdem hat sich der Bankhalter des Klubs, der unter dem Namender kluge Hans" be­kannt ist, vorsichtshalber nicht mehr sehen las­sen. Als die Polizei letzte Nacht kurz nach ein Uhr in die Räume eindrang, fand sie einund­zwanzig Herren bei dem verbotenen Spiel

Meine Tante, deine Tante". Alle mußten den Weg nach dem nahen Polizeirevier antreten. Unter den Sistierten befand sich auch ein ge­wisser Lehmann, der vor zwei Jahren im Ko- nigs-Cafö ein großes Wettbureau aufgetan hatte, und deshalb zu sechs Monaten Gefäng­nis verutteilt worden war. Lehmann, ein ge­werbsmäßiger Buchmacher und Bankhalter, hatte es verstanden, sich zwei Jahre lang allen Nachforschungen zu entziehen. Die übrigen Spieler wurden nach Feststellung ihrer Perso­nalien wieder entlassen, jedoch dürften mehrere Strafanzeigen die nächste Folge dieses nächt­lichen Treibens sein.

Abenteuer in der Friedrichstadt.

Einen schweren Verlust erlitt ein russischer Kaviarhändler, der sich zur Erledigung geschäft­licher Angelegenheiten in Berlin aufhält. Der Fremde besuchte im Laufe des Abends und der Nacht mehrere Wirtschaften der Frie­drichstadt. Zwischen zwei und drei Uhr kam er endlich mit zwei jungen Damen nach dem Cafö Skandinavia in bei Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße. Hier machte er »och eine größere Zeche. Als er bezahlen wollte, merkte er zu seiner größten Ueberraschung, daß ihm ... seine Brieftascheabhande» gekommen war. Die Tasche enthielt einige hundert Mark in deutschem Papiergeld, russi­sche Rubelnoten und Austräge und Schecks auf russische Banken, im ganzen für hundert­zwanzigtausend Mark Papier­geld und Wertpapiere. Der Geschästs- sührer, dem der Russe seinen Verlust gleich mit­teilte, ließ sofort in allen Räumen nachforschen, und veranlaßte auch einige Gäste, ihre Kleider­taschen durchsuchen zu lassen; aber es war ver­geblich. Jetzt griffen auch die Revier- und die Kriminalpolizei ein. Diese ermittelte, daß eine Dame einem Gast an einem Nebenttsch erzähl­te, daß dem Russen die Brieftasche aus der Ta­sche gefallen sei und daß etwas später eine Da­me sie aufgehoben und dann das Cafö verlassen habe. Die Tasche enthält außer den verhält­nismäßig kleinen Betrag in Papiergeld, nichts, was für den Finder verwertbar wäre. Die Bankaufträge und Schecks haben vielmehr ihre« Wert lediglich für den Verlierer. '

Das Drama von Nürnberg. '*

Zu der Nürnberger ExplosionS-Kata- strophe. über die wir-bereits gestern ausführ­lich berichteten, liegen jetzt neue Nachrichten vor, die sich hauptsächlich mit der Ursache des Unglücks beschäftigen. Die bisherige Untersuchung hat nach Mitteilung der Ver­waltung der Maschinenfabrik folgendes er­geben: Bei einer Maschine, die schon seit Mo­naten als Verfuchsmaschine lief, war in der Lustzuführungsleitung, die nur unter niedri­gem Druck stand, durch ein Zusammentreffen verschiedener unglücklicher Umstände eine Schmierölexplosion eingetreten. Die Luftleitung erhielt hierdurch verschiedene Risse, aus denen die Flammmen gleichzeitig herausschluge.n und auf die nächste Umgebung und auf die entfern­ter stehenden Brennstoffbehälter übersprangen, die dann explodierten. Der Unfall war des­halb so furchtbar, weil gerade an diesem Tage außergewöhnlich viel Personen an der Ma­schine und in der Umgebung beschäftigt waren, und weil die Kleider des Versuchspersonals sowie die brennbaren Stoffe in der Umgebung infolge der Versuche zum Teil mit Oel ge­tränkt waren. Dadurch wird es auch erklärlich, daß fast alle Verletzungen auf Verbrennung zu- ruckzuführen sind. Die drei tot aufgefundenen Leute sind die Schlosser Fabritz, Petresch- k a und Fässer. Im Krankenhaus sind ihren Verletzungen erlegen: Der Meister Jobst, die Monteure Kropf, Geher und Brinkmann und der Schlosser Klieber. die übrigen dürsten am Leben bleiben.

Kleine Rundschau.

Ein Goldschatz im Baum.

In Moiffon im französischen Departement Seine et Oise war dieser Tage ein Holzfäller damit beschäftigt, eine alte Eiche niederzu­legen, als er plötzlich in der Höhlung des Baumstumpfes eine alte, ganz verrostete Blechkiste entdeckte. Er öffnete sie und aus dem Behälter schimmerte ihm ein G dld - schätz entgegen. Der Wert wurde festgeftelli und es ergab sich, daß es etwa vierzig- tausend Francs in Goldstücken wa. ren. Bei genauerem Zusehen bemerkte man, daß etwa achtzig von diesen Goldstücken Spu­ren von getrocknetem Blut aufwiesen, und als ein Chemiker es genau untersuchte, stellte er fest, daß es sich um die Spuren von M e n - sch en blut handelte. Natürlich erregt der rätselhaste Fund des Holzfällers in der ganzen Gegend das größte Interesse, und allenthalben gibt man sich Mühe, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Die ganzen Umstände den. ten darauf hin, daß ein Mörder feinen Raub hier in Sicherheit gebracht hat, ohne daß er später wieder Gelegenheit hatte, den Schatz aus dem Versteck zu holen. Aber man hat bisher vergebens in der Lokalchronik nachge- forscht und Umfrage bei den alten Einwohnern von Moiffon gehalten; niemand erinnert sich eines Verbrechens in jener Gegend, bei der eine folche Summe verschwunden gewesen wäre. Es ist also wahrscheinlich, daß ein in der Gegend Fremder den Goldschatz hier ver­borgen hat, um sich der Beweisstücke, durch die ihm" das Verbrechen nachgewiesen werden könnte, zu entledigen.

Wie alt ist meine Tischdame?

Diese schwerwiegende Frage, die sich so mancher Herr während eines langen Diners vorlegt, wird von einem Pariser Gesellschasts-, Psychologen in origineller Form beantwortet. Beginnt die Dame, die man zu Tisch geführt hat, sich erst beim Dessert fürs Essen zu inter­essieren und steht von Tisch auf, nachdem sie von einem viele Gänge umfassenden Mahl nur Eis, Schokolabencreme, Konfitüren und gezuk- kerte Fruchte zu sich genommen hat, dann kann man sicher fein, daß fte noch nicht zwan zig Jahre alt ist. Möchte man aern wissen, ob die

I Tischdame noch ledig oder schon verheiratet ist, so muß man besonders im Anfang des Diners die Art und Weise beobachten, wie sie sich mtt der Speisenfolge auseinandersetzt. Spricht sie hauptsächlich denHors d'oeuvres" zu, ver­tieft sich in den Kaviar, delektiert sich an Fisch- mayonnaise und pikanten Salaten, itzt aber nachher nicht mehr viel, bann ist sie zweifellos bereits in ben Stand der heiligen Ehe getre­ten und ist im Alter zwischen zwanzig und dreißig. Wendet sie vor allem dem Geflügel ihr Interesse zu, verweilt mit Andacht und Auf­merksamkeit bei einem Stück Hühnerbrust ober einem Poulardenbein, bann hat sie die schick- salsrciche Dreißig bereits überschritten, aber hat noch nicht die verhängnisvolle Fünfund­dreißig erreicht. Eine Dame, die älter ist, als fünfundbreißig, wird man sogleich daran erken­nen, daß sie die Fleisch gange allen ande­ren vorzieht und keinen ausläßt, während die Tischdame, die die Auswahl des Käses als wichtigstes Geschäft betreibt und sich einen stark duftenden Camembert munden läßt,ohne Alter" ist, wie der Franzose so höflich sagt.

Die MoskauerKinderpolizei".

Wie uns ans Petersburg berichtet wird, soll jetzt nach dem Vorbild Wiens auch in Pe­tersburg eineKinderpolizei' einge­führt werden. Der Wiadthaupttnann will al­les, was sich auf Kinder und Minderjährige be­zieht, der Kompetenz der allgemeinen polizeili­chen Organisationen entziehen und alle diese Kinderfälle einem für jeden Stadtteil zu ernen­nenden besonderen Polizeimann übertragen. Für diese Polizeipersonen, denen die Fürsorge und der Schutz der Kinder anver­traut werden soll, wird eine besondere Instruk­tion auggearbeitet werden. Es kommt oft vor, daß Kinder verhaftet und ins Gefängnis ge­bracht werden, weil man sie in keiner einzigen wohltätigen Anstalt ober einem Asyl unter­bringen kann. Der Stadchanptmann hält den Auftnthalt von Kindern im Gefängnis für ä ri­tz e r st bemoralificrenb für sie, und will daher ein Zerttralasyl einridjten, wo sie vorläufig untergebracht werden können. Dort sollen sie eine Zeitlang unter der Aufficht von Erziehern stehen, bis man sie entweder ben Eltern wieber zurückgibt oder in eine Besse­rungsanstalt bringt, Im Zentralasyl sollen sie Vorlesunaen bören und Lichtbilder iu sehen

I bekommen. Die vom Stadthauptmann geplante Einrichtung dürfte im Zusammenhang mit den demnächst einzuführenden Jugendgerich­ten einen ganz bedeutenden Einfluß auf das Leben und Treiben der mehr oder weniger ver­wahrlosten Minderjährigen ausüben.

Vom Professor zum Mönch.

Man schreibt uns aus Petersburg: Profeffor Dr. Alexandrow, der Rektor der Universität zu Kasan und Dozent für allge­meine Literatur, hat soeben einen bedeutungs­vollen und nicht alltäglichen Schritt getan. Schon seit längerer Zeit sprach man davon in Gelehrtenkreisen, daß Professor Alexandrow sich in ein Kloster zurückziehen und Mönch wer­den wolle. Rach den Berichten der Zeitungen von Kasan hat Professor Alexandrow diesen Entschluß nun zur Ausführung gebracht und ist mit feierlichen Zeremonien unter die Mönche aufgenommen worden. Alexandrow ist einer der größten Gelehrten Rußlands und hat auch durch feine Aufnahme unter die Mönche sich nicht hindern lassen, weiter seine Tätigkeit als Universitätslehrer auszuüben. Er ist bisher Dekan der historisch-philologischen Fa­kultät der Universität Kasan gewesen und hat diese Pflichten auch weiter beibehalten. Alexan­drow hat sich durch mustergültige Einzelschrif- ten über die Literatur hervorgetan und gilt als einer der besten Köpfe der Universität zu Ka­san. Lange Zeit verhielt man sich dem Gerücht vom Uebertiitt Alexandrows zum Mönchstum gegenüber sehr mißtrauisch, da Alerandrow als lebenslustiger Mann galt. Doch gilt jetzt der Uebertritt als endgültig entschieden. Es ist dies in neuerer Zeit Wohl das erste Mal, daß der Rektor einer Universität Mönch wird.

Der Kellner al« General?

JRont wird uns geschrieben: Ein ge­wisser Luigi Savoldi aus Brescia, der sich vor längerer Zeit nach China begeben hat, und in einem Hotel in Schanghai als Kellner bejchaftlgt war, richtete an seine Angehörigen einen, dieser Tage eingetroffenen, interessanten Brief, der in derProvinzia di Brescia" wie. bergegeben wird. Die wichtigste Stelle des Schreibens lautet: Ich habe das Hotel, in dem ich als Kellner angestellt war, verlassen. Die Führer der revolutionären Bewe­gung haben mir nämlich einen glänzenden Antrag gemacht. Da sie erfahren hatten^ daß

ich fast zehn Jahre bei der italienischen Kriegs­marine gedient habe, fragten sie mich, ob ich mich fähig fühlte, die Rekruten zu unterweisen und bei dem Sturm auf Peking das Kom. m a n d o über ein Bataillon von Aufständischen zu übernehmen. Die Bedingungen sind sehr gut: Sechshundert Taels pro Monat. Wenn ich nach einem Probemonat ben gehegten Er­wartungen entspreche, soll ich taufenb Taels pro Monat erhalten. In Aussicht gestellt sind mir ferner: Eine Entschädigung von zehntau­send Taels, wenn ich in ber Schlacht verwun­det werben sollte, und sünfzigtausenb Taels für meine Familie, wenn ich fallen sollte. Endlich ?oll ich, wenn die revolutionäre Regierung aus dem Feldzug auf der ganzen Linie siegreich hervorgehen sollte, eine Dotation von hundert­tausend Taels und einen hohen Rang in ber Armee der Republik bekommen. Savoldi erzählt dann weiter, daß er aufgefordert wor­den sei, sich eine Uniform zu verschaffen; die Uniform gleiche ber eines Generals des chine­sischen Heeres.

Die verlassenen Chinesinnen.

Die Söhne und Töchter desHimmlischen Reiches" haben uns Europäern allmählich allerlei abgegudt, nicht nur unsere Wissenschaf­ten und das Kriegshandwerk, nein, sie haben sich leider auch alle unsere Untugenden zu eigen gemacht. Und daß diese Untugenden zuweilen allerlei Unannehmlichkeiten im Gefolge haben, das mußten gestern drei kleine Chinesinnen in Paris erfahren. Senatientien, Tsavmeytie und sanghufang waren vor einigen Monaten mit einem chinesischen Offizier nach Paris gekom­men. Eines Tages plötzlich kam die böse Re­volution, und der chinesische Kavalier ver­schwand spurlos. Verschüchtert zogen die ar­men Verlassenen durch die Straßen von Paris, unkundig des Weges und der Sprache, bis sich ein mitleidiger Schutzmann ihrer erbarmte und sie nach dem Depot geleitete, wo man sie mH Hilfe eines Dolmetschers nach ihren Wün- scheu fragte. Sie wollten gern nach Hause, aber wußten keine Abreffe anzugeben. Sie wußten nur, baSfic m einem großen Hause wohnten.- So blieb denn nichts anderes übrig, als sie nach ber chinesischen Gesandtschaft zu führen,' bte bafur Sorge tragen wirb, daß die armen,

Chinesinnen wieder «ach/ dem Reiche tvx W4** Tracht werden.