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Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
2. Zahrgasg
Fernsprecher 951 und 952.
Donnerstag, 1. Februar 1912
Nummer 48
Fernsprecher 951 und 952.
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$te «ofteter Neuesten Nachrtchteu erscheinen wSchenwch sechtmal und»war abendS. »et toeimementlptete betragt monaUich 60 Pfg. bei tretet- Zustellung in» Hau«. Bestellungen werben tebenett von der Geschäftsstelle ober den Boten entgegengenommen. Druckerei. Verlag aal gtebottton: «chluchchofstraße 28/30. Sprechstunden der RedaMon von 1—3 Uhr nach- mittag« sttristUche Sprechstunden Mr unsere Abonnenten Mttwoch» und Sonnabend» von t—S Uhr abend» Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.
Alk imd neue GsuvrmeMe.
Neue Männer in Kamerun und Togo'
Wie amtlich bekanntgegcben wird, hat sich der bisherige Gouverneur von Kamerun, Dr. Gleim, aus Gesundheitsrücksichten gezwungen gesehen, seinen Abschied zu nehmen. An seiner Stelle wurde der Geheime Oberregie
rungsrat und Vortragende Rat im Reichskolonialamt, Karl E b e r m a i e r, zum Gouverneur von Kamerun ernannt. Außerdem wird (wie zuverlässig verlautet) in den nächsten Tagen ein weiterer Wechsel in den Gouverneur- Posten bekanntgegeben werden: Der Gouverneur von Togo, Geheimrat Brückner, tritt von seinem Posten zurück, und als sein Nachfolger wird (in Bestätigung unsrer frühern diesbezüglichen Meldungen) der Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg ernannt werden.
Konstantinopel, 31. Januar.
(Privat-Telegramm.)
Enver Bey, einer der bekanntesten Führer der vereinigten türkisch-arabischen Streit- kräft« Tripolis- teilt telegraphisch dem Kriegs-
3nfertton»prette: Dte sechsgespaltene Zelle für einheimische Geschäfte 15 Pfg., für au». wattige Inserate 25 Pf., Reklamezeile für einheimische Geschäfte to Pf., für auswärtige Geschäfte 60 Ps. Beilagen für dte Gesamtauflage werden mit i Mark pro Tausend berechnet. Wegen ihrer dichten Serbtettung in der Residenz und der Umgebung sind die Dasseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» JnsertionSorgan. Geschäftsstelle: »ölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.
Leider wohnt nun aber nicht der Fried« mit dem Palmzweig stillen Glücks überm Kanal, sondern das finstre Mißtrauen, der spähende Argwohn und der gallige Neid, und es ist des. hall» auch ein arger (wenn auch süßer) Selbst, betrug, wenn des Frieden» Sehnsucht hofft, mit klingenden Sprüchlein und artiger Reve. renz das Uebel vom Wegrand scheuchen zu kön- nett. Die letzten Fanuartage haben dafür (in KuropenS Osten und Westen) zwei lehrreiche Beispiel« erbracht. Am neunundzwanzigsten ± Januar sprach in der schottischen Spinnerstadt Glasgow der frühere Botschafter Britanniens am deutschen Kats«rhof, Sir Fran!
Schließlich meldet uns noch ein Privat- Telegramm aus Oporip: In der vergangenen Rächt wurden zahlreiche Versammlungen abgehalten, in denen di« Kundgeber ihre Sympathie mit den Aufständischen des Südens verkündeten. Nach heftigen Reden begab sich die Vollsmenge nach den öffentlichen Gärten, wo Agitatoren das Wort ergriffen und di« Menge mit stammenden Ansprachen anfzustacheln versuchten, gegen die Regierung die Waffen zu ergreifen.
Italiener-Niederlage bei Derua.
Italienischer Rückzug; zweihundert Tote.
Vom tripolitanischen Kriegsschauplatz kommt wieder einmal rin« Kunde, die diesmal von einem Türkensieg zu berichten weiß. Ta indessen das Kampfglück in diesem seltsamen ,Opretienkrieg" so rasch zu wechseln Pflegt, wie das Wetter im April, wird man der Meldung besondere Bedeutung kaum beizumessen haben. Interessieren kann höchstens die Zahl der OP- f e r, die der neueste Kampf gefordert hat. Wir verzeichnen folgende Meldung.
Premiere im Landtag.
DaS Abgeordnetenhaus im neuen Jahre. (Von unserm parlamentarischen Mitarbeiter.) Im Parlamentshaus an der Prinz-Albrecht, kraße in Berlin fänden sich di« preußischen Land boten gestern zu wirklicher Beratung zusammen, nachdem die Reichstagswahlen «in« unfreiwillige Pause in di« Verhandlungen des Abgeordnetenhauses gebracht hatten. Was Wunder, daß dies« Wahlen (obwohl man ich in der Volksvertretung eines BundeS- kaats befand) in die Debatte hineinspiel, ten, ja ihr gewissermaßen den Stempel auf« drückten, denn vom Etat war im Großen und Ganzen nicht allzuviel di« Rede. Bet anfäng- lich ziemlich leerem Haus« (da die Fraktionen zum Teil noch Beratungen abhiüten) «röst- nete der Konservative von Pappenheim den Reigen der Redner, indem er zunächst auf einige Etatskapitel einging, dann aber «egen die Sozialdemokratie polemisierte, um schließ- lich mit einem Ruf zur bürgerlichen Einigung zu enden. Mehrfach unterbrachen ihn (ebenso wie den folgenden Redner- Herrn Herold vom Zentrum) Zwischenrufe des kleinen Häufleins der Sozialdemokraten, die auf dies« Weis« „ttocri Leben" ins Hohe Haus brachten. Herr Herold hielt eine Philippika gegen den Un- glauben und die Partei der sozialen Demo, krati«, für die Herr Hirsch (obwohl die Reihe nach dem sonst üblichen Gebrauch noch lauge nicht an ihn heran war) mit Schärfe «intrat und namentlich das Zentrum wegen seiner Stichwabltaktik bekämpfte. Schließlich kam er aber doch noch zum Etat und endete mit einer Anfrage, ob das Gerücht auf Wahrheit beruhe, daß man aus dem Wahlsystem die Dritte, lung der Urw ahlb ez irke besettigen wolle, um die Sozialdemokraten aus der preußischen Volksvertretung herauszudrängen. Rach ihm machte man bereits Schluß: Di« Parla- mentsmaschine ist wohl noch nicht so recht geölt. Heute sicht die Fortsetzung auf der De. batte auf der Tagesordnung, bei der tue Reichspartei und die bürgerliche Linke zum Worte kommen werden. =«*
Lissabon im VelWerimgsZustand.
Die Arbcitskämpfe in Portugal.
Die Situation in Lissabon gibt zu den ernstesten Besorgnissen Anlaß. Kavalleriepatrouillen durchziehen die Straßen der Stadt und verhindern tätliche Angriffe. Zwei Straßenbahnwagen sind der Z e r st ö r u n g s - w u t der Menge zum Opfer gefallen. Die Führer der Wagen versuchten, durch Rcvolverschüsse die Kundgeber fern zu halten, doch hatten sie damit wenig Erfolg. Die Demonstranten stürmten die Wagen, mißhandelten die Schaffner und demolierten die Wagen vollständig. Die noch verkehrenden Straßenbahnwagen werden von starken Militärpatrouillen begleitet. Weiter« Meldungen besagen:
Lissabon, 31. Januar.
(Privat-Telegramm.)
Angesichts des Anwachsens bcS Streiks, der Lahmlegung von Handel und Industrie, der Unmöglichkeit zu arbeiten, und da mehrfach Bomb en aus Truppen in verschiedenen Bezirken geworfen wurden, wurde gestern nach einer Beratung zwischen der Regierung und den Mitgliedern des diplomatischen Korps der Belagerungszustand über Lissabon verhängt. General Carvalhaes, Kommandant der Lissaboner Division, wurde zum Gouverneur von Lissabon ernannt. Rach acht Uhr abends darf niemand ohne einen vont Kriegsministerium ausgestellten Patz über die Straße gehen. Die deutsche Brauereiniederlage wurde durch die Streflcnden gezwungen, ihren Betrieb zu fchlietzen. Die Lage hat eine weitere Verschlimmerung erfahren und eS stehen ernste Unruhen bevor. Die Stratzenbahn- gesellschasten haben ans ihren Depots die englische Flagge gehißt, um sie vor der Zerstörungswut der Kundgeber zu bewahren.
Revolution und Verbrechen.
(Telegraphifche Meldung.)
Wie uns neuere Depeschen aus Lissabon melden, ist der Administrator der Provinz Alemtejo, Moira, durch Beilhiebe getötet worden. Truppen aus anderen Städten haben die Garnison von Lissabon verstärkt. Hundertfünfzig Personen sind festgenom- und an Bord eines Kreuzers gebracht worden. Zwei Personen sind unter dem Verdacht ver- haftet worden, auf dem Rocio-Plah Bombe« aus die Gendarmen geschleudert zu haben. Alle Etablissements sind geschlossen. Truppen und republikanische Garden sind nach den Lissabon benachbarten Städten geschickt worden. Im gestrigen Minifterrat wurde be. schloffen, daß Truppen zur Wiederherstellung der Ordnung in den Straßen Streifzüge avS- führen, Massenverhastungen vor. nehmen und Schußwaffen beschlagnahmen solle«. Die Berhafteten solle« aus die Kriegsschiffe gebracht werden. Eine Anzahl Rädelsführer ist bereits festgenckmmen worden.
Ne erste Sitzung im neuen Jahr.
DaS Abgeordnetenhaus am dreißigsten Januar.
Am Ministertisch: Dr.Lentze, von Dallwitz, vor Breitrnbach, Di. SYdow, von Trott zu Solz und Dr. Beseler. Präsident Dr. Freiherr von Erffa teilt mit, daß das Präsidium demKai- ser und König zum Geburtstage die Glückwunsch« des Hauses überbracht hat. Das HauS ehrt das Andenken des verstorbenen Abgeordneten Riesch durch Erheben von den Sitzen. ES folgt sodann die erste Lesung deS Etat».
Abg. von Pappenheim (Kons.): Trotz der späten Einberufung des Hauses werden wir alles versuchen, um den Etat rechtzeitig fertigzustellen; wir werde« deshalb alles beiseite lasse«, was die Beratung des Etats aufhallen könnte. (Aha bei den Soz.) Bei den Bestrebun- gen auf einen engeren Zusammenschluß der deutschen Eisenbahnen werden wir gern bereit sein, das zu tun, was im Interesse der Sicherheit und Erleichterung des Betriebes liegt, aber nur soweit, als nicht die selbständige Der- walmng der deutschen Eisenbahnen in «rage kommt Selbstverständlich müßte die Leitung einer solchen Eisenbahnqemeinschaft, bei P reu- ß t n sein. Wir begrüßen den weiteren Aus- des Ausgleichsfonds. Bon großer Bedeutung ist die
Frag« des Kohlenshndikats.
Der Staat sollte sich auf die Maßnahmen die- ses Syndikats einen Einfluß verschaffen. Wir werden übeSegen müssen, inwieweit die Versorgung bat Auslands mit deutscher Kohle im Interesse unserer eigenen Entwickelung liegt.
scheint) wird über bi« Wirkung seiner Unter. Haltungs-Uebung einigermaßen erstaunt gewesen sein: In Petersburger Hofkreisen ist man von dem kriegerischen Sprüchlein des britischen Gastes aufs peinlichste berührt, und trägt sich sogar mit dem Gedanken, die Zeit der Gast- freundschaft-Gewährung an di« Männer aus Engeland tunlichst abzukürzen. Das Helle Ohr russischer Politik hat sofort die Spitze der schmetternden Fanfare erkannt, und man erachtet es in Petersburg als nützlich, dem breit sich präsentierenden, nach teurem Lorbeer langenden Helden aus Britannien dringlich abzuwinken. Daß Europa noch nicht zu zittern braucht, wenn ein englischer Generalmajor an russischer Gasttafel sich als Kriegsbarde produziert, ist sicher: Wenn aber ein Kommandeur britischer Truppen in einer Zeit, da überall im Reich des fünften Georg des Friedens liebliche Schalmeien geblasen wurden, im Ausland an offizieller Festtafel von einem „brüderlichen Waffengang Rußlands und Englands wider den gemeinsamen Feind" (Deutschland!) wie vom „Traum englischen Kriegersehnens" spricht, . so gibt Das doch allerlei zu denken. Und wenn man das schottisch« Friedens-Mee- ting Sir Frank Lascelles' mit dem Petersburger Kriegslärm des Zukunft-Cicero im bunten Rock wägend vergleicht, will's fast be- dünken, als sei der grotesk« Festmahlspruch hinter funkelnden Bechern das wichtigere Ereignis, an dem gemessen Sir Franks lautrer Idealismus,wie ein slüchtigerStrahl allzufrühen Morgenrots hinter düstren Wolkenbergen, ver- schwindet! F- H-
Des neuen Reichstags erste Werke.
Etat, Heeres- und Flottenvorlage. (Privat-Telegramm.)
Berlin, 31. Januar.
Rach den Msichten der Reichsregierung wer- den dem neuen Reichstag vorläufig keine größeren Vorlage« zugehe« mit Ausnahme des Etats, der HcereS- und Flottenvsrlage. Die Hauptaufgabe des neuen Reichstags wird zunächst die Verabfchie- dung dieser drei Materien sein. Erst von der Gestaltung dieser Vorlagen wird die weitere Versoraung des Reichstags mit neuem Material abhäugen. Von handelspolitischen Vor- lagen wird dem Reichstag der neue deutsch- türkische Handelsvertrag zugehen, der noch im Laufe des Februar erledigt werden muß. Eine arößere Reihe von Vorlagen befinden sich in Vorbereitung, doch ist der Zeitpunkt ihrer Einbringung im Reichstage noch ungewiß. Es sind dies «ine Novelle zur Reform der Fahr- kartensteuer, eine Novelle zum Seeunfallgesetz, ein Entwurf über di« Haftpflicht der Straßenbahnen für Sachschaden, ein Enttvurf betreffend die Revision bei Spionagegesetzes, eine Novelle zum Patentgesetz, ein Entwurf über bi« gesetzliche Regelung des Theaterwesens, ein Entwurf Über die gesetzliche Regelung des Postscheckverkehrs, ein Rahrungsnnt- telgesetz, ein Entwurf über die Neuregelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, ein Entwurf über den Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit, ein Entwurf betreffend die Einschränkung in der Erteilung von Wandergewerbescheinen, eine Novelle zum ReimS- beamteugesetz betreffend die Einführung des Wiederaufnahmeverfahrens im Difziplinarverfahren, ein Entwurf über die Errichtung eines deutschen Rechnungshofes, ein Entwurf über di« Unsallfürsorge bei Arbeiten, die freiwillig zur Rettung von Personen und zur Bergung von Gegenständen in Notfällen vorgenommen werden, ein Entwurf über die Faulbrnt der Bienen, ein Ausführungsgesetz zur Bekämpfung des Mädchenhandels und eine Reibe flei- neret Gesetze. Ob auch daS Kurpfufcher- gesetz nach eiltet Neubearbeitung der Ma- terie dem Reichstag wieder zugehen wird, i£ noch ungewiß.
Sie Erbschaftssteuer kommt!
(Privat-Telegramm.)
Wie auS parlomentarffchen Kreisen ver- lautet, sind die Verhandlungen über die neue« Wehrforderungen noch nicht abgeschlossen. So viel aber hat sich inzwischen doch ergeben, daß eine besondere Vorlage «i ch t z« umgehen sein wird. Neber die Höhe des militärischen und finanziellen Mehrbedarfs bestehen zurzeit MeinungSver- . schiedenheite« zwischen den betelligten ReffortS, ebenso Über die Art der Deckung. Die : E rbschaftssteuer wird aber in jedem , Fall verlangt werden, nur dürfte sie für , sich allein kaum ausreichen, um Einnahmen zu schaffen, die den neuen Ausgaben entsprechen.
Ministerium mit, daß durch einen energischen Angriff der Türken bei Derna die Italiener gezwungen worden wären, ihre Stellungen unter Zurücklassung von zweihundert Toten z u r ä u m e n. Den Türken fiel eine groß« Anzahl Geschütze, sowie Kriegsmunition in die Hände. Das Geld, das in den Taschen der ge- töteten italienischen Soldaten gefunden wurde, ist dem italienischen Kriegsminister zugestellt wrden, damit es unter die Familien der Ge- ällenen verteilt wende. Die Stimmung der türkisch-arabischen Streitkräfte in Tripolis ist (wie Enver Bey versichert) sehr zuversichtlich.
Bomben-Attentat« und kein Ende!
(Privat-Telegramm.)
Depesche« auS Konstantinopel zufolge wurde in der Stadt Radowitsche i« der vergangenen Rächt ein Bomben-Atte«. tat verübt. Hierbei wurde« acht Personen, darunter ein Polizeikommiffar, ein Leutnant und ein Feldwebel getötet, während acht weitere Personen schwer verletzt wurden. Ein Bulgare wurde, als der Tat dringend verdächtig, verhaftet. Der Wali von Uesküb hat sich sofort «ach Radowftsche begeben, um die Untttsuchung zu leiten, da (wie es scheint) dem Attentat eine wohlorganisierte Verschwörung zugrunde liegt.
LaScelleS, vor einer nach Tausenden zählenden Versammlung über die Notwendigkeit bet Anbahnung freundschaftlicher B e- ßiehungen zwischen Deutschland und England (di« di« Voraussetzung der dauernden Sicherung d«S Weltfriedens feien) und in einer, von den hervorragendsten Predigern Glasgows verfaßten Resolution werden alle religiösen Bekenntniss« aufgefordert, zufammenzuarbei. ten, um den Gedanke« einer deutsch-englischen Verständigung zu pflegen und zu entwickeln. Hier handelt eS sich nicht um eines jener Wort- schwall-Meetings, deren Bedeutung in den Schatten, des nächste« Abends versinkt: In Glasgow sprach offenbar der politische E r n st auS her Erkenntnis wichtiger politischer Not. Wendigkeiten. Aber auch im Nebelland btttischer Nüchternheit gilt eine Schwalbe noch nicht alS Frühlingskünder.
Das Echo der LaScelles-Rede Hingt vom Osten (auS Petersburg) zu uns herüber, wo zurzeit eine Deputation englischer Parlamentsmitglieder di« auS dem Perservertrag zatt auf- keimenden brittsch-rnffischen Sympathien für oie nahe Fruchtentwicklung vorzubereiten be. müht ist. An bemfelben Tag, da in Glasgow Sir Frank mit dem Oelzweig des Frie- denS in der Hand zur Rednertribüne empor, stieg, erhob sich in Petersburg beim offiziellen Diner zu Ehren der englischen Gäste ein G e. neralmajor der großbritischen Armee, um zwischen zwei Löffel« Suppe „ei« bißchen Weltgeschichte zu spielen": Der Mann auS Enge, land fühlte sich als Gast der Hauptstadt im Zarenreich verpflichtet, zur Unterhaltung der Bankettgenoffen eine Rede hören zu lassen, die lebhaft an die säbelrasselnden Chauvinismen er- innert, die in den Säuglings, und Kindheittagen der franco-russischen Allianz frommer Brauch waren, und von denen man nicht recht wußte, ob man ihren quirlenden Temperamentgehalt dem Einfluß des süßen Weines, ober der (verzeihlichen) Begeisterungswärme eines na- tionalistisch - erregenden Stimmungsmoments zuzuschreiben hatte. Ter Herr Generalmajor in der Armee Seiner Britischen Majestät erzählte nämlich den russischen Gastgebern, „Old- Englands Soldaten würden glücklich sein, bald Schulter an Schulter mit den Heeren des Zaren wider den gemein- samen Feind kämpfen zu dürfen." Zwischen Braten und Käse «in seltsam Sprüchlein, und ein Geplauder, das den Ursprung der Tantentasche nicht verleugnet.
Ter Herr General (der von seinen fränkischen Kameraden Einiges gelernt zu habe«
Licht «nd Schatten.
„Friede" in Glasgow; „Krieg" in Petersburg.
Es gibt diesseits und jenseits des St anal- gewäfsers immer noch idealgesinnte Leute, die innerhalb des Grenzgefüges des zwanzigsten - Jahrhunderts die Möglichkeit erspähen, deutschen und englischen Geist, bri- : tisch es und teutonisches Streben zum gemeinsamen Friedenswerk zu einen. Daß die rauhe Wirflichkeit ihrem Traum bisher nicht | hold gewesen, hat die Emsigkeit der Versöh- M . nungsarbeit nicht gemindert, sie eher noch an Intensität gewinne« lassen: Ein Beweis, daß es sich bei diesen Mühen nicht um eine flüchtig verwehende Idee, fondern um die tieswur- • zelnde Erkenntnis handelt, daß die Situatton auf der Weltbühne eine Fortdauer des Mißtrauens zwischen der stärfften See- und der wuchtigsten Landmacht der Erd« leicht zum ' Verhängnis wandeln kann. Die Erkenntnis allein ist indessen noch nie die bewegende Kraft im Völkerhandel gewesen, und es kann also füglich auch nicht überraschen, daß die praktischen Ergebnisse der Politik meist den wirflichkeit. gewordnen Gegensatz Dessen darstellen, das der „Chor der Friedensengel" hüben und drüben als idealen Völkerstrebens höchstes Ziel ersehnt. Weder bi« Engländer «och wir haben's an Freundschaftsbeteuerungen und Sympathie-Kundgebungen fehlen lassen, und wenn mit Beteuerungen schon M Weltgeschichte gemacht wäre, hätte des Friedens holder Engel längst mitten auf dem llermelkanal seine Hochburg errichten müssen.