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Weler Neme Nlllhrichiell

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

Sonntag, 28. Januar 1912

2. Jahrgang

.Fernsprecher 951 und 952.

Fernsprecher 951 und 952.

Meldungen:

Schwetz, 27. Januar.

summte...?

F. H.

Die Kasseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abends. Ter AbonnementSpreis beträgt monatlich 50 Pfg. bei freier Zustellung ins Haus. Bestellungen werden jederzeit von der Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen. Truckerei, Verlag und MedaMon: Schlachtholftratzs 28/30. Sprechstunden der Redaltion von 13 Uhr nach, mittags, juristische Sprechstunden für unsere Abonnenten Mittwochs und Sonnabends von 68 Uhr abends. Berliner Verttetung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.

Die Schwarze Hand am Balkan. Eine Verschwörung gegen König Peter! (Privat-Telegramm.)

Belgrad, 27. Januar.

Wie uns ein Privattelegramm von heute mittag meldet, ist heute früh Militär in Differdingen eingetroffen, um die Lrdnung aufrecht zu erhalten. Die Stimmung unter den streikenden Italienern ist nämlich der­art erregt, daß neue Unruhen zu erwarten stehen. Tie Direktion der Hochosenwerke hat

noch die Truppen der Garnison Cetinje dem König Nikolaus ergeben sind. Dieser und der Kronprinz Danilo sollen gleichzeitig mit dem geplanten Aufstand in Serbien gestürzt werden. Auch im Sandschak Novibazar, das zum größten Teil von Serben bewohnt ist, zählt diese Bewegung, die sich selbst die .Schwarze Hand" nennt, immer mehr An­hänger. Das Endziel dieser großserbischen Bewegung ist die Einberufung eines gemein­samen Parlaments, das sicki dann für die Er­richtung einer Republik oder für die Berufung eines europäisch en Prinzen auf den ThronGro tz serb iens" entschei­den soll.

gnferttonäpretfe: Tie sechsgespaltene Zelle für einheimische Geschäfte 15 Pfg, für au8. wärtige Inserate 25 Pf, Reklamezeile für einheimische Geschäfte 43 Pf, für auswärtig« Geschäfte 60 Pf. Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Marl pro Taufeno be- rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung sind die Gaffeler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches JnsertionSorgan. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676-

ger Stelle mitgeteilt wird, die telegraphische Anweisung erhalten, von den Ende Februar dieses Jahres planmäßig zur Ablösung gelan­genden Truppenteilen der Besatzungen von Tsingtau und Tientsin (Matrosenar!illerie-Ab- teilung und Secbataillon) fünfhundert Mann nebst den erforderlichen Offizierin zu­nächst zurückzubehalten. Hiervon sind zweihundert Mann als Ersatz derjenigen Truppen bestimmt, aus denen vor einiger Zeit die in Tientsin stationierte Schutzwache gebildet wurde. Diese Mannschaften sind da­mals den Besatzungstruppen Tsingtaus ent­nommen worden. Die Veranlassung zu dieser Maßnahme ist in der ungeklärten und un­sicheren innerp o li tisch en Lage Chinas zu erblicken, die erweiterte Schutz­maßregeln notwendig macht.

Die Polen-KrawaSe in Schwetz.

Schwetz im Belagerungszustand.

Die schweren Wahlausschreitungen in der westpreußischen Kreisstadt Schwetz (über die wir bereits gestern berichtet haben) stellen sich als weit umfangreicher und schwerwiegender heraus, als angenommen wurde. Aus Kulm ist eine starke Militärabteilung zur Auf­rechterhaltung der Ordnung in Schwetz einge- troffen, und über das Städtchen selbst ist in­folge der Ausschreitungen der Belage­rungszustand verhängt worden, da die Be­hörden mit der Wahrscheinlichkeit neuer Un­ruhen rechnen. Wir verzeichnen folgende

Die Unzufriedenheit gegen König Peter und das Haus Karageorgiewitsch erfaßt immer weitere Kreise. Es ist ein offenes Ge­heimnis, daß die gegen die Dynastie ge. richtete Offiziers - Verschwörung immer mehr an Kraft und Stärke zunimmt und Anhänger in allen Garnisonstädten zählt. Die Bewegung hat auch auf das stammverwandte Montenegro übergegrisfen. wo wohl nur

geworben werden: Es regiert sich so bequemer und rationeller, als unterm Druck einer ein­seitig gefügten Mehrheit!

Und dierote Flu 1" ? Die H ä l f t e der Leute, die am siebenten Februar die Bänke im Reichshaus links der Estrade bevölkern wer­den, gehören zum revisionistischen Zweig des Hauses Bebel, repräsentieren also gewisser­maßen die Gruppe desgemäßigten" Sozialis­mus, der als wichtigstes Prinzip parlamenta­rischen Ethik nicht dieNegation unter allen Umständen", sondern die Erstrebung p o - sitiver Leistung erkennt. Mit der Zahl ihrer Mandate ist naturgemäß auch die poli­tische Verantwortlichkeit der Sozialdemokratie gewachsen, und die Partei, die weit über vier Millionen Wählerstimmen auf ihre Kandidaten vereinigt, würde sich politisch f e l b st jeglichen Einflusses berauben, wenn sie auch jetzt noch im unfruchtbaren Verneinen ihr wichtigstes Ziel erblicken wollte. Abgesehen davon, daß sie, verbunden mit dem Bäckerdutzend Chauvi, nisten und Partikularisten, in nationalen Fragen der bürgerlichen Phalanx und der Re­gierung auch durch Verneinung keinerlei Verlegenheit bereiten kann. DieChancen" des Kanzlers, mit demParlament von Philippi" erträgliche und fruchtbringende Politik zu trei­ben, sind also günstiger, als bei oberflächlicher Schätzung sich ahnen läßt: Weder rechts noch linksgottgewollte Abhängigkeit" von irgend einer maffen-wirkenden Mehrheit; Entschluß, sreiheit, rechts, links und in der Mitte (je nach Bedürfnis und Zweck) Mehrheitstruppen zu werben, und eine immerdar wirkende Schär­fung des bürgerlichen Gewissens durch die Re­kordziffer sozialdemokratischer Stimmen. Scheint's nicht, als habe der Kanzler Grund gehabt, zu lächeln, als am Donnerstag-Abend der Draht die Stichwahlmelodie nach Berlin

Das deutsche Gespenst.

Die neueste englischeSensation".

Es ist seltsam: Je dringlicher in Eng­land dieAnbahnung besserer Beziehungen zu Deutschland" als Ziel britischer Politik ge­fordert wird, umso nervöser wird man jenseits des Kanals und umso seltsamere Blü­ten treibt dieFürcht vorm deutschen Ge­spenst". Die neueste Leistung englischer Schwarzseher ist allerdings das Tollste, das auf diesem (doch sicherlich reichlich furchtbaren) Gebiete bisher gediehen ist. Man lese und staune:

London, 27. Januar.

(P r i v a t - T e l e g r a m m.)

Das Mißtrauen gegen Deutsch­land zeitigt immer wieder neue Sensations­meldungen, die sich jetzt sogar zu wilden Ge­rüchten über neue deutsche Flottenstützpunkte in Triest und auf den Azoren ausfpielen. Eine von Paris hierher telegraphierte Mel­dung, wonach Oesterreich angeblich Deutschland die Errichtung einer Floltenbasis in Triest eingeräumt haben soll, wird von den hiesigen Blättern als Sensationsnachricht auf­gebauscht. Die ministeriellePall Mall Gazette" bemerkt dazu: Deutschland soll danach den Hauptzweck der alldeutschen Polittk erreicht haben. Die Nachricht bedeute entweder eine starke Drohung gegen Italien oder die Erneuerung des Dreibundes unter völliger Verände­rung seines Charakters. Dann müsse aber auch die gesamte Grundlage der britischen und französischen Flottenberechnung für das Mittelmcer geändert werden und die Wirkung auf den brittfchen Flotten.Etat und den Flottenbau Englands müsse bedeutend sein.

Der Chor der Friedensengel.

Die Extteme berühren sich: Während die englische Presse über diegefährliche Polittk Deutschlands" zetert, hat (wie uns ein Tele­gramm meldet) infolge eines Aufrufes des Lordmayors von England an alle Bürgermei­ster Großbritannienszur Anbahnung besserer Beziehungen zwischen England und Deutsch­land" das deutsch - englische Freund, schaftskomitee eine internationale Bewegung eingeleitet, in allen großen Städten Versammlung abzuhalten.

SUeMmpfe in ßiigemtetg.

Schwere Ausschreitungen italienischer Arbeiter.

Depeschen aus Luxemburg zu­folge haben sich gestern in dem 3n- dustrieort Differdingen schwere Streilausschreitungen ereignet. Italienische Arbeiter des Hüttenwerks veranstalteten Kundgebungen, um gegen Lohnabzüge für die neueinge- führte Alters- und Jnvaliditatsver- sicherung zu protestieren. Sie stießen mit Deichseln das Eingangstor des Hüttenwerks ein und zerstörten die nahe gelegenen Büroräume. Schließlich kam es zn einem regelrech­ten Revolverkampf zwischen den Streikenden und der Schutzmannschast.

Ein Privattelegramm von heute früh berichtet uns aus Luxemburg folgende Einzelheiten über die gestrigen Ausschreitun­gen: Die Lage in Differdingen ist s e h r c r n st. Die Streikenden fordern eine Lohncrhö- h nng. die von den Werken abgelehnt wird. Ter Bürgermeister forderte die Streikenden zu einer Vergleichs-Versammlung auf einem öf­fentlichen Platze auf. Dem italienischen Kon­sul, der für die Beilegung des Streikes sprach, wurde zugerusen. er sei gekauft. Mehrere Redner traten für die Fortsetzung des Streiks ein. Die Versammlung verlief ergeb­nislos. Die Streikenden zogen darauf vor das Werk, um den abendlichen Schichtwechsel zu verhindern, der aber ordnungsmäßig verlief. Ein Arbeitswilliger wurde bei dem Versuch, über eine Mauer ins Werk zu gelangen, von den Streikenden erschossen. Die' Ordnung wird durch Militär und Gen­darmen. die in einer Stärke von sünfund- neunzig Mann aufgeboten sind, aufrecht erhal­len. Bei dem ersten Zusammenstoß, der am Mittwoch zwischen den Streikenden uni, den Gendarmen stattfand, schossen die Gendarmen zunächst zweimal blind, bevor sie scharfe Schüsse auf die Menge feuerten. Dabei wur­den zwei Personen getötet und acht schwer verwundet. Ter Bürodirektor des Hüttenwerkes wurde ebenfalls verwundet. Der Bürgermeister Mark ist durch Steinwürfe schwer verletzt worden.

Der gestrige Revolderkamps.

(Privat-Telegramm.)

Auf der Differdinger Hütte der Deutsch- Luxemburgischen Gesellschaft streiken seit gestern fünfhundert italienische Arbeiter, weil ihnen ein Abzug für die Altersversicherung gemacht werden sollte. Die Büros des Vorstandes wurden belagert. Die Feuerwehr ver­suchte mit Wasserstrahlen die Streiken­den auseinander zu treiben. Diese erwiderten mit Steinwürfen und Revolver. s ch ü s s e n. Gestern nachmittag rotteten sich etwa vierhundert streikende Italiener zu­sammen und zogen unter Vorantragen roter Fahnen vor das Werk. Als sie sofort be­gannen, Türen und Fenster einzuschlagen, suchte die Polizei sie zunächst mit der Feuer­spritze auseinander zu treiben. Die Ausstän­digen bewarfen daraufhin die Polizei mit Steinen und einige junge Burschen griffen zum Revolver. Bald wurden förmliche Sal­ven auf die Polizei abgegeben. Diese griff nun ihrerseits ebenfalls zur Schuß­waffe, schoß aber zunächst in die Luft. Erst als einer der Beamten durch Steinwürfe am Kopf schwer verletzt wurde, gab die Polizei Feuer auf die Menge. Zwei Italiener und ein aus Neugierde anwesender Franzose wur­den getötet. Sechs Personen wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Die Aufständi­schen zogen sich dann langsam unter fortwäh­rendem Schießen und Tteinwürfen zurück. Tie ganze Nacht bindurch dauerten die Unruhen an.

(Privat-Telegramm.)

Gestern nachmittag sind hundertfünfzig Mann vom zweiten Pommerschen I ä g er­bat a i l l o n aus Kulm zur Aufrechterhaltung der Ordnung hier eingetroffen. Die Sanitäts­kolonne von Schwetz konnte bei den vorgestri­gen Krawallen nicht helfend eingreifen, sie wurde von den Rowdies überrumpelt und an den Werken der Nächstenliebe gehindert. Ueber Schwetz ist der Belagerungszu­stand verhängt worden. Die Verhaftungen, sind gestern auf zwölf gesttegen. Die verun­glückten Danziger Studenten befinden sich auf dem Wege der Besserung. Den deutschen Geschäftsleuten wurde von den Polen angedroht, ihre Geschäfte in Brand zu stecken, es sind daher die größten Vorsichts­maßregeln getroffen worden. In dem Hause, in dem sich das deutsche Wahlbureau befand, wurde in der Nacht eine Schaufensterscheibe zertrümmert, außerdem wurden- in zahlreichen anderen Geschäften die Fensterscheiben einge­schlagen. Auch auf dem Lande herrscht große Unruhe, und die Gemeindevorsteher erbitten sich vom Landrat Schutz. Bei der Be­kämpfung der Krawalle hat sich ganz besonders der Oberwachtmeister Faust hervorgetan. Ge­gen den Organisator der deutschen Partei sind Drohungen laut geworden, sein Hab und Gut anzuzünden. Er wurde überdies von Rowdies auf der Straße beschimpft.

Nummer 45.

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Zpfer des Fanatismus?

Ein weiteres Privattelegramm meldet uns: Eie schweren Ausschreitungen der polnischen Bevölkerung nach der Wahl werden erst verständlich, wenn man berücksichtigt, mit welchen Mitteln seitens der Polen der W a h l - kampf geführt worden ist. Die Polen find von zahllosen Wanderrednern und Agitatoren in der fanatischsten Weise verhetzt worden, und es war vorauszusehen, daß für den Fall einer Niederlage des polnischen Kandidaten im Wahlkreis Unruhen ausbrechen würden. Zwölf der Hauptübeltäter hat man jetzt verhaf­tet; die wirklich Schuldigen aber, die polni­schen Agitatoren und Hetzapostel, ver­mag man leider nicht zu fassen, trotzdem nie­mand andres als gerade fie die Urheber der verhängnisvollen Exzesse find, deren Schlußatt wahrscheinlich vor dem Schwurgericht spielen wird, da gegen die Schuldigen Anklage wegen schweren Landfriedensbruchs erhoben werden soll.

ras Fazit do» Philippi.

DaS Parlament der ungeahnten Möglichkeiten.

Ein süßer Trost ist uns geblieben: Herr von Bethmann Hollweg hat am Donnerstag abend, als der Draht aus den Gauen des Reichs die letzten Stichwqhl-Resultate zur Wilhelmsstratze trug, beim Addieren der von derroten Flut" verschlungnen Mandate mit philosophischem Gleichmut erklärt,man dürfe es schon als eine Wohltat empfinden, daß ihrer nicht noch mehr geworden". Ist dies Philosophenwort s o zu deuten, daß der Kanzler und einzige Verantwortliche Reichs- Minister von allem Anfang an über die Be­deutung desTags von Philippi" nicht im - Unklaren gewesen ist, und mit dem Aufschäu- . men der roten Flut wie mit einem unabwend­baren Fatum gerechnet hat? Daß er dieser Wahrscheinlichkeit in feiner Wahlkampf-Taktik Rechnung trug, und die gesamte offiziöse i Mannschaft zum Sammeln trommeln ließ, war dann klug und löblich; nützlicher indessen wäre zweifellos gewesen, der aufgischtenden Woge einen Damm entgegenzusetzen, bevor im Regen des Wahlkampfs sich die ersten Kämme kräuselten: Eine wackre, temperament­volle Wahlparole hätte sicher angenehmere Wirkungen erzeugt, als die mühselig erkünstel­ten Feuilletons der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung über dieEthik" der Stimmzettel- - schlacht. Aber Das ist's nicht, das in dem Kanz­lerseufzer der Erleichterung zum Ausdruck kommt; mag der Trost auch noch so lieblich scheinen: Hier handelt's sich um die nüchterne M Frage:Was nun?"

Wichtiger nämlich, als die Stimmungs­momente, die die nun vollendete Neuverteilung der dreihundertstebenundneunzig Lederstühle | im Hause Wallots in moll oder dur geweckt ;; hat, ist die praktische Wirkung der Wahl. W Was gedenken Regierung und Kanzler diesem ^Reichstag gegenüber zu tun, dessen überwie- , geudes Mandate-Kontingent so scharf nach Wyks gravitiert? Bevor die erste Stichwahl ' Wsgekämpft wurde, hieß es (offenbar unter dem Eindruck des Hauptwahl-Ausfalls), dem Parlament der Januartage werde kaum lange Lebensdauer beschieden fein: Die Regierung fei J entschlossen, als eine der ersten Arbeiten, die daH neue Parlament beschäftigen würden, die Wehrvorlagen einzubringen, und es werde sich dann erweisen müssen, ob der Reichstag in nationalen Fragen arbeitsfähig fei. Versage er hier (am Prüfstein des Reichs- p interesses), dann erachte es die Regierung als ihre Pflicht, ein Parlament, das für die wich­st tigsten Fragen nationaler Politik das ziemende Verständnis vermissen lasse, aufzulöfen und | das Volk abermals entscheiden zu lassen. Das . wurde geschrieben zu einer Zeit, als noch zu er, M hoffen war, daß die Stichwahlen das wenig zs " erfreuende Hauptwahlresultat in günstigem £ - Sinne würdenkorrigieren" können. Diese M Hoffnung ist nun enttäuscht worden, und wenn : , der Gedanke an eine Reichstag-Auflösung nach I der Hauptwahl also wirklich ernstlich er- s- wogen worden ist, müßte sich die damalige is- Möglichkeit inzwischen zur Wahrschein­lichkeit verdichtet haben.

Niemand wird behaupten wollen, daß diese 8 Aussicht sonderlich angenehm wäre, denn wer kann Voraussagen, was diesem Parla - ment des Hartmonds im April etwa oder zur | Zeit der Maien als Ersatz folgen würde, wenn Herr von Bethmann sich wirklich mit dem kpbnen Plan tragen sollte, ein va banque-Spiet I zu wagen? Aber vielleicht denkt der Kanzler . (der sich am Abend des letzten Stichwahltags so philosophisch über der Enttäuschung bittren Rest hinwegzusetzen verstand), daß auch im po. litischen Geschäft der ordinäre Spatz in der Hand schätzbarer ist, als das niedlichste Täub­chen auf dem First des Daches, und ver­such t' s erst einmal mit diesemParlament der ungeahnten Möglichkeiten", das jedenfalls vor andern den einen Vorzug besitzt, alle Parteien zur Kompromißpolitik zu zwingen, weil eine ausschlaggebende, kompakte Mehrheit weder rechts noch links vorhanden ist. Daß die frühere Block-Herrschaft (die den Kanzler ihre Autorität ost genug hat spüren lassen) nicht in verjüngter Gestalt abermals ins Wallothaus eingezogen ist, wird grade Herr von Bethmann Hollweg am wenigstens bedauern: Er hat un­ter ihrem Druck oft geseufzt, erinnerte sich wohl auch mit heimlichem Unbehagen der sichern Rachwehen des Turniers mit Heydebrand, und fleht nun wenigstens eine Sorge aus dem Weg geräumt. Für Forderungen, deren Er­füllung das Interesse der Reichs sich er- h e i t heischt, ist eine Mehrheit von rechts bis zum äußersten Flügel des Links-Freisinns immer zu haben, und im übrigen kann eine Regierungsmehrheit stets von Fall zu Fall

Der Vormarsch aus Peking.

Am Vorabend neuer Kämpfe?

Die Situation in China scheint sich wieder bedrohlicher gestaltet zu haben. Wie die neue­sten Depeschen aus Peking melden, begannen die revolutionären Streitkräfte in Wutfchang gestern den Vormarsch auf Peking, das allerdings von den jetzigen Stellungen der Revolutionäre noch tausend Kilometer nördlich liegt; doch ist ein großer Teil der Eisenbahnen benutzbar. Die kaiserlichen Truppen konzen­trieren sich in der Nähe der Hauptstadt, und die Bewohner fahren fort, zu fliebcu. Nach einet Meldung aus Schanghai soll ein schar­fe rK a mp f an der Bahn Tientsin-Pukau, südlich von Hfutschou stattgefunden haben.

Die deutsche Wacht in Kiantschou.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 27. Januar.

Das Gouvernement des deutschen Schutzge- Vietß Kiautschou hat, wie an hiesiger zuftändi-