Weler Neme Nlllhrichiell
Hessische Abendzeitung
Caffeler Abendzeitung
Sonntag, 28. Januar 1912
2. Jahrgang
.Fernsprecher 951 und 952.
Fernsprecher 951 und 952.
Meldungen:
Schwetz, 27. Januar.
summte...?
F. H.
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Die Schwarze Hand am Balkan. Eine Verschwörung gegen König Peter! (Privat-Telegramm.)
Belgrad, 27. Januar.
Wie uns ein Privattelegramm von heute mittag meldet, ist heute früh Militär in Differdingen eingetroffen, um die Lrdnung aufrecht zu erhalten. Die Stimmung unter den streikenden Italienern ist nämlich derart erregt, daß neue Unruhen zu erwarten stehen. Tie Direktion der Hochosenwerke hat
noch die Truppen der Garnison Cetinje dem König Nikolaus ergeben sind. Dieser und der Kronprinz Danilo sollen gleichzeitig mit dem geplanten Aufstand in Serbien gestürzt werden. Auch im Sandschak Novibazar, das zum größten Teil von Serben bewohnt ist, zählt diese Bewegung, die sich selbst die .Schwarze Hand" nennt, immer mehr Anhänger. Das Endziel dieser großserbischen Bewegung ist die Einberufung eines gemeinsamen Parlaments, das sicki dann für die Errichtung einer Republik oder für die Berufung eines europäisch en Prinzen auf den Thron „Gro tz serb iens" entscheiden soll.
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ger Stelle mitgeteilt wird, die telegraphische Anweisung erhalten, von den Ende Februar dieses Jahres planmäßig zur Ablösung gelangenden Truppenteilen der Besatzungen von Tsingtau und Tientsin (Matrosenar!illerie-Ab- teilung und Secbataillon) fünfhundert Mann nebst den erforderlichen Offizierin zunächst zurückzubehalten. Hiervon sind zweihundert Mann als Ersatz derjenigen Truppen bestimmt, aus denen vor einiger Zeit die in Tientsin stationierte Schutzwache gebildet wurde. Diese Mannschaften sind damals den Besatzungstruppen Tsingtaus entnommen worden. Die Veranlassung zu dieser Maßnahme ist in der ungeklärten und unsicheren innerp o li tisch en Lage Chinas zu erblicken, die erweiterte Schutzmaßregeln notwendig macht.
Die Polen-KrawaSe in Schwetz.
Schwetz im Belagerungszustand.
Die schweren Wahlausschreitungen in der westpreußischen Kreisstadt Schwetz (über die wir bereits gestern berichtet haben) stellen sich als weit umfangreicher und schwerwiegender heraus, als angenommen wurde. Aus Kulm ist eine starke Militärabteilung zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Schwetz einge- troffen, und über das Städtchen selbst ist infolge der Ausschreitungen der Belagerungszustand verhängt worden, da die Behörden mit der Wahrscheinlichkeit neuer Unruhen rechnen. Wir verzeichnen folgende
Die Unzufriedenheit gegen König Peter und das Haus Karageorgiewitsch erfaßt immer weitere Kreise. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die gegen die Dynastie ge. richtete Offiziers - Verschwörung immer mehr an Kraft und Stärke zunimmt und Anhänger in allen Garnisonstädten zählt. Die Bewegung hat auch auf das stammverwandte Montenegro übergegrisfen. wo wohl nur
geworben werden: Es regiert sich so bequemer und rationeller, als unterm Druck einer einseitig gefügten Mehrheit!
Und die „rote Flu 1" ? Die H ä l f t e der Leute, die am siebenten Februar die Bänke im Reichshaus links der Estrade bevölkern werden, gehören zum revisionistischen Zweig des Hauses Bebel, repräsentieren also gewissermaßen die Gruppe des „gemäßigten" Sozialismus, der als wichtigstes Prinzip parlamentarischen Ethik nicht die „Negation unter allen Umständen", sondern die Erstrebung p o - sitiver Leistung erkennt. Mit der Zahl ihrer Mandate ist naturgemäß auch die politische Verantwortlichkeit der Sozialdemokratie gewachsen, und die Partei, die weit über vier Millionen Wählerstimmen auf ihre Kandidaten vereinigt, würde sich politisch f e l b st jeglichen Einflusses berauben, wenn sie auch jetzt noch im unfruchtbaren Verneinen ihr wichtigstes Ziel erblicken wollte. Abgesehen davon, daß sie, verbunden mit dem Bäckerdutzend Chauvi, nisten und Partikularisten, in nationalen Fragen der bürgerlichen Phalanx und der Regierung auch durch Verneinung keinerlei Verlegenheit bereiten kann. Die „Chancen" des Kanzlers, mit dem „Parlament von Philippi" erträgliche und fruchtbringende Politik zu treiben, sind also günstiger, als bei oberflächlicher Schätzung sich ahnen läßt: Weder rechts noch links „gottgewollte Abhängigkeit" von irgend einer maffen-wirkenden Mehrheit; Entschluß, sreiheit, rechts, links und in der Mitte (je nach Bedürfnis und Zweck) Mehrheitstruppen zu werben, und eine immerdar wirkende Schärfung des bürgerlichen Gewissens durch die Rekordziffer sozialdemokratischer Stimmen. Scheint's nicht, als habe der Kanzler Grund gehabt, zu lächeln, als am Donnerstag-Abend der Draht die Stichwahlmelodie nach Berlin
Das deutsche Gespenst.
Die neueste englische „Sensation".
Es ist seltsam: Je dringlicher in England die „Anbahnung besserer Beziehungen zu Deutschland" als Ziel britischer Politik gefordert wird, umso nervöser wird man jenseits des Kanals und umso seltsamere Blüten treibt die „Fürcht vorm deutschen Gespenst". Die neueste Leistung englischer Schwarzseher ist allerdings das Tollste, das auf diesem (doch sicherlich reichlich furchtbaren) Gebiete bisher gediehen ist. Man lese und staune:
London, 27. Januar.
(P r i v a t - T e l e g r a m m.)
Das Mißtrauen gegen Deutschland zeitigt immer wieder neue Sensationsmeldungen, die sich jetzt sogar zu wilden Gerüchten über neue deutsche Flottenstützpunkte in Triest und auf den Azoren ausfpielen. Eine von Paris hierher telegraphierte Meldung, wonach Oesterreich angeblich Deutschland die Errichtung einer Floltenbasis in Triest eingeräumt haben soll, wird von den hiesigen Blättern als Sensationsnachricht aufgebauscht. Die ministerielle „Pall Mall Gazette" bemerkt dazu: Deutschland soll danach den Hauptzweck der alldeutschen Polittk erreicht haben. Die Nachricht bedeute entweder eine starke Drohung gegen Italien oder die Erneuerung des Dreibundes unter völliger Veränderung seines Charakters. Dann müsse aber auch die gesamte Grundlage der britischen und französischen Flottenberechnung für das Mittelmcer geändert werden und die Wirkung auf den brittfchen Flotten.Etat und den Flottenbau Englands müsse bedeutend sein.
Der Chor der Friedensengel.
Die Extteme berühren sich: Während die englische Presse über die „gefährliche Polittk Deutschlands" zetert, hat (wie uns ein Telegramm meldet) infolge eines Aufrufes des Lordmayors von England an alle Bürgermeister Großbritanniens „zur Anbahnung besserer Beziehungen zwischen England und Deutschland" das deutsch - englische Freund, schaftskomitee eine internationale Bewegung eingeleitet, in allen großen Städten Versammlung abzuhalten.
SUeMmpfe in ßiigemtetg.
Schwere Ausschreitungen italienischer Arbeiter.
Depeschen aus Luxemburg zufolge haben sich gestern in dem 3n- dustrieort Differdingen schwere Streilausschreitungen ereignet. Italienische Arbeiter des Hüttenwerks veranstalteten Kundgebungen, um gegen Lohnabzüge für die neueinge- führte Alters- und Jnvaliditatsver- sicherung zu protestieren. Sie stießen mit Deichseln das Eingangstor des Hüttenwerks ein und zerstörten die nahe gelegenen Büroräume. Schließlich kam es zn einem regelrechten Revolverkampf zwischen den Streikenden und der Schutzmannschast.
Ein Privattelegramm von heute früh berichtet uns aus Luxemburg folgende Einzelheiten über die gestrigen Ausschreitungen: Die Lage in Differdingen ist s e h r c r n st. Die Streikenden fordern eine Lohncrhö- h nng. die von den Werken abgelehnt wird. Ter Bürgermeister forderte die Streikenden zu einer Vergleichs-Versammlung auf einem öffentlichen Platze auf. Dem italienischen Konsul, der für die Beilegung des Streikes sprach, wurde zugerusen. er sei gekauft. Mehrere Redner traten für die Fortsetzung des Streiks ein. Die Versammlung verlief ergebnislos. Die Streikenden zogen darauf vor das Werk, um den abendlichen Schichtwechsel zu verhindern, der aber ordnungsmäßig verlief. Ein Arbeitswilliger wurde bei dem Versuch, über eine Mauer ins Werk zu gelangen, von den Streikenden erschossen. Die' Ordnung wird durch Militär und Gendarmen. die in einer Stärke von sünfund- neunzig Mann aufgeboten sind, aufrecht erhallen. Bei dem ersten Zusammenstoß, der am Mittwoch zwischen den Streikenden uni, den Gendarmen stattfand, schossen die Gendarmen zunächst zweimal blind, bevor sie scharfe Schüsse auf die Menge feuerten. Dabei wurden zwei Personen getötet und acht schwer verwundet. Ter Bürodirektor des Hüttenwerkes wurde ebenfalls verwundet. Der Bürgermeister Mark ist durch Steinwürfe schwer verletzt worden.
Der gestrige Revolderkamps.
(Privat-Telegramm.)
Auf der Differdinger Hütte der Deutsch- Luxemburgischen Gesellschaft streiken seit gestern fünfhundert italienische Arbeiter, weil ihnen ein Abzug für die Altersversicherung gemacht werden sollte. Die Büros des Vorstandes wurden belagert. Die Feuerwehr versuchte mit Wasserstrahlen die Streikenden auseinander zu treiben. Diese erwiderten mit Steinwürfen und Revolver. s ch ü s s e n. Gestern nachmittag rotteten sich etwa vierhundert streikende Italiener zusammen und zogen unter Vorantragen roter Fahnen vor das Werk. Als sie sofort begannen, Türen und Fenster einzuschlagen, suchte die Polizei sie zunächst mit der Feuerspritze auseinander zu treiben. Die Ausständigen bewarfen daraufhin die Polizei mit Steinen und einige junge Burschen griffen zum Revolver. Bald wurden förmliche Salven auf die Polizei abgegeben. Diese griff nun ihrerseits ebenfalls zur Schußwaffe, schoß aber zunächst in die Luft. Erst als einer der Beamten durch Steinwürfe am Kopf schwer verletzt wurde, gab die Polizei Feuer auf die Menge. Zwei Italiener und ein aus Neugierde anwesender Franzose wurden getötet. Sechs Personen wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Die Aufständischen zogen sich dann langsam unter fortwährendem Schießen und Tteinwürfen zurück. Tie ganze Nacht bindurch dauerten die Unruhen an.
(Privat-Telegramm.)
Gestern nachmittag sind hundertfünfzig Mann vom zweiten Pommerschen I ä g erbat a i l l o n aus Kulm zur Aufrechterhaltung der Ordnung hier eingetroffen. Die Sanitätskolonne von Schwetz konnte bei den vorgestrigen Krawallen nicht helfend eingreifen, sie wurde von den Rowdies überrumpelt und an den Werken der Nächstenliebe gehindert. Ueber Schwetz ist der Belagerungszustand verhängt worden. Die Verhaftungen, sind gestern auf zwölf gesttegen. Die verunglückten Danziger Studenten befinden sich auf dem Wege der Besserung. Den deutschen Geschäftsleuten wurde von den Polen angedroht, ihre Geschäfte in Brand zu stecken, es sind daher die größten Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. In dem Hause, in dem sich das deutsche Wahlbureau befand, wurde in der Nacht eine Schaufensterscheibe zertrümmert, außerdem wurden- in zahlreichen anderen Geschäften die Fensterscheiben eingeschlagen. Auch auf dem Lande herrscht große Unruhe, und die Gemeindevorsteher erbitten sich vom Landrat Schutz. Bei der Bekämpfung der Krawalle hat sich ganz besonders der Oberwachtmeister Faust hervorgetan. Gegen den Organisator der deutschen Partei sind Drohungen laut geworden, sein Hab und Gut anzuzünden. Er wurde überdies von Rowdies auf der Straße beschimpft.
Nummer 45.
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Zpfer des Fanatismus?
Ein weiteres Privattelegramm meldet uns: Eie schweren Ausschreitungen der polnischen Bevölkerung nach der Wahl werden erst verständlich, wenn man berücksichtigt, mit welchen Mitteln seitens der Polen der W a h l - kampf geführt worden ist. Die Polen find von zahllosen Wanderrednern und Agitatoren in der fanatischsten Weise verhetzt worden, und es war vorauszusehen, daß für den Fall einer Niederlage des polnischen Kandidaten im Wahlkreis Unruhen ausbrechen würden. Zwölf der Hauptübeltäter hat man jetzt verhaftet; die wirklich Schuldigen aber, die polnischen Agitatoren und Hetzapostel, vermag man leider nicht zu fassen, trotzdem niemand andres als gerade fie die Urheber der verhängnisvollen Exzesse find, deren Schlußatt wahrscheinlich vor dem Schwurgericht spielen wird, da gegen die Schuldigen Anklage wegen schweren Landfriedensbruchs erhoben werden soll.
ras Fazit do» Philippi.
DaS Parlament der ungeahnten Möglichkeiten.
Ein süßer Trost ist uns geblieben: Herr von Bethmann Hollweg hat am Donnerstag abend, als der Draht aus den Gauen des Reichs die letzten Stichwqhl-Resultate zur Wilhelmsstratze trug, beim Addieren der von der „roten Flut" verschlungnen Mandate mit philosophischem Gleichmut erklärt, „man dürfe es schon als eine Wohltat empfinden, daß ihrer nicht noch mehr geworden". Ist dies Philosophenwort s o zu deuten, daß der Kanzler und einzige Verantwortliche Reichs- Minister von allem Anfang an über die Bedeutung des „Tags von Philippi" nicht im - Unklaren gewesen ist, und mit dem Aufschäu- . men der roten Flut wie mit einem unabwendbaren Fatum gerechnet hat? Daß er dieser Wahrscheinlichkeit in feiner Wahlkampf-Taktik Rechnung trug, und die gesamte offiziöse i Mannschaft zum Sammeln trommeln ließ, war dann klug und löblich; nützlicher indessen wäre zweifellos gewesen, der aufgischtenden Woge einen Damm entgegenzusetzen, bevor im Regen des Wahlkampfs sich die ersten Kämme kräuselten: Eine wackre, temperamentvolle Wahlparole hätte sicher angenehmere Wirkungen erzeugt, als die mühselig erkünstelten Feuilletons der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung über die „Ethik" der Stimmzettel- -■ schlacht. Aber Das ist's nicht, das in dem Kanzlerseufzer der Erleichterung zum Ausdruck kommt; mag der Trost auch noch so lieblich scheinen: Hier handelt's sich um die nüchterne M Frage: „Was nun?"
Wichtiger nämlich, als die Stimmungsmomente, die die nun vollendete Neuverteilung der dreihundertstebenundneunzig Lederstühle | im Hause Wallots in moll oder dur geweckt ;; hat, ist die praktische Wirkung der Wahl. W Was gedenken Regierung und Kanzler diesem ^Reichstag gegenüber zu tun, dessen überwie- , geudes Mandate-Kontingent so scharf nach Wyks gravitiert? Bevor die erste Stichwahl ' Wsgekämpft wurde, hieß es (offenbar unter dem Eindruck des Hauptwahl-Ausfalls), dem Parlament der Januartage werde kaum lange Lebensdauer beschieden fein: Die Regierung fei J entschlossen, als eine der ersten Arbeiten, die daH neue Parlament beschäftigen würden, die Wehrvorlagen einzubringen, und es werde sich dann erweisen müssen, ob der Reichstag in nationalen Fragen arbeitsfähig fei. Versage er hier (am Prüfstein des Reichs- p interesses), dann erachte es die Regierung als ihre Pflicht, ein Parlament, das für die wichst tigsten Fragen nationaler Politik das ziemende Verständnis vermissen lasse, aufzulöfen und | das Volk abermals entscheiden zu lassen. Das . wurde geschrieben zu einer Zeit, als noch zu er, M hoffen war, daß die Stichwahlen das wenig zs " erfreuende Hauptwahlresultat in günstigem £ - Sinne würden „korrigieren" können. Diese M Hoffnung ist nun enttäuscht worden, und wenn : , der Gedanke an eine Reichstag-Auflösung nach I der Hauptwahl also wirklich ernstlich er- s- wogen worden ist, müßte sich die damalige is- Möglichkeit inzwischen zur Wahrscheinlichkeit verdichtet haben.
Niemand wird behaupten wollen, daß diese 8 Aussicht sonderlich angenehm wäre, denn wer kann Voraussagen, was diesem Parla - ment des Hartmonds im April etwa oder zur | Zeit der Maien als Ersatz folgen würde, wenn Herr von Bethmann sich wirklich mit dem kpbnen Plan tragen sollte, ein va banque-Spiet I zu wagen? Aber vielleicht denkt der Kanzler . (der sich am Abend des letzten Stichwahltags so philosophisch über der Enttäuschung bittren Rest hinwegzusetzen verstand), daß auch im po. litischen Geschäft der ordinäre Spatz in der Hand schätzbarer ist, als das niedlichste Täubchen auf dem First des Daches, und versuch t' s erst einmal mit diesem „Parlament der ungeahnten Möglichkeiten", das jedenfalls vor andern den einen Vorzug besitzt, alle Parteien zur Kompromißpolitik zu zwingen, weil eine ausschlaggebende, kompakte Mehrheit weder rechts noch links vorhanden ist. Daß die frühere Block-Herrschaft (die den Kanzler ihre Autorität ost genug hat spüren lassen) nicht in verjüngter Gestalt abermals ins Wallothaus eingezogen ist, wird grade Herr von Bethmann Hollweg am wenigstens bedauern: Er hat unter ihrem Druck oft geseufzt, erinnerte sich wohl auch mit heimlichem Unbehagen der sichern Rachwehen des Turniers mit Heydebrand, und fleht nun wenigstens eine Sorge aus dem Weg geräumt. Für Forderungen, deren Erfüllung das Interesse der Reichs sich er- h e i t heischt, ist eine Mehrheit von rechts bis zum äußersten Flügel des Links-Freisinns immer zu haben, und im übrigen kann eine Regierungsmehrheit stets von Fall zu Fall
Der Vormarsch aus Peking.
Am Vorabend neuer Kämpfe?
Die Situation in China scheint sich wieder bedrohlicher gestaltet zu haben. Wie die neuesten Depeschen aus Peking melden, begannen die revolutionären Streitkräfte in Wutfchang gestern den Vormarsch auf Peking, das allerdings von den jetzigen Stellungen der Revolutionäre noch tausend Kilometer nördlich liegt; doch ist ein großer Teil der Eisenbahnen benutzbar. Die kaiserlichen Truppen konzentrieren sich in der Nähe der Hauptstadt, und die Bewohner fahren fort, zu fliebcu. Nach einet Meldung aus Schanghai soll ein scharfe rK a mp f an der Bahn Tientsin-Pukau, südlich von Hfutschou stattgefunden haben.
Die deutsche Wacht in Kiantschou.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 27. Januar.
Das Gouvernement des deutschen Schutzge- Vietß Kiautschou hat, wie an hiesiger zuftändi-