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Casseler NM Nachrichten

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Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

2. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Mittwoch, 24. Januar 1912

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 41

Ei» Privattelegramm meldet uns aus Zgarbr-cken: Anläßlich der gestrigen

Wahl Bassermanns kam es in dem be­nachbarten Völklingen zu schweren Ausschre»-- tungcn. Die Menge warf nach einem Fackel- zug mit Steinen. Ein Gendarmeriewachtmei­ster wurde am Kopfe verletzt Etwa zehn Per­sonen wurden verhaftet, darunter btt Haupträdelsführer. Der Vorfall ist die einz V- q e Ausschreitung, die sich bei den gestrigen Wahlen ereignet hat.

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Zwei Könige.

Wie Alfons der Zwölfte starb.

)Pon unserm Mitarbeiter.)

Selten dürfte ein Monarch, der als ein mit Recht gefeierter Liebling feines Volles an der Spitze eines großen Staates stand, so von aller Welt verlassen gestorben sein, wie Al­fons der Zwölfte von Spanien, der Vater des jetzigen Königs. Politische Abmach­ungen ließen die einflußreichen Männer des spanischen Hofs und der spanischen Regierung des sterbenden Königs vergessen, der eine noch nicht dreißigjährige, in den Staatsgeschäften völlig unerfahrene Witwe hinterließ, die nach dem Willen der ehrgeizigen und auf ihre« per« sönlichen wie politischen Vorteil bedachten Parteiführer als Regentin Spaniens nur ein Schattendasein führen sollte. Ueber das ein« same Sterben Alfons wird berichtet, daß sich in den Gemächern, die dem Krankenzimmer des Königs zunächst lagen, die Würdenträger des Hofes und der Regierung versammelten, als die Aerzte das Ableben Alfonsos als nahe be. vorstehend gemeldet hatten. Unter den heftig« sten Auseinandersetzungen teilte man daS po­litische Erbe des Sterbenden. Vergebens suchte der Erzbischof von Toledo, der greise Kardinal Benavides, die Aufmerksamkeit der Anwesen­den auf den sterbenden König zu lenken, der vergessen im Nebenzimmer lag und einem einsamen Tode entgegenging ... Ehrgeiz und persönliche Interessen der Parteiführer waren stärker als die Gefühle der Pretat für einen Fürsten, der die Wunden eines langiah- rigen Bürgerkrieges geheilt und Spanien wie­der zu einer achtunggebietende« Hohe m Europa emporgehoben hatte.

Endlich waren (nach langen Stundens die Besprechungen beendet und die Abmachung getroffen, daß sich Liberale und Konservative im Zwischenraum von etwa zwei Jahren in der Herrschaft des Landes ablösen sollten, so daß also die beiden Parteiführer. Sagasta für die Liberalen und Canovas del Castillo für die Konservativen, an der Macht und Herrschaft blieben. Erst jetzt gedachte man wieder des Königs. Als man aber in sein Gemach eintrat, fand man ihn entseelt und bleich in seinem Bette. Während gierige Polittker das spanische Erbe unter stch verteilten, war der König still und einsam aus der Welt gegangen, er, der in den letzten Stunden seines Daseins noch so sehr des Redens und der Mitteilung bedürfttg war, daß er seinem Leibärzte, der ihn bat, sich durch Reden nicht zu überanstrengen, erwiderte, er werde Verse spanischer Dichter rezitieren, wenn ihm niemand mehr Antwott geben wolle. Ohne ein tröstendes Wort einer der zahlreich im Palast versammelten Priester, ohne daß eine liebende Hand ihm die Augen schloß, war Alfons der Zwölfte aus dem Leben geschieden, und unter dem Drucke dieses Bewußtseins hob der alte Kardinal Benavides laut schluch- zend die Hände zum Himmel und verfluchte eine Politik, die um irdischen Gewinnes willen das Seelenheil eines Königs gefährdet habe ..

Dr. K. H.

Kriminal-Probleme.

DaS Geheimnis des Berliner Massenmords.

Das düstre Rätsel der Berliner Menschen­tragödie ist noch unentschleiert: Merkmale, die der Untersuchungsbehörde als Tat- oder Fluchtspur der Mörder erschienen, haben sich als trügerisch erwiesen, und auch aus der Woge anonymer und andrer Denunziationen, die bei jedem Kapitalverbrechen die Kriminalpolizei zu überfluten pflegt, hat sorglichste Filterkunst kein Atom tatsächlicher Handhaben festzuhalten vermocht. Das Einzige, das bisher als zu­verlässig festgestellt erachtet werden darf, ist die Gewißheit, daß an der Ausführung des Verbrechens, dem drei Menschenleben zum Op­fer gefallen, mehrere Personen beteiligt ge­wesen sind, von denen mindestens einer (und zwar offenbar der Haupttäters mit den Lebens­gewohnheiten der unglücklichen Goldschmied, familie genau vettraut gewesen sein muß. Ferner ist als wahrscheinlich anzunehmen, daß ein dreifacher Mord offenbar nicht von vornherein geplant gewesen, vielmehr zwei (wenn nicht gar drei) der Menschenleben der Furcht vor Entdeckung und V e r» folgun g geopfert worden sind. Ob das die Furchtbarkeit des Ver­brechens erhöht oder vermindert, steht- dahin: DaS Schrecknis dieser Massenmordung wirkt so erschütternd, daß die möglichen Zu­sammenhänge zwischen Selbsterhaltungstrieb und Verbrechen angesichts der gewaltigen Tragik der Datwirkung völlig verschwinde».

Daß das dreifache Mordverbrechen und der nachfolgende Raub (deren Ausführung in knappen Minuten sicher nicht zu ermöglichen war) am hellen Mittag, und noch dazu in einer Straße geschehen konnte, durch die um diese - Zeit regster Verkehr flutet, wird mit nicht an­fechtbarem Recht als ein warnendes Zeichen zunehmender Unsicherheit im Atmungs­bereich weltstädtischer Hast gedeutet, und tat­sächlich handelt es sich bei dem Drama in der Berliner Alten Jacobstraße um ein Kapital­verbrechen, daS in der Geschichte der Kriminali­stik glücklicherweise nur wenig Gegenstücke hat. Allgemein charakteristisch für die Psychologie des Verbrechens ist jedenfalls die Tatsache, daß die überwiegende Mehrzahl (rund achtzig Prozent) der Kapitalverbrechen, Mord, Raub­mord und räuberische Ueberfälle nicht etwa außerhalb des Schutzbezirks der Wohnun­gen oder sonstigen Gelasse, sondern im Be­reich menschlicher Wohnstätten sich ereignet, wo das Verbrechen sich int Moment der Tat sichrer wähnen darf, als draußen auf freier Straße, oder int Schutz ländlicher Ein­samkeit. Und daß auch die gewaltige Konzen­tration der modernen Wohngelegenheiten die Sicherheit für den Einzelnen nicht nur nicht erhöht, sondern eher vermindert hat, beweist die beängstigende Zunahme der Kapitalver­brechen grade innerhalb der großstädtischen Häusermeere. In der Berliner Alten Jacob­straße haben die Nächstwohnenden von dem furchtbaren Drama, das sich zur Mittagzeit neben ihnen, oder unter ihren Füßen abspielte, nicht das winzigste Anzeichen gemerkt und die Verbrecher konnten den Ort der Bluttat ver­lassen, ohne irgend Argwohn zu wecken.

Die Katastrophe gibt, vom Sühneprinzip der Gerechtigkeit ganz abgesehen, ernstlich zu denken. Jahre hindurch schien über der Ber­liner Kriminalpolizei ein Unstern zu walten: Verbrechen, deren Tatspuren deutlich erkennbar waren, blieben trotz emsigster Arbeit der im Dienst der Gerechtigkeit sich Mühenden unge- sühnt, die Täter entkamen (wenn nicht ein Zu­fall sie dem Schicksal ins Netz führte), und der Berliner Bevölkerung bemächtigte sich jene Stimmung nervösen Unbehagens, die das Be­wußtsein gefährdeter Sicherheit erzeugt. Es ist damals der Polizei der Vorwurf gemacht worden, daß ihre Organisatton nicht auSreiche, die Sicherheit im Bereich der ins Gigantische sich weitenden Weltstadt gewährleisten zu können, und man war um Resormen besorgt. In Wirklichkeit lag indessen die Ursache der verhängnisvollen Zunahme der Kapitalverbre­chen und (im Gegensatz dazu) der schwindenden Erfolge polizeilicher Arbeit auf einem ganz an­dren Gebiet: Je mehr sich der Verkehr in be­stimmten Zentren zusammendrängt, umso siche­rer kann sich das Verbrechen fühlen, denn die Hast und Unruhe der weltstädtischen Verkehrswoge drängt alle andren Erscheinungen und Wahr- nehrnungsmöglichkeiten gewalttätig in den Hintergrund und nötigt dem Einzelnen jenen kalten Egoismus auf, dessen Horizont an der Grenze des Eigeninteresses endet. Der Mensch wird dem Menschen fremd, weil im Strom des Lebens alle Berührungsmöglichkeiten per. sinken.

In Kötzschenbroda oder Böblingen wäre das Berliner Blutdrama in dieser furchtbar, rätselhaften Gestalt undenkbar gewesen: In der Weltstadt spielt es stch wie im Dunkel einer Gartenlaube ab, und keine Spur weist auf die Täter. Schon die Möglichkeit dieses Verbrechens zwingt zu der Frage, was geschehen kann, um die Sicherheitsverbältnisse innerhalb der Wohnstätten großstädtischer Menschenhäufung zu verbessern. Unsre Stra- ßen und freien Plätze, unsre Fluren und Alleen werden durch Wächter in blanker Wehr ge­schützt, und es unterliegt längst keinem Zwei- fei mehr, daß in den modernen Großstädten die Straße sichrer ist, als das Haus. Ein Teil der Schuld an dieser Irreleitung einer an sich nützlichen Entwicklung ist sicher in den Män. geln des Alarmdienstes zu suchen, die die rasche Beorderung polizeilicher Hilfe in Fällen ernstlicher Gefahr erheblich erschweren, und teilweise sogar zur Unmöglichkeit machen. Wir haben für den Eintritt von Feuersgefahr überall öffentliche Alarmsignalstellen, und in den Straßen Hydranten zur Bekämpfung zün­gelnder Flammen: Für den Menschen­schutz in Fällen drohender Gefahr aber be­sitzt uNsre moderne, mit alle Raffinement voll­endetster Technik gerüstete Zeit (wenn die Ge- fahr hinter den Häusermauern lauert) kei­nerlei andre Notsignale als das Telephon, dessen Nutzung für diesen Zweck (und dem Ver. brechen gegenüber) kaum in Betracht kommt. Der ermordete Juwelier Schultze in Berlin verwahrte in feinem Laden einen scharfge­schliffenen Säbel und zwei kugelgeladne Schuß­waffen zur Verteidigung bei drohender Ge- hihr; der Hammerschlag des Mörders jedoch beraubte ihn der Möglichkeit, stch zu schützen: Der leise Druck auf den Knopf einer direkt mit dex Polizeiwache verbnndnen Alarm-Vorrichtung würde aber auch dem Schwerverletzten wohl noch möglich ge­wesen fein. Sollte es nicht denkbar sein, durch die Verbesserung und Verallgemeinerung beS Alarmdienstes die Sicherheit innerhalb der Wohn, und Geschäftsbezirke unsrer Groß, städtr zu erhöhen? Die Technik macht heut alles möglich, und hier handelt es sich um ein Ziel, dessen Erstrebung des höchsten Opfers wert erscheint! U-

Die Bilanz der gestrigen Wahlen.

Zentrumsdrohungen gegen die Regierung. (Telegraphische Meldungen.)

Ein Privattelegramm berichtet uns aus Köln: In der gestrigen Zen­trumsversammlung, in der die Nieder­lage des Zentrumskandidaten Trimborn bekannt gegeben wurde, erklärte der Par- tcichcf für Köln-Land, Pfarrer Kastert, daß der fystematisch geübte Ver­rat seitens der Jungliberalen und der Fortschrittlichen dem Zentrum die Niederlage bereitet habe. Jndirett trügen aber auch die Schuld die verantwortlichen Stellen der Regierung, die in der Vergangenheit nichts getan haben, nm der verhängnisvollen S t e u- erhetze entgegenzutreten. Unter leb­haftem Bravo versicherte der Redner, daß esfür die Zentrumspartei mit ihrer Gutmütigkeit zu Ende sei. Es heiße jetzt: Nicht vergessen und handeln! Das Ergebnis der gestrigen Stichwah­len hat sich für die bürgerlichen Parteien weit ungünstiger gestaltet, als angenommen worven war. Die Sozialdemokratte hat über Erwarten große Erfolge errungen, und zwar offenbar dadurch, daß ihr in der Stichwahl zahlreiche bürgerliche Stimmen zugeflos- sen sind, die die ausgegebenen bürgerlichen Wahlparolen nicht beachtet haben. Die «o- zialdemokratie hat gestern folgende Wahlkreise erobert: Cottbus, Breslau-Ost, Jerichow, Hal­berstadt, Bitterfeld. Hildesheim, Hagen, Frank­furt-Main, Cöln-Stadt, Kaiserslautern, Bay­reuth, Ansbach, Heilbronn, Darmstadt, Bens­heim, Weimar, Jena, Sachsen-Altenburg. Des­sau, Bernburg, Colmar, Straßburg-Land und Metz. Verloren haben sie dagegen Fried­berg und Eisenach. Die Freisinnigen haben gewonnen: Oberbarnim, Ditmarschen, Schaum­burg-Lippe und Zabern, verloren Hagen, Schwelm, Heilbronn, Dessau, Waldeck und Frankfurt-Main. Die Rationallibcralen habm gewonnen: Göttingen, Alsfeld und Eisenach, verloren Stendal, Halberstadt, Ditmarschen, Nottheim, Lüneburg, Bayreuth und Bernburg. Das Zentrum hat gewonnen: Fraustadt und Gleiwitz, verloren Cöln-Stadt, Straubing, Bingen und Sttaßburg-Land. Die Konserva­tiven haben verloren: Stendal, Hildesheim, Ansbach. Die Reichspartei verliett Oberbar­nim, Cottbus, Fraustadt. Breslan-Ost. Bftter- feld, Uelzen, Sachsen-Altenburg und Schaum- burg-LiPPe. Die Wirtschaftliche Bereinigung hat Waldeck erobert, dagegen verloren Goslar, Böblingen, Alsfeld und Weimar. Die Bolen

haben Gleiwitz verloren, die Elsässer haben Colmar, die Lothringer Metz abgeben müssen. Die Welfen dagegen haben Nienburg, Uelzen und Lüneburg gewonnen.

Alle und neue Manner.

Von bekannten Persönlichketten wurden bei den gestrigen Wahlen neu-, bezw. wieder­gewählt: Bei den Konservativen Ritter, bei der Reich spartet Dörksen, bei der Wirtschasilichen Vereinigung Dr. Werner, bei der Reformpartei Bruhn, beim Zentrum Graf Oppersdorf, bei den Nationalliberalen Schwabach, Sieg, Schiffer, Freiherr von Hehl und Dr. Becker, bei den F r e i s i n n i g e n Weinhausen, Kämpf, Gothein, Hoff, von Payer, Hausmann, Ahl­horn und Träger, bei bett Sozi aldemkra - ten Dr. Quark, Hofrichter, Säubert, Heine, Peirotes. Nicht wiedergewählt wurden von den Konservativen von Byern, Dr.- sicke und Hufnagel, von der Reich spartet Bauermeister, Dr. Höffel, von der Wirt« schaftlichen Vereinigung Bindewald und Gräfe, von den Nationalliberalen Dr. Goerck. Dr. Arning, Rimpau, Fuhrmann und Dr. Osann, von den F r e i s i n n i g e n Dr. Mugdan, Oeser und Günther, vom Zentrum Trimborn, von den Sozialdemokraten Leber.

Der Zusammentritt des Reichstags.

Reichstags-Einberufung: Siebenter Februar.

Offiziös wird bekannt gegeben: Durch Kai- serliche Kabinettsorder vom zweiundzwanzig- stcn Januar ist der neue Reichstag auf den siebenten Februar einberufen worden. Wie e8 heißt, werden die neuen Wehr-Vorla­gen dem Reichstag bereits in der Woche nach dem Zusammentritt zugchen, und es wird sich dann auch entscheiden, ob der neue Reichstag eine längere Lebensdauer habe«, oder der Auf­lösung verfallen wird.

PreWmmen zum Etichwahttsg.

(P r t v a t - T e l e g r a m m.)

v. Berlin, 23. Januar.

Die meisten Berliner Morgenblätter beschränken sich darauf, die Gewinne und Verluste der verschiedenen Patteien bei den gestrigen Stichwahlen zu ver­zeichnen. Nur einzelne Zeitungen, na­mentlich linksstehende, bringen län­gere Artikel. Ter enorme sozialdemokra­tische Erfolg des gestrigen Tages wird überall besonders hervorgehoben.

Die Deutsche Tageszeitung

bedauert in erster Linie, daß in Kaiserslautern der Vorsitzende des Bundes der Landwirte, Dr. Rösicke unterlegen ist. Sie bedauert ferner die Niederlage des Herrn von Schnck- mann in Arnswalde-Friedberg. Mit Bezug auf den freifinigen Sieg in Berlin I schreibt das Organ des Bundes der Landwirte: Dte Partei des Verrats am Bürgertum hat die Genugtuung, daß die Minister und Staatssekretäre ihr das Mandat gerettet haben.

Die Post

schreibt: Der gestrige Dtichwabltag ist der Tag der Linken geworden, wie jeder erwar­tete, der die Verhältnisse der einzelnen Wahl­kreise genauer kannte. Der Verlust von Köln ist ein Schlag, ben das Zentrum nicht verwin­den kann, den es den Roten und Jungliberalen nie vergessen wird. Eine schlimme Riederlage des allgemeinen Versöhnungskurses, der sein unheilvolles Wesen auch den Welfen zuge- wandt hat, ist die Wahl von fünf welsischen Reichsfeinden.

Die Tägliche Rundschau

bemerkt: Der zweite Stichwahltag brachte ein ganz außerordentliches Anschwellen der roten Flut, die in geradezu reißender Stärke über die bürgerlichen Wahlkreise hereinbrach. Die Wahlziffern zeigen, daß die Wahlparolen der Parteien vielfach durch lokale Verhältnisse und persönliche Mißstimmung durchbro­chen und zunichte gemacht worden sind. DaS Berliner Tageblatt

meint: Tie Hoffnung, daß die schwarzblaue Mehrheit auch nur in einer wesentlich redu­zierten Anzahl nicht wiederkehren wird, daß vielmehr die drei oppositionellen Parteien stark genug sein werden, dem schwarzblauen Block erfolgreich entgegen zu treten, hat sich gestern fast bis zur Verwirklichung erfüllt. Schon jetzt steht es fest, daß die sozialdemokra- ttsche Fraktion weitaus die stärkste im neuen Reichstage sein wird.

Der Vorwärts schreibt: Die Ernte haben,wir gehalten, und nicht nur die Zahl der Siege, sondern auch ihre Art dürfen wir rühmen. K ö ln ist unser: Das deuftche Rom hat die rote Fahne gehißt! Die Konservativen und Klerikalen haben eine schwere Niederlage zu verzeichnen. Den Frei­sinnigen ist es noch einmal gelungen, Berlin I zu behaupten. Am Donnerstag wollen wir unsere Revanche holen.

Ludwig der Sechzehnte vorm Konvent.

Das denkwürdige Verhör des Königs Ludwig des Sechzehnten von Frankreich vor dem französischen Revolu­tionstribunal wird von der »Revue Hebdoma- baire" an der Hand einiger Briefe, die jüngst entdeckt worden sind, von neuem in Erinnerung gebracht. Die Briefe stammen aus der Feder eines Engländers, der in den ersten Jab- ten des neunzehnten Jahrhundert? in Paris lebte. Der König (so schreibt der Augenzeuges schritt, begleitet von mehreren Offizieren des Pariser Stabes und gefolgt von Santsre, auf­recht und fest zu den Schranken und Warf, wie ich beobachten konnte, der Versammlung einen herausfordernden, aber nicht sehr würdevollen Blick zu. Ich sah mir den König recht genau und aufmerksam an und bemerkte, daß seine Augen, als er den Saal musterte, auf Fahnen, die den Oesterreichern und den Preußen abge- nomrnen worden waren, haften blieben. Es ging dabei durch seinen Körper wie eine Er­schütterung, die für alle, die ihn nicht aus nächster Nähe beobachten konnten, unmerkbar War; er raffte und richtete sich aber bald Wie­her auf. Man brachte ihm einen Holzstuhl, auf dem er Platz nahm.

Dann las man dem König die Anklageschrift vor, und der König antwortete sofort auf jeden einzelnen Punkt der Anklage so geschickt, daß die Versammlung sich nicht We­nig darüber wunderte. Als man ihn beschul, bigte, frnazösisches Blut vergossen zu haben, antwortete er noch lauter als bis dabin: »Nein, mein Herr, ich habe noch niemals das Blut eines Franzosen vergießen lassen." Diese An­klage hatte ihn besonders schwer getroffen, und