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Hessische Abendzeitung
Caffeler Abendzeitung
Sonntag, 21. Iarmar 1912
Fernsprecher 951 und 952.
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Reichstagsabaeordneter Heinrich Hüttmann.
Die
Damals sprach kein Demosthenes:
sonst
F. H.
gegenüberstanden!
SU StifieUi -Jleuefter Nachrichten erscheinen wöchentlich lech «mal ml mal abenli Der Adoin>em«nl»vr«tS ttttrtgl monatlich M Pfg bei freiet guklelltmg In» Haus. Bestellungen werben leberzeN »an »er VelchLstSstell« 66er len Boten entgegengenommen »ruderet, 8erlag an» «edakltan Schtochtlofltraße 28/30 Sprechstunden 6er RedalNon von 1—8 llhr nach- mittags turtflild» Sprechstunden für miete Abonnenten Mittwochs und Sonnabends von <—8 tu» abend» Berliner Vertretung SW. Friedrichstraße 16. Telephon. Amt IV 676.
gegen die politisch Andersdenkenden, weder Agitator noch Tribun; ein schlichter, rechtschasf- ner Anwalt der ihm anvertrauten Interessen, in besten Wort nie die Sturzwelle partei-fanatischer Leidenschaftlichkeit hineinflutet. Wenn ich mich recht erinnere, war's eine Forderung
Worte folgten sich förmlich schüchtern, und es gab Verlegenheitspausen, die nur schwer überbrückt wurden; aber Inhalt und Gedanke der knappen Rede waren klar und bestimmt, frei von Galerie-Verschnörkelung, ohne Zie- lowskh'Z Pathos und ohne Qnarck's stachlichte
wahlverwandten Seele lohenden Groll
Randbemerkungen, und man vernahm, als der Redner geendet, weder rechts noch links im Saal die ironischen Glossen, die vordem Doktor Quarck's allzu-temperamentvollen Sturmversuchen als Echo aus der Mehrheit Reihen zu folge» pflegten. Hüttmann und die sachliche Form seiner kommunal-parlamentarischen Betätigung haben der sozialdemokratischen Fraktion im Stadwerordnetenkolleginm der Mainstadt mehr Nutzen und mehr praktischen Arbeitserfolg eingetragen, als das Sturmge- sellentum Quarck'schen Temperaments, das Jahre hindurch als einsamer und einziger Repräsentant der Arbeiterpartei der geschlossnen Phalanx der bürgerlichen Linken gegenüber sich behauptete. Die Gerechtigkeit heischt's, dies unleugbare Verdienst Hüttmanns a n zuerkennen, und grade in diesem Moment den Grundzug im Charakterbild des Mannes hervorznheben, dem gestern das Reichstagsmandat der Residenzstadt Cassel anvertrant worden.
Männlicher Ernst und Männerwürde fordern auch beim Gegner Achtung, und die Anerkennung dieser Eigenschaften darf auch Die versöhnen, die, getrieben von ehrlicher Ueberzeugung und geführt von dem Bewußtsein bürgerlicher Pflicht, gegen den nun Erwählten im Kampfe standen, und mit aufopfernder Hingabe um den Preis des Siegs für ihre Fahnen rangen. Es ist das erstemal, solange das Parlament des Deutschen Reichs besteht, daß das Mandat der Residenzstadt Cassel zur deutschen Volksvertretung den bürgerlichen Parteien abgerungen ward, und es läßt sich menschlich verstehen, daß die Erkenntnis dieser Niederlage bittre Gefühle weckt. Der Kampf ist auf Leiden Seiten mit der Aufbietung aller Kräfte geführt worden, und den Unterlegnen darf das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht die schmerzliche Erkenntnis mildern, daß aller Kraftaufwand nicht ausgereicht hat, den Sieg an ihre Fahnen zu bannen. Nun ruht der Kampf, und es bleibt nur der Wunsch, daß der Reichslagsabgeordnete Hüttmann in den gleichen Bahnen wandlen möge, die der Stadtverordnete Hüttmann einst beschritten. Dann wird er auch Die versöhnlicher zu stimmen vermögen, die ihm im Wahlkampf als Gegner
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3n der gestrigen Ner chstagS-Sttch Wahl im Wahlkreis Caffel-Melsungen wurden abgegeben: Für Dr. E ch r o e- der 22183 Stimmen,für Hüttmann 22872 Stimme«. Hüttmann ist also mit einer Mehrheit von 690 Stimmen als Reichstagsabgeordneter für Le« heimischen Wahlkreis gewählt.
Der Kampf ist aus: Die Wucht der Stimm- zettekwoge hat entschieden, und der Wahlkreis Cassel-Melsungen schickt einen neuen Mann ins Parlament des Reichs. Heinrich Hüttmann, der als Mitglied des Frank- jürter StaLtverordneten-Kollegiums sich die ersten parlamentarischen „Sporen" verdiente, ist ein Sproß werktätiger Bevölkerungskreise, den eine arbeitsreiche, harte Jugend sicher nicht ahnen lassen konnte, daß er als reifer Mann einmal berufen fein werde, die alte Hessen-Residenz am Fuldastrand im Hause WaUots zu vertreten. Der Mann mit dem charakteristisch geformten Kopf, dem wettergebräunten Gesicht und dem dunklen, krausen Barthaar steht noch deutlich in der Erinnerung vor mir aus den Tagen, da die Frankfurter Stadtverordnetenwahlen neunzehnhundertfüns mit einem Mal eine starke Woge der „roten Flut" ins altehrwürdige Haus Limpurg trugen, wo Jahre hindurch der streitbare Doktor Max Quarck der einzige Vertreter der äußersten Linken gewesen war. Der zum Stadtverordneten erwählte Maurer Heinrich Hüttmann verschwand damals hinter der überragenden Intelligenz eines Quarck, Zielowsky und andrer Fraktionsfreunde, und feine stadt- väterliche Jungfernrede war kein rhetorisches Meisterstück.
In diesem Vertreter der Frankfurter Arbeiterschaft aber wohnte das unerschütterliche Bewußtsein des sittlichen Ernsts der mit dem Mandat übernommenen Pflichten, und es ist jedenfalls charakteristifch für diesen, durch mancherlei läuternde Lebenserfahrung der Leidenschaftlichkeit entwöhnten, ernstgestimmten Mann, daß er (bet Jüngstgewählten einer) zum eigentlichen „Geschäftsträger" zwischen Fraktion und Magistrat wurde, zu einer Art vermittelnder Instanz, die die Schärfe der Gegensätze klug und nutzbringend zu mildern verstand. Als Stadtverordneter ist heut " (nach sechs Jahren) der gestern in Cassel zum
reit§ daran, eine ersprießliche Friedensarbeii einzuleiten. Der alte Fluch der deutschen Zerrissenheit schien für immer hinweggenommen und die beseligende Gewißheit davon ließ die Zukunft im herrlichsten Lichte fchimmern. Die Worte, die der alte, ruhmgekrönte Kaiser in tiefster Bewegung vor den versammelten Bundesfürsten, Staatsmännern und Abgeordneten an jenem bedeutsamen Tage sprach, erweckten mächtigen Widerhall. Das Deutschland von gestern und Das von heute: Welch ein Wechsel und Wandel!
Jene Worte Kaiser Wilhelms haben bis heute von ihrer Bedeutung nichts verloren. Man denke weiter an den ewig unvergessenen sechsten Februar achtzehnhundertachtundachtzig, da Bismarck, der eiserne Kanzler, bei Beratung der neuen Wehrvorlage im Reichstag nach eingehender. Darlegung des Verhältnisses Deutschlands zum Ausland mit den echt deutschen Worten schloß: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!" Diese beispiellose Rede hinterließ einen unbeschreiblichen Eindruck. Was heutigentags bei der fast beängstigenden Meinungsverschiedenheit unter den Parlamentsmitgliedern sicher ein Unding wäre: Es wurde an jenem Tage Wahrheit. Die Vorlage der Regierung wurde ohne weitere Verhandlung einstimmig angenommen. Jene einmütige Haltung des Reichstags wirkte in all der Ränkcsucht und -kunst profitgieriger Nachbarn wie ein Donnerschlag in schwüler Nacht. Fürst Bismarck wurde beim Verlassen des Reichstagsgebäudes von einer vieltaufendköpfigen Menge mit begeisterten Rufen empfangen. Es batte nicht viel gefehlt, so würde man ihn. der zu Fuß nach feinem Palais ging, auf Händen im wahrsten Sinne des Wortes getragen haben. Und unsere Nachbarn lauschten den unerschrockenen Worten wie einer Offenbarung aus fernen Welten. Möchten jene Zeiten heiliger Begeisterung auch ferner wiederkehren: Zur Freude des Volkes und zum Wohl des Vaterlands!
Ernst M. Arnold.
|f- ExLra-Wahlausgabe der
CMr Neueste Nachrichten
eiferne Kanzler hat zwar niemals ein Hehl daraus gemacht, daß auch die Reichsverfassung ihre Schwächen und Mängel habe; gleichwohl sah er (wie Dr. Hans Blum einmal sehr sinnreich schrieb) dieses Werk als das „tunlichst genaue Rechnungsergebnis" aus dem Soll und Haben der deutschen Einheit, des deutschen Gesamtstaats auf der einen Seite und der Fürsten- und Volksrechte auf der anderen Seite an, wie sich eben dieser Rechnungsabschluß am Ende des Jahres achtzehnhundertsechsundsechzig für den Norddeutschen Bund und am Ende des Jahres achtzehnhundertsiebzig für Gesamtdeutschland aufstellen ließ. Soviel steht jedenfalls fest: Daß der Reichsgedanke nie so rasch und so tief im Volksherzen Wurzeln geschlagen haben würde, wenn die Verfassung eine andere Form der Mitwirkung des Volks an der Gesetzgebung gezeitigt hätte.
Man hat im letzten Jahrzehnt wiederholt darauf hingewiesen, daß die Einteilung des Reichsgebiets in dreihundertsiebenundneunzig Rrichstagswahlkreise den jeweiligen Bevölke-. rungsdichten nicht mehr allenthalben entspreche, daß somit die Gesamtzahl der Abgeordneten erhöht werden müsse. Man sucht diese Forderung dadurch schmackhafter und dringlicher zu machen, daß man Arbeitsmehrung und einen gegen früher wesentlich erweiterten Pflichtenkreis ins Feld fühtt. Es gibt auch Leute, die mit dem Gedanken liebäugeln, die im Reichstag verkörperte Volksvertretung zu einer Berussvertretuug auszugestalten. Für eine derartige Forderung braucht man sich kaum zu erwärmen. Da lobe ich mir die ideale Prägung des Arttkels neunundzwanzig der Reichsversassung, der die Mitglieder des Reickstags als Vertreter des „gesamte u" Volkes angesehen wissen will. Die Reichstags- mitglieder find jetzt an keine Aufträge und Instruktionen gebunden, von Wem auch immer diese ausgehen mögen. Und das ist gut so, denn ein Vertreter des Volkes soll seine Entschlüsse und seine Erklärungen zu Rutz und Frommen des Volksganzrn gestalten.
!-Reichsboten Erwählte einer der geschätztesten der Frankfurter Fuhrpark- und Siraßenreini- Männer im Haus Limpurg: Ruhig, leiden- gungsarbefter, zu der Heinrich Hüttmann als schastslos, mit fachlichem Ernst Für und Wi- Stadtverordneter zum erstenmal das Wort der sorglich wägend, frei von dem in mancher erbat. Ruhig und füll, bescheiden fast.
Man könnte freilich einwenden, daß der „ideale Zug" aus dem ganzen Stiftern unserer Volksvertretung in dem Augenblick geschwunden sei, als die Einführung von Anwefenheits- geldern die Politik im Leben eines Abgeordneten zur melkenden Kuh gemacht habe. Entspricht dies der Wirklichkeit? Die Frage stellen, heißt, sie verneine n. Das Gegenteil ist wahr: Denn früher blieb der Eintritt in den Reichstag das Vorrecht der mit Glücksgütern vollauf Gesegneten und aus Parteigeldern Unterhaltenen; jetzt kann auch ein Armer in Wallots Bau Einzug halten, ohne Gefahr zu laufen, durch die zeitraubende Arbeit eines Abgeordnetenwirtschaftlich zu verkümmern. Mit jeder neuen Zusammensetzung des Reichstages beginnt ein neues Leben. Alte Richtlinien werden verlassen. Reue Ziele winken. Die Wählermasse aber blickt erwartungsvoll in die Zukunft, hoffend, daß es dem neuen Reichstag gelingen möge, immer diejenigen Mittel und Wege zu finden, die erforder- lich sind, um das geistige, sittfiche, polittsche und wirtschaftliche Leben der Ration weiter zu entwickeln und zu heben und im Wettkampf um die Güter der Freiheit und des Friedens den Sieg zu erringen.
Richt immer hat das deutsche Volk die Entschlüsse seiner Vertreter im Reichstag gutgeheißen. Weit öfter noch traten Gegensätze zwischen Regierung und Volksvertretung auf, nicht allein in der letzten Legislaturperiode, sondern von allem Anbeginn. Das wird schließlich auch fernerhin fo bleiben. Aber es hat im deutschen Reichstage auch Momente gegeben, die die Herzen des Volkes höher schlagen lie- ßen, Momente, während derer der Zeiger der Weljuhr still zu stehen schien, Momente, die Teilnahme, Begeisterung ober atemlose Spannung in bet gesamten Kulturwelt auslösten. Man denke an den denkwürdigen einundzwan- zigsten März achtzehnhunderteinundsiebzig, den Tag der Reichstagseröffnung durch Kaiser Wilhelm den Ersten. Während der Kampf gegen Frankreich in der Ferne feinem letzten Ziel sich zuneiate. ging man daheim be-
Set Deutsche Reichstag.
Aus den Blättern feiner Geschichte.
Der Kampf um die dreihundertfickbenund- neunzig Lederstühle im Haufe Wallots ist nun bald beendet; die Erregung in Parteien und .Massen flaut ab und der Hochspannung aller Energie folgt die (auch hier unvermeidliche) Reaktion. Heiße Redeschlachten liegen hinter uns. Viel Böses und Bitteres haben sie ans Licht der Oeffentlichkeit getragen; aber sie haben anderseits auch manches funkelnde Gold- körnchen aus dem tiefen Schachte bet Volks- feele emporgefördert. Etwas Gutes zeittgen die Wahlen zum Reichs-Parlamente insofern ja stets, ’ als sie selbst die der Politik Entfremdeten wieder einmal zum Nachdenken darüber zwingen, welch' heißes Ringen, welche Blutopfer erforderlich waren, bis die deutsche Zerrissenheit und Zwietrackt in Einheit und treue Stammesbrüder schäft überging, bis es gelang, ein Staatengebilde wie den Norddeutschen Bund und nach ihm das Deutsche Reich zu kitten und zu festigen. Was Geschlechter auf Geschlechter jahrhundertelang geträumt, erhofft und ersehnt hatten: Mit der Freiheit der Gesinnung und des Handelns auch tätigen Anteil an der Regelung der Volksgeschicke in einer dem Zeitgeist entsprechenden Form zu gewinnen; es war nunmehr erreicht. Durch die Verfassung des Deutschen Reiches vom sechzehnten April achtzehnhunderteinund- siebzig ist das Errungene für ewige Zeiten gefestigt worden.
Ohne den Willen des Volkes kann keine Gesetzgebung mehr zustande kommen. Klipp und klar sagt Attikel fünf der Reichsverfassung: „Die Reichsgesetzgebung wird ausgeübt durch den Bundesrat und den Reichstag. Die Uebereinstimmung der Mehr- heitsbeschlüsse beider Versammlungen ist zu einem Reichsgejetz erforderlich und ausreichend. Damit bleibt die ungehemmte Entt'al. iung der nationalen Bestrebungen und Bedürfnisse des deutschen Volks gewährleistet. Der
Cassel im neuen Reichstag.
Stadtverordneter Heinrich Hüttmann, der neue Reichstagsabgeordnete für den Wahlkreis Caffel-Melsungen