Nr. 37.
Zweiter Jahrgang.
CMr Neueste Nachrichten
1. Beilage.
Freitag, 19. Januar 1912.
grrenhmr Geschichten.
Tie Affäre des Fabrikanten Lubecki.
(Von unserm Korrespondenten.)
Berlin, 18. Januar.
Die seinerzeit großes Aufsehen erregende ^rrenhausaffäre des Fabrikbesitzers tzmanuel Lübecks wird in der nächsten Qeit nochmals die Gerichte beschäftigen. Be- kannrlich hat die Angelegenheit vor einigen fahren in Verfolg eines Prozesses gegen die Berliner Zeit am Montag" die Oeffentlichkeit lebhaft beschäftigt. Lübeck! war damals auf Betreiben seine« Bruders,, seiner Schwägerin und seines Schwagers in der Irrenanstalt Leubus interniert gewesen und glaubte Grund zu der Annahme zu haben, daß diese Internierung aus eigennützigen Motiven erfolgt sei, um ihn geschäftsunfähig zu machen und ihm dadurch die Verwaltung seines Vermögens zu entziehen. Außerdem behauptete Lubecki, daß er in der Anstalt Leubus ordnungswidrig und gegen die Regeln der Wissenschaft behandelt worden sei. Er unterbreitete in der Folge sein Material dem Redakteur der „Zeit am Montag", Karl Ichneidt, der auf Grund dieses Materials in seinem Blatt einen Artikel mit der Ueber- schrist „Jrrenhausfoltcr" erscheinen ließ und an den Zuständen in der Anstalt Leubus scharfe Kritik übte. Der Artikel behauptet« unter anderem, daß gegen Lubecki Dauerbäder als Strafmittel verwandt wurden, daß rr bei einem Besuche des Landeshauptmanns versteckt gehalten wurde, damit er sich nicht beschweren konnte, und daß Lubecki süns Monat« lang
die Folter de« JrrenhauSzwanges habe ertragen müssen. Schließlich war in dem Artikel noch von der „famosen Dreifaltigkeit der Aerzte" gesprochen worden, weil der dirigierende Ärzt der Leubuser Anstalt seinen Sohn und seinen Schwiegersohn als Assistenten hatte. Rach umfangreicher Beweisaufnahme gelangte das Gericht zu einer Verurteilung des Redakteurs Schneidt, der sechs Wochen Gefängnis erhielt. Der Staatsanwalt batte drei Monate Gefängnis beantragt, dabei aber zugegeben, daß über die Opportunität eines Verhältnisses, wobei ein Arzt von seinem Sohn und seinem Schwiegersohn assistiert werde, Z w eis el herrschen könnten. In der, Begründung des Urteils wurde ausgesprochen, daß die Angaben Lubeckis, auf Grund deren der inkriminierte Arttkel geschrieben war, unrichtige seien, denn Lubecki sei zur Zeit seiner Internierung gemeingefährlich geisteskrank gewesen. Das sei bewiesen durch ein Kollegium von Sachverständigen, wie es besser in der Welt nicht existiere. In der Zwischenzeit hat nun Lubecki energische Anstrengungen gemacht, um den gegen ihn erhobenen Vorwurf der Geisteskrankheit zu entkräften. Es ist ihm auch von verschiedenen Gerichten, so vom Landgericht Beuthen und vom Oberlan- desgericht Breslau seine geistige Gesun8- beit attestiert worden. Der Sachverstän- Rge Professor Dr. Mann-Breslau hat die
völlige geistige Gesundheit
Lubeckis fest gestellt und zwar auf Grund eines früheren Schreibens des Sanitätsrates Alter, des Leiters der Leubuser Anstalt, der damals noch ausdrücklich konstatiert hatte, daß Lubecki geistig gesund sei. Lubecki führt die für ihn Ungünstigen Sachverständigen-Gutach- ten in dem Prozeß gegen die „Zeit am Montag" darauf zurück, daß die Sachverständigen sich auf die Angaben von Leuten stützten, die ihm feindlich gesinnt waren, oder ein Interesse an seiner weiteren Internierung hatten. Als weiteres Material zu seinen Gunsten will Lubecki das Kranken-Journal der Anstalt Leubus verwenden, in dessen Besitz er gelangt ist. Die Registrierung in diesem Journal und die Briefe der Anstalt sollen in Widerspruch stehen zu erweislich wahren Tatsachen. Aus
Grund seines Materials hat nun Lübecks bereits Ende neunzehnhundertzehn gegen die Aerzte der Anstalt Leubus: Sanitäts.rat Alter, Dr. Alter und Oberarzt von Kunowski eine Anzeige wegen Meineides und Freiheitsberaubung erstattet.. Das Ermittelungsverfahren hat sich bis heute hin. gezogen. Gegenwärtig ist die Angelegenheit auf dem Stande angelangt, daß die Ermittelungsakten der Staatsanwaltschaft Breslau zur weitern Veranlassung übersandt wurden.
Ire Spfer der Wos-Kalaftrophe.
Ein Bericht der zwei Ueberlebenden.
Bon dem Dampfer „Thto's" der deuttchen Linie (Hamburg! sind, (wie mir bereits telegraphisch berich- teteni bei dem Untergang im schweren Nurm des Meerbusens von Biskava nur zwei -Mann, ein Matrose und der erste Offizier gerettet worden Bei Ihrer nun- mehr erfolgten Ankunft in Hamburg haben beide vor ihrer Rederei einen Bericht über die Katastrophe gegeben der den Untergang des Dampfers anschaulich schildert: Bereits am einundzwanzigsten Dezember, nachts elf Uhr, setzte ein Sturm aus Westsüdwest ein. Die Rüderkette brach, das Schiff fiel sofort ab und kam schwer zu See zu liegen. Die Rudertaljen wurden ausgesetzt und dann das Handruder eingestellt, was mit großen Schwierigkeiten verknüpft war, da schwere Sturzseen über das ganze Schiff wegbrachen. Als wir gegen fünf Uhr morgens nach vorn kamen, sahen wir, daß eine Verschanzung, Lagehäume sowie Rettungsboote während unserer Abwesenheit über Bord geschlagen und von einer Luke die Persennigs ausgerissen wqren. Wir versuchten, sie wieder rüberzuholen, was uns jedoch nicht gelang. Während dieser Arbeiten waren die Feuer in dem Heizraum durch hereinbrechende Seen ausgelöscht. Dann kam eine Brechsee senkrecht hernieder und schlug eine Luke ein. Unter diesen Umständen war das Schiff nicht mehr auf See zu legen, weil es vorn zusehends wegsank. Da ließen wir sämtliche Mannschaften auf Deck kommen und Schwimmwesten anlegen. Gegen zehn Uhr morgens erfolgte der Untergang. Wir wurden alle in die Tiefe gerissen. Der erste Offizier Hus erzählte weiter: „Als ich an die Oberfläche kam, sah ich ei- -. Luke.!» deckel, den ich erfaßte,- dann ein halbes Gigboot treiben und klammerte mich hieran fest.
Hierauf sah ich den dritten Offizier, Herrn Krohik, auf mich zuschwimmen und half auch ibm auf den Lukendeckel. Später kant noch ein Matrose, der Grieche Dulius, hinzu. Dann wurde uns der Lukendeckel wieder w e g g e - schlagen, und wir klammerten uns an das halbe Gigboot allein. Zweimal schlug dieses um, wobei der drifte Offizier unter das Wrack- sftick kam. es vetließen ihn sehr bald die Kräfte und er versank. Kurz danach sichteten wir einen Dampfer, dessen Namen wir leider nicht crfentten konnten. Er wurde von uns ange- mfen und angepfiffen, reagierte aber nicht, sondern fuhr ruhig weiter. Wir nehmen an, daß er uns nicht gesehen hat. Gleich darauf verschwand auch der griechische Matrose in den Wellen. Gegen drei 1k hr nachmittags sichtete ich den Dampfer „R av e n st o n e", der. mich dann ausnahm, indem er mir Leinen zuwarf. Bewußtlos wurde ick an Deck genommen. Es wurde dann alles abgesucht, und mgn entdeckte noch den Matrosen Ho «raun. Da dieser nicht mehr imstande war, sich an der ihm zugetvorfcneü Leine festzumachen, ließ 'sich der erste Offizier vom „Ravenstone" an einem Tau hinunter, umklammefte den Matrosen mit den Füßen und so wurden dann beide hochgezogen. -a-
Aur aller Welt.
Dreifacher Raubmord in Berlin.
Wie uns aus Berlin berichtet wird, ist gestern im Süden der Reichshauptstadt ein entsetzliches Verbrechen ausgeführt wordeu: Ein dreifacher Raubmord-
Versuch wurde an dem Juwelier August Schulze, seiner Frau und Tochter der- übt. Von polizeilicher Sette werden über die grausige Tat folgende Einzelheiten mitgeteilt:, Gestern nachmittag um halbein Uhr wurden der fünfzig Jahre alte Juwelier A u g u st Schulze, seine Ehefrau Margarethe und die achtzehnjährige Tochter Grete in ihrem Blute schwimmend und mit schrecklichen Verletzungen in ihrer Behausung, Alte Jakobstraße 94-95, aufgefunden. Man nahm zunächst an, daß es sich um den Abschluß einer Familientragödie handelt. Rach den polizeilichen Ermittelungen ist aber nunmehr sestgestellt, daß es sich um dreifachen Raubmord handelt. Am Orte der Tat fand man einen Weichen, schwarzen Filzhut, der nnzweiselhaft dem Täter gehören dürste. Die Tochter ist tot. Frau Schulze wurde dem Krankenhaufe am Urban, ihr Gatte der Charit.; zugeführt. Bei beiden besteht indessen wenig Hoffnung aus Erhaltung ihres Lebens. Eine ganze Anzahl Brillanten, sowie Gold- und Silbe rs ach«n fehlen im Laden der überfallenen Familie. Die Ausführung der Tat dürste sich nach Annahme der Behörde wie folgt abgespielt haben: Der Täter, der mit der Schulze- scheu Familie bekannt gewesen sein mutz, erlangte Zutritt zur Wohnung durch die im Hausflur befindliche Seitentür. In den Zimmern traf er vermutlich Frau und Tochter allein an. da Schulze sich auf einem Geschäftsgang befand. Wahrscheinlich hat er dann einen im Arbeitszimmer liegenden Hammer ergriffen und damit die beiden Frauen niedergeschlagen. Als er beim Ausrauben der Kostbarkeiten im Laden begriffen war, l.btie unvermutet.Schulze von seinem Ausgang zurück, und nun stürzte sich der Einbrecher^ auf ihn und schlug ihn im Laden nieder. Der Wert der fehlenden Diamanten, Gold- und Silberwaren wird auf etwa zehntausend Mark geschätzt. *
Das Vsrbrechen einer Mutter.
Ein Privattelegramm meldet uns aus Dresden: Im Walde bei Röderau wurde gestern ein elfjähriger Knabe aus Wilmersdorf bei Berlin ermordet aufgefunden. Des Mordes verdächtig scheint feine eigene Mutter, die den Knaben offenbar erdrosselt hat. Der Knabe stammt aus der ersten Ebe der Mörderin. Die Mutter brachte ihn vor etwa acht Tagen nach Roderau, ermordete ihn im Walde und hängte ihn dann an einem Baume auf. Die augenscheinlich a elfte Str ante Frau meldete den Tatbestand darauf in einem Brief ihrer Schwester, die wiederum die Polizei benachrichtigte. Die Riesaer Behörde entsandte eine Kommission au den Tatort. Der Knabe war mit dem Kopfe nach unten aufgehängt, und der Hals wies mehrere Stichwunden auf. Di« Tä- tcftu ist alsbald mit dem Schnellzug nach Dresden abgereist, um sich (wie sie in einem Brief an ihre Schwester bervorhob) das Leben zu nehmen. Es ist bisher nicht gelungen, den Verbleib der unglücklichen Frau zu ermitteln, dir bereits einmal längere Zeit in einer Irrenanstalt interniert war.
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Fugend von heute.
AuS Zweibrücken in der Pfalz wird uns telegravhisch gemeldet: In der hiesigen katholischen Kirche wurde in der vorvergangenen Nacht ein Einbruch verübt. Sämtliche Schubladen und Schränke in der Sakristei wurden erbrochen, Meßgewänder und Kelche durcheinandergeworfen und ein Teil des Kir- cbeninventars zerstört. Die Einbrecher batten einen Zettel am Tatort zurückgelassen, auf dem sie mitteilten, daß sie „das Gewünschte nicht gefunden hätten". Durch diesen Zettel gelang es. noch im Lause des gestrigen Tages den vierzehnjährigen Fortbildunasschüler Paul Ehrhardt und seine zwölf Jahre alte Schwester als die Einbrecher zu ermit
teln und festzunehmen. Die beiden Kinder hatten sich schon seit drei Tagen vom Hause entfernt und seitdem sieben Einbruchs- diebstähle ausgeführt. Nachts hausten sie in Heuschuppen, am Tage besuchten sie die Kinos. Bei ihrer Verhaftung gaben sie alles unumwunden und ohne Reue zu. Es handelt sich um die Kinder eines Tagelöhner-Ehepaares, das eine sehr unglückliche Ehe führt. Die beiden Kinder wurden von den Eltern ost schwer mißhandelt, und dies scheint sie dann auch auf den Weg des Verbrechens getrieben zu haben.
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Der Bostoner Rieseubrand.
Zu der Hotelbrand * Katastrophe, die sich am Montag in Bostou (Nordamerika) ereignet hat, werden uns in Ergänzung unserer gestrigen Meldungen aus Newyork folgende Einzelheiten berichtet: Das Revere-Hotel in Boston, eines der berühmtesten Hotels Amerikas. das in früheren Jahren viel hervorragende Persönlichkeiten beherbergte (unter anderen den König Eduard von England und den früheren Kaiser Dom Pedro von Brasilien), ist am Montag ein Raub der Flammen ge- worden. Das Feuer entstand in einem im ersten Stockwerke befindlichen Cafö und verbreitete sich bis in die obersten Etagen des fünfstöckigen Gebäudes. Biele Frauen flüchteten in ihren Nachtgewändern in der strengen Winterkälte auf die Straß« und mußten schleunigst in benachbarte Hotels gebracht werden. Männer, Frauen und Kinder kletterten durch die Fenster auf die anstoßenden Gebäude, um sich vor den Flammen zu retten. Ueber zwanzig Personen wurden durch die Feuerwehr gerettet. Zwei Frauen wurden aus dem obersten Stockwerke mit dem Kopfe nach unten beruntergelasscn und wurden von den auf der Straße befindlichen Feuerwehrleuten ausgefangen. Die meisten Hotelbewohner verlieren ihr sämtliches Gepäck. Die Höhe des Schadens konnte noch nicht festgestellt werden, ob Menschenleben zu beklagen sind, weiß mau ebenfalls noch nicht. *
Die Schätze des Adorado.
Man schreibt uns: Romanttsche Gedanken an längst verklungene Zeiten und an seine rätselhafte Menschen wurden in diesen Tagen in London in den Versteigerungssälen bei Sothebh erweckt, wo sonst nur die Leidenschaft des Besitzes oder des Goldes waltet. Um Gold handelt es sich auch diesmal, aber um Gold von rätselhafter, sagenumwobener Herkunft: Um Schätze ans dem Eldorado! Die Geschichtsforscher haben viele Bände geschrieben über die Bemühungen Pizarros und seiner spanischen Genossen, die ganz Peru durchforschten, nach jenem mystischen hohen Priester der Inkas, der, über und über mit Goldstaub bedeckt, auf dem Heilgen See von Guatavita einherfuhr und Gold und Juwelen in die unergründet en Tiefen des Sees warf, um zürnende Götter günstig zu stimmen und ihren Segen auf die Ernten der Indianer herabzuflehen. Es ist fchon vor einigen Monaten bekannt geworden, daß eine unternehmungslustige cuglifche Gesellschaft seit einiger Zeit die Tiefen des Gua- tavita-Sees systematisch durchforscht, um jene versenkten Schätze des „el dorada", des ^Vergoldeten", wiederzusindeu. Das Unternehmen arbeitet mit allen Hilfsmitteln moderner Technik und manche Anzeichen beweisen, daß in der Tat in den Tiefen jenes alten heiligen Sees alt« peruanische Goldschätze schlummern. Bis jetzt hat man freilich nur einzelne massiv goldene kleine Schmuckstücke gefunden, und sie waren es, die bei Sotheby unter den Hammer des Auktionators kamen. Ein achteinhalb Unzen schweres Brustschild ans lauterem Golde wurde für 1200 Mark verkauft, eine goldene Schlange von zwei Unzen Gewicht erzielte 900 Mark und die kleine, ebenfalls rein golden« Statuette einer altperuanischen Göttin fand für 620 Mark einen Liebhaber.
Ier Fund.
Skizze, von Georg Persich.
Als der junge Autokuffcher Retziu lange nach Mitternacht seinen Wagen in die Garage gefahren hatte, warf er noch, ehe er das Licht ausschaltete, einen Blick in das Innere des Taxameters. Schon wollte er die Tür wieder Zuschlägen, da bemerkte er in einer Ecke einen Gegenstand, ein längliches Paket. Die , schweren Stiefel des Aufsehers polterten auf dem Asphalt.
Mit rascheln Griff batte Retzin den Fund unter seinen Mantel gesteckt. Ein zweiter Griff drehte das Licht ab.
Er stand fast im Dunkeln.
Der Aufseher ging vorbei.
„War wohl ein strammer Tag?" erkundigts er sich.
„Und ob! Kaum 'ne halbe Stunde frei, immer unterwegs. Könnte umfallen, so müde bin ich."
„Dafür ist morgen ja auch bloß halber Dienst und Zeit zum Ausschlafen," meinte der Aufseher, wünschte gute Rächt und schritt weiter.
Retzin wollte ihn zurückrufen und ihm das Paket geben. Aber da dachte er an den letzten Fahrgast, der es verloren haben mußte.
Aus einem der feinsten Restaurants war er gekommen und hatte sich zum Bahnhof fahren lassen. Anscheinend ein Fremder, den Geschäfte nach der Hauptstadt geführt, der aber darüber Essen und Trinken nicht vergessen hatte ... man merkte es ühm an. Den Ueberziehor hatte «r über'm Arm getragen: fo war ihm das schmale Bündel wahrscheinlich später aus der Tasche gerutscht. Und jetzt konnte er schon die hundert' Kilometer entfernt fe:tt und den Verlust noch nicht mal wahrgenommen haben.
Das Paket knitterte unter der fiiblenden Berührung. Papiere waren darin. Weftpa- piere? Das hoffte er.
Am ltebsten hätte er gleicki nachgefehen, aber et mutzte sich gedulden, bis er in seinen vier Wänden war Die Anna würde schon schlasen. Sollte sie aufwachen. LÄrde er vorgeben. daß
er noch einen kurzen Bericht in einer Betriebsfache niederzufchreiben habe. Sie durfte nichts von der Geschichte wissen. Sie hafte so strenge Rechtlichrcitsbegrisse, die kleine Frau, war reell bis in die Fingerspitzen. Er ja auch. Keiner konnte ihm was nachsagen; er war unbescholten, unbestraft.
Aber auf einmal reich zu werden ... reich und unabhängig, das wünschte er sich feit Jahren. Und wenn man's so bequem haben konnte! Der angetrunkene Fahrgast würde sich seine Wagennummer doch nicht eingeprägt haben! Da mochte man nachsorschm, so viel man lvollte.
Er war allein in der Wohnstube, lauschte nach der Kammer, wo feine Frau schlief. Sie hafte sein Kommen nicht gehört, nicht gehört, daß er die Lampe angezündet hafte. Und ohne sich Zeit zu lassen, den Mantel abzulegen, ging er ans Werk. Er löste die Schnur, die den Umschlag zusammenhielt. Ein gelbes Kuvert kam zum Vorschein.
Ah! Es trug als Aufdruck ten Namen einer bekannten Bank.
Er hatte es sich ja gedacht. Nun würde auch das andere fchon stimmen, das mit dem Inhalt.
Aber das Kuvert war verschlossen.
Roch zögerte er. es zu öffnen.
Auf den Fußspitzen schlich er zur Kam- mertür.
Nichts rührte sich.
Ebenso behutsam kehrte er zum Tisch zurück.
Und wieder besah ex den Fund von allen Seiten. Hafte er die Hülle erst erbrochen, gab cs kein Bedenken mehr.
Was wollte er eigentlich mit dem Gelde? Er hafte sein Brot und die Anna war zufrieden. Die Anna würde doch auch fragen, woher er das viele Geld hätte. Und log er, wußte sie es sofort. Er wurde ja immer rot dabei. Sie würde ihm keine Ruhe lassen, bis er alles eingestanden. Dann aber würde sie nicht dulden, daß er auch nur einen Pfennig von dem fremden Eigenturr behielt.
Nein, so dumm war er nicht. Solch ein Glückszufall bot sich ihm vielleicht zum ersten und letzten Mal. Er würde den Fund geheim
halten und eines Tages mit der frohen Botschaft ins Haus Platzen, daß er in der Lotterie gewonnen. Die Rolle würde er sich vorher gut cinftubieien.
Er klappte sein Taschenmesser auf und wollte die Klinge unter den Rand schieben.
Ein Geräusch ließ ihn bestürzt den Kopf wenden. Seine Frau stand hinter ihm.
„Ich höre dich schon eine ganze Weile," sagte sie.
„Wamm bist du denn noch im Mantel? Und was tust du da?"
Er wollte das Kuvert verbergen, aber dadurch mußte er ja ihren Argwohn wecken.
„Ein Brief, den ich noch lesen will," antwortete er so unbefangen als möglich.
„Ein Brief, von wem?" Sie trat näher.
Er versuchte nun einen scherzhaften Ton anzuschlagen.
„Mußt du alles wissen? Welche Neugier! Geh nur wieder schlafen!"
Aber so war es wohl ganz verkehrt gewesen.
„Du hast doch keine Heimlichkeiten vor mir?" meinte sie und war schon neben ihm am Tisch. Und er mußte das Kuvert auch gerade so halten, daß sie den Ausdruck sehen konnte.
„Von einer Bank? Was hat dir eine Bank ZU schreiben?"
„Wird wohl mein Guthaben darin sein!"
Jetzt blickte sie auf und ihm prüfend ins Gesicht. Er spürte schon wieder die Röte, die da hineinstieg. Und ärgerte sich der Schwäche.
„Laß mich in Frieden. Wenn ich Heimlichkeiten vor dir habe ... wer ist schuld? Du! Man kann ja nicht aufrichtig fein. Hast bloß Vorwürfe für einen. So kommen wir aber nicht weiter. Nie! Man verliert jede Lust."
Er wußte kaum, was er redete, wollte sich nur »erteibigen.
„Zeig doch mal ben Brief her," sagte sie ruhig.
„Denk nicht daran!"
„Du wirst ihn gesunden haben. Eine Bank bat dir nichts zu schreiben, es fehlt ja auch die Adresse."
.Bist du aber schlau!"
„Du hast ihn gefunden und willst ihn öffnen.“
„Und wenn ...?“ war seine trotzige Ern- toiberung.
Sie ließ ben Blick nicht von ihm unb plötzlich war seine Hanb leer. Sie hafte ihm ben Funb entrissen.
„Nicht anrühren wirst bu das!"
„Willst bu mich hindern?"
Und als sie bejahte, packte er sie in ausbrechendem Jähzorn am Arm. Ein paaxmal griff er vergeblich nach dem Brief, den sie weit von sich hielt. Sie wehrte sich. Ein Ringen wurde daraus.
In blinder Wut stieß er mit dem Messer zu. Ein Schrei ...!
Feste Schritte auf hartem Boden.
„Mensch! Retzin! Ist der hier wahrhaftig im Wagen eingeschlafen!"
Der junge Kutscher hob den Kopf. Es brauchte einige Zeit, bis er sich zurechtgefunden.
Er kauerte im Türrahmen seines Wagens. Die Müdigkeit mußte chu überwältigt haben. Sie lag noch bleischwer auf ihm.
„Habe ich denn geschlafen? Lange»"
„Lange kann's nicht gewesen fein. Vor zehn Minuten haben wir ja noch miteinander gesprochen."
„Aber ich war doch schon weggegangen ... nach Hause! Oder hat's mir nur geträumt ?"
Er stand auf und reckte sich, und die häßlichen Bilder, die ihm im Schlaf erschienen waren, verflüchtigten wie Nachtgespenster.
In seiner Hand knitterte etwas, sie umschloß etwas.
Also doch!
Aber es waren nur zufammengeraffte Zei- tungsblätter, die der letzte Fahrgast zurück- gelaffen haben mochte.
„Hab ich gesunden," sagte er, sie dem Ausseher hinreichend.
Der lachte.
„Dürfen Sie mitnehmen, den Wertgegenstand. Und nun machen Sie, daß Sie nach Hanfe kommen!"
Retzin ging, unb wie er durch die Straßen schritt, war in ihm eine Freude und ein Dank- gefühl, daß seine Lände rein waren...