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Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
2. Jahrgang
Freitag, IS. Januar 1912
Fernsprecher 951 und 952.
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NuMmer 37
spruch strafender Gerechtigkeit!
F. H.
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geladen waren, nickt allzu kompliziert, dock
zialdemokratiicke Stimme für di:
ni:nr.li-1 rrmfitc die Urteilsverkündung aus formalen
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fein sollten, per Eisenbahn und Auto Schlebusch geeilt waren. Fest steht bis daß zwei Personen getötet und schwer verletzt wurden, von welch
und erbrach die zur Aufbewahrung der M o - bilifierungsakten des Regiments dienenden Stahlbehälter. Mit seinem Raube suchte er das Weite, wurde jedoch ergriffen und beim Militärgericht eingeliefert. In seinem Besitze befanden sich nur noch etwas über zweitausend Francs. Die geraubten Mobilisierungsakt c n konnten nicht mehr gefunden werden, da Jllsch sie offenbar an Dritte weitergegeben hat. Wie verlautet, hat Jllsch Helfershelfer unter den Offizieren seines Regiments gehabt, die auch an dem Raub der Mobilisierungsakten beteiligt gewesen sind. Es besteht die Annahme, daß die Geheimakten im Auftrag einer fremden Macht (gemeint ist O e st e r r e i ch) geraubt worden sind und sich auch bereits .in den Händen der Auftraggeber befinden.
ren zwei dem Tode nahe sind. Eine große Anzahl anderer Personen wurde leichter verletzt. Hinzu kommen nock jene Leute, die in den stark beschädigten Häusern leichtere Verletzungen erlitten haben. Die Ursache des Unglücks wird wohl kaum jemals festzustellen sein, da der einzige Zeuge, ein Arbeiter, in die Luft geflogen ist. Bon ihm hat man bisher nur einzelne Knochenteile sammeln können. Man glaubt, datz Ritroglizerin, das sich in dem Gebäude befand, infolge Gefrierens (in welchem Zustande es besonders explosiv sein sollt die Explosion herbeigeführt hat.
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nach heute, fünf letzte
re MebMer Katastrophe.
Drei Personen tot, vier schwer verletzt!
Ein Privat-Telegramm. meldet uns aus Köln : Die Dv u amit erp l 0 s i0 n in Schlebusch, die sich (wie wir schon berichteten) gestern mittag ereignete, wurde bis nach Düsseldorf, den Ortschaften bei Reuß und nach Bonn wahrgenommen und gab überall Anlaß zu der Meinung, es habe ein Erdbeben stattgesunden. Diese bedeutende Jernwirknng der Explosion 'dürfte auch der Grund fein, daß übertriebene Gerüchte über ihren Umfang verbreitet waren. Die Explosion beschränkte sick indessen auf einen Teil des Fabrikgebäudes und auch die Zahl der Opfer ist nicht so groß, wie man anfangs glaubte. Es geht »ns folgende weitere Meldung zu:
Köln, 18. Januar.
(Telegramm unsers Korrespondenten.)
Die Unglücksstätte in Schlebusch war gestern abend von Tausenden von Neugierigen umlagert, die auf die im bergischen Lande verbreiteten Extrablatt-Meldungen, wonach fünfzig Personen getötet und hundert verletzt
Der alte Mann, der einer ehrenvollen Laufbahn mühselige Plage nun als Sträfling hinter Kerkermauern enden soll, weckt tiefstes Mitleid: Denn mag der Bahnwärter Schaffrath auch nach dem Gesetz der „fahrlässigen Tötung und der Gefährdung eines Eisenbahntransports" schuldig fein; schuldiger als dieser von jahrzehntelanger Dienstarbeit zermürbte Greis sind sicher Die, die die Verantwortung dafür tragen, daß dieser eisgraue Sechsnudsech- zigjährige mit der Hand, dem Ohr und dem Auge altersschwacher Müdigkeit Tag um Tag vierzehn lange Stunden auf einem Posten ans- harren mußte, dessen Wartung die Kraft voller Mannes stärke heischte. Es ist immer wieder der alte Notschrei, der am eindringlichsten ins Ohr der menschlich Fühlenden gellt, wenn (wieder einmal!) eine Katastrophe auf der leichten Flucht der Schienenwege die Gemüter erschüttert, wenn das Verhängnis schreckliche Ernte gehalten, und das Gewissen der Menschlichkeit dringlich fragt: Welche dunklen Mächte woben hier das Menfchcn-Drama? Und immer noch, wenn eine Tragödie auf den Schienen zu betrauern war. wies der Wahrbeit Finger stumm auf die Ueberlastung des Eisenbahnpersonals hin, auf die H a st des Dienstbetriebs und den tollen Wirbel des Riese n v e r k e h r s. der vom einzelnen Beamten mehr Anspannung verlangt, als Geist und Körper herzuleiheu vermögen. Der dem Gefängnis überantwortete Sechsundsechzigjährige ist eine lebende Anklage wider das herrschende System, und die Menschlichkeit beklagt in diesem Greis das Opfer einer Sünde, die weit schwerer wiegt, als der Schuld-
Ein Privat-Telegramm von heute mittag meldet »ns: Durch den gewaltigen Luftdruck brach der Speisesaal der Fabrik zuzam- men. Von den Arbeitern wurden zwei getötet und fünf schwer verletzt; von diesen ist in der vergangenen Nacht im Krankenhause noch einer gestorben, sodaß die Katastrophe bereits drei Opfer gefordert hat. Sehr groß sind die Zerstörungen, die in der Fabrik und in den nahe gelegenen Otfckaften angerichtet wurden. Die beiden Gebäude, in denen die Ervlosion stattfand, sind vom Erdboden w'egge- f e g t worden, auch das in der Nähe stehende Ansscheidungsgebäude wurde zur Hälfte vernichtet. Kaum eine Fensterscheibe in der ganzen Fabrik und in der Umgegend ist ganz geblieben.
(Privat-Telegram m)
Belgrad, 18. Januar.
Ter Regimentszahlmeister d°s achten Infanterie-Regiments in Nisck, Michael Jllsch, raubte den Inhalt der ihm anvertrauten Regimentskasse in Höhe von zwölftausend Kronen
Zer Kanzler und die Parteien.
Herr von Bethmann „sammelt" weiter.
Der Reichskanzler setzt seine Bemühungen fort, für die Stichwahlen einen Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie herbeizuführen. Gestern vormittag fand eine Konferenz im Mi- nistersaal des Abgeordnetenhauses in Berlin statt. Anwesend waren Unterstaatssekretär Wahnschaffe, Herr von Heydebrand. Herr von Pappenheim, der Zentrumsmann Herold und der Nationalliberale Dr. Schiffer. Die Fortschrittliche Bolkspartei war Lei der Beratung nicht vertreten. Sie will sich offenbar in keiner Hinsicht prinzipiell binden. Die Regierung schiebt denn auch ihr die Schuld am Scheitern der Verhandlungen zu. Das offiziöse Wolfs- Bureau veröffentlicht folgende Erklärung:
Unterstaatssekretär Wahnschasse hatte am Mittwoch vormittag Unterredungen mit den Führern der bürgerlichen Parteien unter Ausschluß der Fortschrittlichen Volks Partei. Letztere lehnte es ab, sich an den Besprechungen zu beteiligen. Eine allgemeine Konferenz mit den bürgerlichen Parteien ist daher nicht zu- standegekommen.
Auch Konservative und Zentrum treten mit Erklärungen ähnlichen Inhalts an die Oeffent- lichkeit. So schreibt das Berliner Zentrumsblatt „Germania": Der von der Regierung unterstützte Versuch, für die Stichwahlen die E i- n i g u n g der bürgerlichen Parteien herbeizu- sührcn. scheiterte an der Haltung der liberalen Parteien, die sich Vorbehalten wollten. je nach Lage der Dinge einerseits mit den beiden konservativen Parteien und dem Zentrum, andererseits mit den Sozialdemokraten Wahlgeschäfte zu machen. Unter diesen Umständen kann den Wählern der Zentrumspartei- nur empfohlen werden, überall da, wo nicht bindende Abmachungen über gleichwertige Gegenleistungen getroffen worden sind, den liberalen Kandidaten gegenüber strikteste Wahlenthaltung zu üben.
InserUon»preise: Die sechSgespaliene geile für einheimische «es-Höste 15 Psg.. für au», wörtige Inserate 25 Vs.. ReklamezeUe für einheimisch« Geschäfte 40 S3f, für auswärtige Seschast« 60 Vs. Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 6 Mark pro Tausend b-. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung tn der Residenz und der Umgebung sind die Dasseler Neuester, Nachrichten et» por-ügliche» JnsertionSorgan. (SeschästSstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Ami IV 676-
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Ser Sreis auf der Strecke.
Der „Fall Schaffrath" vorm Reichsgericht.
... .In Sachen Schasfrath". Der Schlußakt spielt vorm Reichsgericht, dessen Strafsenat soeben ein Urteil bestätigt hat, das einen in treuer Pflichterfüllung und viertel- hundertjähriger, karg gelohnter Arbeit ergrau .. ten Beamten mit der Schuld eines schweren Vergehens bemakelt. Der Bahnwärter Schafsrath stand auf der Schwelle des fechsundzwanzigsten Dienstjahrs, imd hatte (ein Greis von sechsundsechzig Jahren!) bereits um die verdiente Ruhestand-Bewilligung ■g gebeten, als das Verhängnis ihn ereilte. Der i Alte war Bahn und Streckenwärter auf der MEssenbahnkinie Bonn-Euskirchen im Rhein land, und trotz des Vierteljahrhunderts treu gjerfünter Pflicht, trotz des Altersschnees aus Haar und Bart, und trotz der Gebrechen des - nah vollendeten siebenten Lebensjahrzehnts heischte des Dienstes ewig unbewegtes Reglement von dem greisen Veteran zweier Kriege - ' täglich vierzehn Stunden angestreng- fry fester Tätigkeit, die sich nicht etwa auf den Auslug vom kleinen Bahnwärterhaus beschränkte, sondern außerdem die regelmäßige Streckenrevision zwischen dem eignen und dem nächsten Wärtervosten, die Bedienung zweier Telephone und die Schrankenwartung nm nahen Gleisübergang zur minutiös geordneten Pflickt machte. Tag um Tag vierzehn lange Stunden mühseliger und vielseitiger Tienst- arbeit. in deren ewig gleichem, monotonen Lauf vom Morgendammern bis zu den Abend- : schatten hundertzwanzig Züge am einsamen Bahnwärterhaus vorüberbrausten.
Hundertzwanzig! Der Alte in der Wellblech-Baracke, der an seines Daseins MAbend vierzehn Stunden Tagesmühe für far» i gen Lohn im Dienst des Staates der Schwä che des Alters abringt, hält in der zitternden Hand das Leben und daS Schicksal von Tau senden, die Tag um Tag das fauchende Dampfroß an feinem Posten vorübertragt: Ein einziger Mißgriff der in langer Tienstar- beit ermatteten Rechten, ein winziges Versehen der vom Abend des Lebens gedunkelten K Augen, oder eine (verzeihliche) Störung im Gedächtnis des Alten: Und unabsehbares Unheil mußte die Folge fein! Und bet' Mann, der vor mehr als einem Vierteljahrhundert die kleine Wärterbude bezog, ergraute, ward altersmatt und schwach, erkannte int Empfin- W den treuen Pflichtbewußtseins selbst das Schwinden seiner Kraft und bat um Abschied- | bewilligung mit der Aussicht auf bescheidnen . Gnadenlohn: Dem Arbeitgeber Staat war und blieb der Sechsundsechzigjährige, was der Einundvierzigjährige einst gewesen: Der verantwortliche BeamtMder Tag um Tag ) durch vierzehn lange Stunden Hand und Hirn bei frischer Kraft erhalten, hundertzwanzig f,?. Züge signalisieren, Strecke und Schranke über» | Wachen und zwei Telephone bedienen mußte! Sah in den fünfundzwanzig Jahren dieser arbeitreichen Laufbahn keines der sonst so forschend spähenden Auguren Augen in die | acta personaiia dieses müden Braven; merkte keine wohlwollend sorgende Oberbehörde, daß der Mann alt und matt geworden?
Als er das erste Vierteljahrbundert treuer Pflichterfüllung überdauert, ereilte den nah an des biblischen Alters Schwelle Stehenden dgs Verhängnis: In einer regenbüftren Aprilnacht des Vorjahrs, als durch Verspätungen im Zugverkehr die sonst automatisck funktionierende Dienstordnung Storungen erlitten, entging Auge und Obr des Sechsundsechzigjährigen (als er hinter einem enteilenden Schnellzug grab bte Schranke emporwand) das Nahen eines aus der andern Richtung heranbrausen- den Eilzugs. Und das Unheil nahm seinen Lauf: Ein Wagen, der in dem verhängnisvollen Moment die Gleise kreuzte, wurde von der Lokomotive samt den Pferden zermalmt, und der Kutfcher erlitt fo fchwere Verletzungen, daß er bald darauf starb. Nächste Folge: Erhebung der Anklage gegen den Greis, wegen fahrlässiger Tötung und Gefährdung eines Eisenbahntransports! Die Strafkammer des Landgerichts Bonn billigte dem unter der Wucht feines Schicksals zusammengebrochuen Alten zwar mildernde Umstände zu, erachtete sich aber durch den Buchstaben des Gesetzes als zur Ahndung verpflichtet und verurteilte den in füiifundzwan- zigjähriger treuer Dienstleistung keines Fehls schuldig Gew ordnen zu zwei Wochen Ge- fängnisbaft; für den Beamten im Angesicht des Ruhestands gleichbedeutend mit der Aechtung unentschuldbarer Pflichtverletzung. Und das höchste deutsche Gericht hat dies Ur-, teil bestätigen müssen: Des Gesetzes Buchstabe ist mächtiger als der kategorischste Jmpe- ; stiel Wegschlichkeitt/
MMärskandal in Zerbisn.
Der Regimeniszahlmeister als Räuber.
ven oder das Zentrum, für öle Reichsparfei oder die Wirtschaftliche Vereinigung abgegeben werden.
Sine Phalanx der Linken?
rt (Privat-Telegramm.)
Berlin, 18. Januar.
Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, soll für die bevorstehenden Stichwahlen eine Verst ü n d i g u n g s a k t i o n der Linken im Gange sein. Nach zuverlässigen Mitteilungen haben gestern gleichzeitig mit der Stichwahlkonferenz des Reichskanzlers in einem anderen Raume des Abgeordnetenhauses ernsthafte Besprechungen zwischen führenden Politikern des Liberalismus und der Sozialdemokratie stattgefunden, die auf gemeinsames Operieren der Linksparteien bei den Stichwahlen abzielten. (Diese Nachricht erfährt ihre Bestätigung durch den in der Hauptsache fast übereinstimmenden Inhalt der freisinnigen und sozialdemokratischen Stichwahlparolen.)
Stichwahlparolen der Parteien.
(Privat-Telegramm.)
Dir konservative Partei.
Der Parteivorstand der beufsck-konservati. ven Partei fordert die Parteiangehörigen auf, in der Stichwahl dort, wo nicht Sonber- abkommen zwischen einzelnen Kreisen auf ausreichender gesicherter Grundlage vollwertiger Gegenleistung zustande kommen sollten, gegenüber den liberalen Kandidaten, die sich nicht ausdrücklich zum Eintreten gegen jede Schwächung der verfassungsmäßigen Rechte der Kaisergewalt, für völlige Sicherstellung eines ausreichenden Zollschutzes für Landwirtschaft und Industrie und für bte Sicherung der bürgerlichen Gefellschaft und des Einzelnen gegen den Terrorismus der Sozialdemokratie verpflichten, Stimmenthaltung zu empseh. len und auszuüben.
Die Fortschrittliche Volkspartei.
Ter geschäftsführende Ausschuß der Fortschrittlichen Bolkspartei hat (wie uns aus Berlin berichtet wird) gestern abend nach eingehender Verhandlung die Parole für die Stichwahlen ausgegeben. Sie laufet: Die mit uns verbündete nationalliberale Partei ist gegen jeden Gegner zu unterstützen. Im übrigen gilt die Losung: Keine Stimme für ein Mitglied der deütsckkonser- vaiiven Partei, der Reichspartei, des Zentrums, der Wirtschaftlichen Vereinigung oder einer anderen antisemitischen Gruppe. Auf zur Wahl, die reaktionäre Mehrheit darf nicht wiederkehren!
Die sozialdemokrattsche Parole.
Wie uns weiter aus Berlin gemeldet wird, veröffentlicht der sozialdemokratische Parteivorstand folgende Erklärung: Soll das augenblickliche politische Ziel erreicht werden, so müssen die Parteigenossen überall da. wo sie zwischen gegnerischen Kandidaten zu wählen haben, Denjenigen unterstützen, der die Jenenser Bedingunäen angenommen hat. In erster Linie haben sie in diesem Falle für den Fortschrittlichen einzutreten. Unter 5« inen Um ständen bars eine fn,
Winogradoff imd Setno.
Die neueste Spionage Affäre vor Gericht.
(Telegraphischer Bericht.)
Aus Leipzig berichtet uns ein Telegramm unsers Korrespondenten: Das Reichsgericht verurteilte soeben den Russen von Wino grab off und den Ungar von Cerno wegen fortgesetzter Spionage im Auftrag einer fremden Macht zn folgenden Strafen: Wino gradoff zu drei Jahren Festungshaft, Cerno zn drei Jahren Gefängnis.
Wie wir fchon telegraphisch berichtet haben, fand vor dem Reichsgericht in Leipzig gestern der Spionageprozeß gegen den Russen Viktor von Winogradoff aus Petersburg und den Ingenieur Wilhelm von C e r n o aus Szolonok in Ungarn statt. Die Verteidigung des Russen hatte der, Rechtsanwalt Sieveking aus Hamburg und die des Ungarn Rechtsanwalt Brückemaier übernommen. Die Anklagebehörde vertrat der Reichsanwalt Schweigger. Die Verhandlung fand im kleinen Saal des Reichsgerichts, nicht in dem großen Prunksaale, statt, in denen bisher den Herren Spionen der Lohn für ihre Emsigkeit zuteil wurde. Beide Angeklagten erklärten zu Beginn der Verhandlung, daß sie deutsch verständen, so baß der russische Dolmetscher nur zur Verlesung der Schriftstücke zugezogen wurde. Winogradoff ist am vierten November 1879 russischen Stils in Petersburg geboren. Er ist Oberleutnant der Reserve der russischen Marine und gab in der Verhandlung an, daß er vom Herbst dieses Jahres an wahrscheinlich wiederOffizier werde, eine Aeußerung, die er erst auf dem Transport dem überwachenden Wachtmeister machte, während er diese Tatsache dem Untersuchungsrichter bisher verborgen gehalten hatte. Er ist unverheiratet und griechisch - römischer Religion. Cerno ist am achtunbzwanzigsten Oktober 1880 in Szolonok in Ungarn geboren und von Beruf Ingenieur. Nach Ableistung seiner einjährigen Militärpflicht ist er zum Oberleutnant des ungarischen Festungs-Ar- tillerie-Bataillvns in Peterwardein avanciert, evangelischer Religion, gleichfalls unverheiratet. Die Anklage beschuldigte beide Angeklagten der Verbrechen gegen den Paragraphen eins des Reichsgesetzes vom dritten Juli 1893 und der Paragraphen dreiundvierzig und siebenundvierzig des Reichsstrafgesetzbuches. Beide sollen
in den beiden letzten Jahren durch fortgesetzte Handlungen, die zum Teil ht Deutschland, zum Teil im Auslande ausgeführt worden sind, den Entschluß gefaßt haben, Schriften, deren Geheimhaltung zur Sicherheit des Deutfchen Reiches unbedingt nötig ist, in den Besitz der russischen Regierung gelangen zu lassen. (Versuchter Verrat militärischer Geheimnisse.) Auf Antrag des Reichsanwalts wurde die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Beide Angeklagte haben nackgewiesener- maßen die Spionage zu Gunsten und im Auftrage Rußlands getrieben. Ihre Verhaftung fand seinerzeit in der Umgebung einer der östlichen Grenzfestungen statt. Ma» scheint auch dort, wo früher in diesem Punkte eine gewisse Vertrauensseligkeit herrschte, allmählich vorsichtiger geworden zu sein, zumal die östlichen Seesestungen Danzig und Königsberg bedeutende marinetechnische Etablissements auftoeifern Es kommt hinzu, daß speziell Danzig, dessen Umgebung in erster Linie ausgekundschastet werden sollte, auf dem Wege ist, der bedeutendste Marineflugplav Deutschlands zu werden. Soviel verlautet, ist den Angeklagten nur geringwertiges Material in die Hände gefallen. Beide waren gestern in vollem Umfange geständig. Die Verhandlung gestaltete sich mit Rücksicht auf das Geständnis der beiden Angeklagten und angesichts des Umstandes, daß keine Zeugen