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Nummer 31.

Fernsprecher 951 und 952.

Freitag, 12» Januar 1912.

Fernsprecher 951 und 952.

2. Jahrgang.

Theophile IeKaffee.

Frankreichs Hoffnung, Deutschlands Herausforderung?

Die Krise im franzöfischen Kabi­nett scheint mit dem Ende des Mini­steriums Caillaux abschlietzen zu sollen. Die neuesten Depeschen aus Paris lassen es als nicht zweifelhaft er­kennen, daß Caillaux bei seiner heu­tigen Besprechung mit dem Präsi­denten der Republik Delcassöe als feinen Nachfolger Vorschlägen wird.

Wenn Eduard der Siebente, der spätgereifte Sohn dergroßen Queen", heut noch unter den Lebenden weilte, dürfte er die Genugtuung fühlen, seines Königtums schönsten Tag erlebt zu haben: Theophile Delcassöe, Edu­ards rührigster und geschicktesterpolitischer Commis", der in sturmbewegter Zeit dem Ge­spenst der gepanzerten Teutonenfaust geopfert wurde, feiert in der dritten Republik seine staatsmännische Auferstehung, und cs gibt in den Kabinetten von London, Berlin und Pe­tersburg in diesen Tagen Manche, die einen Alp auf der Seele spüren und in der schnauz­bärtigen Gendarmensigur des neuen französi­schen Außenministers den Träger kommen­den Unheils wittern. Man weiß, wie schwermütig vor Jahren die Trauerweise klang, die das vom Chauvinistengeist noch scharf durchtränkte Frankreich demMärtyrer" Del- cassöe weihte, als internationale Höflichkeit und unabweisliche Rücksichtnahme auf den furor teutonicus die Regierung der Republik zwang, den Provokanten deutscher Würde aus dem Kabinettskahn auszuschifsen. Darüber sind nun Jahre verrauscht: Das Frankreich von damals ist ruhiger, gemäßigter geworden, und Delcassöes Märtyrerkrone schien fast ver­gessen; unzewandelt nur blieb du: Haß des einst Geopferten gegen Die, die ihn von des Tribunenruhms Zinne, mit rauher Faust in den Abgrund rissen.

Theophile Delcassöe hat in Deutschland stets die natürliche Zielscheibe seines gal­lisch-patriotischen Hasses gesehen. Ihm war das Reich ostwärts der Vogesenberge in den Jahren brausender Jugend sowohl wie später in der Arena des politischen Kampfs der Geg­ner, und in der Vorstellung dieses geistig hoch, gebildeten, politisch aber fanatisch-leidenschaft- lichen Franzosen hat sich die Idee derdeut­schen Gefahr" in allen psychischen Entwick­lungsphasen in derselben naiven Unbe- holfenheit erhalten, wie etwa im Gedanken­kreis deutscher Volksschul-Weltgeschichte die Vorstellung vomfränkischen Erbfeind". Del- cassäe ist weder Diplomat noch Politiker: Er ist Patriot und Fanatiker in einer Person, leidenschaftlich in seiner nationalen Liebe, wild und ungebändigt in seinem Haß; eine Natur, die vielleicht im alten Reitergeneral Gallifet ein in denselben Maßen gehaltnes Gegenstück hatte, und die sicher auch im Kriegshandwerk viel glücklichere Eigenschaften entwickelt haben würde, als in der Werkstatt der Politik, wo ein Helles Auge und ein kühler Kopf weit wichtiger sind, als der trutzigste Heldenmut. Diese menschgewordne Leidenschaft ward am Mini­stertisch für Frankreich zum Unheil, zeugte am Ruder der französischen Seemacht neues Ver­hängnis, und wird nun, zum zweiten Mal Lenker der Auslandpolitik (und vielleicht des Nationalschicksals) Frankreichs, der Republik sicher nicht zum Segen gereichen.

Selbst in Frankreich hört man des Schicksals schwere Flügel unheilkündend rau­schen: Ein Blatt von der maßvollen Ruhe des PariserFigaro" schrieb gestern, als das Ge. rücht sich verbreitete, Delcassöe werde das Erbe, des gestürzten Außenministers antreten, die Berufung des Provokanten Deutschlands würde in diesem Moment, da auf dem ganzen Erdrund die Sehnsucht nach dem Völkersrieden fühlbar werde, eine gefährliche Heraus­forderung sein, zu der der Präsident des Friedens, Armand Fallisres, niemals seine Zustimmung geben dürfe, denn die unaus­bleiblichen Folgen einer solchen Herausforde­rung würden ihn allein treffen. Herr Cail­laux, dessen Namen zurzeit die französische Volks­regierung noch trägt, hat die hier -gekennzeich­neten Gefahren offenbar nicht so hoch einge- fchätzt, denn es wird berichtet, daß er an Theo, phile Delcassse dasdringende Ersu­chen" gerichtet habe, das verwaiste Ministe­rium der A''slandspolitik unverzüglich unter seine Fittiche zu nehmen: Ein Vertrauens­zeugnis, da? Herrn Delcassöe bis zur Tränen- xührung bewegt haben soll. Angesichts der Tatsache, daß die letzte Woge französischer Kuliflenpoliti! das einstigeSühneopfer" Del- eassöe wieder auf die höchste Höhe internatio­

nalen Einflusses emporgetragen hat, erübrigt es sich, Betrachtungen über die theatralisch- peinliche Art, wie man den Dutzendmann d e Selbes in der Versenkung verschwinden ließ, zu versuchen: Das Wichtigere -geht vor! Ein englisches Blatt hat gestern (als der Draht von Paris nach London die Kunde trug: Delcassee redivivus!) die Befürchtung ausgesprochen, daß mit dem Wiederaustreten Delcassöe's auf der internationalen Völker­bühne der politische Horizont durch neue, düstre Wolken verfinstert werde. Diese Befürchtung wird nicht nur durch die ministe­rielle Vergangenheit desEisenfressers" ge­stützt: Sie erhält ihre bedeutsamste Be- kräftigung durch die beängstigend-rührige poli­tische Betätigung, die Delcassöe in der kurzen Zeitspanne seiner marineministerlichen Wirksam­keit entfaltet hat.

Auf einem neuen Ministerstuhl kaum wieder warm geworden, drängte es den eben aus dem Exil Heimgekehrten, die Welt durch hal­lende Worte über FrankreichsErzbereit, schäft zur See" in einer Zeit zu beunruhi­gen, als der politische Wetterzeiger auf Sturm an allen Enden wies, und daß auch während des deutsch-französischen Marokko-Han­dels Theophile Delcassöe als emsigster Regis­seur hinter der Szene lauerte, wagt längst kein Kundiger mehr zu leugnen. Es ist also weder Ueberteibung noch Schwarzseherei, hier von einer Gefahr zu sprechen, die Frankreich durch dieRehabilitierung" Delcassöe's auf sich selbst und auf die europäische Weltzentrale überhaupt heraufbeschworen hat, denn Theo­phile Delcassöe wird auch auf der Höhe neuen Heldentums" bleiben, was er stets und immee war: Ein F a n a t i k e r, der im politischen Han­del weder Maß noch Ziel kennt, und der deshalb seinem Vaterland ebenso gefährlich werden kann, wie den politischen Nachbarn der Repn. blik. Die Lohe seiner Leidenschaft wird zwar nicht mehr (wie einst) des siebenten Cvikard Eisen zum Schmieden glühen, aber in der Londoner Downing-Street harrt Sir Edward Grey schon längst sehnsüchtig des Partners. Und was Delcassöe's Lebensinhalt, ist gestern diesem selben Grey (von einem engli­schen Blatt) als seines Daseins Dichten und Trachten attestiert worden: Der verhäng­nisvolle Haß gegen Deutschland!

F. H.

*

Demission des Gesamt-Kabinetts.

(P r i v a t - T e l e g-r a m m.)

Paris, 11. Januar.

DaS gesamte Ministerium Caillaux hat gestern abend seine Demission gege­ben. Caillaux hielt gestern nachmittag einen Kabinettsrat ab, der sich mit Unterbrechung bis neun Uhr abends hinzog. Um sieben Uhr traf der Senator B a u d i n ein, dem das M a- rineMinisterium angeboten war; er hat­te vorher mit verschiedenen Führern der radi­kalsozialistischen Partei konferiert. Kurz vor neun Uhr wurde die Beratung der Minister geschloffen und Caillaux teilte den Vertretern der Presse eine Note mit, die besagt, dass die Besetzung des Marineministeriums auf Schwie­rigkeiten stoße, und daß sich das Kabinett des­halb nicht in der Lage sehe, sich heute der Kammer vorzustellen. Jnfolgedeffen glaubeCail- laux, nicht mehr die Verantwortung für die Leitung der Regierung tragen zu können. Cail­laux begab sich sodann zum Elisöe, um dem Präsidenten Falliöres die Demission des Kabinetts zu überbringen. Senator B a u d i n hat die Uebernahme des Marineministeriums abgelehnt. Der Ministerrat war insbeson­dere der Ueberzcugung, daß das Ministerium, selbst wenn es sich vollzählig der Kammer vor­stellen könnte, heute doch voraussichtlich gestürzt werden würde. Unter diesen Umständen er­schien es besser, die Demission des Kabinetts sofort einzureichen. Nach der ganzen Sach­lage ist es nicht zweifelhaft, daß Caillaux dem Präsidenten der Republik Herrn Delcassöe als seinen Nachfolger Vorschlägen wird. Bon anderer Seite wird berichtet, daß außer Delcassöe auch Briand (der frühere Ministerpräsident) und Poincarc Anwart­schaft auf die Nachfolge Caillaux' haben. Die Nachricht von der Demission des Gesamt-Kabi­netts rief in Paris das größte Aufsehen hervor.

Was wird nun werden?

(Privat-Telegram m.)

Paris, 11. Januar.

Präsident Falliöres wird heute die Präsidenten der Kammer und des Senats zu sich berufen, um die allgemeine Lage und die sich daraus ergebenden Konsequenzen mit ihnen durchzusprechen. Im Elisöe zeigt man sich zur Stunde einem Ueberganasministerium mit

Jean Dupuis als Ministerpräsidenten ge­neigt, weil die allen Parteien sympathische Per­sönlichkeit Dupuis, des Herausgebers oes ein­flußreichePetit Parisiene" die größte Ge­währ für die möglichst schnelle Verabschie­dung der Marokko- und Kongovorlage ver­bürgt. In politischen Kreisen ist man aller­dings überzeugt, daß lediglich Delcassöe als ernstlicher Anwärter auf die Nachfolge Caillaux' in Frage komme. In einem Kabinett Delcassö werde dann der Sozialist Mille- raud das Beußere übernehmen.

Der Newyorker Riesenbrand.

Millionen unter Trümmern und Asche.

Die furchtbare Brandkatastrophe in New- York, über die wir bereits gestern eingehend berichtet haben, und der der Riesenpalast der Equitable - Lebensversicherungsgesellschafi zum Opfer gefallen ist. hat (wie nun amtlich festgestellt ist) sechs Menschenleben ge­fordert, während sich in den Krankenhäusern noch zwölf Schwer- und achtzehn Leichtverletzte befinden. Mit dem Niederreißen der Manern und dem Wegräumen der Trümmer des Eqni- table-Palastes ist heute früh begonnen worden. Weiter wird gemeldet:

Newyork, 11. Januar.

(Privat-Telegram m.)

Aktien im Werte von viertausend Millionen Mark liegen unter den Trüm­mern des Equitable-Palasts begraben. Es be­steht indessen die Hoffnung, daß die Werte un­beschädigt sind. Die Abrechnung an der Börse hat infolge des Brandes gestern gegen vor. gestern eine Abnahme von hundertzehn Mil- lionen Dollar erfahren. Wegen der Eismassen ist es unmöglich, zu den Sicherheitsgewölben des Equitable-Gebändes vorzudringen, in de­nen allein für tausend Millionen Mark Werte an Aktionen, Fonds und Pfandbriefen eingeschlossen sind. Obwohl der Börsenvor- f£nb die Tageslieferungen suspendierte, ist ein g t o 6 e r G efch ä ft s au S fall durch das Feuer verursacht worden. Bei dem Brande des Equitable-Palasts sind auch die Geschäfts- bücher der Union-Pacific

ständig vernichtet worden. Ueber dem Gewölbe des Gebäudes ruht eine fünfundzwanzig Fuß hohe Schicht von Trümmern, die den Zu- tritt zu dem Gewölbe vorläufig als ausstchts. los erscheinen läßt.

Sie Opfer der Katastrophe.

(P r i v a t - T e l e g r a m m.)

Wie uns weiter berichtet wird, befinden sich unter den zwölf Schwerverletzten, die bei dem Brande des Equitable-Palastes verunglückt sind, neun, die kaum mit dem Leben davon- kommen dürften. Einigen von ihnen mußten gestern Arme oder Beine amputiert wer­den, da die Gliedtnaßen durch die eiuMrzen- den Trümmer zerquetscht worden waren. Der Hausmeister, durch dessen Schuld der Brand verursacht worden ist, wurde gestern in Haft genommen. Er ist vor Schrecken fast wahn­sinnig geworden.

Erzbischof nnd Erzherzogin.

DerAbraham a Santa-Clara" von Ungarn.

Ungarn hat wieder einmal ein kleines, und nicht ganz uninteressantesSensatiönchen", in dessen Mittelpunkt ein greifet Erzbischof und eine noch recht jugendliche Erzher­zogin ans dem österreichischen Kaiserhause stehen. Es scheint, daß das Intermezzo noch einige pikante Nachwirkungen haben wird, denn wie verlautet, hat der Vorfall in der Wie­ner Hofburg sehr peinlich überrascht. Nach den Meldungen ungarischer Blätter handelt es sich bei der Affäre um folgende Vorgänge:

Budapest, 11. Januar.

(Privat-Telegram m.)

Der Erzbischof von Stuhl-Weißenburg, Dr. Otto Karl Prohrska, der als moderner Jünger Abraham a Santa-Claras bekannt ist, und schon wiederholt mit der Gesellschaft in Konflikt geraten war, Hai neuerdings in den Kreisen des Hofadels und des höfischen Klerus unliebsames Aufsehen erregt Dies­mal richtete sich seine Rede gegen dieErzher - jogin Augusta, die Gemahlin des Erzher­zogs Josef, die sich mit großer Vorliebe bei der Organisierung der ungarischen Armen- pflege und der Volkshygiene betätigt. Sie wurde nicht müde, in der letzten Zeit die Spi­täler zu besuchen, um sich von den Zuständen in den Anstalten persönlich zu überzeugen. Der letzte Satz der Rede des Bischofs gegen die Erzherzogin lautete:Alle soziale Arbeit kann nur im Berus verrichtet werden und es ist unwirksam, wenn soziale Arbeit als Mode getan wird." Jene Erzherzogin, die sich in Spitäler begibt, darf nicht den Sinn darauf richten, daß möglichst große Boutons in ihren Ohrläppchen glänzen, große Strau­ßenfedern auf dem Hute sitzen und seidene Kleider, «ine möglichst wunderbare .Frou" ha­

ben, sondern sie müßte sich «in Waschkleid a n z i e h e n, bann, erst bann würbe sie der Arbeit unb ihrem Milieu entsprechen . . ."

*

Wie verlautet, ist man in ben Kreisen des Hofes und des Hochadels über die Angriffe des Erzbischofs auf die fürstliche Wohltäterin umso mehr entrüstet, als Erzherzogin Augusta streng kirchlich gesinnt ist und ihren religi­ösen Pflichten mit großem Eifer obliegt. Von hoher kirchlicher Seite soll denn auch dem greifen Erzbischof nahe gelegt worden fein, feine kränkenden Bemerkungen zu berichti­gen unb bie Erzherzogin auf schonende Art zu versöhnen.

Spion Slnnß verhaftet!

Der Spionagechef von der Wasserkante.

Wie wir seinerzeit mitteilten, war der eigen!, liche Organisator und Leiter der Wilhelms­havener Spionage-Umtriebe, der Schutzmann Wilhelm G l a u ß, in den ersten Dezcmberwochen vorigen Jahres aus Wil­helmshaven flüchtig geworden, um sich der ihm drohenden Verhaftung wegen der Spio. nage-Verbrechen zu entziehen. Glauß hatte sich von Wilhelmshaven über Holland nach Lon­don gewandt, wo er jetzt verhaftet worden ist. Es wird uns darüber berichtet:

London, 11. Januar.

(Privat-Telegramm.)

Gestern nachmittag wurde hier der Mch- tige deutsche Polizist Wilhelm Glauß aus Wilhelmshaven, der auf einen Aus­lieferungsantrag seitens der deutschen Be­hörden verhaftet worden war, dem Polizeigericht vorgeführt. Glauß ließ durch feinen Dolmetscher erklären, die deutsche Polizei gebe sich die größte Mühe, ihn wegen Spionage in die Hände zu bekommen, sie habe die Beschuldigung der Unterschlagung nur als Vorwand benutzt. Der Vorsitzende erwiderte, er werde dies untersuchen, wenn die Protokolle vorliegen würden, und verhängte die Untersuchnngs- hast Über den Angestagten.

Glauß, ber nicht nur als Spion, sondern auch als Einbrecher unb Defraubant sich schwe­rer Vergehen schuldig gemacht hat, wird nach ben zwischen England und Deutschland beste­henden Auslieferungsverträgen zweifellos den Gerichten in Wilhelmshaven ausgeliesert wer­den. Da indessen die Auslieferung nur für die Straftaten des Einbruchs unb der Unter­schlagung, nicht aber auch für die Spionage gilt, kann Glauß nach feiner Auslieferung an Deutschland wegen Spionage nicht mehr ver­urteilt werden, sondern lediglich wegen seiner übrigen Verbrechen.

Irr 8ng zum Pol.

Ein Interview mit dem Polarfahrer Otto von Nordenfljöld.

(Von unferm Korrespondenten.)

Ter betaimte Polarforscher Professor Otto von Nordenskjöld, der sich gegenwärtig auf Einladung einer Reihe wissenschaftlicher vereine auf einer Vor. tragstournse durch Deutschland befindet, hat auf der Durchreise einem unserer Mitarbeiter eine Unterredung gewährt und sich in interessanter Weise über verschiedene Einzelheiten der Polarforschung gcäutzert.

Otto von Nordenskjöld, ein Steffi des berübtmen Entdeckers ber Norbostpassage, ist ein Mann von etwa vierzig Jahren, dem man bie jahrelangen Strapazen in ber Antark­tis nicht ansieht. Seine Führung der schwebi- dischen Sübpolarexpedttion in ben Jahren neunzehnhunderteins bis neunzehnhundertdrei hat ihn mit einem Schlage in bie vorderste Reihe ber Polarforscher gestellt. Aus feinen Mitteilungen geben wir folgenbes wieber: Ge­genwärtig finb nicht weniger als fünf Ex­peditionen nach dem Südpol unterwegs. Schon vor einigen Jahren hatten bie Japaner eine Expebition nach bem Südpol ausgesandt, die aber wegen mangelnder Ausrüstung kläglich scheiterte. Jetzt ist wieder eine neue japanische Erpedition unterwegs, ber aber auch nicht viel Erfolge befdiieben sein dürften, denn die Japa­ner sind auf bem Gebiet ber Polarforschung noch zu wenig erfahren, ihr Unternehmen stellt sich mehr als ein Experiment dar. Eine zweite Expedition hat Australien ausgerüstet. Sie ist gut vorbereitet unb steht unter der Leitung eines Vertreters von Shakkleton. Größere Er­wartungen darf man an bie brei übrigen Unter­nehmungen knüpfen,

die deutsche Expedition unter bem Oberleutnant Filchner, bie eng­lische unter Scott unb bie norwegische unter Amundfen. Diese Expebitionen ftnb sämt- lich gut organisiert unb 'mit vorzüglicher Aus­rüstung versehen. Letzterer ist inzwischen im geheimen abgefahren, wahrscheinlich, um Scott zuvorzukomm-m. Filchners Absicht ist in erster Linie die, geographische Entdeckungen zu machen, bie Erreichung des Sübpols kommt bei ihm erst in zweiter Reihe in Betracht. Eine Möglichkeit, mit Luftschiffen die Pole zu erreichen, ist vorhanden; ob bas Exveriment freilich bei dem gegenwärtigen Staube der Tech­nik glücken wird, erscheint zum mindesten nicht sicher. Die Schwierigkeiten finb beim Südvol