Nr. 29. — z. Jahrgang
wurden vollständig demoliert; die Trümmer fingen Feuer und brannten bis auf das Eisengerippe vollständig aus. Aus Montreal gingen auf die Meldung, daß dreiunddreißig Personen bei dem Zusammenstoß ihr Leben eingebüßt hätten, sofort zwei Hilfszüge mit Aerzten und Verbandsmaterial ab. Glücklicherweise bestätigte sich die erste Nachricht von den dreiunddreißig Toten nicht; es wurden vielmehr nur drei Tote festgestellt, deren Leichen zwischen die Trümmer der demolierten Wagen eingeklemmt waren, und bei dem Brand der Trümmer vollständig verkohlten. Außer den Toten wurden sechzehn Schwerver- letzte und zweiundzwanzig andere Personen ermittelt, die leichtere Verletzungen erlitten haben. Die Verwundeten wurden nach Montreal ins Krankenhaus gebracht. Von den Schwerverletzten dürften nur wenige mit dem
Leben davon kommen.
Teplitz, 9. Januar. (Privattele - gramm.) Bei der Haltestelle Neumühle stieß gestern abend ein Motorwagen mit einem vollbesetzten Vorderwagen zusammen. Der Passagiere bemächtigte sich eine große Panik. Viele sprangen aus dem Wagen, dabei wurde der Maler Frenzel so schwer verlebt, daß er nach wenigen Minuten starb. Mehrere andere Personen wurden leichter verletzt. Die Ursache des Zusammenstoßes ist noch nicht ermittelt.
Explosion im Kanonsnwerk.
(Privat - Telegramm)
Paris, 9. Januar.
Ein schwerer Unfall ereignete sich gestern nachmittag gegen fünf Uhr in der Kanonengießerei von Ruelle in Angouleine. Die Arbeiter wollten gerade die Werkstätten verlassen, als plötzlich ein furchtbarer Knall ertönte. Die Leute stürzten nun in wilder Panik den Ausgängen zu, nur einige Beherztere eilten in den Saal, wo die Kanonen gegossen wurden. Dort war auf bisher noch nicht aufgeklärte Ursache die Gußmasse zu einem dreißigtausend Kilogramm schweren Geschütz explodiert. Die Folgen waren entsetzlich : Durch die Gewalt des Luftdruckes wurde das Dach des Schuppens abgehoben und mehrere Personen aus dem Gebäude herausgeschleudert. Nachdem die erste Aufregung vorüber war, wurde mit der Bergung der Verunglückten begonnen. Im ganzen wurden fünfzehn Arbeiter schwer verletzt, mehrere von ihnen mußten in hoffnungslosem Zustande ins Krankenhaus gebracht werden, ein Arbeiter war sofort tot
Ne nicht wiederkehren...!
„Die Armee der Mandatsmüden".
(Vvn unferm parlamentarischen Mitarbeiter.)
Berlin, 9. Januar.
Der neue Reichstag wird infolge der Nichtwiederwahl zahlreicher bekannter Parlamentarier ein ziemlich verändertes Aussehen erhalten. Eine große Anzahl bisheriger Reichstagsmitglieder wird nämlich in den neuen Reichstag nicht wieder einziehen, weil sie keine Kandidatur mehr angenommen haben. Dazu werden Andere kommen, die zwar als Reichstagskandidaten aufgestellt waren, imWahlkampf aber unterlegen sind. Unter den neuen Männern werden sich zum Teil schon bekannte Parlamentarier befinden, die in den Parlamenten einzelner Bundesstaaten (namentlich im preußischen Abgeordnetenhaus) bereits Mandate innehaben. Während auf der einen Seite bei den Parteien (besonders beim Zentrum) das
__________________________________Casseler Neu
Bestreben dahin geht, die große Zahl der „Dop- pelmandatare" abzuschaffen, haben die Libera. len für den Reichstagskampf eine Reihe von Kandidaten aufgestellt, die bisher dem preußischen Abgeordnetenhaus angehörten und die im Falle ihrer Wahl die vielen liberalen Doppelmandatare verstärken werden. Die Zahl der Abgeordneten, die fr e i w i ll i g nicht mehr in den Reichstag einziehen werden, ist recht beträchtlich. Die Gründe ihres Verzichts liegen auf verschiedenen Gebieten: Die einen scheiden wegen zu hohen Alters aus, die andern wegen Ueberhäufung mit Berufsgeschäften, einige fchließlich auch aus Politischer Verärgerung. Nachdem die Kandidatenliste nunmehr vollständig vorliegt, läßt sich ein genaues Bild geben von den Abgeordneten, die sich bei den Neuwahlen um ein Mandat nicht mehr bewerben. Es sind achtzehn Konservative, sieben Reichsparteiler, einunddreißig Anhänger des Zentrums, siebzehn Nationalliberale, siebzehn Freisinnige, acht Polen, vier Sozialdemokraten, vier Mitglieder der Wirtschaftlich en V e r e ini g u n g und sieben Fraktionslose. Nach den Parteien geordnet sind es die folgenden Abgeordneten:
Konservative:
von Elexn, Dröscker, Feldmann. Graf Finck von Finckenstein, Glüer, Fürst Hohenlohe-Oeh. ringen, Mentz, Pauli (Potsdam), Perniock, von Saldern, Frhr. von Steinäcker, Schickert. von Staudh, von Treuenfcls, von Rautter, Winckler und Wilckens.
Reichspartei:
von Dircksen, Fürst von Hatzfeld, Erbprinz von Hohenlohe, Löscher, Pauli (Eberswalde), Scherre und Schlüter.
Zentrum:
Hcrzo von Arenberg. Beck (Aichach), Bitter, Euler, Fritzen (Mörs), Fritzen (Kempen), Fleischer, Frhr. von Freyberg, Gleitsmann, Hauß, Heim, Holzapfel. Hinterwinkler, Ha- mecher, Hoen, Krebs, Lehemeir, Kalckof, Opfergelt, Pichler. Orlowski, Graf Oppersdorfs, Frhr. von Pfetten, von Strombeck, Spahn jun., Stupp, Spindler, Schneider, Vonderscheer, Will und Frhr. von Wolff-Metternich.
Nationalliberale:
Buchsieb, Boltz, Fehlhauer, Findel, Hagen, Haas, Merkel, Müller (Rudolstadt). Ortel. Sievers, Trautmann, Wehl. Waber, Wetzel, Wilde, Wommelsdorf und Wölzl.
Freisinnige:
Graf von Bothmer, Buddeberg, Carstens, Cuno, Dohrn, Enders Hoffmeister, Leonhart, Mommsen, Pfundtner, Potthoff, Stengel, Storz, Spethmann, Schrader, Wagner (Freudenstadt) und Wieland.
Polen:
Brojski, von Dziembowski. von Janka-Pol- czhnski, Napieralski, Kulerski, von Trzcynski, Konfanth und Waida.
Sozialdemokraten:
Bömelburg, Eichhorn, Faber und Heine.
Wirtschaftliche Vereinigung:
von Damm, Gäbel, Hanisch und Stauffert. Fraktionslose:
Arnold, Gregoire, Lehmann (Jena), La- broise, Preiß, de Wendel und Wiltberger. Im ganzen sind es also hundertneun Abgeordnete, die freiwillig auf ein Mandat verzichtet haben. ,wc.
M Politik der Tages.
Revirement im Kolonial Dienst.
Ein Privattelegramm meldet uns aus Berlin: Schon vor einiger Zeit hieß es, daß Herzog Adolf Friedrich zu Meck-
iste Nachrichten
lenburg demnächst in den aktiven Kolonial- dienst eintreten werde. Wie nun eine offiziell bediente Korrespondenz erfahren haben will, soll er den Gouverneurposten von Togo übernehmen. Da diese Stelle aber nach dem Ausscheiden des Grafen Zeech erst kürzlich neu besetzt wurde, so nimmt man an, daß ein großer Wechsel in den Gouverneurposten bevorsteht.
Ein neuer englischer Riesenstreik?
Aus Essen wird uns depeschiert: Nach den im Ruhrkohlenrevier eingegangenen Meldungen nehmen alle sachkundigen Beurteiler als sicher an, daß die Geheimabstimmung der englischen Kohlenbergleute am Mittwoch, Donnerstag und Freitag vor gehen und daß sie einstimmig zu Gunsten eines allgemeinen Streiks zum ersten März ausfallen wird. Fast alle Bergarbeiterversammlungen in England, die in den letzten Tagen abgehalten sind, nahmen dieses Ergebnis als selbstverständlich an. Die wirtschaftlichen Folgen eines großen englischen Kohlenarbeiterstreiks zum beginnenden Frühjahr würden auch Deutschland stark in Mitleidenschaft ziehen.
*
Wie aus Berlin berichtet wird, soll das Schiffahrtsabgabengesetz, für dessen Inkrafttreten der Termin einer kaiserlichen Verordnung überlassen worden war, nunmehr am ersten Januar nächsten Jahres in Kraft treten. Bis zu diesem Termin sollen nach dem Beschluß des Bundesrats die noch zu bildenden Behörden vollständig konstituiert sein.
Aus B e r l i n wird uns gemeldet: Die wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen hat bezüglich der Frage, ob ein Bedürfnis zur Feststellung der V i r g i n i t ä t bei der Leichenschau zwecks Feuerbestattung vorliege, in verneinendem Sinne entschieden. Tie seltsame Bestimmung dürfte also fallen.
Depeschen aus Belgrad besagen, daß dort große Aufregung herrscht wegen der aus Mazedonien und Albanien einlaufenden Nachrichten über A u f st ä n d e, auch hegt man Befürchtung wegen der in Bosnien stattfindenden Truppenansammlungen. Es werden Unruhen befürchtet.
Rems hom Tage.
(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.) üt Das Detmolder Schülerduell. Zu dem angeblichen Schülerduell in Detmold, über das wir gestern bereits berichteten, wird noch gemeldet: Der in Rinteln an der Weser beheimatete siebzehnjährige Schüler hat, nach der jüngsten Version, kein Duell gehabt, sondern einen Selbstmordversuch unternommen. Er soll einen, ihm nicht gehörigen Betrag verjubelt haben, dessen Wiederersetzung ihm Schwierigkeiten bereitete. In seiner Verzweiflung soll er drei Kugeln auf sich abgeseuert haben, von denen eine traf und ihn schwer verletzte. An seinem Auskommen wird gezweifelt.
ur Explosion in einer „Droschke". Große Aufregung entstand unter den Straßenpassanten an einem Droschkenhatteplatz in K ö l n , als plötzlich einer der dort stehenden Wagen nach heftiger Detonation auseinanderklog. Personen kamen glücklicherweise bei dem rätselhaften Vorfall, bei dem es sich vermutlich um die Explosion einer Dynamitbombe handelt, nicht zu Schaden. Ein elegant gekleidetes Ehepaar hatte kurze Zeit vorher das Fahrzeug verlassen. Die Polizei hat sich der Sache angenommen, um zu ermitteln, auf welche Weise das Sprenggeschoß in den Wagen gelangt ist.
Die Opfer einer Liebestragödie. Der Techniker Werner aus Leipzig hat seine Braut, ein Fräulein Stahl aus Wien, in Mürzzuschlag mit deren Einwilligung erschossen und sich sodann ebenfalls durch einen
_________________Mittwoch, 10. Januar 1912,
Schuß in den Kopf getötet. Das Motiv soll angeblich eine unheilbare Krankheit des Bräutigams fein. Das Paar hinterließ einen Brief an die Eltern der Braut, in dem es um ein gemeinsames Grab bittet.
’Xä, Opfer des Meeres. In R i l l eingettof- fenen Nachrichten zufolge ist in Schanghai Kapitänleutnant Edler von der Planitz, erster Offizier des Kreuzers „Nürnberg", während eines heftigen Sturms über Bord gefallen und ertrunken. Der Verunglückte war der Sohn eines Wirklichen Geheimen Rats in Dresden. Er hatte erst vor einigen Wochen nach längerem Urlaub die Heimat verlassen, um sich nach Ostasien einzuschiffen.
sr Beschlagnahmtes argentinisches Gefrierfleisch! In der Schweizer Bundeshauptstadt Bern mußten 8000 Kilo gefrorenes argentinisches Fleisch (134 Ochsenviertel und 56 ausgeweidete Schafe) durch die städtische Kadaveranstalt vernichtet werden. Tas Hammelfleisch war gänzlich verdorben, und die Rinderviertel, die sich in der Nähe des Schaffleisches befanden, hatten ebenfalls einen so üblen Geruch angenommen, daß sie als ungenießbar erklärt werden mußten. Man beabsichtigt, eine Verschärfung der Kontrolle durchzuführen.
Juwelenräuber im Schnellzug. Die Polizei in Marseille in Frankreich ist einem Verbrechen auf die Spur gekommen, das sich in dem Schnellzuge Paris-Ventimiglia abgespielt hat. Zwischen den Stationen Tarascon- sur-Rhone und Miramas wurde die im Zuge befindliche Rentiere Frau Bourgouin von einem Gauner durch Chloroform betäubt. Sie erwachte erst wieder auf dem Bahnbofe von Miramas und bemerkte zu ihrem Schrecken, daß ihre gesamten Juwelen und ihre Handtasche geraubt worden waren. Den entstandenen Verlust gibt sie mit 25 000 Francs an.
HX Ein Drama im Hotel. Deik Besitzer eines Hotels in Philadelphia in den Vereinigten Staaten, der auf einen feiner Gäste eifersüchtig war, beschloß, ihn zu töten, indem er Strychnin in fein Essen mischte, das er ihm darauf servierte. Seine Gattin, die ahnungslos von dem Essen kostete, wurde jedoch selbst das erste Opfer dieses Verbrechens und starb nach wenigen Minuten; außerdem haben noch neun Pensionäre des Hotels von der vergifteten Speise gegessen. Fünf von ihnen sind tot, vier andere wurden in hoffnungslosem Zustande nach dem Krankenhaus gebracht.
$68 Neueste aus Kassel.
8m Ieichm der Wahl.
Der Kandidat der Handwerker.
In „Schaubs Garten" tagte gestern abend eine Versammlung desBundesderHand- werker, die sich vornehmlich mit der bevor- stehenden Reichstags- und S t a d t v e r. ordnet en-Wa hl beschäftigte. Malermeister Jeep trat entschieden für die Kandidatur von Geheimrat Dr. Schroeder ein. Schlosser- meister Güth w-arf den rechtsstehenden Parteien vor, sie trügen Schuld an dem Wachsen der Sozialdemokratie, sie seien der Steil, der dahinter eingeschlagen würde. Es sei äußerst notwendig, einen Ruck nach links zu tun. Man brauche nicht gleich sozialdemokratisch zu wählen, müsse aber auch darauf bedacht fein, daß kein Rechtsstehender in den Reichstag käme. Vielmehr fei cs Pflicht der Handwerker, geschlossen für Dr. Schroeder vorzuzehen. Nachdem Herr Jeep für den nationalliberalen Kan- didaten eingetreten war, entspann sich eine längere Debatte darüber, ob abgestimmt werden sollte oder nicht, da ein Antrag vorlag, der Bund möge bei der Wahl für Dr. Schroeder eintreten. Zwei Mitglieder waren entschieden gegen eine Abstimmung. Eine Versammlung könne nicht über eine ganze Menge Leute ver-
München in Kassel.
Die Ausstellung im Casseler Kunstverein.
. ^nieLben Werken Münchener Künstler, die tm Kunsthause am Ständeplatz ausgestellt sind fallt zunächst Professor H. Groeber durch
«roßes Gruppenbild „Die Malschüler" “uf- Als Malwerk sicherlich bedeutend, würde das Bild kompositionell an Geschlossenheit noch gewonnen haben, wenn der Künstler die Gruppe fester zusammengezogen hätte. Dennoch ist die Wirkung auch ohnedies überaus lebensvoll, und das Ganze so ungezwungen und natürlich arrangiert, daß man sich ungewöhnlich lange gefesselt fühlt. Prächtig ist die Natur des fröhlichen Künstlervölkchens getroffen, mit einem leichten Einschlag ins Boheme. Trotz der individuellen Züge, die die einzelnen Porträts aufweisen, sind sie zu- gleich auch Typen. Groebers Porträtkunst scheint überhaupt vielfach ciufsLvpische hinaus- zudrangen. Das Gefühl hat man bei der Be- tracktung der meisten Porträts dieses Münchener Malers. Mehrfach findet man unter seinen ausgestellten Arbeiten („Kaffeestunde", „In der Sommerftische", „Gartenlaube") die Zusammenstellung von knoivender Jugend mit der lachenden Pracht der Natur. Auch bei dem Bild „Malerin in der Scheune" finden wir die in das Halbdunkel der Scheune hineinleuchtende Landschaft wieder.
Bei Felix Bürgers, Dachau, begegnen wir einer entschiedenen Vorliebe für das Farbenreich des Waldes, namentlich für die Birken- landschaff. Die ganze Skala ihrer Farben wird von ihm abgewandelt. Besonders gut gelungen scheinen die Bilder: .Herbstabend" (Sitten), „Im Dachauer Moos", "„Birken im Winter". „Sommerabend im Birkenwald". Die beiße Farbenpracht des Südens atmet die „Prozession"... Feller, gleichfalls aus Dachau, ist ebenfalls durch einige Landschaften Vertreten, Kornfelder- und Miihlemnotivcn und eine flottgemalte „Venezianische Gondelwerst". Andere Sachen von ihm, „Verschneiter Bach", „Amgerbrücke im Herbst", wissen uns weniger zu sagen. In der Technik sehr beachtenswert ist eine ganze Reihe Radierungen von ihm, aber auch reich an malerischen Motiven und Stimmungen. . . G. Buchner schöpft gern aus dem Bauernleben. Sein „„Bauernmädel mit Strohhut" entzückt durch die Frische des Naturkindes, und mit seiner „Bäuerin in der Sonne" hat er das Derb- Rustikale vorzüglich getroffen. In feinen übri-
gen Werken zeigt sich ein gesundes Hinein- fuljlett in die Natur, Gestaltungssicherheit und eine harmonische Farbenzusammenstellung. Ein Meister in der Schilderung der Wasserlandschaft ist der Münchener Raoul Frank Er läßt uns seine Hafen- und Flußbilder nicht nur stofflich, sondern auch stimmungsmäßig naehfühlen. In seinem Bilde „Aus dem Hamburger Hafen" vermag er uns etwas von der grauen Stimung der Elbe und dem Grandiosen ihres Lebens ahnen zu lassen. Eine ihm verwandte Natur scheint sein Landsmann Harry Schultz zu sein. Ueberraschend pla- M .bat er mit seinem „Kurischen Kahn vor Weichselmünde" und „Hafenmotiv von Neu- fahrwasser" Farbe und Bewegung des Wassers getroffen.
Von H. von Hayeck 's ausgestellten Werken jtnb „Winter in den Bergen" als echt empfunden, und die „Landschaft an der Jsar- mündung" als beachtenswert hervorzuheben; weniger künstlerisch bedeutend sind seine Radierungen. Um die Farbenkunst des verstorbenen Professors Charles I. Palmis ist es etwas eigenes. Ein wuuderherrliches Leuchten liegt über seinen Landschaften (Frühlingsstimmung", „Sonniger Tag", „Frühlingstag"). Sehr wahr ist in seinen beiden Bildern „Abendstimmung" (Marienplatz in München) und „Karlstor in München") die durch den Nebel der Regenabende dringende Lichtsymphonie der Großstadt wiedergegeben. Eigenartiges an Idee und Komposition bietet Walther Püttner (..Maskenverkäu- fer", „Fastnacht", Stilleben". Paul Thiem (Starnberg) _unb Prof. Otto Strützel (München) sind beide mit Charaktermotiven ihrer Heimat vertreten. Auch Rudols Kalb gehört zu ihnen. Stimmungsvoll sind seine Winterlandschaften. Zu den auffallendsten Erscheinungen der Ausstellung zählt Prof. Carl von M a r r 's großes allegorisches Gemälde „Lux in Aenebris", das durch die Eigenart der Komposition und die anatomische Schönheit des Asts besticht. Aus den ausgestellten Kol- leftionen der Münchener Galerie Heinemann möge hier auch Professor Leo Sam- b e r g e r 's „Poesie", keine lichtvolle, duftige Mädchengestalt wie gewöhnlich, sondern ein düsteres Medusenhaupt, Erwähnung finden.
Aber auch das Bizarre fehlt in der Ausstellung nicht: Rudolf von Hoerschel- m a n n hat eine Anzahl Kleinigkeiten in Temperafarben beigesteuert, burleske Karikaturen, die fehl witzig und dabei zeichnerifch nickt un
bedeutend sind. Sinn für das Komische verbindet mit einer guten Beobachtung des Ticr- lebens auch Paul Newenborn in seinen Oelbildern und Ste-nzeichnungen. Neben den Malwerken enthält die Ausstellung auch einige plastische Arbeiten. Hans Bauer hat eine wunderbare Marmorgruppe ausgestellt: mit einem Widder spielende nackte Kinder, deren Psycke und Bewegungen sehr liebevoll beobachtet und gar köstlich wiedergegeben sind, und eine fein ziselierte Edelholzstatuette: „Ahasver". Mit zahlreichen plastischen Arbeiten ist Professor Hermann Hahn vertreten. Auch er hat entzückende Kinderfiguren (Gips) ausgestellt. Besonders ins Auge fallen eine von selbständiger Auffassung zeugende Behandlung des Judith-Motivs in Marmor, sowie ein interessanter Mädchenkopf ans demselben Material. . . Die Art, wie in der Ausstellung die Kunstwerke gruppiert sind, dürfte aus mehr als einem Grunde zu bemängeln fein. Tie wohlgefälligen Anordnungen der Linien und Größe der Rahmen und die günstigste Beleuchtung allein, dürfen kein Grund sein, die zu einander gehörigen Bilder eines Künstlers weit auseinander zu streuen. Nicht nur die Uebersicktlichkeit leidet dadurch, sondern vor allem läßt sich auf diese Weise nur sehr schwer eine sichere Auffassung der künstlerischen Individualitäten gewinnen. H. E.
Willy Burmester in Cassel.
Geheimer Hofrat Professor Willy Burmester bat bereits heute den Höhepunkt seiner Kunst erreicht. Was er uns bietet, geschieht mit solch vollendeter künstlerischer Reife und blendender Meisterschaft, daß es fast verwegen erscheint, feine Leistungen kritisch zu beleuchten. Deshalb hält es auch schwer, aus der Fülle des Gebotenen etwas Besonderes hervorzuheben. Die ernsteren Werke standen am _ Anfang des Abends, und sowohl die Frühlings - Sonate (Beethoven) wie die Es-äur-Sonate (R. Strauß) zwangen das andächtige Publikum durch ihre ungetrübten Wiedergaben vollständig in den Bannkreis der Tonkunst. Der erste Satz der Es-ckur-Sonate und das Allegro waren echt straußisch. Das Andante malte eine bezaubernde Lyrik. Der zweite Teil brachte kleinere Stücke, Burmeister'fche Bearbeitungen, die vom Casseler Publikum jedes Jahr mit Besttmmtheit erwartet werden. Und ganz entzückend klingen di« alten Weisen im neuen
Gewand. Mit jeder Gabe spielt sich der Meister tiefer in die Herzen der "Zuhörer hinein; man hätte ihm noch einige Stunden zuhören können. Dem endlosen, tosenden Beifall, dankte Burmester mit der Wiederholung des Deutschen Tanzes (Mozatt) und der Tschaikowsky'sch en Weisen: die Lerche und Neapolitanisch. Treffender konnte der Russe, dessen gewaltiges 8-moII - Konzert uns noch in den Ohren klingt, den Lerchengesang nicht erlauschen und vertonen. Herr Alfred Schmidt-B adekow hatte als Begleiter neben dem Violinvittuosen einen fckweren Stand. Dock bewiesen seine, durck einen wun- dervoll-weicken Anschlag sich auszeichnenden, Begleitungen und die Soli: Scherzo von Chopin und Tambourin von Raff, daß sich hier reife Künstler zu glänzendem Zu- iammenspiel gesunden hatten. Der Beifall wuchs zum Schluß zu einer grandiosen Ovation für die Meister. Dem stürmischen Verlangen gab Burmester nach mit dem Air (Bach), in welchem noch einmal sein reifstes, künstlerisches Emvsinden zum Ausdruck kam, und als das noch nickt genügte, mit Schumann's Träumerei. Dann half selbst alles Tücherschwenken nichts mehr, und erst, als sich Burmester im Mantel auf dem Podium zeigte, schien man sich ins Unvermeidliche zu fügen. G. 0. K.
W Humperdincks Befinden. Professor Humverdinck. der infolge der Anstrengungen der Mirach-Aufführung an einer Nervenlähmung schwer erkrankte und zeitweffe ohne Bewußtsein war, befindet sich bedeutend besser. Lebensgefahr scheint nach dem Urteil der Aerzte nicht mehr zu bestehen.
Ein Strindberg-Fest. Ein großer Fak- kelzug, der am Abend des zweiundzwanzigsten Januar, am dreiundseckzigsten Geburtstage August Strindbergs, in Stockholm veranstaltet wird, soll den Glanzpunkt des nationalen Festtages bilden. Die Nachrichten über das Befinden des Dichters lauten verschieden.
süi Reinhardts Berliner Pläne. Professor Reinhardt, dem die Londoner Bühnenkünstler am Sonntag einen Empfangsabend bereiteten, äußerte bei dieser Gelegenheit über seine künstlerischen Absichten: „Mein größter Ehrgeiz ist, in Berlin ein Theater zu bauen, das dem Theater der Griechen völlig nachgebildet ist. Ich will alsdann die alten Klassiker und solche moderne Autoren aufführen, die sich dem klassischen Rabmen einfüaen,"