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COler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

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Nummer 27.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 7. Iarma» 1912.

Fernsprecher 951 und 952.

2. Jahrgang.

KMzler Kandidaten.

Die Anwärter auf des Deutschen Reiches sechstes Kanzlcrtum.

Sechs knappe Tage trennen uns noch von Lei Stunde, in der des Schicksals Würfel rol­len werden: VomTag von Philippi", dessen Rechnungsfazit nicht nur über dieCouleur" im Prunkhaus Wallots am Berliner Königs- Platz, sondern sicher auch über des fünften Kanzlers Dasein und Schicksal entscheiden wird. Kein Einziger unter den fünfundsechzig Millionen, die das Reich bevölkern, vermag zu sagen, wie im Kopfe Bethmann Hollwegs sich hie Zukunft malt; kein Sterblicher kann ahnen, welche Stimmungen die Seele des Mannes bewegen, der den Tag des Schicksals düstern Auges herannahmen sieht, ohne die Möglichkeit zu schauen, das Spiel höherer Gewalten meistern zu können. Daß es aber nicht Zuversicht, nicht frohe Hoffnungsseligkeit ist, die im Haus der Wilhelmstraße die grauen Tage des Januar mit lichtem Schein verklärt: Dessen darf man sicher sein. Derleitende Staatsmann" hat den Berg des Aerzernisses zu Himmelshöhen sich auftürmen sehen, ohne die Entschlußkraft und den Tatmut zu finden, durch Wort und Werk dem Unheil zu steuern. Er hat schon vor Monaten flüstern hören, daß seine Tage gezählt seien, und er wird deshalb wohl auch längst mit dem Gedanken sich abge­funden haben, daß seine Stunde nun bald ge­kommen. Denn Herr Theobald von Bethmann ist ein Philosoph! Wer aber wird ihn ablösen; wer harrt als des Reiches s e ch> st e r K a n z l e r auf des Wilhelmstraßen-Hauses Schwelle?Die Frage hat für das deutsche Volk gewiß das allergrößte Interesse, und schon deshalb ist ihre Er­örterung in der Oefsentlichkeit berechtigt, auch wenn man sie noch nicht mit absoluter Be. stimmtheit beantworten vermag.

Von der Persönlichkeit des sechsten Kanzlers wird sehr viel abhängen, denn er wird sein Amt voraussichtlich' unter weit schwierigern Verhältnissen antreten, als seine Vorgänger. An den Stellen, wo Kanzlergemacht" werden, verkennt man diese besondern Schwierigkeiten, di« dem neuen leitenden Staatsmann sowohl aus der innerpolitischen wie auch aus der welt­politischen Lage Deutschlands erwachsen werden, durchaus nicht, und man ist sich sehr Wohl bewußt, daß in diesem kritischen Mo. ment nur ein Mann von außergewöhn- lichen Fähigkeiten zur Führung der Reichsgeschäfte berufen sein kann. Es ist des. halb auch nicht unberechtigt, zu sagen, daß un­ter diesen Voraussetzungen nur zwei Män­ner für den Reichskanzlerposten ernstlich in Betracht kommen. Der erste ist ein berühmter Soldat, und der zweite ein zwar nicht ganz so berühmter, aber immerhin sehr angesehener Diplomat. Es ist an dieser Stelle kürzlich auf den Wunsch der Konservativen hingewiesen worden, einen General auf den Kanzlerstuhl zu erheben. Niemand wird dabei etwa an Herrn von Heeringen, den Kriegsminister im Lande Preußen, gedacht haben. Eher schon könnte man mit Herrn von Löwenfeld rechnen, der in der Tat nicht ganz ohne Aus­sichten sein soll und (wie man weiß) Einfluß und mächtige Freunde besitzt. Aber es fällt schwer, diese Möglichkeit wirklich ernst zu neh. men, denn die Chancen des Gardekorps-Genr- rals verblassen vor der Persönlichkeit «ines An­dern: Wenn nämlich die politischen Propheten (und ihre Prophezeiung entbehrt in diesem Fall nicht einer realen Unterlage) richtig in- spiriert sind, wird Generalfeldmar­schall von der Goltz der nächste Kanzler des Deutschen Reiches sein. Die Vorteile dieser Wahl liegen so klar, daß sie über manche Zwei­fel hinwegzutäuschen vermögen.

Freiherr Colmar von der Goltz ist nicht nur ein Mann von hervorragender Bedeutung: Er ist vor allem eine repräsentative Persön­lichkeit, und das will im Zeitalter des dritten Kaisers viel heißen. Im europäischen Ausland genießt er als bedeutender Stratege und Feld­herr der deutschen Armee vielleicht noch mehr Ansehen als in Deutschland, und als türkischer Pascha und Reorganisator der türkischen Armee besitzt er auch in der mohammedanischen Welt einen großen Ruf. Das sind zweifellos Eigen­schaften, die für einen deutschen Reichskanzler wertvoll sind. Auch an Kenntnis der auswär­tigen Politik fehlt es dem Feldmarschall (im Gegensatz zum fünften Kanzler) nicht. Et­was andres ist es, ob er mit den Verhältnissen der innern Politik, mit denen er wohl kaum Mutze gehabt haben dürfte, sich näher zu beschäftigen, genügend vertraut ist. Und noch eine andre Frage ist eS, ob der Feldmarschall dem Rufe folgen wird, wenn ihm der Reichskanzlerposten anaeboten w'rden sollte.

Der zweite Anwärter auf den Reichskanzler­posten ist der deutsche Botschafter in Konstanti­nopel, Freiherr Marschall von Bieder­st e i n. Marschall ist sicher der erfolgreichste deutsche Diplomat der Gegenwart, der den deutschen Einfluss am Goldnen Horn in zäher, zielbewußtcr Arbeit zu befestigen vermocht hat. Freilich hat der türkisch-italienische Krieg die­sen Einfluß wieder bedenklich ins Schwanken gebracht. Dem Wirken des Bibcrsteiners ist es auch zuzuschreiben, daß wir wenigstens eine zeitlang in politischer Hinsicht in der türkischen Hauptstadt die unbestritten erste Rolle spielen durften. Er hat es auch verstanden, deutschem Unternehmungsgeist überall Eingang zu ver­schaffen und der deutschen Industrie ein gro­ßes Feld wirtschaftlicher Betätigung zu er­schließen. Marschall verstand es geschickt, sich nach dem Sieg der Jungtürken den neuen Ver­hältnissen anzupassen und zu den nunmehrigen Machthabern ausgezeichnete persönliche Be­ziehungen anzuknüpfen. Es wird sogar be­hauptet, daß Marschall eindurchaus liberaler" Mann sei, einunverfälschtes" Kind seiner frei­heitlichen badischen Heimat, in der das Wort vomMusterländle" immer noch seine innere Bereckitigung hat.

Marschall und Goltz sind im Moment jedenfalls die beachtetsten Anwärter auf den Stuhl des ersten Reichsbeamten, und es will nicht viel besagen, daß außer diesen bei­den Namen noch einige andre genannt werden, denen die politische Kulissen-Konversation Ambitionen" nachrühmt. Da ist zum Beispiel , Herr von Schorlemer-Lieser, der den wackren Arnim-Criewen im Amt des Ackerbau­ministers ablöste, und von dem schon lange die Flüsterrede geht, daß erzu Höherm berufen" sei. Und Vor allem Graf Monts, von dem die Fama sich erzählt, daß, wenn scheidende Gäste in der Villa Haimhausen ihm lächelnd zurufen:Auf Wiedersehen im Reichskanzler­palais!" er nur lässig mit der Hand abzuwin­ken pflege. Aber beide Persönlichkeiten tre­ten doch vor Freiherr von der Goltz und dem Botschafter in Konstantinopel in den Hinter­grund. Die Zukunft wird zeigen, wer von bei­den des Deutschen Reiches sechster Kanzler wer­den wird: Der Marschall oder ... der Feld- marsckall. Sicher ist nur das Eine: Das Kanz- lertum desPhilosophen von Hohenfinow" wird den Tag von Philippi nicht lange über­dauern, denn die Situation im Reich, die durch die nahe bevorstehenden Wahlen nur noch ver­schlechtert, sicher aber nicht gebessert werden kann, verlangt dringend eine starke Hand und einen Willen, der über den JdeenkreiS philosophischer Weltbetrachtung weit hinaus­reicht. Daran wird die Cadiner Geburts­tagvase ebensowenig ändern wie die un­verzagteAusdauer" des fünften Kanzlers!

«an.

Deutsche Truppen für Schanghai!

Neue Kämpfe im Reich der Mitte.

Die Situation in China gestaltet sich trotz der Bemühungen der Friedenskonferenz in Schanghai mit jedem Tage bedrohlicher und die Unsicherheit im Lande nimmt in einer Weise zu, die es den fremden Mächten als ge. boten erscheinen lassen muß, das Leben der unter ihrem Schutz in China lebenden Frem­den zu sichern. Mit Rücksicht auf diese Sachlage hat sich nun auch die d eut s ch e Regierung entschlossen, Verstärkungen nach Schanghai zu senden. Es wird uns darüber berichtet:

Berlin, 6. Januar.

(Privat-Telegram m.)

Nachdem England von Hongkong und Frankreich von Jndochina aus in jüngster Zeit ihre Schutzwachen in den chinesischen Vertrags. Häfen wieder erheblich verstärkt haben, dürfte sofort nach Eintreffen der Ersatz-Kadres des Seebataillons in Tsingtau die dortige dritte Kompagnie des SeeabtaillonS unter Hauptmann Bassewitz nebst einer Maschi­nengewehrabteilung und Pionieren nach Schanghai zur Verstärkung der dorti­gen internationalen Garnison beordert werden. In der Provinz Schansi sind Europäer be. droht. Zu ihrem Schutze mutzten die Diplo- maten in Peking intervenieren.

Reue Kämpfe in 6hina.

Depeschen aus Peking berichten: Für den Bahnverkehr in der Provinz Tschili im Süden Chinas gestaltet sich die Lage äußerst ernst. In der Nähe von Langtschau wird heftig gekämpft. Die Telegraphendrähte sind zer­schnitten worden. Hinter Tongschau verkehren keine Züge mehr. Gestern verließ eine bri­tisch-deutsche Truppenabteilung Tientsin und ging nach Langtschau. Man glaubt, daß die britischen Soldaten heute Feng- tai beietzen werden. Die in den Kohlenberg­werken von Linsi hinter Konping beschäftigten fremden Ingenieure wurden nach Tientsin in

Sicherheit gebracht. Gestern feuerten Rebellen auf einen Kohlenzug, der nach Langtschau fuhr. Spätere Telegramme melden, daß die britischen Truppen die amerikanische Sektion der Eisen­bahn Tongschau-Langtschan besetzen werden. Sie haben den Marsch dorthin bereits ange­treten,

*

Konsulardcpeschen aus Tschungking besagen, dass der größte Aufruhr in Tschengtu (Szctschuan) herrsche. Der Vizekönig Tschaoer- fang flüchtete i« den Aama, wurde dort aw zwanzigsten Dezember gefangen genommen und hingcrichtet. Ein ähnliches Schicksal traf den kaiserlichen General Xien. Hundert­vierzig Ausländer haben gestern Tschungking verlassen.

Wird Krieg oder Friede?

Eine internationale Tripolis-Konferenz.

Wie uns ein Privat - Telegramm aus Konstantinopel meldet, verlautet dort, daß in allernächster Zeit eine inter­nationale Konferenz zusammentreten werde, die sich mit dem türkisch-italienischen Konflikt beschäftigen solle. Tatsache ist jeden­falls, daß die Großmächte seit einiger Zeit Verhandlungen eröffnet haben, um mit greif­baren Vorschlägen an die Türkei heranzuire- ten. Diese Verhandlungen sind allerdings noch durchaus unverbindlicher Natur und ha­ben vor allem den Zweck, eine Formel zu fin­den. die es der Pforte ermöglicht, dem berech­tigten Verlangen Italiens Rechnung zu tra­gen, ohne den Sultan einer offenkundigen De­mütigung auszusetzen, lieber die Möglich­keit von Friedensverhandlungen zwischen beiden krieg führenden Mächten liegt heute fol­gende Nachricht vor:

Paris, 6. Januar.

(Telegraphische Meldung.)

Dem Echo de Paris wird aus London gemeldet, es verlaute dort gerüchtweise, Said Pascha habe, um Frieden mit Italien r» mr *»n, folgende Kombination ins Ange ge- faßt."^Tic Türkei werde die Chrenaika dem Bei von Aegypten und Tripolis dem Bet von Tunis überlassen, die ihrerseits diese Gebiete an Italien abtreten würden. Hier­durch glaube Said Pascha, die Fiktton aufrecht erhalten zu können, daß er mohammedanisches Land keinem christlichen Herrscher ausgeliefert habe. Es sei jedoch zweifelhaft, ob eine solche Lösung angenommen werden könne, da Frank­reich und England dadurch in eine heikle Lage geraten würden.

Lieber BSrgcrkrieg als Friede!

(Privat-Telegramm.)

Meldungen aus Neapel zufolge sind dort gestern aus Konstantinopel etwa zwanzig Ita­liener eingetroffen. Die Journalisten erzählen, daß die Bevölkerung in der türkischen Hsupt- stadt durchaus kriegerisch gesinnt sei und daß gegenwärtig große Erregung über die Friedensgerüchte bestehe. Es sei aus­geschlossen, daß eine politische Pattei es wagen könne, bei der gegenwärtigen Lage Frieden zu schließen, denn die Folge davon würde ein Bürgerkrieg sein.

Das Volk will feinen Krieg k

Schwere Ausschreitungen In Barcelona, (Privat-Telegramm.)

Barcelona, 6. Januar.

Der Transportdampfer ,B a r c o l o" ist am Mittwoch mit vierhundertachtzig Mann Truppen und zwanzig Offizieren der Artil­lerie nach Melilla abgegangen. Ein glei­ches Truppenkontingent sollte gestern ein Pa­ketdampfer nach der marokkanischen Küste brin­gen, doch setzte die Bevölkerung der Einschif­fung der Soldaten heftigen Wider st and entgegen. Eine zahlreiche Volksmenge hatte sich am Hafen versammelt und stieß leiden­schaftliche Schmährufe gegen die Re­gierung aus. Mehrere höhere Offiziere wur­den mit Steinen beworfen. Ein Bataillon In­fanterie und zwei Schwadronen Kavallerie mußten aufgeboten werden, um die lärmende Menge auseinander zu treiben, zahlreiche Ver­haftungen wurden vorgenommen. Die ge­samte republikanische Presse spricht sich in ihren Leitartikeln scharf gegen denMenschen ver­schlingenden und vollständig zwecklosen" Rif­feldzug aus. Auch der Bürgermeister und die städtischen Behörden von Barcelona sind Gegner aller weiteren Truppensendungen und haben einer zugunsten der spanischen Soldaten in Melilla geplanten Festvorstellung in der Oper ihre materielle Unterstützung versagt. Diese Haltung der Behörden erregt in Madrid großes Aufsehen und wird von der konservativen Presse lebhaft kommentiert.

Wo bleibt nun bngland?

Zu den spanisch-französischen Marokko- Verhandlungen wird uns aus Paris depeschiert: Ministerpräsident Caillaux hatte gestern eilte mehrstündige Konferenz mit dem Minister des Aeußern, de Selves, in der die Senatsverbandlunaen über das deutsch-franzö-

flsche Abkommen und die mit Spanien schwe­benden Verhandlungen erörtert wurden. Die spanisch-französischen Verhandlungen wollen nämlich nicht vom Fleck, weshalb man in Pa­ris a r g v e r st i m m t ist. Gestern brachte des­halb dieCorrespondence militaire" einen Be- ruhigungsartikel, der in der Presse lebhaft kommentiert wird. Ein Teil der Morgenblät­ter bringt heftige Angriffe auf Eng­land und behauptet, der Grund des endlosen Verschleppens der Verhandlungen fei darin zu suchen, daß England diesmal den stanzösischen Vorschlägen weder zustimme, noch ihnen Un­terstützung angedeihcn lasse.

Aus graftet schwerer Seit

Die Bestätigung der englischen Ucberfallpläne.

Tie Leipziger Illustrierte Zeitung bringt soeben eine ausführliche, offenbar von sehr unterrichteter Leite stammende Darstellung der maritimen Lage am vier, undzwanzigften Juli, neunzehnten August und acht, zehnten September vorigen Jahre«, zu welchen tret Zeitpunkten die englische Kriegsflotte bekanntlich bereit gelegen haben soll, die deutschen Küsten ohne Kriegserklärung zu überfallen. Es sind diesen Auslassungen drei Kartenslizzen beigefügt, in die die strategische Verteilung der beiderseitigen Streitkräfte überstchtlich eingezetchnet ist.

Gewinnt man schon aus diesen Skizzen die Ueberzeugung, daß über die Wahrheit je­ner Meldungen ein Zweifel nicht mehr möglich ist, so enthalten die begleitenden Bemerkungen die volle Bestätigung der zum Teil durch den englischen Kapitän Faber ausgeplauderten Absichten der Londoner Admiralität. So be. merkt der Verfasser zur Lage am neunzehnten August: Am neunzehnten August finden wir dte deutsche Hochseeflotte von der Norwegen- reife zuruckgekehrt in Kiel (seit siebzehnten August) und durch das planmäßig für die Herbstübungen aktivierte dritte (Reserve-) Ge­schwader verstärkt. Die englische erste Division der Heimatflotte (der Kern der Schlachiflotte, nur ans Dreadnoughts bestehend) lag mit dem zugehörigen ersten Kreuzergeschwader, dem viertm Kreuzer gc^chwader und der ersten Flottille im Moray Firth bei Cromarty; im Firth of Forth eine weitere Flottille. Alle übrigen Streitkräfte, mit Ausnahme weniger an der Westküste übender Schiffe, wa­ren im Kanal konzentriert. Ob diese Vertei­lung der englischen Flotte mit der in der engli­schen Presse verlauteten und bei uns vielbespro­chenen Absicht, hundertfünfzigtausend Mann Armeetruppen auf dem Konti­nent zu landen, in Zusammenhang zu bringen ist, mag dahingestellt bleiben. Möglich ist es, die starke Ansammlung von Streitkräften im Kanal (sowohl im Juli wie im August) weist vielleicht darauf hin. Erwähnt fei, daß (nach einem englischen FachblattArmy und Navy Gazette") die Admiralität es abgelehnt haben soll, die Verantwortung für den fraglichen Truppentransport zu übernehmen, im Hinblick auf die Möglichkeit einerStörung" dieses Un­ternehmens (durch wen anders als die deutsche Flotte?), und daß aus diesem Grunde von ei­ner Landung abgesehen wurde. Ist dem so, so würde die deutsche Flotte, ohne sich zu betä­tigen, nur durch ihr Dasein sriedenerhaltend gewirkt haben.

Der achtzehnte September.

Noch überzeugender sind die Angaben de? zweifellos aus offiziösen Quellen unterrichteten Verfassers über die Krisis vom achtzehnten September: Aus der Zeit der dritten Spannung liegen mehrere Zeitungsnachrichten vor, nach denen die aktiven Verbände der eng. lifchen Flotte in gefechtsbereitem Zu­stand gewesen sind. Torpedoschutznetze waren ausgebracht wie in Erwartung eines überra­schenden Angriffs, Zerstörer und Unterseeboote wurden zum Sicherungsdienst verwendet, eng­lische Kreuzer sollen sogar den Befehl erhalten haben, die schottische Küste nach deutschen Torpedobooten abzusuchen. Auf Grund welcher Absichten diese Maßregel getroffen wur­de, ist nirgends in der englischen Presse erläu­tert. Ferner wird gemeldet, daß umfangreiche Kohlentransporte über Land nach der Ostküste stattfanden. Auch wird berichtet daß erhebliche Urlaubs - Beschränkungen aktiver Mannschaften in England angeordnet wurden. Die deutsche Flotte hatte indessen nach Beendi­gung der Herbstmanöver planmäßig die Rcser- veformation aufgelöst und außer Dienst gestellt, die aktiven Schiffe waren in ihre Heimathäfen entlassen, sodaß mehr als die Hälfte der Linien, schiffe, alle Panzerkreuzer und die Hälfte der Torpedoboote sich in Kiel (in der Osffee) be­fanden. Die Dislokation der englischen Flotte am achtzehnten September kann man eine Art A ufmarsch stellnng an der englischen Ostküste mit der Front nach der Nord- fee nennen. Tie dauernd aktiven Verbände (erste und zweite Division der Heimatflotte) sind mit ihren Kreuzern und Flottillen, »er- stärkt durch das (ebenfalls ständige) vierte Kreuzergeschwader und die auf einer Uebungs. fahrt befindliche vierte Flottille, auf die n ö r d- lichen Stützpunkte der Ostküste ver­teilt. Ter Kanal ist verhältnismäßig schwach besetzt, und (vielleicht das Ausfallendste) die