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Hessische Abendzeitung
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Nummer 26.
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Sonnabend, 6. Zauuar 1912.
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2. Jahrgang.
Kulissen zauber?
Vor und nach der Fahri gen Agadir.
Ein Privat-Telegramm meldet uns aus Kiel: Das Kanonenboot „Pan- t b e r" trat heute früh die Ausreise nach der westafrikanischen Station an. Der „Panther" wird auch das Kongogebiet besuchen, doch hängt es vom Wind und Wetter ab, ob das Schiff auch den Kongofluß weit hinaufsahren kann.
Nun spukt, nachdem es glücklich aus Diplo- Matenstuben und Parlamentsgewühl gebannt, das Marokko-Gespenst vor den Schranken der Gerechtigkeit, und wenn sichtbare Anzeichen nicht trügen, wird es uns sogar noch einige kleine Ueberraschungen bringen, gewissermaßen das Deflert zum frugalen Kongo- Menu. Die Vorgänge, um die es sich diesmal handelt, wecken hinsichtlich der infrage kommenden Personen oder Motive kaum regeres Interesse, denn wichtig erscheint der forensische Handel nur insoweit, als der Kampf der Parteien sich ins Fädengewirr der deutschen Marokko-Aktion verirrt und von den Geheimnissen staatsmännischer Taktik mit der Rücksichtslosigkeit des J^teressenkampfs den Schleier reißt. Wir sehen da als Wirklichkeit auftauchen, was mondelang von den Schrift- gelehrten offiziöser Weltgeschichte als Toren- Mlkrchen bespöttelt worden, gewahren Herrn Alfred von Kiderlen, umkränzt mit dem Frühlenz-Lorbeer jungen Heldentums und erfreuen uns an einem Moment deutscher Entschlossenheit-Größe, der für Sekunden fast die kümmerliche Endung des Abenteuers vergessen läßt; so schmerzlich es auf der andern Seite auch sein mag, Traum und Wirklichkeit, Ziel und Erfolg nebeneinanderstellen und auf ihren Wert- und Tatgehalt prüfen zu müssen.
Es ist bekannt, daß zurzeit, als die Wogen der Marokko-Erregung am höchsten schäumten, ein paar Blätter, denen nahe Beziehungen zur Panzerplatten . erzeugenden Schwerindustrie nackgesagt werden, einen Ton anschlugen, der wie Kriegsgeschrei durch die Lande klang, und der deshalb von der Besonnenheit mit Recht scharf gerügt wurde, weil es stets noch gefährlich war, in lohende Flammen Oel zu gießen. Eine etwas zu temperamenwolle polemische Attacke gegen diese Blätter hat nun einen kleinen Rattenkönig von Privatbeleidigungsklagen heraufbeschworen, die zwischen drei marokkostürmenden Blättern und dem Herausgeber der „Grenzboten" schweben. In einem dieser Prozesse ist an einem der letzten Tage verhandelt worden, und im Gerichtssaal wurde die Bagatelle zur politischen Sensation, als der beklagte Redakteur eines der vor den Kadi gebetnen Blätter durch seinen Verteidiger den Wahrheitsbeweis dafür anbieten ließ, daß „die Regierung (also Herr von Bethmann Hollweg) und der Staatssekretär des Auswärtigen Amts in der Zeit, als der „Panther" gen Agadir dampfte, das bestimmte Ziel im Auge hatten, einen Teil von Marokko dem Deutschen Reiche einzuverleiben, und daß die verantwortliche» amtlichen Stellen dieses Ziel als Zweck der Uebung auch einer Reihe von Parlamentariern gegenüber bestimmt bezeichneten."
Das Gericht hat den erbotnen Wahrheitsbeweis leider abgelehnt, da über die Klage schon aus rein formalen Gründen entschieden werden konnte. Ebenso ist auch ein weiterer Beweis- antrag unberücksichtigt geblieben, der den Nach, weis darüber anbot, daß die bekannte scharfe Marokko-Resolution des Alldeutschen Verbandes vom dreiundzwanzigsten April vorigen Jahres (in der von der Reichsregie- rung nichts mehr und nichts weniger als die Besitzergreifung Marokkos verlangt wurde) dem Staatssekretär von Kiderlen- Waechter v o r der Beschlußfassung zur Ansicht Vorgelegen habe, und daß ein Berliner all. deutsches Blatt (Die Post) von offiziöser Seite ausdrücklich ersucht worden sei, für die Besitzergreifung Marokkos durch Deutschland Stimmung zu machen! Das Berliner Schöffengericht, das diese Beweisanträge ablehnte, hat juristisch zweifellos korrekt gehandelt; politisch indessen hat es der Bedeutung dieser Ding« offenbar zu wenig Beachtungswürdigkeit beige- meffen und durch die Vereitelung der politisch überaus wichtigen Beweisführung die Entschleierung eines der seltsamsten Rätsel jüngster deutscher Reichsgeschichte unmöglich gemacht: Denn wenn Das, das vorm Berliner Schöffengericht mit gültigen Beweise« belegt werden sollte, zutresfen würde, könnte kein Zweifel mehr die Erkenntnis erschüttern, daß unsre Marokko-Politik unmittelbar nach der Heldengeste sich still ins Mauseloch verkrochen
hat. Am fünften Dezember aber sprach im Reichshaus der Kanzler: Wir sind vor niemand zurückgewichcn, auch vor England- nicht!
In der Erinnerung dämmert's: Als Berliner Vorwitz (zu früh) das Plänchdn. ausge. plaudert hatte, die Rrichsregierung sei schlossen, zum Schutz der deutschen Interessen im sranzosen-bcdrohten afrikanischen Norden und zur Wahrung der in Algeciras verbrieften papiernen Kummer-Rechte rin paar Kriegs, kühne ins Marokko-Gewässcr zu entsenden, schreckte die nach langem Winterschlaf aufhorchende Nation ein finster-grollendes Dementi der Wilhelmstraßc. Und der „Panther" dampfte einsam gen Agadir! Als dann in leichtentflammten Seelen die Hoffnung keimte, die durch Alfred Kiderlen endlich zum Tatmut geweckte Teutonenkraft werde auf marokkanischer Erde Gelegenheit zu nützlicher und dem Reich frommender Betätigung erstreben, scheuchte die Optimisten die Parole, daß über den engen Kreis wirtschaftlicher Konzessionen hinaus Deutschlands Interesse für das der Europäer. Hand winkende Maurenland nicht erglühe. Daß dessenungeachtet hinter den Kulissen offiziöse Wettermacher emsig am Werk waren, die Oef- sentlichkeit für ein marokkanisches Abenteuer größten Stils zu begeistern, ist jedenfalls eine sehr wertvolle Feststellung, die in Verbindung mit der andern (das ursprüngliche Ziel der „Panther"-Fahrt enthüllenden) die ganze wirre Psychologie dieses komischen Bchachzugs wetterwendischer Diplomatie ent. schleiert, die am vierten Novembertag ziemenden Lohn und gerechte Butze empfangen hat. Der Rest aber ist ... Schweigen!
F. H.
*
Was ist nun Wahrheit?
Wie zu erwarten stand, haben die Ergebnisse der vorgestern verhandelten Klage des „Grenz- boten"-Herausgebersi gegen die alldeutsche Presse in politischen Kreisen einiges Unbehagen verursacht, und es heißt nun, die angeblichen Mitteilungen über die ursprüngli- chen Pläne der Rrichsregierung beruhten auf irrt ü m l i ch e n Auffassungen der in Betracht kommenden journalistischen Personen. Es ist interessant, drei einander völlig wider, sprechende Bekundungen festzuhalten:
Ser Redakteur Möller erklSrt.
Müller, der Angeklagte int vorgestrigen Prozeß, und Redakteur der „Post", sagte vor Gericht aus: Die Entschließung des Alldeut- chen Verbandes über die Notwendigkeit ür Deutschland, sich ein Stück Marokko zu ichern, ist vor Einbringung in die Vorstands- itzung von der Leitung des Alldeutschen Verbandes Herrn von Kiderlen-Waechter vorgelegt worden und hat dessen Zustimmung gefunden. An demselben Tage, an dem die Norddeutsche Allgemeine Zeitung die Nachricht von dem Eintreffen des „Panther" in Agadir meldete, rief Herr Legationsrat Heil- b r o n die politische Redaktion der „Post" an und bat den damaligen verantwortlichen Re- dakteur Herrn Dr. Lusft, immer wieder darauf hinzuweisen, daß Südwestmarokko für das Deutsche Reich als Siedelungsgebiet durchaus notwendig sei.
Ser Redakteur Sr. ßufft erklärt.
Zu dem Beleidigungsprozeß des Herausgebers des „Grenzboten" Cleinow gegen die „Post" veröffentlicht die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" folgende Zuschrift des in der Verhandlung genannten früheren Redakteurs der „Post', Dr. Hermann Lusft. In der Wiedergabe angeblicher Aeußerungen des Legationsrats H e i l b r o n über die Ziele der deutschen Politik in Marokko liegen von der beklagte» Seite offenbar Verwechselungen vor. Von mir wurde über dies« Gespräche n i« etwas gesagt, was auch nur ein Mißverständnis in der Richtung der getanen Aeußerungen begründen könnte. Die Angaben sind in allen Haupffachen unrichtig. Leider hat die beklagte Partei es unterlassen, mich von ihrer Absicht, die angeblichen Gespräche zu veröffentlichen, zu unterrichten. Ich würde auch in dem Fall von der Veröffentlichung vertraulicher und persönlicher Gespräche außerordentlich peinlich berührt gewesen sein, wenn die Angaben richtig wären, was aber, wie ich nochmals betone, durchaus nicht der Fall ist.
Der Legationsrat Heilbron erklSrt.
Ter in dem „Grenzboten"-Prozeß vielgenannte Legationsrat im deutschen Auswärtigen Amt, Heilbron, läßt in der offiziösen Presse erkläre», daß er niemals zu einem Vertreter der Presse, auch nicht zu dem der „Post", gesagt habe, Westmarokko müsse deutsch werden. Von Mogador sei im Auswärtigen Amt in dieser Verbindung überhaupt nie die Rede gewesen. Amtliche Erklärungen Wer diese Angelegenheit dürfte» zudem nicht effolgenMan werde übrigens die Verhandlung der Beleidigungsklage in Essen (die die „Rheinisch-West- iälische Zeitung" gegen den „Grenzboken"-
Redakttur angestrengt hat) abwarten, die in vierzehn Tagen stattfindet. Es fei nickt ausgeschlossen, daß Staatssekretär von Kiderlen- Waechter bei dieser Gerichtsverhandlung als Zeuge erscheinen werde. Ter Staatssekretär ist übrigens aus feinem Weihnachtsur- frtUb noch nicht zurückgekrhrt, werde aber in Ven nächsten Tagen erwartet und dann jedenfalls entsprechende Aufklärungen fleben.
Was ist nun wahr. . .?
Die neuen Flottenpläne fertig?
Intimes vom Jahresfrühstück der Admirale.
(Von unferm Korrespondenten.)
Berlin, 5. Januar.
Zur selben Stunde, als am Dienstag nachmittag die Exemplare der Abendnummer der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung mit dem Wahlaufruf der Reichsregierung aus der Druckerei in der Wilhelmstraßc expediert wurden, verließ der Kaiser die Räume des Reichsmarineamtes am Leipziger Platz. Daselbst hatte an diesem Tage das übliche Jahresfrühstück der Admiräle stattgefunden, an dem der Kaiser stets teilzunehmen pflegt. Dieses Frühstück wird sonst stets beim Chef des Marinekabinetts abgehalten. Daß es in diesem Jahr ausnahmsweise beim Staatssekretär des Reichs marineamts veranstaltet wurde, ist aber vielleicht ebensowenig ohne Belang, wie der Umstand, daß der Kaiser nicht schon halb Drei Uhr, sondern erst nach vier Uhr das Reichsmarineamt wieder verließ. Es darf mitgeteilt werden, daß diese Verzögerung im Zusammenhang stand mit dem außerordentlich wichtige» Gegenstand des Frühstücksgespräches, das seinerseits wieder im Zusammenhang stand mit dem Schlußpaffus des am selben Nachmittag in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung erschienenen Wahlaufrufs der Reichsregierung, der bekanntlich aus Gründen des militärischen und maritimen Sckutzbe- dürfnisses des Reiches zum Kampf gegen die Sozialdemokratie aufruft.
Um c8 kurz zu sagen: Am Dienstag ist dir Zustimmung des Kaisers zu der neuen Flottenvorlage perfekt geworden. ES ist in eingeweihten Kreisen schon längst bekannt, daß seit den Ereignissen der MarokkoaffSrr Herr von Tirpitz, der Leiter deS Reichsmarineamtes, namentlich im Hinblick auf England und die ständige» EinmischungSgelüste Englands, wofür ja besondere Beweise nicht notwendig sind, den weitern Ausbau der Flottenrüstungen sür notwendig hält. Es ist deshalb schon feit langem eine neue Flottenvorlage von Herrn von Tirpitz ans- gearbeitrt worden.
Herr von Tirpitz sand indessen mit feinem Plan die erbitterte Gegnerschaft des Reichskanzlers und des Schatzsekretärs Wermuth. Auch der Kaiser, der sonst für Herrn von Tirpitz die größten Sympathien hegt, war gegen die Tirpitzschen Pläne. Es ist bekannt, daß es aus biefem Grunde in den letzten Wochen hinter den Kulissen ziemlich heftige Diskufsionen gegeben bat, die zu einer großen Verstimmung des Herrn von Tirpitz führten. Es scheint nun, daß Herr von Tirpitz seine Gegner inzwischen überzeugt hat. Der Besuch des Kaisers im Reichsmarineamt ist das äußerliche Symptom der erzielten Ueberinftimmung zwischen dem Kaiser und dem Ches des Reichsmarineamts, und es darf weiter nock gesagt werden, daß auch Herr Wermuth bereits einen Plan gesunden hat, der die finanzielle Deckung der neuen Flottenrüstungen ermöglichen soll. Man erwägt im Reichsschatzamt zu diesem Zwecke einen Reichszuschlag zur Stoatsein- kommensteuer in den einzelnen Bundesstaaten. Der Zuschlag soll nur von den Einkommen Über fünftausend Mark erhoben werden, also nur auf die tragfähigen Schul- lern fallen, was die Zustimmung der Linksparteien sicherlich erleichtern wird. Selbstverständlich wird man Ausführliches darüber erst nack den Reichstagswahlen verlauten lassen. Es ist sogar nicht ausgeschlossen, daß man zunächst noch einmal die Dementiermaschine arbeiten läßt, um den Wählern die Freude am zwölften Januar nicht zu trüben. «w=
Straßenkampfe in Lissabon.
Blutige Unruhen; zahlreiche Berwundete.
(Privat-Telegram m.)
Lissabon, 5. Januar.
Nachdem die Regierung dem P a i r i a r - chen von Lissabon auf zwei Jahre den Aufenthalt in feiner Diözese untersagt hat, kam es gestern in Lissabon zu ernsten Unruhen. Mehr als zehntausend Personen erschienen auf dem Patriarchat, um dem Patriarchen ihr Beileid auszudrückrn. Die extremen Re- publSaner, hierüber empört, organisierten eine Schar von mehr als viertausend «ntiHcritalen, die die Klerikalen mit den Rufen: „Nieder mit den Monarchisten, Tod dem Klerus!" überfielen. Die Katholiken emp
fingen sie mit Hochrufen auf den Papst, den Exkönig und die M o n a r ch i e Es kam zu einem erbitterten Gefecht. Die Republikaner durchbrachen den Kordon der Polizei und der Soldaten und drangen in das Palais des Patriarchen. Der Priester, die den Patriarchen umgaben, bemächtigte sich eine Panik und sie flohen nach allen Richtungen. Als die Regierung von diesen Vorfällen verständigt wurde, entsandte sie eine große Abteilung Militär, die gerade noch zurecht kam, um weitere Mißhandlungen der Priester durch die Republikaner zu verhindern. Tie Republikaner wurden von den Truppen auf die Straße getrieben und dort zerstreut. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Biele Personen wurden verwundet.
Sturm um Soldneu Htm.
Kammer-Tumulte und Friedens-Sehnen.
(Telegraphische Meldungen.) Konstantinopel, 5. Jcmuak.
In der gestrigen Sitzung der Deputier« tenfammer waren alle Minister außer dem Großwesir anwesend, der durch Krankheit am Erscheinen verhindert war. Der Beginn der Sitzung war sehr stürmisch, da die Opposition beschlossen hatte, mit allen Mitteln Obstruktion zu treiben. Der Berichterstatter der Verfassungskommission entwickelte die Notwendigkeit, den Artikel fünfunddreißig abzuändcni. Die Opposition unterbrach ihn lärmend und forderte die Anwesenheit des Großwesirs. Der Unterrichtsminister verteidigte die Vorlage namens der Regierung und erklärte es für falsch, daß die Regierung die Auflösung der Kammer wünsche, um mit Italien Frieden zu schließen. Es sei u n m ö g l i ch , einen Finger- breit Gebietes abzutreten, da ein besonderer Artikel der Verfassung dem entgegenstehe. Die Sitzung wurde schließlich nach erregter Debatte auf Sonnabend vertagt. Zahlreiche Redner der Opposition haben sich für diese» Tag zum Wort gemeldet, und cs ist wahrscheinlich, daß die morgige Sitzung sich noch weit stürmischer als die gestrige gestalten wird.
*
Rom, 5. Januar. (Privak-Tele« gram m.) Die gesamte Presse beschäftigt sich augenblicklich mit der Möglichkeit, noch in diesem Monat einen Friedensschluß mit der Türkei herbeizuführen. Wie es heißt, sollen sich der französische und der russische Botschafter an den Verhandlungen lebhaft beteiligen. Die aus Konstanttnopel hier vorliegenden Nachrichten lauten für einen Friedensschluß durchaus nicht ungünstig und es ist deshalb die Annahme berechttgt, daß in naher Zeit der F r i e, de zustandekommen wird .
Monsieur Lur und ßomv.
Wie Frankreich spionieren läßt.
(Von unferm Korrespondenten.!
Paris, 5. Januar.
Aus Koblenz ist berichtet worden, daß darf ein Prozeßagcnt unter dem Verdacht der Spionage für Frankreich verhaftet worden ist. Dies lenkt das Augenmerk erneut auf das französische „Erkundigungsbüro", das augenblicklich mit Hochdruck, wenn auch mit recht wenig geschickten Kräften, arbeitet. Hebet dieses offizielle Spionagebüro ist folgendes zü berichten: In der Rue de la Paix und in der Rue de Trevis« wohnen unter angenommenem Namen zwei Staatsbeamte, von denen der in der ersten Straße mit dem Auswärtigen Amt, der in der zweiten Straße mit der Polizei zu tun bat. Außerdem gibt es noch die besonderen Dpionagestellen, die für die Außenwelt aber schwer zugänglich sind, da in ihnen nur die festbesoldeten Staatsspione ar. beiten. Dafür kennt aber jeder ausländische Strolch, der für Geld fein Vaterland zu verraten geneigt ist, die Adresse der Spionagebüro, leitet aus den beiden genannten Pariser Straße». W i e diese beiden Büros arbeiten, darüber habe» Mir in den letzten beide» Jahren genügend Erfahrungen sammeln können, denn die Zahl der Spionagefälle mit französffckem Gclde häuft sich mehr und mehr, sie hat in Wirklichkeit einen noch
weit größeren Umfang, da cs unseren deutschen Provinzbeamftm nocks viel an Schulung fehlt, Spione schnell und leicht zu ertappen. Und doch müßte dies ein Leichtes fein, wenn man sich vor Augen hält, wie leicht sich die französische» Büros die Arbeit machen. Hat jemand Neigung, fein Vaterland zu verraten, so findet er in der Rue de la Paix und in der Rue de Ttevife stets einen warmen Empfang. Er erhält je nach Gefell- schaftsrang ein angemessenes Aufgeld, seinen „Mietstaler". Dann bespricht man mit ihm, für welche Art der Erkundung er in Betracht kommen könnte, wo er zu Hause ist, und welche