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C Mer Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

2. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Donnerstag, 4. Januar 1912

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 24

festen Grundla

Beginn der eigentlichen Wahlagitation

im

norddeutschen allgemeinen Kanzlerblatt mit

Januar umso deutlicher sein.

-an.

daß

dem Versuch hervor, dem Wahlkampf für Reichstag ein Leitmotiv zu geben, das

uns war daß die

und ßer

geplanten öffentlichen Kundgebung teilnehmen dürfe, ist im vollen Einverständnis mit dem Krirgsministcr erfolgt. Diese Verfügung der Regierung wirkt im nationalistischen Lager selbstverständlich sehr ernüchternd. Desto mehr Befriedigung herrscht darüber aber in weiten Kreisen der Bürgerschaft, die be.n heutigen, die Auswüchse einer gewiffen Publizistik kriti­sierendenFigaro" von ganzem Herzen zustim­men. Durch die aus Berlin vorliegenden Rich.

den die

Jas deutsche Gespenst droht!

England wird immer nervöser!

Die Angst vor dem Wettbewerb deut

deren weiterer Entwicklung man mit gro- Sorge entgegensieht.

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Wetterlmchten Werall!

Bevorstehende Unruhen in Spanien?

Ein Privattelegramm berichtet aus Barcelona: In den letzten Tagen in ganz Spanien das Gerücht verbreitet. Unruhen unmittelbar bevorständen.

britische Reich Wert darauf legen muffe, feine Vorherrschaft als Kolonialmacht im Sü­den Afrikas nicht durch die Expansionsbestre­bungen anderer Kolonialmächte gefährden zu lassen.

Abermals: Die bösen Deutschen!

(P r i v a t - T e l e g r a m m.)

London, 3. Januar.

Wie in hiesigen politischen Kreisen erzählt wird, entfalten die auf den Antillen leben­den Deutschen eine rege Tätigkeit, die Eng­land zu ernsten Befürchtungen Anlaß geben müsse. Die Einwohner der Barbaden- Jnfel und der Dreifaltigkeitsinsel glaubten, daß die Deutschen ihr Augenmerk auf die Barbadeninsel gerichtet haben, deren Besitzergreifung durch Deutschland an­läßlich der Eröffnung des Panamakanals er­folgen werde. Der deutsche KreuzerHertha", der sich in der dortigen Gegend aufhalte, habe zahlreiche Sondierungsarbeiten auf der Höhe von Neeham Point vorgenommen. Die deut, schen Offiziere, die sich an Land begeben hätten, hatten zahlreiche Kundschafter beauftragt, die Insel Trinitas zu durchforschen. Korrespon­denten berichten, daß das deutsche Kriegsschiff nachts Schießversuche in der Nähe der Insel ausgeführt habe, ebenso im Hasen von Parim.

Das gebrochene Ehrenwort.

(Privat-Telegramm.)

Paris, 3. Januar.

Tie Verfügung des Minister-Präsidenten, Kapitän Lux an keiner ihm zu Ehren

JnserNonsprelf«: Di, fechsgespalten, ZU« für einheimisch« D-schöfis 15 Pfg.. für au», markig« Inserat« 25 Pf., Reklame»««, für etnhetmtfch« «»«schäft, 40 Pf., für auswärtige Trschäfte 60 Pf. Beilagen für bi- Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend bi- rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residen, und der Umgebung stnd di« Tafseler Sleueften Nachrichten ein vorzügliches Jnsertionsorgan. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.

durch Republikaner und Sozialisten hervorge­rufen werden würden. Die Polizei hat deshalb vor einigen Tagen ernfte Maßnahmen getroffen, um jeden Ausbruch von Ruhestörun- gen im Keime zu ersticken. Der Präfekt er­klärte daß jeder Versuch von Unruhen sofort energisch niedergeschlagen werden würde. Nach einem Meeting, das am Neuiahrstag in einem radikalrepublikanischen Zirkel stattfand, und auf dem man energisch aegen die Entsendung von einer weitern Expedition nach Melilla pro­testiert-, kam es zu einem heftigen Zu­sammenstoß mit der Polizei. Eine Grup­pe von Manifestanten wollte sich zu den Re- daktionSräumen der radikalen ZeitungPro- greffo* begeben. Die Polizei wollte den Kund- oebern jedoch den Weg dorthin verlegen. Auf beiden Seiten wurden einige Gewehr« schüfse abgegeben. Mehrere Verhaftungen sind vorgenommen worden. Einer der Mani­festanten wurde schwer verletzt. Eine Pistolenknael drang ihm in den Unterleib, so­daß der Verletzte kaum mit dem Leben davon- koMmen dürste.

dem Artikel oder dessen Verfasser folgende Lie. benswürdigkeiten: Was ein Halbwegs ge­wandter Redakteur in einer halben Stunde nie­derschreibt, dazu braucht der Philosoph von Hohenfinow mit seinen Geheimräten immerhin einige Tage, um die tiefsinnigen Gedanken nach langen Gebuftswehen zu Papier zu bringen, worauf dann erst das stilistische Zusammenstel­len des Programms noch einige Tage in An­spruch nimmt. So ist der Silvester-Wahlaufruf der Regierung erst am zweiten Januar erschie­nen, also etwas verspätet, dennoch rechtfertigt er in keiner Weise das bekannte Sprichwort: Was lange währt, wird endlich gut.

Irr Kanzlers ReujahrrgrO.

Eine Wahlparole der Berliner Wilhelmstraße.

Bernhard von Bülow schrieb am Abend des einunddreißigsten Dezembertags neunzehnhun­dertsechs (achtzehn Tage nach der Heimschickung des Parlaments) seinen berühmten Silve. st erb ries, der wie ein Orkan die Wogen des Wahlkampfs aufpeitschte und dem Kanzler einen kaum geahnten Sieg cintrug. Fünf Jahre später, am Silvestertag neunzehnhundertelf, hat sich Bülows Erbe gemüht, etwas Aehn- liches zustandezubringen: Ein in epischer Breite prangendes Pronunziamento der Berliner Wilhelmstraße, oder (wenn man will) den Neujahrs grüß des Kanzlers an das Volk, in dessen geheimstem Innern Bethmann Hollwegs Wahlparole fast unsichtbar ver- 2K. schachtelt liegt. Die Reichsregierung hat die Feiertage vorübergehen lassen und tritt nun bei

scher Macht im Ausland läßt den Englän­dern keine Ruhe, und nachdem die Furcht vor dem deutschenJnvasionsgesvenst" in England selbst einigermaßen geschwunden, tritt die Ner­vosität über die mögliche Konkurrenz deutscher Arbeit in Südafrika umso schärfer hervor. In welcher Weise sich die Angst vor dem .deutschen Gespenst" äußert, beweist recht deut­lich nachstehende Meldung:

London, 3. Januar.

(Privat-Telegram m.)

Die .Central News" berichten aus Jo­hannisburg, daß eine ungewohnte Tätig­keit in Deutsch -Südweftafrika herrsche. Die Truppen in Damaraland seien verstärkt worden und ihre Zahl sei jetzt größer, als die der englischen Truppen im Zululand während eines Aufruhrs jemals gewesen sei. Die Deut­schen hätten an gewissen strategischen Punkten der Küste wichtige Befestigungswerke errichtet und auch Schnellfeuergeschütze ausge­stellt. Die Regierung von Englisch-Südafrika sei über diese Vorbereitungen erst informiert worden, als sie beendet waren. Man fragt sich jetzt, gegen wen diese umfassenden Maß­nahmen gerichtet seien. England habe je­denfalls Anlaß, diese wichtigen Arbeiten mit großer Aufmerksamkeit zu verfolgen, da das

SMer-Revotte in der Wei?

Die türkische Arme« ist unzufrieden.

Aus Konstantinopel wird uns berich­tet: Der türkische Machthaber in Konstantinopel und besonders der Führer des jungtürkischen Komitees Hai sich eine lebhafte Unruhe infolge von Telegrammen bemächtigt, die dem Parlamente und dem Großwesir zugegangen sind. In den Depeschen verlangten die Offi­ziere der Garnifoncn in den Wilajets Janina, Skutari und Monastir den baldigen F ri e - densschluß in dem türkisch-italienischen Krieg, sowie schnellste Regelung aller staatlichen Fragen. In den Telegrammen drücken die Offiziere der drei Wilajets gemeinsam den Wunsch aus, daß sich alle Parteiführer aussöh. neu mögen, weil durch den ewigen Parteiha­der das Vaterland schwer geschädigt und große Unsicherheit im ganzen Lande verursacht werde. Sollte die Regierung den in den Telegrammen gestellten Forderungen nicht nachkommen, so würden sie mit ihren Truppen nach Konstanftnoprl marschieren, wie dies bereits im April neunzehnhundertneun, dem Revolutionsjahre, der Fall gewesen sei. Es handelt sich bei diesen Kundgaben nicht et­wa um nur einige Unzufriedene, sondern im ganzen türkischen Offizierkorps macht sich eine starke Erregung bemerkbar, die zu den ernstesten Befürchtungen Anlaß gibt

Lage klärt, die Geister scheidet und die ganze Bewegung übersichtlicher macht. Die Regie­rung gibt zu, daß es schwer ist, aus der Viel, heit der Motive, Wünsche und Richtungen einen Punkt klar herauszuheben. Sie kommt deshalb auf das von dem Reichskanzler schon vor Monden geprägte Schlagwort vom Schutz der nationalen Arbeit zurück. Eine sachliche Klärung, eine Scheidung in Für und Wider kann dieser Satz aber schon seiner Viel- deuftgkeit wegen nicht bringen. Gegen diese Parole werden sich nur die grundsätzlichen Freihändler aussprechen wollen, im übrigen besteht aber ein ganz offenbarer Gegensatz zwi­schen dem Bund der Landwirte und dem Han. sabund, die beide den Schutz der nationalen Arbeit für sich in Anspruch nehmen, über Um­fang und Art dieses Schutzes und die hier etwa zu ziehende mittlere Linie indessen durchaus verschiedener Meinung sind. Der Aufruf gegen die Sozialdemokratie bewegt sich in den üb­lichen Bahnen und die Gesamtlage betrachtet die Regierung als außerordentlich günstig: Trotz der Verdrossenheit im Reich, trotz des peinlichen Nachhalls der Marokko-Tragödie und trotz aller Unheilwolken am Kanzler. Himmel Theobald von Bethmann Hollwegs! Wenn Das, das am zweiten Tag im neuen Jahr das Kanzlerblatt der Wilhelmstraße im Auftrag des leitenden Staatsmanns zur Lefsentlichkeit gesprochen, alles ist, das der Kanzler am Vorabend des .Tags von Phi­lippi" zu sagen hat, dann ists nur wenig mehr als nichts. Das Echo aber wird am zwölften

lichen Aufschwung folgen mußten, haben sich ohne Erschütterungen vollzogen, dank der weitgehenden gesetzlichen Fürsorge für die arbeitenden Klassen und die wirtschaftlich Schwachen überhaupt. Trotz der erheblichen Aufwendungen, die die sozialpolitische Gesetz­gebung dem Reiche und dem Volke auferlegte, ist für die Schlagfertigkeit des Heeres ständig gesorgt und eine leistungsfähige Flotte geschaf­fen worden. Wenn die Finanrvolitik des Reichs nicht immer den Anforderungen genügt, die die sachgemäße Erfüllung aller dieser Auf­gaben stellte, so können wir heute sagen, daß auch die Finanzen des Reicher auf einer g e stehen, dir uns ohne kommenden Aufgaben ent«

und sie hat die Landwirtfchaft, den Handel und die Industrie zu hoher Blüte entwickeln helfen und die in der Nation schlummernden Kräfte zu machtvoller Betätigung geweckt. Die sozialen Verschiebungen, die dem schnellen wirtschaft-

Botmätzigkett bet Sozialdemokratie unseren nationalen Aufgaben ablehnend und verständnislos gegenüber. Noch heute sieht die Sozialdemokratie das Heil ihrer Anhänger in der Absonderung von den übrigen Klaffen der Bevölkerung und in der Zertrümmerung der bestehenden Staats- und Wirtschaftsord­nung. Hier Wandel zu schaffen, ist und bleibt eine unserer wichtigsten Aufgaben. Die ge­schichtliche Vergangenheit unseres Volkes soll uns noch ein Anderes nicht vergessen lassen. Vierzig Jahre hat das deutsche Volk an seinem Hanse gebaut und für feine wirtschaftliche Ent­wicklung gesonnen und geschafft. Mit dem wirtschaftlichen Emporsteigen ist sein F r i e» densbedürsnis gewachsen und manche ha­ben angefangen zu glauben, daß die eigene Be­tätigung der friedliebenden Gesinnung genüge, um der Welt den Frieden zu erhalten. Die zeitweilig schwierige Weltlage hat uns im ver­gangenen Jahre gezeigt, daß dem nicht so ist. Ein wirtschaftlich aufstrebendes Volk, in dem alle Völker der Welt in steigendem Maße einen Konkurrenten des Handels und der In­dustrie erstehen sehen, ist des Friedens, den es für feine wirtschaftliche Entwickelung braucht und zu erhalten bestrebt fein muß, nur sicher, so lange

Heer und Flotte genügen, um die Grenzen und die Interessen zur See wirkfam zu schützen. Daraus folgt: Wir brauchen einen Reichstag, der bereit ist, unsere bisherige Wirtschaftspolitik, die Poli­tik der Handelsverträge und des Schutzes der nationalen Arbeit weiterzuführen. Wir brau­chen einen Reichstag, der bereit ist, unsere So­zialpolitik. die Bürgschaft der friedlichen Ent­wicklung im Innern, ruhig und besonnen fort« zufetzen. Wir brauchen einen Reichstag, der bereit ist, Heer und Flotte dauernd im Zustand höchster Leistungsfähigkeit zu halten und die Lücken nuferer Rüstung zu schließen. Bei der Lösung aller dieser Aus­gaben pffegt die Sozialdemokratie ihre Mitar­beit zu versagen. Darum ist die endliche Heberm'inbitng dieser Partei, de­ren Bestehen eine Gefahr bedeutet für die natio­nale Geschlossenheit unseres Volkes tote für die Erhaltung des politischen, geistigen und sitt­lichen Erbes unserer Väter, eine Lebensfrage für unser Vaterland. Wer sich das alles vor Augen hält, wird sich klar darüber fein, daß kein pflichtbewußter deutfcher Mann am zwölften Januar an der Wahl­urne fehlen darf. Er kann auch nicht im Zwei­fel fein, gegen wen er die Front zu nehmen hat. *

Der Kanzler und die Parteien.

(Privat-Tclegramm.)

Berlin, 3. Januar.

Der Wahlaufruf der Regierung in der Nord- deutfchen Allgemeinen Zeitung, der zu einer Sammelpolitik gegenüber der S o. zialpolitik auffordert, hat im allgemeinen eine kühle Ausnahme gefunden. Von den rechtsstehenden Blättern enthalten sich die Kreuzzeitung, die Deutsche Tageszeitung und die Post jeglichen Kommentars. Die Rational­zeitung schreibt: Das ist der Regierung ganze Weisheit! Wenn sie der Meinung ist, mit die­semzündenden Wahlaufruf die Wiederwahl der vierzig bis fünfzig Sozialdemokraten, die demnächst mit den andern neu in den Reichs­tag einziehen werden, verhindern zu können, möge sie in diesem Köhlerglauben ver­harren. Die Tägliche Rundschau erklärt: Wie zu erwarten war und wie die Konservativen verlangt haben, läuft die Wahlparole der Re­gierung hinaus auf eine Parole der Samm­lung gegen die Sozialdemokratie. Der Leit­artikel der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung ist ein wahres Philosophium über den Wahl­kampf und seine Anforderungen. Die Germa­nia faßt sich kurz und sagt: In diesem offen­sichtlich offiziösen Artikel hat man wohl das Wahlprogramm der Regierung zu erblicken. Es wird aber zehn Tage vor der Wahl etwas spät veröffentlicht. Der Vorwärts ist natur­gemäß am wenigstens zufrieden und widmet

ernstere Sorgen den gegensehen läßt. Alles ist erreicht wor­den, weil der staatsrechtliche Aufbau de? Rei­ches gesund und die innere Kraft des Volkes durch den Kampf der Parteien wohl abgelenkt ist, aber nicht zerstört werden konnte. Frei­lich liegen aber aus diesem erfreulichen Bilde unserer Entwicklung tiefe Schatten. Noch heute steht ein großer Teil unseres Volkes unter der

AmAmam 8m bald«.

Die Flucht des Zeppelin-GpionS.

Wie uns aus Berlin berichtet wird, hat im Auftrage des Kaisersder für die Festung Glatz zuständige Kriegsminister einen genauen Bericht über die unter eigenartigen Umständen bewerkstelligte Flucht des französischen Spi­ons Lux von dem Kommandanten der Fe­stung eingefordert. Gleichzeitig ist die Unter- . suchuna gegen etwaige Mithelfer des Entflohe­nen eingetcitet und eine Verschärfung der Ueberwachung des gleichfalls liegen Spionage in Glatz internierten engltfchen Offiziers Trench angeordnet worden, lieber die Flucht des Spions wird uns in einem weiteren Tele­gramm berichtet:

Budapest, 3. Januar.

(Privat-Telegram m.)

In Budapest haben sich schon seit mehreren Monaten einige Freunde des Entflo­henen aufgehalten. die den Entschluß gefaßt hatten, ihn aus dem Gefängnis zu be­freien. Die dem Hauptmann übermittelten Pakete und Bücher, die die Befreiungswerk- zouge enthielten, sollen (wie verlauteft sämtlich aus Budapest abgesandt worden sein, denn am Morgen des stebenuudzwanzigsteu Dezem­ber erfolgte die Flucht, und fchon am neun- undzweinzigsten war Lux in Budapest, wo er von feinen Freunden erwartet wurde. Er erzählte ihnen, daß er nach feiner Flucht aus der Festung von Glatz aus mit der Eisenbahn nach der etwa zwanzig Kilometer von der österreichischen Grenze entfernten Station Mittelwalde gefahren fei. Sein Geld hätte gerade noch bis dahin gereicht. Von da aus fei er ohne Fahrkarte weiter ge­fahren und fpäter von einem österreichischen Eisenbahnkondukteur ertappt worden. Er habe diesem erklärt, daß er kein Geld besitze, worauf er zu dem Stationsvorsteher geführt worden fei. Dem Stationschef habe er erklärt, woher er komme und wer er fei. Darauf habe ihn der Bahnhofsvorstand der Polizei übergeben, doch konnte ihn diese als poli­tischen Flüchtling nicht an Deutschland aus­liefern. Auf sein Verlangen habe der Sta­tionsvorsteher dann wegen Geld nach Budapest telegraphiert, und erst nachdem diefes einge- troffen fei, habe er feine Reife nach dort fort­fetzen können, wo er viernndzwanzig Stunden in seiner heiklen Lage habe verbringen müssen, ohne sich irgendwie bemerkbar zu machen. Von Budapest aus habe er schließlich seine Reise nach Frankreich durch die Schweiz fort­setzen können. Auf der Station Belfort fei er von feilten Geschwistern, die er telegraphisch von feiner Ankunft benachrichtigt hatte, emp­fangen worden.

Bethmann HoMegs Wahlparole.

Die offiziöse Norddeutsche Allge­meine Zeitung bringt in ihrer Diens­tag-Nummer einen Artikel zur bevor­stehenden Reichstagswahl, der offenbar als Auslassung des Kanz­lers selbst zu betrachten ist, und in dem es heißt:

In wenigen Tagen wird das deutsche Volk zur Reichstagswahl an die Urne treten. Der Wahlkampf hat eine einzelne, klar formu­lierte große Frage, die von den Wählern ein­faches Ja oder Nein verlangt, nicht in den Jr Vordergrund gerückt. Darin liegt die Schwie- rigkeit der Aufgabe, vor die die Nation gestellt MW ist. Sie soll durch den Streit um die Fmanz- refotm, durch die widerstreitenden Ansprüche der Parteien der wirtschaftlichen Gruppen, durch Mißmut und Unzuftiedenheit aller Art hin­durch den Weg finden, den die gedeihliche Fort­entwickelung des Vaterlandes verlangt. Die Agitation, die fett Jahr und Tag den Kampf der Parteien in alle Kreise und Verhältnisse hineinträgt, hilft der Wählerschaft nicht zur Klarheit. Aus dem Gewirr von leiden­schaftlichen Erörterungen über die Parteien und ihre Gruppierung, über die Koa­litionen, die zu schließen und über die Fronten, die zu nehmen sind, hat sich kein leitender Ge­danke entwickelt, der als Richtschnur dienen konnte. Und doch liegen die Dinge ein- acher, als es den Anschein hat: Wer unbe- angen die Entwicklung Deutschlands in den etzten vier Jahrzehnten überschaut, wird fin­den, daß das Gesamtergebnis zu p es simisti- fchen Betrachtungen keinen Anlaß fördert. Die in der Verfassung vorgesehenen Institutionen haben sich zu leistungsfähigen Organen entwickelt und fast auf allen den der verfassungsmäßigen Einwirkung des Reichs zu­gänglichen Gebieten erfolgreich gewirkt. Die M Einheit des Rechts und die Einheitlichkeit des K Gerichtsverfahrens sind die Politik des

Schutzes der nationalen Arbeit,