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Nummer 23.
Fernsprecher 951 und 952.
Mittwoch, 3. Januar 1912.
Fernsprecher 951 unk 952.
2. Jahrgang.
liniere Spione.
Tie Silvesterfahrt des Hauptmann? Lux.
Unsre Spione können sich wirklich nicht beklagen: Die Herren Trench und Brandon, die Spione von Borkum, erfreuen sich als Strafgefangene einer Behandlung, die zumindest hochachtungsvoll genannt werden kann; der französische Hauptmann Lux scheint im Zwinger von Glatz von des Kerkers Bitter- niflen ebenfalls freundlich verschont geblieben zu sein, und die vorzeitige Begnadigung der »Gentleman-Spione" ist Hierzuland förmlich Brauch geworden, und bei irgend einer passenden oder (meist) unpassenden Gelegenheit der internationalen Höflichkeit ein dem Nachbar wohlgefälliges Opfer zu bringen. Der Hauptmann Lux hat es allerdings trotzdem vorgezogen, sich noch vorm Schluß des alten Jahrs »echt französisch" aus Glatz zu empfehlen und dadurch seinen Kerkermeistern einen bösen Silvesterabend zu bereiten. Wie die Flucht des Zeppelin-Spions eigentlich ermöglicht worden ist, steht in den Einzelheiten noch nicht fest; sicher ist nur, daß Monsieur Lux es nicht allein dem Vermögen seiner eignen schwachen Kraft verdankt, den Mauern von Glatz entronnen zu sein, sondern daß hilfsbereite Hände ihm den Weg geebnet und seine Flucht begünstigt haben. Wo diese barmherzigen Samariter zu suchen sind, ist noch nicht ermittelt; Landsleute des Spions aber werden's vermutlich nicht gewesen sein, denn Glatz ist Festung, und ist eine kleine Stadt, in der ein Ausländer nicht unerkannt im Gewühl der Straße, oder im engen Kreis des bürgerlichen Lebens untertauchen kann. Bleibt also nur die Annahme, daß Monsieur Lux mit französischem Gold deutsche Gewissen zu betören vermocht hat.
E« mit einiger Verwunderung vernommen worden, daß der im Sommer des eben verronnenen JahrV zu langer Festungshaft verurteilte Friedrichshafener Spion sich innerhalb der Mauern von Glatz einer sehr ausgedehnten Bewegungsfreiheit erfreute, die cs ihm ermöglichte, nachts unbehelligt den ihm zugewiesnen Haftraum zu verlassen und in das Innere des Festungsgefängnisses zu gelangen, von wo aus er dann leicht den Weg über die Mauern und in die Freiheit zurück finden konnte. Die Geschichte der Flucht dieses gallischen Luxes klingt so abenteuerlich-romantisch, daß man fast versucht sein könnte, das restumgürtete Glatz für ein kleines Märchen- keich zu halten, in dem der Romantik blaue Blume noch nicht weltte. Der auf der Flucht befindliche Spion wird die Gitterstäbe des Fensters, durch dessen enge Spalte er sich behend hindurchzwängte, kaum in Sekunden oder Minuten durchfeilt, sondern schon allein zur Ausführung dieser Vorbereitungsarbeit Stunden gebraucht haben, ganz abgesehen davon, daß das Durchfeilen von zwei dicken Eisenstäben einiges Geräusch verursacht, das in der Stille der Nacht auch dem argwohn-freien Ohr hätte merkbar werden dürfen. Trotzdem hat Monsieur Lux. von keinem Auge erspäht, von keinem Ohr belauscht und von keinem Arm gehindert, seinen Fluchtplan in aller Ruhe verwirklichen können, und es heißt sogar, daß man erst am andern Nachmittag entdeckt habe, w i e unziemlich hastig der Gefangene, auf dessen Konto noch fünfeinhalb Jahre Festungshaft standen, sich empfohlen hatte.
Wenn eS einem Festungsgefangenen, und noch dazu einem ausländischen Spion, dessen Tätigkeit erwiesenermaßen der Gefährdung der deutschen Reichssicherheit galt, auf so leichte und fast scherzhaft anmutende Weise (der höfliche Franzose ließ in der Zelle eine Anweisung auf hundert Silberlinge zurück, dir dazu dienen sollten, die Rechnung des Reichs für die Verpflegung des Spions während der Strafhaft zu begleichen) möglich ist, sich der durch Urteil des höchsten deutschen Gerichts verhängten Strafverbüßung durch die Flucht zu entziehen, dann muß das System der Straf. Vollstreckung gegen Gentleman-Spione bedenkliche Lücken haben, und es ist im Interesse der Reichsstcherheit sowohl wie auch hinsichtlich des Ansehens der staatlichen Gerechtigkeit drin- gend geboten, diese Lücken und Mängel gubc» seitigen. Seitens der verantwottlichen Stellen ist zwar versichert worden, daß die Hastordnung grade bei der Strafvollstreckung gegen fremde Spione mit größter Entschiedenheit gehandhabt werde; sonderlich erfolgreich scheint diese »entschiedne Handhabung" indessen nicht gewesen zu sein, zumindest aber ist die Flucht des Hauptmanns Lux und ihre Geschichte kein günstiges Zeugnis für die Nützlichkeit und Sicherheit des bestehenden Systems. Man mag den Spion auch innerhalb der Fe.
stungsmauern ruhig als Gentleman gelten lassen, die Hauptsache: Die Sicherheit der Strafvollstreckung und die Erfüllung des Straf, zwecks darf dadurch aber nicht infrage gestellt werden, denn das Festungsgesängnis ist doch schließlich kein Vergnügungs-Etablissement.
Es läßt sich überhaupt darüber streiten, ob die Strafe der Festungshaft für Spionagcver- brechen als ausreichende Sühne gelten kann. Ob die Spionage nun aus patriotischen Motiven oder ans gemeinem Eigennutz betrieben wird: Ein Verbrechen an dem Land, gegen dessen Sicherheit sie sich richtet, ist sie in b e i. den Fällen, und die Notwendigkeit, sich gegen Verbrechen dieser Art zu schützen, zwingt die strafende Gerechtigkeit des bedrohten Landes zu den schärfsten Maßnahmen. Leider wird in den Prozessen gegen Gentleman-Spione vor deutschen Gerichten das Humanitätsprinzig der Motiv-Berücksichtigung meist in einem Umfang angewandt, der dem Strafzweck wenig dienlich ist, und der doch eigentlich nur dann eine innere Berechtigung hat, wenn er das Maßver- hältnis zwischen Schaden und Buße nicht unnatürlich verschiebt. Die britische Spionage- Company Schultz, die vor wenigen Wochen erst vom Reichsgericht für lange Jahre dem Zuchthaus überantwortet wurde, mag hinsichtlich der Motive ihrer eVrbrechen auf einem weit tiefem Niveau stehen, als der französische Hauptmann Lux, den die Vaterlandsliebe und die Erkenntnis der Dürftigkeit der heimischen Militärluftschiffahrt nach Friedrichshafen trieben, um dort Zeppelins Geheimnisse zu ergründen; ob indessen Schultz oder Lux für das Deutsche Reich die größere Gefahr dar. stellen, ist eine Frage, über die gestritten werden kann. Die Silvesterfahrt des Glatzer Fe- stungsgasts sollte uns jedenfalls eine ernste Mahnung sein: Wenn Spione Verb re- ch er sind, sollte die strafende Gerechtigkeit sie auch als Verb rech er'behandeln; die Furcht vor den düstren Mauern deutscher Zuchthäuser würde dann den in der Heldengeste und in der Märtyrer-Romantik schwelgenden Patriotismus fremder »Marschallstab-Aspiranten" sich wohltuend a blühten!' F. H.
*
Hauptmann Lux in Paria!
(Privat-Telegramm.)
Paris, 2. Januar.
Der aus der deutschen Festung Glatz ent ftohene französische Spion Hauptmann Lux ist am Silvesterabend auf dem Umweg über die Schweiz in Paris eingetroffen. Ge. stern früh begab sich Lux zum Krirgsministe- rium und wurde dort durch den General Dubai! dem Kriegsminister vorgestcllt. Lux bleibt bis auf weiteres zur Verfügung der Militärbehörden, da er wegen eigenmächtigen Ueber- schreitens seines Urlaubs formell vor ein Kriegsgericht gestellt werden muß. Die Abendblätter stellen jedoch seine Freisprechung und sein Avancement in Aussicht. Es ist übrigens das erste Mal, daß von einer europä- ischen Macht die Spionage öffentlich und behördlicherseits anerkannt wird. Ein Pariser Blatt will wissen, daß Lux in der Festung Glatz Mittel fand, sich mit dem dort inhaftierten
englischen Sfflzier Trench, einem der Spione von Borkum, in Verkehr zu setzen. Der Frage, ob der Kapitän sich in Glatz durch ein Versprechen verpstichtet habe, jeden Fluchtversuch zu unterlassen, treten die Artikel der heutigen Frühblätter 'mit keinem Worte näher. In allen diesen, Lux als Helden feiern, den Erörterungen wird darauf hingewiesen, daß er aus der Zeit, da er zu den Lettern des ftanzösischcn Nachrichtenbüros gehörte, wertvolle Verbindungen bewahrt habe, die sich in der kritischen Nacht sehr nützlich erwiesen hätten. Tie deutschen Behörden würden sich aber (so heißt es weiter) vergebens anstrengen, zu erforschen, durch welche Mittel dem Hauptmann die gute englische Feile zugesteckt worden sei, mit der er im Verlauf von vier Stunden zwei Gitterdrähte zu durchschneiden vermochte. Ebensowenig wftd man jemals Kenntnis darüber erhalten, wie die Zivilkleider in einem dem Gefangenen bekannten Winkel des Gefängnishofts gelangen konnten und auf welchen unverfänglichen Namen
der Reisepaß des Flüchtlings lautete, der in einer Tasche des Zivilrockes sich befand. Soviel aber dürfe man schon heute txrra- ten, daß Kapitän Lux die erst« Rächt nach feiner Flucht auf österreichischem Boden verbrachte und daß er dann unerkannt in französischer Ge- sellschaft in einem Eiscnbahnzug die französische Grenze erreichte und durch den Simplontunnel über Genf in der Neujahrsnacht nach Paris gelangt sei. Wie weiter berichtet wird, hatte Lux gestern mit dem KriegS.niniftcr eine längere UnterrÄMg. über die strengstes Still.
schweigen beobachtet wird. Wie man sich denken kann, wurde der Heimgekehrte von vielen Journalisten überlaufen, doch gab er keinem Auskunft. Einem Bekannten von ihm war es aber doch möglich, einiges zu erfahren. Unter anderem soll Hauptmann Lux erzählt haben, daß er in der Festung Glatz direkt neben dem englischen Spion Trench unter, gebracht gewesen sei, mit dem er in st ä n d i - ger Verbindung gestanden habe. (Wenn das zutrifft, wird die preußische Militärbehörde noch Anlaß haben, sich mit dem seltsamen SystS.n der Glatzer Strafvollstreckung ein. gehend zu beschäftigen.)
Wlonmtenschüb in Sicht?
Marschall, Bodman und Rechenberg.
Wir haben schon vor einiger Zeit über bevorstehende Veränderungen in der deutschen Ausland-Diplomatie berichtet, die, wie es hieß, gleich nach Neujahr eintreten sollten. Es war damals von der Neubesetzung der Botschafterposten in London, Paris und Wien die Rede, da die zurzeit dort stationierten Botschafter in den Ruhestand zu treten beabsichtigten. Neuerdings scheint jedoch in den diesbezüglichen Dispositionen eine Aenderung eingetreten zu sein. Wir erhalten darüber folgende Meldung:
Berlin, 2. Januar.
(Privat-Tclegramm.)
Ein hiesiges Morgenblatt erfährt aus angeblich guter Quelle, daß folgende diplomatischen Veränderungen in Aussicht genommen sind: Der deutsche Botschafter in Konstantinopel, Frhr. von Marschall wird im neuen Jahre in den Ruhestand versetzt werden und der Gesandte in Bukarest, Dr. Rosen, von dem man schon lange sagte, daß er für einen wichtigen Posten ausersehen fei, wird sein Nachfolger werden. Ferner gedenkt der deutsche Geschäftsträger in Lissabon, Frhr. von B odman, der sich zurzeit wegen eines Augenleidens in Paris aufhält, in aller Kürze von seinem Posten zurücktreten. Ueber seinen Nachfolger ist noch nichts bekannt. Schließlich beabsichtigt noch der Gouverneur von Deutsch-Ost- aftika, Frhr. von Rechenberg, von seinem Posten zurückzutreten, um den Posten eines Gesandten in C h r i ft i a n i a zu übernehmen.
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Wenn es sich bestätigen sollte, daß man in der Berliner Wilhelmstraße daran denkt, den Botschafter am Goldenen Hyrn, M a r s eh a l l von Biber st ein, kalt zu stellen, so würde das einer der verhängnisvollsten Schritte sein, die sich die Lei'ung unsrer auswärtigen Politik in den letzten Jahren geleistet hat. Botschafter von Marschall ist einer der wenigen staatsmännischer Talente in unserm Diplomatenheer, und ihn aus Konstantinopel abzuberusen, würde gleichbedeutend sein mit einer Preisgabe des deutschen Einflusses in der Türkei in einer Zeit, in der England nur daraus wartet. uns aus der türkischen Einflußzone ganz, lich zu verdrängen.
Achttausend Mauren getötet!
Neue, schwere Kämpfe im Rifgebiet.
Die Kämpfe der Spanier im marokkanischen R i f g e b i e t gestalten sich viel ernster und schwieriger, als man in Madrid angenommen hatte. Gestern sind aus Madrid sechstausend Mann Verstärkungen nach Melilla abgegangen und weitere sechzehntausend Mann werden Bereit gehalten, um in den nächsten Tagen zu folgen. Die spanischen Republikaner und Sozialisten veröffentlichen eine Protest- funbgeBung gegen den Feldzug. Wir erhalten folgende Meldungen:
Madrid, 2. Januar.
(Privat-Te leg ramm.)
Der neue Ris-Feldzug scheint ungeahnte Dimensionen annehmen zu wollen. In Melilla befinden sich bei Beginn der Feindseligkeiten 25 000 Mann, dazu sind dort 2000 Mann Verstärkung aus Ceuta und 40000 aus Malaga ein- getroffen. Aus Malaga und Algeciras werden weitere 6000 Mann abfahren. 10000 Mann werden außerdem in den Südhäfen bereit gehalten. Auf dem Schlachtselde am Stert wurden gestern zweihundertfünfzig Mau- reuleichen begraben. In der Schlacht am siebenundzwanzigstcn Dezember sollen achttausend Mauren getötet worden sein. Nach der genauen Verlustliste der Spanier wurden auf spanischer Seite getötet neun Offiziere und dreiundsechzig Gemeine, verwundet einundzwanzig Ofiiziere und zweihundertdrei Gemeine. Die feindliche Harka am Kert soll auf 20 000 Monn angewachsen sein, sodaß den Spaniern wieder harte Arbeit bevorstcht. Man erwartet für die nächsten Tage neue schwere Kämpfe.
Set Krieg in den Lüsten.
Ein weiteres Privat-Telegramm meldet uns aus Madrid: Der Kriegsminister beabsichtige, nach Melilla ein voWcindiaes Ar.
fenal von lenkbaren Luftschiffen und Flugapparaten zu entsenden, sowie an Ort und Stelle einen Kundschafterdienst einzurichten. Mehrere Luftschiffe und Flugapparate sind bereits im Luftschisspark von Guadalajara zur Verfügung gestellt. Sollte man nicht hinreichend spanische Aviatiker und Luftschift'er sin. den, so will der Kriegsminister die Dienste fremder Luftschiffer annehmen, wie dies die Italiener bereits in Tripolis getan haben.
Sine Silvester-Katastrophe.
Flutwelle im Hafen von Folkestone.
(Privat-Telegramm.)
London, 2. Januar.
Der Hafen von Folkestone an der Süd. Westküste Englands wurde in der Silvesternacht von einer Flutwelle heimgesucht, wie matt sie seit Menschengedenken nicht erlebt hat. Tas Wasser stieg dort um mehrere Fuß. Eine Anzahl Kohlendampfer brachen von ihrer Verankerung los und verursachten große Ber- Wirrung im Hafen. Die Fischerboote tanzten auf dein Wasser umher. Ter Donner der herankommenden Flutwelle wurde weilen, wett vernommen. Aus Dover wird gemeldet, daß zwischen dort und Boston- ein u n g e h e u. rer Ab stürz von Klippen stattfand, der jedenfalls mit der Flutwellen-Katastrophe in Zusammenhang zu bringen ist. Die in den Ozean gerutschten Felsen, die zu der historischen Gruppe der Weißen Klippen gehören, rage« als Trümmer eine Viertel-Seemeile weit ins Meer hinaus. Die Höhe des durch die beiden Kata- sttophen verursachten Schadens läßt sich zurzeit noch nicht übersehen; man schätzt sie aber auf viele Millionen von Mark. Ob auch Menschenleben den beiden Naturereignis- fett zum Opfer gefallen sind, steht noch nicht fest.
Kriegstzanik Nerrn Kanal.
Eine englische Komödie der Irrungen.
(Privat-Telegramm.)
London, 2. Januar.
Durch die unklare Form einer neuen Armeeverordnung wurde am Jahresende eine regelrechte Mobilisierungspanik in England verursacht. Die neue Verordnung betrifft die Mobilisierung im Kriegsfall. Der Deutlichkeit halber wurde der Verordnung eine Anweisung für eine Eisenbahnkarte und für drei Mark Spesen angefügt, allerdings mit dem deutlichen Aufdruck, daß die Verfügung nur im Falle einer wirklichen Mobilisierung gültig sei. Die Form -dieses Vermerks muß jedoch sehr unklar gewesen fein, denn eine große Anzahl von Reservisten aus allen Teilen des Landes kassierten die drei Mark ein, nahmen ein Eisenbahrchillet und reisten in großer Aufregung Hals über Kopf nach ihrem Gestellungsort. Dort erst wurde ihr Irrtum in den Kasernen aufgeklärt. Nun hat sich das Kriegsministerium gezwungen gesehen, ein energisches Dementi gegen die Annahme zu erlassen, daß taffächlich eine Mobilisierung geplant gewesen sei.
8m Land der Kontraste.
Bilder aus der südastikanischen Union.
(Von unserm Korrespondenten.)'
London, Ende Dezember.
Selten wird ein Blaubuch unterhaltsamer zu lesen sein, als das eben veröffentlichte der Südasrikairischen Union, in dem man eine Fülle der Seltsamkeiten und der merkwürdigsten Gegensätze beisammen findet. Die Verschiedenartigkeit der einzelnen Gebiete, wie des Lebens der Menschen in ihnen grenzt ans Unglaubliche. Fruchtbare und von der Sonne ausgedörrte, reichste und ärmste Länder, die höchste technische Entwicklung und die größte Primitivität wechseln miteinander ab. Ist hier das wundervolle Grün des Knysna-Distriktes geschildert mit seinen tiefen Bergschluchten, die von dichten Urwäldern eingefaßt werden, mit Wasserfällen und schnell dahinströmenden Flüssen und mit wilden Elefanten, so liest man an anderer Stelle von der großen Kalahari-Wüste, in der selten ein Regentropfen fällt und die Polizei auf Kamelen reiten mutz, wo nichts als ein tiefroter Sand und die zinnoberfarbenen Bergkämme mit ihren phantastischen Formen das Auge treffen. Findet man im Süden Wälder, Weingärten und friedliche Heimstätten, so lieft man in den Berichten aus dem Norden von Löwen und Leoparden, die »die Berge unsicher machen", und von Springböcken, die so zahlreich sind, daß sie die Fluren der Farmer verwüsten.
In den Zentren des Bergbaues herrscht Leben und Unternehmungslust, aber in dem fernen, sandigen Gordonia-Tistrikt verfallen die Menschen, die sich dort niedergelassen haben, in Lethargie und Untätigkeit, aus der sie sich nickt wieder auiuraffen vermögen.