srummer 39,
Sonntag, 1. September 1912,
2. Iahrgan
EiAkl Somilitnöion
Wochenbeilage zu den Casseler Neuesten Nachrichten
Lebensweg
Anü örnüt ich an Sturm und Streit und Sirrbrn Au i»einer Jugend öÄanürrn dort und hier. So ist mir oft: Ls war mein ganzes Leden Lin stiiirr unbrirrtrr SArg zu Sir.
Ich bin durchs Leben auf Sich zugrgangen. So fest und klar, wie übers grüne Land Sie Taube flott, dir lang» ringefangen And doch den Weg zur fkihrn Heimat fand.
Börries Freiherr von Münchhausen.
>ad)bem Firmin Granat, der jüngste We- gearbeiter der Gemeinde, die Tür ge- schlossen und seine Lampe angezündet, sprengte er die lederne Reisetasche mrt einem Stoß seines Messerchens. „Wollen mal sehen was sich in ihrem Bauche befindet," sagte er. Nun, die gelbe Reisetasche hatte ein blaues Innere. Mit trockener Kehle zog Granat knisternde Bündel Papiergeld heraus, die er zu zählen versuchte. Er war beim siebenten angelangt, als die Trommel auf der Straße ertönte und die Fensterscheibe wie eine Wespe summen ließ. Und die Stimme Costelans, des Stadldieners, tönte in die Nacht hinaus:
„Heute abend ist auf dem Wege zwischen Eouroulis und Pouzinet eine lederne Reisetasche aus Rußland, die große Geldbeträge enthielt, verloren worden. Hohe Belohnung wird demjenigen, der sie unverzüglich dem Herrn Bürgermeister abliefert, zugcsichert. Man lasse es sich gesagt sein." Der Ausrufer fügte vertraulich hinzu: „ES werden fünfhundert Franken geboten!"
„Hörst du, Granat?" fragte Esclafer, der Hufschmied, unter dem Fenster.
Bald nachdem Granat sein Tagewerk beendet und sein Handwerkszeug fortgeräumt, hatte ein Automobil den Weg verräuchert, und der Wegarbeiter war in dem scharfen Geruch des Staubes rmd der Essenz, mit dem Fuß in eine Reisetasche getreten. Schon beugte er sich nieder: da mußte er sich wieder aufrichten: Rs- naud, der Fleischer, kam auf seinem Karren daher.
Rönaud hatte nicht die Zeit gehabt, etwas zu sehen. Schnell rollte der Fund in den Graben, und da das Pferd eines Spitzbuben immer noch schneller ist, als di« Beine eines ehrlichen Mannes, nahm Granat, hierzu aufgefordert, entschlossen einen Platz in dem Wagen an. Eine Viertelstunde später zechte nran in dem Wirtshaus Pruneslines. Endlich kehrte Granat, vom Kartenspiel und der Stacht begünstigt, flink und verstohlen zurück, fand die Tasche wieder und nahm sie mit sich.
Da er die Jnventuraufnahme jetzt nicht beenden konnte, stieg er bei der Anrede des Hufschmiedes auf dir Straße herab. Habgierige Gruppen bildeten sich, von ferne eilten Männer mit Laternen nach dieser Seite zu.
Laternen und Stöcke durchstöberten den Schatten. Man hätte glauben können, daß es Arbeitertrupps seien, die die Weinschnecken suchen gehen, -wenn es im Mai auf die sprossen- oen Weinstöcke geregnet hat. Renaud prügelte feinen Hund, der nicht suchen wollte.
„Wenn man dabei bedenkt," erklärte er dem Wegearbeiter, .daß du vielleichl die fünfhundert Franken gewonnen hättest, wenn ich dir nicht in mtlntnt Wagen Platz gemacht hätte!"
So kam man bis zum Weiler von Courou- «», wo keinerlei Ankündigung stattgefundcn
Die Belohnung.
Skizze, von 86on Lafage.
hatte. Da bekam die Gesellschaft von Pouzinet ohne Gewissensbisse Furcht, ihre Nachbarn aufzuwecken. Aian stieg wieder zum Dorfe hernieder.
.Man muß den Tag abwarten," sagte jemand, wie bei einem festen Entschluß.
.Das genügt mir," erklärte Rsnaud, „und das Angelusläuten wird mich im Bett autref- frn. Weiß man übrigens, wo diese Tasche verloren worden ist? Ist es übrigens wahr, daß sie verloren ist?"
.Sie haben vollständig recht," unterstützte ihn die Gastwirtin, .und ich werde es gewiß nicht sein, die dem Tag einen Vorsprung abgewinnt."
Beifall ertönt« bei allen Laternen, und jeder beabsichtigte, den ersten Morgenstrahl ab- zuwartcn. Goldstücke rollten durch die Nacht.
II.
Die Geldtasche enthielt zehntausend Franken. Zehntausend Franken ... in Pouzinet und bei Granat sind gleichbedeutend mit sünf- zigtausend in Paris bei einem städtischen Straßenkehrer. Unser Mann lernte eine stille und schreckliche Freude kennen, die er im Wirtshaus zwischen den Flaschen hätte hinausschreien und mit Likören hätte ertrinken wollen. Frohen Herzens hatte er seinen Wegarbeiterhut zu allen T«uf«ln geschickt.
Er mußte sogleich der Müllerin oder der Tochter Esclafers, Cöline, den Hof machen ... oder auch allen beiden. Bis jetzt wollten ihn weder der Mchlhändler noch der Hufschmied wegen seiner Ausgaben bei Prunesline und tin Tabakladen zum Schwiegersohn. Aber zehn tausend Franken ändern die Sache schon.
Trotz alledem mußte er aber schweigen. Er mußte ein Band mit halb verwischten Goldbuchstaben tragen, wie vordem die Ab steckpfähle einpflanzen, die Mcßschnur abrollen, die Laune des Wegebanmeisters ertragen und besonders seine Ausgaben nicht erhöhen. Denn darauf achteten di« Leute Pouzinet- jetzt mißtrauisch. Man tonnte den Inhalt der Tasche und wußte, daß sie am Eingang des Torfes verloren worden tvar. Irgend jemand hatte also den Schatz im Besitz, aber wer?
Es gab in Pouzinet ein Vermögen und einen Dieb. Die jungen Leut« im Hause beargwöhnten die geizigen und geheimniskräme rcgcn Grerse. Granat fuhr vorsichtshalber fort, weder mehr noch weniger Liter als gewöhnlich auszutrinken Und seine Arbeitskraft zu schonen. Er zitterte davor, daß ein Augenblick der Träumerei oder der Trunkenheit seinen Fund verrate.
Allabendlich durchwühlte er seine Reichtümer. Während er dies tat. führte er in seiner Phantasie ein glücklichere- Ehe- und WirtS- hausleben, al- ein König in irgendeiner Erzählung: Er kaust« alle Seidenstofl«, alle Ringe de« Jahrmarkt« stir Cöliu«. Und plötzlich überfiel thn tiefe Traurigkeit: dieses Glück, daS
Ier in Händen hielt, das er durchlebte, würde für immer ohne Leben . . . unerreichbar bleiben.
Die Ausdauer bestimmter Nachbarn beunruhigte ihn. Nach und imch verbrannte er daS Leder der Geldtasche, ans Furcht, daß der Geruch ihn verriete. Eines abends drehte er die vernickelte Einfassung zusammen, zerbrach sie in zwanzig Stücke und warf sie nachts an ver» schiedenen Stellen in den Fluß. Die Geld- bündcl versteckte er in seiner Wäsche. Dann kam ihm der Gedanke, das Land zu verlassen, doch fiel ihm ein, daß diese Abreise Verdacht erwecken würde.
Er fand etwas Besseres. In einem halben Jahr« wurde die Weltausstellung eröffnet. Dort würde er all seine Scheine losschlagen, oder er könnte sie vielmehr in würdige, ganz vollwichtige Silbern'.ünzen «intauschen, und dann nach dem Dorfe zurückkehren. Goldstücke sind zu glänzend, um ehrlich erworben zu fein, aber ein Frankstück macht immer den Eindruck von Arbeit und ehrlichem Erwerb. Außerdem kann jeder Wegearbeiter einen Urlaub von drei Monaten nehmen. Brauch: man mehr, um unter der begünstigenden Abwesenheit einem unbedeutenden Vermögen von zehntausend Franken «in Ansehen von Ehrbarkeit zu verleihen?
Nein, aber die Reise? Ein Billett nach Paris ist auf dem Bahnhof in Pouzinet reckt teuer. Was wurde nian denken, wenn Granat, arm wie eine Ratte und träge luie eine Raupe, sich in derartige Kosten stürzte? . . . Der Wegearbeiter dachte an den Hufschmied, an den Fleischer, die ihre Ersparnisse hatten. . .
Er erklärte also Prunesltne, daß er keinen Likör mehr trinke, seinen Gefährten, daß sie einen Vierten zu ihrem Kartenspiel suchen sollten. Er wollte Paris sehen! Die Gevatterin versuchte zu scherzen, Rsnaud schrie aus Leibes- kräften, Granat blieb scsi. Er ging noch weiter: er verzichtete aus die Ztgarr«. Er verdingte sich, um Tabak auszujätcn, die Gärten umzupflügcn. Er zersägte Holz auf Akkord wie die Alten. Man gelangte dahin, ihn arbeiten zu sehen.
Und seine Wege waren ebenfalls gut gehalten, hart, sauber, tin wenig abfallend, wi« Eselsrücken, zum Abfluß des Wassers. Der inspizierende Ingenieur lobte ihn. Granat wurde in eine höhere. Stufe erhoben Mau versprach ihm die Armbinde eines Ober Wegear- besters. Jetzt lächelte ihm der aus seine Geldsäcke fußende Müller beim Vorübergehen zu. ESclaser wiederholte seiner Fran: „Habe ich es dir nicht gesagt?" Und niemand wurde ärgerlich, wenn Csline von ungefähr spä.cr vom Springbrunnen hcimkehrte.
Seit fünf Monaten füllt« Granat eine Blechschachtel, die ihm die Krämerin gegeben hatte, mit den Sous, Eentimes und Frank- stücken. Der Kasten roch nach dem Apselgelee. Das Geld der Arbeit und des Schweißes * 'HU