Gfomtfafi, 11» April 1912.
Wochenbeilaqe zu den Casseler Neuesten Nachrichten.
ssn der ffremde
ßa fahr' ich ftltt im «lagen, Du bist fo a)fit von mir, Wohin fr mich mag tragen, hch bleibe doch bei dir.
Da fliegen Wälder, Klüfte And schöne Taler tief, And Lerchen hoch in Lüften. Ai» ob dein' Stimme rief.
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Die Sonne luftig scheinet, Weit über da» firuirr, Isch bin so froh vermeinet And finge still in mir.
Vom Serge ge'qt'a hinunter. Das Posthorn schallt im Grund, Mein Seel' wird mir so munter, Grich' dich aus Herzensgrund.
Joseph, Freiherr von Kich^ndorff.
in Exempel müsse» wir statuieren, klingt es energisch aus der Sofa- ecke heraus, .dem Leichtsinn steuern! Wcu anders als uns trifft die Verantwortung, ivenn er auf dieselbe schiefe Ebene gerät, auf meld;er sein Vater . .. lurz: wir müssen ein Exempel statuiere»'', wiederholte Groh- mama. .Tu, Leo, als Oberhaupt der Familie, bist dazu verpsiichiet!" .. .
Das Oberhaupt, das ganz in einen boch- lehnigen Stuhl versunken ist, scheint nur gezwungen cm der Konferenz teilzunehmen. «Kein dankbares Geschäft, anderer Leute Kinder zu erziehen," bringt er ärgerlich hervor, .zumal der Junge begabt und fleißig ist. Rur sein wildes Temperament reißt ihn hrn. Da ist .. mit gewöhnlichen Lektionen nichts zu erreichen." Und dann drückt er auf den elektrischen Knops.
„Paul soll kommen!"
Ein hochaufgeschossener Junge. Deine Bewegungen linkisch, sein Gruß schüchtern. Eine Stirn, die schon viel gegrübelt hat.
Frühzeitig hatte ihm das Leben seine rauhe Seite zugekehrt. Seine Jugend durste nicht austoden, denn er konnte sich ja nicht Verzeihung bettelnd an eine gütige Mutter hängen . . .
Das ist es, was ihn zum Grübeln zwingt!
Dieser bochgeniale Mann, der «inen glänzenden Stil schreibt, dessen polemische Artikel wie Pfeile ins soziale Leben hinein« schnellen . . . persönlich eine haltlose, zerfahrene Statur vor einer festen Existenz zurück- fchreckend .... immer auf schwankenden Brettern . . . durchs Leben vagabundierend!
Und doch ist in dem spröden Kindergemüt eine leidenschaftliche Liebe zum «ater, der ihm nie ein sorgender «ater war. Zitternd greift der Knabe nach Papas Hand, wenn sie einmal flüchtig über seinen Scheitel gleitet . . . wie einen Schatz hütet er das Wort, das er mit einer Glorie umkleidet: .Mein Vater!"
Man schiebt ihn von einer Pension in die andere. Hier ist eS zu teuer, dort nicht streng genug . . . man erzieht ihn nach verschiedenen Methoden. doch niemals ist ein Mulchen Liebe dabei. Ost hätte er sich versucht gefühlt, dieses Leben abzustreisen .Tot," dachte der Knabe, .ist ja'auch nichts Ehrloses. Aber wie _ hatte der Lange heute gerufen, der mit der frechen, blonden Fratze, der so viel Taschengeld hatte, daß er manchmal die ganze Sekunda freihielt? .Hast du denn überhaupt einen Vater? Der ist wohl sahrender Säuger? Bald in Wien, bald in London, bald In Amerika! Und verdient natürlich ein Heidengeld. Aber die Pension ist er schon für drei Monate fcbuldia. Unser Mädel weiß eS von eurem Mädel."
Hatten fie auf seinem Stolz, auf seiner Ebr« hernmaetramvelt, so wollte er bei Gott
Vater.
Eine Skizze, von Zo6.
nieht länger leben. Doch die sanften Worte des jüngeren Freundes stimmten ihn um, er ließ sich wegsühren und söhnte sich anderen Tags mit seinen Feinde» aus. Aber die Wunde blieb offen . . .
Dann hatte Onkel Leo Bankdirektor erstatt, dergleichen peinliche Auftritte dürften sich nicht wiederholen. Von nun an würde er sorgen. Beschämt beugte sich der Knabe vor der Großmut des Onkels und konnte fortan jedem ehrlich ins Auge sehen.
Aber die Wunde in seinem Innern heilte nicht.
Der Familienrat räuspert sich.
Großmama richtet ihr Lorgnon auf den Sünder, und Onkel Felix sagt, »aber tretend: .Sei einigermaßen ehrlich, mein Lieber, und gestehe, daß du den teuren Ailas verkloppt hast, um dir Zigaretten und Bonbons dafür zu kaufen."
.Ich brachte den Atlas zum Antiguar," entgegnete Paul tonlos, .er gab mir fünf Mark dafür."
.Ein Spottgeld für den Prachtband," un terbricht Onkel Leo ärgerlich. »Wo,» brauch- teft du so dringend Geld? Schulden? Oder eine Liebelei mit einer gleichaltrigen Range?"
.Ich kaufte Blume» dafür," ist Pauls leise Antwort.
„Ausgezeichnet!" amüsiert sich Großmama. „Kavaliersvflichten hat sott dummer Junge auch schon." Doch ein Blitz im Auge des Kna ben läßt sie verstummen.
.Die Blumen waren für Schenks Mutter. Das ist eine so schöne, herzensgute Frau, wies keine zweite auf der Welt gibt."
.Quatsch!" fährt Onkel Leo dazwischen. „Wer ist denn überhaupt Schenk?"
„Ostern kommt er mich Sekunda. Sein Vater ist lange tot."
„Und welche Rolle spielst du dabei?" in- quieriert Onkel Bankdirettor streng.
„Es sind meine schönsten Stunden, die ich bei ihnen verlebe. Sitze ich auf dem grünnm- rankten Balkon, fo vergesse icv. daß ich kein .zu Hause", keine Mutter habe."
Onkel Felix zuckt die Achseln. „Rette Aussichten für die Zukunft." schnarrt er, der vergessen zu haben scheint, welche Summen er für Blumen ausgegeben, die an weniger gute Adressen gingen.
„Die Sache an sich ist ja verzeihlich," läßt sich jetzt da» Oberhaupt vernehmen, „da ein richtiger Takt di» leitete. Aber es ist lächerlich dumm, aus diesem Grunde ein Prachtwerk zu verkaufen, das man dir nicht zum zweiten Male anschafsen wird ... es sei denn, daß dein Herr Papa sich bereit fände."
„Laß meinen «ater aus dem Spiel," bittet der Knabe mit müde klingender Stimme. „Er war nicht hier, sonst hätte id> ihn um Geld gebeten . , . und er hätte die Tat nicht miß billigt."
.Im Gegenteil. Für leichtsinnige Streiche
ist er passioniert. Starren neunen es genial. Ich möchte dich bitten, diese Fußtapfen ängstlich zu vermeiden ... sie führen an den Abgrund."
„Onkel!"
„Reize mich nicht, indem du dich zum Verteidiger eines Mannes anfwirfst, der so viel Unheil über uns gebracht hat. Wir sind deins Erzieher, wir haften für dich, und was der andere ist, darüber dürftest im dir bald star fein, ein Müßiggänger ... ein Lügner." i
Mit einem Satz war Paul drüben. Unheimliche Wut lodert aus seinen Blicken. Zwar zuckt sein Arm zuttick, doch die knochigen Hände packen zu, als wollten Sie würgen.
Heiliger Ernst ist es! Stur mit Gewalt gelingt es dem Angegriffenen, sich des kräftigen Burschen zu erwehren.
„Tu gingst zu weit," lenkt Onkel Feliz ein, „du durftest nicht vergessen, daß du von seinem Vater sprichst."
Tie paar milden Worte »vehen wie Tau- wind über ein Schneefeld.
In heiße Tränen löst sich die starre Wut auf, und die Hände vors Gesicht schlagend, schluchzt der große Junge fo hilflos ... in je- neu zitternden Tönen, die nur de-echte Schmerz hervorbringt.
Was sie erregt miteinander sprechen, hört er nicht. Er fühlt sich gepackt und hinausgescho- ben. „Heul dich draußen ans, *ut frecher Bengel."
Wohin?
Eine innere Stimme ruft: „Geh zu Deinem «ater! Sag' ihm, daß sich dein Herz mit allen Fasern an seine Liebe nammert! Wie traurig dein Leben ist! Wie man dich von allen Seiten lästert und peinigt!"
Und ruhiger werdend, gelobt er: „Ich will dir Ehre machen, Papa, Rächte hindurch büffeln, um in zwei Jahren das Abiturium zu erreichen. Dann hören die großen Geldopfer auf. Dann kann ich mich regen, selbst schaffen!" Und plötzlich verirrt sich ein Lächeln in die müden Züge: „Wenn ich bei dir leben könnte, Papak Wie glücklich wäre ich!" «
Ein feiner Stegen hüllt die Welt in nasse, graue Schleier. So kräfttg das Großstadlle- ben pulsiert... der arme Junge, der sich eng an die Häuser drückt, weil er in der Eile Schirm und Mantel vergessen ... fühlt sich einsam wie in einer Wüste.
Eine dunkle Ahnung sagt ihm, daß er seinem «ater nicht willkommen feilt wird, und läßt ihn die Schritte verlangsamen.' Immer zögernder trotz Rässe, Dunst, Wagengeraffel.., Schritt für Schritt abwägend, geht er der Inneren Stadt zu, bis er vor dem Portal steht^ auf Zehenspitzen die breite Marmortreppe erklimmt und schüchtern die Klingel hebt.
»Ist der Herr Doktor anwesend?"
Die öffnende Frau blickt verlegen »ach de»