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Cassel, 10. Dezember 1911»

2^ Jahrg.

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________Wochenbeilage zu den Casseler Neuesten Nachrichten.

Winterisg

Ärbrr fchnerbefteckter Lifte

lhrutk flrigt sie spät am Sjinimri, öinft am öjimmrl sinkt sie halft. Wir ftao Gluck mift wie ftir Xirbr, tyintrr ftrm rntlanktrn SSlalft.

Conrad Ferdinand Meyer.

Blaut örr Himmel, haucht ftrr Löhn... Lwig jung ist nur ftir Somit!

Sir aff rin ist rwig schon I

war hatten widrige Verhältnisse Nellie Deane früh genug mitten in den Kampf des Lebens gestellt; trotzdem hatte sie wenig von der Schüchternheit und Furchtsam­keit verloren, die ihr ihre ersten zwanzig Lebensjahre in einem entlegenen Dörfchen anerzogen hatten. Selbst jetzt noch schien sich ihr manchmal das summende Ticken der telegraphischen Appa- ,, , , , , rate (Nellie verdiente sich ihren unterhalt als Telegraphenbeamtin) in das ferne Brüllen der Rinderherden zu ivandeln oder das Gesumme der Bienen, das zu jener Zeit ihren Ohren das vertrante Geräusch gewesen war. Und jetzt, als der Zug, aus den sie gewartet hatte, in den Bahllhof ein lief, sah Nellie zu ihrem Aerger, daß jedes Ab­teil von einzelnen Herren besetzt war, bis sie schließlich mit einen, Seufzer der Erleichterung eins erspähte, in dem eine alte Frau einsam und allein in einer Ecke saß.

Sie machte allerdings gerade keinen sehr angenehmen Eindruck, diese alte Dame. Ihr volles, rotes Gesicht war eben sichtbar durch den schmutzigen Schal, in den sic sich gehüllt batte, und ihre Kleidung saß höchst unordentlich und sonderbar. Auch schien ihre Gesundheit nicht die beste zu sein, denn sie hustete und schnaufte beständig, aber trotz all dieser Mängel schaute Nellie sie mit freundlichen Augen an, als sie ihr gegenüber Platz nahm und das Fen­ster hoch zog, damit die arme alte Seele keinen Zug fühlen sollte. Denn wenigstens hatte diese alte Frau sie vor der Notwendigkeit bewahrt, tete»ä=t6te mit irgend einem unbekannten Herrn zu fahren.

Daun begann sie eifrig ihr Handtäjchchen in der Hoffnung zu durchsuchen, es könnten noch ein paar von den Schokoladcnbonbons nachgc- blieben sein, von dem Viertelpfund, das sic vor einigen Minuten gekauft hatte. Da sah sie, zu­fällig aufblickend, daß die alte Frau ihr gegen­über sie In einer Weise anschaute, daß ihr Her, vor Angst stehen blieb.

Unwillkürlich wanderten ihre Augen zu der Notbremse, die sich gerade zu ihren »äupten befand, aber im Ru beugte sich die alte Frau vor und packte Ncllies zartes Handgelenk mit eisernem Griff.

»Nichts dergleichen! brummte sic in heiserem Flüsterton, und die Bewegung, die sie dabei inachie, verschob ihren Schal und ihren Umhang und zeigte die darunter befindliche gelbe Uni­form eines Sträflings.

»Bin vor zwei Tagen von Portland aus- geriffen,' sagte er unter Kichern, »und was hab' ich seitdem durchgcmacht! Aber ich denk' mir, diese Maskerade wird sich machen, wie?"

Nellie war unfähig, zu antworten, denn sie war wie gelähmt vor Schreck, aber der Mann schien ihr Schweigen für Zustimmung zu neh-

Hilfe!

Skizze, von Heinrich Hans Warnkc».

men und lachte und nickte ihr in zufriedener Weise zu.

.Zehn Jahre hatte ich aufgebrummt bekom­men," fuhr er"fort,aber vor zwei Tagen tippte ich emen Wärter auf den Deetz und machte mich dünlie. Wenn er krepiert, werd' ich baumeln muffen, aber lebendig werden sie mich nicht kriegen. Hören Sie wohl, kleines Fräulein, Horen Sie wohl? Lebendig kriegen sie mich nicht!"

Nellie schwieg noch immer,» und diesmal schien er beleidigt, das; sie nicht redete.

Haben Sie kein Wort für einen armen Kerl?" knurrte er. Unerwarteterweise machte er cme scharfe Drehung ihres Handgelenks, so daß sie vor Angst und plötzlichem Schmerz laut auf­schrie, während er ein brutales Gelächter aus­fließ.Ich dachte mir's doch, daß Ihre Zunge ganz in Ordnung wäre," sagte er.Haben Sie ber hobelt Sie Schmucksachen außer

Hastig gab sie ihm alles von Wert, was sie bei sich hatte, in der Hoffnung, ihn zufrieden- zustellen. Er nahm es an sich und brummte und fluchte, weil es so wenig war.

Nur drei und 'n halben Schilling!" knurrte er. indem er eine halbe Krone und einen Schil- llNg aus ihrer Börse schüttelte.Ich habe große Lust ... Aber gerade da begann der Zug seine Fahrt zu verlangsamen, und ein Hoffnungs­strahl zog wieder in Rcüies gequälte Seele, als sic bcmcrktc, daß sic sich der nächsten Station nahertcn.

»Nee, das gibt's nicht!" sagte der Sträf­ling, der ihre Hoffnungen erriet.Sic bleiben still sitzen. Sehen Sie das Messer hier?" Er zeigte ihr ein blankes Messer, das er, unter dem Umhang verborge», in feiner rechten Hand vielt.Kommen Sie mal her und setzen Sic sich hier bei mir hin," sprach er,und machen Ste ketnc Dummheiten, denn wenn Sie hier nur soviel Spektakel wiene Maus machen, renn ich Ihnen dies bis ans Hest in den Leib! Es ist mir egal, ob ich für ein Mädel ober einen Aufseher baumele. Also nicht gemuckst, zum Donnerwetter!"

O, bitte, bitte, lassen Sie mich gehen!" tlehte Nellie.Lassen Sie mich, bitte, feier aus- steigen!"

»Damit Sic mich gleich anzeigcn können? Meinen Sie denn, ich bin meschugge?" spot­tete er.

»Außerdem," fuhr er fort,bin ich noch nicht mit Ihnen fertig. Wenn wir in London sind, haben Sic die zärtliche Tochter zu spielen, die ihre alte Mutter nach Hanse begleitet, damit ich mich sicher aus dem Bahnhof 'rausschmug- gcln kann, llnd denken Sie daran ... sowie Sie irgend welche Zicken machen, kriegen Sie mein Messer zu schmecken, so sicher wie zwei mal zwei vier ist!"

Von neuem versuchte Nellie, an seine besse­ren Gefühle zu appellieren, aber et riß sie mit

einem Fluche wütend an seine Seite und schlang seinen Arm um ihre Taille, indem er ihr flü­sternd ins Gedächtnis rief, daß ihr, wenn sie sich nur zu rühren wage, sofort sein Messer ins Herz fahren werde.

Sie hatte beinahe große Lust, auszusprin­gen und um Hilfe zu rufen, sich gegen nie Tür Zu werfe» und gegen die Fensterscheibe zu schlagen, selbst wenn im nächsten Augenblick das Messer des Sträflings sie durchbohre» sollte. Aber die entsetzliche Angst hatte ste voll ständig gelähmt, ihre Zunge klebte ihr am Gaume», so daß sie nicht einmal stöhne» konnte, ihre zitternde» Glieder schiene» ihrem Wille» nicht länger gehorchen zu wollen.

Der Zug begann, sich wieder in Bewegung zu setzen, und Nellie gab alle Hoffnung aus Rettung auf. Da sprang jeninnb leichtfüßig aufs Trittbrett und riß die Tür auf, während hinter ihm ein Schaffner ihn laut zur Vorsicht mahnte.

Nehmen Sie sich in acht.'" flüsterte er.Ein Wort, und ich werde erst Ihne» den Hals ab­schneiden und daun ihm."

Der neue Ankömmling war jung und sah sehr gut aus; evfrug ein freundliches Lächeln zur Schau und hatte ein offenes Gesicht. Nach­dem er einen flüchtige» Blick aus Mutter und Tochter geworfen hatte, zog er ein Abendblatt aus der Tasche und vertiefte sich in dessen In­halt.

,So ist's recht!" murmelte der Sträfling, während eine Verzweiflungswelle die Seele des junge» Mädchens überflutete.

Mehr aus schierer Verzweiflung, als a»S einem anderen Grunde, vielleicht auch, weil sie einen gewissen, wenn auch noch so schwachen Trost darin sand, sich überhaupt zu beschäftigen, begann sie das Wort Hilfe in dem aus Punkten und Strichen bestehenden Morse-Telegraphen- schlüssel, der alle» Telegraphisten bekannt ist, mit der freien linken Hand auf dem staubige» Sitzkisse» zu buchstabieren. Punkt, Strich, Punkt, Strich buchstabierten ihre niedlichen Finger, wobei ein Finger für den Punkt vorschnellte, zwei Finger zugleich für den Strich. Punkt, Punkt, Punkt, Punkt, und Pause signalisierte sie für H und so weiter, und so buchstabierten ihre behandschuhten Finger auf dem staubigen Polster meckaitisch immer und immer wieder das Wort Hilfe in dem VerzweiflungSlampfe ums Leben,

Und immer war der junge Mann gegenüber »ock> in seine Sportnachrichten vertieft und ver» olgtc die Berichte mit regem Interesse, wobei er dann und wann einen Blick zum Fenster hin­aus warf und überall binbtidtc, mir nicht auf diese verzweifelte» Finger, die unablässig fort» Uhren ... Punkt, Strich, Punkt, Strich . . da» Wort Hilfe, Buchstaben aus Buchstaben, wieder und immer wieder zu buchstabiere».

Da fing bet junge Mann an zu gäbnen und warf die Zeitung mit dem hörbaren und nicht