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nicht drang, da» gab man ihr tn kleinen Grausamkeiten zu verstehen, und da sie ein hochgewachsenes, schönes und gutes Mädchen war, hatte sie viel Neider unter den GeschlechtSgeno sinnen, und die waren eS vor allem, die ihr die bösen Dinge zuraunten.

Auf ihrem ersten Ball hatte sie ein paar Runden getanzt — der Schuster besonders, ihr Flurnachbar, hatte sich ihrer angenommen, — aber nach und nach mutzte wohl irgendeine Stimmung'gegen sie aufgekommcn sein, denn je weiter der Abend vorgerückt war, um so einsamer war es um sie ge­worden.

Frau Lorenz hatte ein hartes Gesicht zur Schau getragen; das nächste Tanzvergnügen lieh sie vorübcrgehen, aber dann plötzlich war ein Trotz über sie gekommen. — Ihr Mädchen hatte sich doch nichts zuschulden kommen lassen, warum sollte das mißachtet sein? Und »rotz Ellaö Bitten waren sie zum zweitenmal auf den Ball gegangen und hatten das böse Fiasko erlitten.

---Der Schuster, als er das schöne Mädchen jetzt auf dem Flur sitzen sah, die fleißigen Finger in fliegender Be­wegung — obwohl heiße Tränen aus den Augen flössen — verspürte die alte Rührung, die ihn immer überkam, wenn er über die zwei fleißigen, schuldlos gebrandmarkten Frauen nachdachte.--Er war schon über die erste Jugend hinaus,

näherte sich den Dreißig und hätte gern eine gute Frau gehabt.

Di; Ella gefiel ihm sehr; das war ein Mädchen, wie man es selten fand — fleißig, schön — gutmütig und doch nicht ohne Stolz. Schon vor ein paar Jahren, als sie noch mit langen, fliegenden Zöpfen herumgelaufen war, hatte er sie gern ge­sehen, und damals war er fest entschlossen, sie zu seiner Frau zu machen — aber dann, gerade als das Mädchen in bas rich­tige Alter zum Heiraten kam, mußte das Unglück geschehen, das sie im Ort eigentlich unmöglich machte!--Der Schuster

stand zwar im allgemeinen aller Grübelei fremd gegenüber, aber so viel grübelte er sich doch heraus, daß die Menschen und im besonderen die Einwohner dieses kleinen Ortes sehr un­gerecht waren, denn was konnte ein armes Mädchen dafür, wenn der Bater eine Dummheit begangen hatte? — Was ihn ganz persönlich betraf, so hätte er sich schon über den Makel, der den zwei Frauen nun einmal anhing, hinweggcsetzt, aber waS nutzte das? — Nahm er das Mädchen zur Frau, so hatte er nicht nur Mutter und Brüder zu erbitterten Feinden — nein — das ganze Dorf würde sich wahrscheinlich gegen ihn empören — und das war eben doch zuviel für ihn.

Er seufzte und blickte wieder und wieder zn dem Mädchen hin und die Rührung, das große, warme Mitleid in seinem Herzen quollen. Gott nochmal, — solch arme Kreatur! Gab es denn keinem im Dorf, der den Mut fand, für sie einzu­treten?

So, nun weinte sic heftiger — nun hatte sie die Arbeit aus den Händen gleiten lassen und die Schultern zuckten im Schluchzen, das Gesicht war in den Händen verborgen.

Ihm ward schwül — schwer kam es ihn an, still auf. sei­nem Stuhl sitzen zu bleiben und den Stiefel, den er in der Hand hielt, weiter zu bearbeiten. — Sein Herz drängte thn zu ihr hin.

Er wollte ein Liedchen pfeifen, um das Heiße, was ihm in die Kehle stieg, zu ersticken, aber es ging nicht! Er war unzufrieden mit sich selbst! Das Mädchen war ihm zugetan — das wußte er; so oft sie an seinem Fenster vorüMrging, schwebte ein Lächeln um ihren Mund; sie erwartete etwas von ihm, denn sie sah thn immer so fragend und traurig an.

Und wie er sich jetzt ansmalte, daß das arme Ding viel­leicht um ihn sich so grämte, und wie er sich sagte, daß es doch in seiner Macht läge, Glück und Seligkeit in das blaffe, oft so vergrämte Gesicht zn bringen, da kam er sich als ein rechter Feigling vor, daß er nicht seinem Herzen nnchgab, sondern auf den elenden Klatsch im Tors Rücksicht nahm, und ohne zu wissen, was er tat, sprang er von seinem Schemel auf. öffnete die kleine Ladentür, trat auf den Flur und sagte halb flüsternd, damit es die Mutter des Mädchens nicht hören möge: „Wenn du doch ein bißchen zu mir herein kommen wolltest, Ella, ich hätt' dir was zu sagen!"

Sie schämte sich und wagte nicht aufzublicken, aber er zog sie an der Hand in die Höhe, und wie er sie tn seinem Stüb­chen hatte, schlang er gleich den Arm um sie, löste ihr die I Hände vom Gesicht, uud da er sich aufs Wortemachcn nicht ver-1

stand, ging er gleich auf das Ganz« loS und fragte sie: „Ella, warum weinst du?"

Sie sagte nichts, sonder» schluchzte nur heftiger.

„Ella, wenn ich dich so blaß und traurig sehe, dann hab' ich immer daS Gefühl, als sei ich schuld an deinem Kummer und das ist mir hart! Ich hab' dich doch gern, Ella — komm, hör' auf zu weinen! Sieh mal, Ella, ich hätt' ja schon längst eine heiraten können — nicht wahr, das weißt du? Aber ich mocht' nicht! Keine gefällt mir — keiner kann ich richtig gut sein, weil ich immer an dich denken mutz, Ella---"

Er redete sich tn die Hitze und fühlte doch zu gleicher Zett, wie etwas Drohendes, etwas, was thn schwach machte, in ihm zu leben begann — aber dann sah er die Augen des Mädchens groh, fragend, hoffend und begehrend aus sich gerichtet und da war abermals das Mitleid in ihm größer als alle Vernunft und fast besinnungslos stieß er hervor: „Und du sollst doch meine Frau werden, Ella — und wenn alle was gegen .mS haben — wir zwei halten zusammen, ja?"

Seine Kraft war zu Ende; sein Kopf sank an ihre Schulter — er schloß die Augen, denn sobald er sie öffnete, war if’in, als sähe er ein ganzes Heer von Feinden auf sich losstürmen.

Das Mädchen weinte nicht mehr — dem war Ruhe in die Seele gekommen, das hatte nun seine Heimat gefunden! Sie küßte den Mann, den sie seit langem liebte, um den sie ge­litten, an dem sie gezweifelt, und der nun doch so treu und gut sich bewährte!

---Frau Janßen hatte verquollene Augen, als der Herr Lorenz von ihr gegangen war. Der harte ihr nicht gerade mtt derben, aber doch mit sehr offenen Worten die Schleier von den Augen gerissen, hatte ihr gesagt, daß für die Ella hier im Ort kein Fortkommen sei und daß so ein armes Mäd­chen ja schließlich zugrunde gehen müsse, wenn sie so fort und fort den unverdienten Hohn ertragen, sich bei jeder Gelegen­heit als Ausgestoßene behandeln lassen müsse! Sie solle nial ihrem Herzen einen Stoß geben und die Tochter nach Berlin — oder doch sonst in eine große Stadt, wo der Klatsch ihr nicht sogleich Nachfolge, senden! Ein achtzehnjähriges Ding könne anderes leisten, als Stühle reparieren und im Zimmer sitzen --sie könne da in einer großen Stadt womöglich ihr Glück finden, während hier doch kein Mann aus dem Orte daran denken dürfe, sie zu seiner Frau zu machen--ja — sie solle

mal alle ihre Vernunft zusammennchmen und mal nur an das Mädchen denken--aber als sie zu all seinen guten

Ratschlägen nur immer den Kopf schüttelte, ward er ärgerlich, und sagte, er habe da doch auch noch ein Wörtchen mitzurcdcn, denn er sei der Vormund und er werde sich das Mädchen selbst mal kommen lassen und mit ihr sprechen!

Wie er dies letzte sagte, da zuckte die Frau zusammen, denn das wußte sie, daß der Herr Lorenz 6et der Ella mit seinen Vorschlägen auf fruchtbaren Boden kam.

Der gutmütige Mann bekam Mitleid mit der Frau, als er sie plötzlich so zusammengebrochen vor sich sah, und da er Tränen nicht gut sehen konnte, ging er bald und wunderte sich, daß er die Ella, mit der er gern noch ein Wort geredet hätte, nicht mehr ans dem Flur sitzen fand.

Am Abe''d entschloß sich Frau Janßen, mit ihrer Tochter zu reden. Schwer und langsam kamen ihr die Worte vom Munde; ihr Stolz hatte einen harten Stoß erlitten, aber sie sah, daß alles Sträuben nichts mehr half! Sie hielt die Hände im Schoß gekältet, als sie zu der Tochter sprach und ihr Ge­sicht hatte einen sehr bekümmerten Ausdruck.--— Die

Ella verstand erst gar nicht — ihr Herz war zu voll vou dem anderen, was ihr der heutige Tag gebracht. Sie hatte dem Schuster zwar versprechen müssen, vorläufig noch über alles zu schweigen, denn er wollte die Seinen erst auf seiner Seite haben, aber nun, da sie allmählich begriff, um was es sich han- delte, nun, da sie hörte, daß sie fort sollte, vergaß sie plötzlich ihr Versprechen, und als die Mutter zn dem Satze kam und die Worte schluchzend aussprach: „Hier im Dorf kann dich ja doch keiner heiraten!" da umschlang sie die Frau mH beiden Armen und unter Lachen und Weinen erzählte sic ihr von des Schusters Werbung.

Nächsten Tags ging mit hochaufgerichtctem Kopf, in ihrer stolzen Haltung, Frau Janßen zum Herrn Lorenz.

Sie habe mit der Tochter gesprochen — sagte sie — aber die habe ihr geantwortet, daß sie nicht die geringste Lust ver­spüre, daS Dorf zu verlassen und ganz leise — ohne eS cig»nt- ltch zu wollen, hatte sic dabei durchblicken lassen, daß sie denn