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Der Feind . .

„Gin Das

stu- ein.

in dem ich die Hauptrolle habe. Ich bin der Wachtmeister in dem Drama und muß ein Kind retten. Der Direktor hat noch niemand für die Kinderrolle, nnd ich möchte ihm unsere Luzia Vorschlägen "

Und cs streckte den Arm gegen den Vater aus und sank in die Kissen zurück — tot für immer.

„Du bist wohl toll!" versetzte die Großmutter heftig! kleines, sechsjähriges Ding! . . . Ein so zartes Kind! kann Luzia nicht anshalten, cs macht sie krank!"

„Nun, Mutter, so schlimm ist es nicht! Es tut dem gar nichts, und was wir auch nicht übersehen dürfen

Kinde — es

Dann wurde cs wieder tn die Bettchen, und das ans:

„Der Feind!

bringt ein gutes Stück Geld ein, und Luzia lernt gleichzeitig etwas vom Handwerk. Laß mich nur machen."

Die alte Fran vermochte ihren Willen nicht durchznsctzcn.

Schon am nächsten Tage mußte Luzia beim Vater lernen, was sie in der Kindcrrolle zn sprechen hatte. Allerdings war es nicht viel.

Berger unterbreitete dem Theaterleiter sein Anliegen, nnd bereits nach zwei Proben, bet denen Luzia sich ganz reizend gezeigt, willigte der Direktor mit Freuden ein und sah schon im Geist durch das „Wunderkind" sein Haus Abend für Abend bis auf den letzten Platz gefüllt.

Der Abend der Vorstellung kam, und als Luzia mit dem Vater zusammen auf der Bühne erschien, hatte alles im Hause nur Augen für das Kind. Es spielte sich eine Lagerszcne und darauf ein Gefecht ab, und Berger hatte das ihm auvertraute Kind mitten ans dem Pulverdamps zu retten. Luzia benahm sich, als wenn sie nie anders als in solchem Getümmel nnd Lärm gewesen wäre, nnd vergaß nicht eine Sekunde, was sie zu sagen oder welche Bewegungen sie zu machen hatte. Un- zühligemale mußte der Vorhang in die Höhe gezogen wer­den, denn das Publikum verlangte stürmisch nach dem „Wun­derkind". Hinter den Kulissen ging es fast ebenso stürmisch zu. Alles nmdrängte Berger und sein Töchterchen und der Direktor überreichte dem ahnungslosen Kinde feierlich einen Engagemcntskontrakt.

Die Kollegen beglückwünschten Verger und die Schauspie­lerinnen herzten und küßten das Kind und überhäuften cS mit Geschenken aller Art.

Berger beglückwünschte sich selbst mindestens ebenso zn der guten Idee, die er gehabt, denn der Direktor hatte nicht gekargt, vor seinen Augen funkelten schon die reichlichen Gold­stücke, die Luzias Kontrakt ihm einbringen mußte. Und seine

als sie geendet, rief der Schauspieler ganz erregt:

„In dem Kinde steckt Talent! Das Mädchen muß Bühne — sie gehört ins Theater!"

„Das ist ein guter Gedanke!" meinte die Mntter.

„Halt, mir fällt da etwas ein!" rief der Vater. „Wir vieren jetzt für den Winter ein großes Ansstattungsstück

kleine Geschöpf dann wieder zu Baler und Mutter zurück mußte, zog zugleich die alte Großmutter zu Sohn und Schwie­gertochter, um die kleine Enkelin »« warten und zn pflegen.

Bo« früh biS spät war die sechzigjährige Frau um da« Töchterchen bemüht, denn der Sohn und die Schwiegertochter waren entweder auf den Proben, oder sie übten zuhause ihre Rollen für den Abend ein. Bon klein auf war Luzia es gewöhnt, die pathetischen Theaterphrasen von Baier und Mut- ter anzuhören — gar oft wenn die Großmutter sie in dem dunklen Hinterzimmer auf den Knien schaukelte, richtete das Kind sich gerade auf und lauschte aufmerksam, denn die Stim­men der Eltern drangen durch die Tür. Wenn die VergerS auf einer Tournee waren, führte die Großmutter die Kleine zuweilen für den ganzen Tag ins Freie. Sobald dann die letzten Häuser hinter ihnen lagen und man sich fast auf dem Lande glauben konnte, setzte die alte Frau sich auf den kleinen Feldstuhl, den sie mitgenommen, rückte die Brille zurecht und vertiefte sich in eine Zeitung. Das Kind tummelte sich in­zwischen im Grase, jauchzte über jede Blume und jede» Schmetterling.

Wie war doch Luzia so allerliebst! Ganz unmerklich wuchs sie neben der alten Frau auf, und war jetzt schon sechs Jahre alt. Und wenn sie nun mit ihrem hellen Sümmchen tausend wichtige Fragen an die Großmutter richtete oder ernsthaft die Gedichte hersagte, die die alte Fran sie gelernt, wurde cs durch ihr Summen und Singen so lebendig in der Wohnung, daß sogar die Eltern auf das Kind aufmerksam wurden und Zeit fanden, genauer auf das Töchterchen zu achten. Und ihre Eigenliebe war nicht wenig geschmeichelt bei dem Anblick des süßen Geschöpfchens . • .

Eines Abends sagte Luzia dem Vater ein Gedicht ans, und

Zwei Tage später wurde Luzia Berger, das „Wunder­kind" begraben.

Der kleine Sarg verschwand fast unter der Fülle der Blumen und der Kränze, die das Personal des Theaters gestiftet. Meh­rere Schleifen trugen die Aufschrift: „Luzia Berger, unserer lieben, kleinen Kollegin". Der Vater ging mit schweren Schrit­ten hinter dem Sarg. Dann kamen seine Kollegen mit glatt­rasiertem Gesicht — während fit dem Sarge folgten, sprachen sie von den eigenen Angelegenheiten.

„Schauspieler!" sagten die Leute auf der Straße, und sahen dem Traiterzugc nach.

Die Mutter folgte im Wagen. Die alte Großmutter hatte erklärt, sie fühlte sich zu schwach, das Kind zur letzten Ruhe- statte zu begleiten, und war zuhause geblieben. Doch als man den Sarg in die Kruft gesenkt und der Hügel sich über ihm ge­schlossen, als die Leidtragenden sich entfernt und auch die To­

das Kind ruhiger. Plötzlich aber fuhr Höhe — kerzengerade stand es in seinem kleine Gesicht von Angst verzerrt, rief es

Hoffnung hatte ihn nicht betrogen — da- Ausstattungsstück erlebte hundert aufeinanderfolgende Vorstellungen. Jede« Abend stand der Name „Luzia Berger" in großen Letter« auf dem Zettel, und jeden Abend «ar das HauS bis auf de« letzten Platz besetzt.

ES ging alles ganz nach BergerS Wünschen.

Doch nach drei Monaten schien Luzia müde zu sein — ihr Gesichtchen war ganz schmal und bleich geworden, und ver­gebens suchte die Großmutter, die sich garnicht in die Lage der Dinge finden konnte, die Eltern auf den Zustand der Kleinen aufmerksam zu machen.

„Sorgt Euch doch nicht, Mutter!" hieß es jedesmal. „DaS Repertoir wird bald geändert, und dann hat Luzia Zeit genug, sich auszuruhen."

Nun ruhte Luzia sich aus — ihr Gesichtchen war noch bleicher als die Bezüge der Kissen, und die kleine, abgemagerte Hand griff bisweilen wie in Angst und Schrecken nach den Fingern der Großmutter, die in dem dunklen Hinierzimmcr an dem Bettchen ihres Lieblings Wache hielt.

Die arme alte Frau! Was für Qualen stand sie aus, ihre Luzia, ihren Sonnenstrahl, ihr Liebstes auf Erden, krank zu wissen. Alle Augenblicke fuhr sie mit zitternden Fingern über die heiße Stirn des Kindes — gewiß würde der unerbittliche Tod ihr das Kind nehmen . . .

Bei diesem Gedanken kam ein ohnmächtiger Zorn über die alte Frau. In ihrer Eigenliebe und Gewinnsucht hatten die Eltern das Kind, das zarte, kleine Geschöpf, durch unsinnige Ueberanstrcngung so weit gebracht!

Der Vater war jetzt ganz kleinlaut geworden — der Unglückliche fühlte seine Schuld, und wenn Luzia die großen fieberheißen Augen aufschlug und ihn starr ansah, glaubte er einen stummen Vorwurf darin zu lese».

Der Arzt wurde geholt — ein gütiger Mensch unter rauher Hülle. Er untersuchte das Kind, brummte unverständliche Worte vor sich hin, die der Großmutter lauter Schreckensbot­schaften zu fein schienen, und als er sich endlich znm Gehen anschicktc, meinte er: „Zum Kuckuck! Es ist eine Gehirnentzün­dung, und zwar eine äußerst schwere! Ich werde mein Mög­lichstes tun! Legen Sie ihr Eis auf den Kops ... ich komme heute abend wieder!"

Nur zum Schein hatte er ein Rezept verschrieben, denn seine Worte ließen keinen Schimmer von Hoffnung mehr übrig... »

Eine Stutlde später lag Luzia in heftigsten Fieberphan- tasieu. Sie saß aufrecht in ihrem kleinen Bettchen und rief mit angsterfüllteil Augen: „Der Feind ... er kommt!" oder „Schnell, rettet euch!" Dies waren alle Worte, die sie jeden Abend in ihrer Rolle hatte sagen müssen.

Die Eltern standen an dem Bettchen des Kindes, und jedes Wort der Fiebernden traf sie wie eine Verdammung. Die alte Großmutter war ein Bild des Jammers.