die Augen auf, er blinzelte, wollte es wegwischen, es blieb doch immer da, bis er merkte, bafo es die Sonne war, die über den dunklen Hof zu ihm hineinlachte: die Pfingstsonne, And irgendwo schlug eine Ahr sechsmal.
Beinah verständnislos hörte Doktor Heinz Siebert zu. And dann rieb er sich noch einmal die Augen. Hatte er das eben nur geträumt, daß er in einem Walde gewesen war, der ganz aus maijungen Birken bestand, eine immer heller und lachender als die andere, alle aber von bunten, wehenden Seidenbändern durchwunden? Er sah es förmlich noch, das leuchtende Rot, das tiefe Blau, alle Landesfarbcn durcheinander . . .
Seltsamer Traum! Ach so, ja . . . daran war das gestrige Gespräch schuld- Pfiugstzauber, Aberglaube, Liebelei . . . Bluff . . . Schwindel, wie die kleine, kecke Amerikanerin gesagt hatte.....
Heinz richtete sich mühsam empor. Alle Glieder taten ihm weh. Das beste würbe sein, jetzt hinauszuwanöern in den jungen Tag, draußen in einem grünen Winkel die PHngst- glocken abznwarten nnd bann, noch ehe der laute Mcnschen- schwarm näherkam, wieder znrückzufahren und zu arbeiten.
Sechs Ahr, da würde schon irgendein Stadtbahnzng ibn binausbringen in den Wald. Wie man überhaupt in einem Stnhl so lange schlafen konnte! Erst mal kaltes Wasser über die Angen, so, nun Hut und Stock, leise die Tür zum Korridor öffnen und dann . . . Aber er konnte plötzlich nicht weiter- denkcn- Er stand so fassungslos, die Türklinke in der Hand, baß er beinahe an Zauberei zu glauben begann. Was war denn daS?
Sein Fnß hatte grünes, knisterndes Blattwerk gestreift, im Halbdunkel der geöffneten Tür leuchtete ein weißes Seidenband . . . barmherziger Gott, nein . . . das war ein sehr, sehr böser Scherz, den man sich da mit ihm und seiner HerzenS- not erlaubt! . . .
Siedendheiß floß ihm das Blut in die blasse Stirn, seine Finger krampften sich zusammen, streckten sich aus und griffen dann doch zu . ..
Jemand hatte ihm einen Pfingstbusch vor die Tür aestellt, einen taufrischen, lichtgrünen Zweig, mit weißen Seidenbändern umwunden. And ein Kärtlcin war an dieses Sciben- band geheftet. „Frohe Pfingsten" las der Mann die seltsam zittrig und flüchtig hingeworfenen Worte. Nein, das war doch kein Scherz, wenn ihm einer „Frohe Pfingsten" wünschte!...
Wenn er nur ordentlich nachdenken könnte! Wenn ihm nur nicht immer wieder dieser unsinnige Gedanke kam an Liselotte! . . . Nein, er durfte nicht denken. AVer irgend jemand mußte doch heute ganz früh . . . jemand, der gestern abend bei dem Gespräch zugegen gewesen war . . .
Heinz fuhr herum. Da kam jemand den Korridor entlang.
DaS Hausmädchen war also schon auf.
„'n Morgen," sagte es verschlafen und wollte vorüber.
„Ach bitte," bat er atemlos, „ist schon irgend jemand aus von den andern ?"
Sie nickte.
„Fräulein Frankhausen .... ja. Ich hab' ihr eben eine Droschke besorgt. Js nach Hause gefahren .... glaub' ich ...."
„Nach Hau—se," sagte der Mann nach und stand und
stand noch, als das Mädchen schon längst wcitergegangen war, sah aus das weiße Band an den ltchtgrünen Zweiglein, weiß . . . weiß - . . . dachte an Liselottes weiße Kleider, an die weißen Möbel in ihrem Zimmer, an weiße Hüte, Mäntel, Handschuhe und Schleier . . . ihm schwindelte, so viel dachte er mit einem Male. Und seine eigenen Worte fielen ihm wieder ein, die er gestern zu dem seltsamen Pfingstgcbrauch gesagt batte, vor denen das Mädchen geflohen war, urplötzlich fortgelaufen vom halbvollendetcn Abendessen. „Entweder tut so was ein verliebtes, mannstolles Mädel oder aber ein großer, starker Mensch, der dem schwachen helfen will . .. .*
„Ein großer, starker Mensch ..."
Doktor Heinz Siebert war plötzlich auf der Treppe, auf der Straße, saß in einem Auto und fuhr zum Potsdamer Bahnhof. Bon dort mußte Liselotte Frankhausen fahren, wenn sie nach Hause wollte, in das große, waldnmkränzte Gutshaus, von dem die andern erzählten, es sei einem Schlosse ähnlich in seiner Pracht.
Wieviel Menschen heule schou wach waren in Berlin! Pfingstsonne lockte sie wohl schon früh hinaus aus den Federn, Junge und Alte, Kleine und Große — es war ein einziges, festliches Durcheinander von wanderfrohen Menschen....
Wenn er stc nickt mehr fände, die er suchte, würde er ihr nachtahren, der Stärkere der Schwächeren . . . jetzt gab es kein Zurück mehr.
Der stille Mann war plötzlich wie verwandelt. Jeder Dame sah er unter den Hut, jedem weißen Kleide lief er nack, jedes blonde Franenbaupt ließ einen ganzen Strom von Blut in seine Stirn Heften.
Bis er sie doch noch sand- Er hatte sich eine Bahnsteigkarte lösen und in jedes Couvö hineinsehen müssen. Die dritte nnd zweite Klasse waren voll Menschen, die erste so gut wie leer. Darum sah er sie auch. Allein, in eine Ecke gedrückt, die kleine, gelbe Lcdertasche neben sich rtitf dem Polster, in weißem Eheviotkostüm und weißem Panama mit weißer Schleife.
„Frohe Pfingsten" sagte er beinahe heiser vor Aufregung, als er vor ihr war.
Sie antwortete nicht. Sie sah ihn nur an — sein geliebtes, sckmales, markiertes Gefickt, den rassigen Mund, die großen, klugen, müdeaearbeiteten Auaen. Totenblaß wurde sie dabei, nnd ein HAloieS .Hnrfcn durchlief- ihren Körper.
„Ich .... ich bin dock wohl nicht die Stärkere", sagte sie, müblam nach Worten suchend.
Er grill unwillkürlich zu, damit sie nicht ohnmächtig wurde- Da pfils der Zug.
Im ersten Auaenblicke wollte Heinz erschrocken zurück- treteu. dann aber läckelte er nnd stieg vollends in dos Eoupe.
„Ick werde mir bas Billett nachlöien lassen", saate er wie entsckuldiaend zu dem regungslosen Mädchen. „Jetzt fahre ich mit, bis Sie . . . bis du mich selber gehen heißt," vollendete er tief ausatmend.
Sie schüttelte den Kops, streckte die Hand aus und lag im nächsten Augenblick an seinem Herzen.
And jetzt witßten beide nickt, wer der Stärkere ivar. Sie küßten lick wie rwei, die eins sind in allem.
Und also fuhren sie in ihr Pfingstglück hinaus.
Die Ideale.
Bon Hans Sckmidt-Kestncr.
(Nachdruck verboten.)
„Also, mein Lieber, nun nehmen Sie mal bitte diese Karte und sehen Sie her! Sie reiten morgen vier Uhr früh ab, — diesen Weg hier nach Adori. durch das Nest weiter bis an diese Walbspitze- Haben Sie?"
Leutnant Fritz v. Plauu steckte seine Nase tief ins Kartenblatt. Ja, die Waldfpitze hatte er, die ihm der Finger deS Negimentsadjntanten wies. Aber verteufelt, daß man morgen so in aller Herrgottsfrühe aus den Federn mußte!
Der andere schien seine Gedanken zu erraten: „Es Ist eine Ehre für Sie, Plaun, daß Sie den Auftrag bekommen, denn von Ihrer Meldung hängt für den Oberst alles ab, — von der Schnelligkeit Ihrer Meldung, wohlverstanden! Wie stark der Feind ist, das wissen wir natürlich auch so schon: unser Brigaderegiment, drei Bataillone und dazu eine Artillerte-Ab teilung marschieren uns morgen früh aus ihrer Garnison Jxstadt entgegen. Wir treffen auf der einzigen, zur Schlacht geeigneten Ebene zwischen hier und dort zusammen, und die
Keilerei wickelt sich kommensmäßig ab, wie bei jeder Besichtigung zwischen hier und Jrsiabt. Der Oberst wirb also, — sehen Sie, — hier bei „Höhe 47" seine Batterien ausfahren lassen. Je cber Sie nun mit ber Meld"'!g kommen, desto eher darf er schießen. Und wer den ersten Schuß abaibt, — na. Sie wissen ja. — der Kat ja schon halb gewonnen. Also ich kann mich aus Sie verlassen?"
„Berlassen können Sie sich schon, aber eine — Gemeinheit ist eS doch, baß Sie gerade mick beauftragen?"
„Ideale, Ideale! Lieber Plaun! Das muß Ihnen doch einen Niesenspaß machen! Sie haben doch auch den schnellsten Vollblüter!"
Jetzt lochte Plaun geschmeichelt. „Keine Range! Der soll schon lausen!" Dann ging er heim, um sich für kurze Stunden anf's Ohr zu legen. Auch waren da manche Vorbereitungen zu treffen. So zum Beispiel das Frühstück! Wenn man doch von vier Uhr früh bis vielleicht zum Nachmittag draußen sein