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eben ein bißchen eljer gekommen, wie das ^ueeölöd^cnJ" dem Märchen von Andersen, dos den Sommer nicht erwarten konnte. Du weiht wohl, daß im Norden das Schneeglöckchen deshalb „Sommernarr" genannt wird? Und Nnpert Guntram nannte sein Kind ebenso, denn es war ja em Schneeglöckchen, ein Frühauf und wie das Schneeglöckchen die erste, die einzige Blüte ist, die im halben Winter noch »ns entzückt, so war auch Ursel die erste, die einzige — also auch in der Beziehung der Sommernarr. Unö' siehst Du, Afra, sie hat auch sonst manche Aehnlichkeit mit der kleinen Frühlingsblume. Sie ist io sn>ch, so lebendig, so recht eine Augenweide und Herzensfreude für alle Menschen. Du wirst sie ja kennen lernen. Und fte fonn nicht leben ohne die Sonne. In ihr ist eine Schmückt nach Licht und Wärme — so etwas gibt es schon garnicht wieder.

Afra strich sinnend das braune Haar aus der schmalen Stirn. Licht und Wärme! Ach ja, die Sehnsucht kannte sie auch. Sie hatte schon manchen Schattenweg gehen müssen im Leben, nicht äußerlich, äußerlich stand sie ja in Hellem Glucks- sonnenschein. Aber ihre Seele, wie war die durch s Dunkel gewandert, durch trostlose Einsamkeit! Wie hatte die gedürstet nach Wärme, nach Sonne! Mitten im Reichtum sich arm suh­len, mitten unter Menschen den ganzen Jammer des Verlossen- seins, der inneren Vereinsamung erfahren müssen, das ist bitter Afra wußte es. Und der Heine Sommernarr da drü­ben, kannte er auch solches Berlassensein? Woher wäre ihm sonst diese Sehnsucht gekommen? Wer niemals friert, der sehnt sich nicht nach Wärme, der ist befriedigt. Herrn Rupert Gun­trams Kind? Mußten es seine tapferen Füße durch Nacht und Kälte tragen? Armer kleiner Sommcrnarr!

Als Afra nach einiger Zeit Frau Ulfingens weißhaariges Haupt am Fenster sah, kehrte sie in den Gartensalon zurück.

„Kommst Du mit, Heino, um Tante guten Morgen zu sagen?"

„Nein, ich will Eure zärtliche Begrüßung nicht stören. Es eilt auch garnicht. Meine eilte Dame ist es schon gewöhnt, daß ich ihr erst gegen Mittag in die Arme falle."

„Was tust Du denn letzt?"

„Ich hänge mich auf."

,LVas?" Sie lachte leise. Heino fand, daß sie sehr hübsch lachen konnte. Es klang wie Musik.

„Ich tue es wirklich," beteuerte er. „Dort drüben «regt schon die Hängematte." . „ .

„Ach so. Nun, viel Vergnügen. Gibst Du dabei Deinen eigenen Gedanken Audienz oder schläfst Du?"

„Keines von beiden, teures Büschen. Ich lese."

„Dars man frage», welcher Art Deine Lektüre fein wird?

Er griff in die Brusttasche seines Rockes und brachte die neueste Nummer des „Simplizisstmus" zum Vorschein. „^l1- Jetzt schüttelst Du Dich natürlich innerlich vor Entsetzen und bist ganz in tugendhafte Entrüstung getancht, nicht?"

„Sehe ich so aus?"

„Ihr Frauen seht immer anders aus, als ’hr wirklich seid."

„Danke bestens. Der kleine Sommernarr anch?

„Ursel?" Wieder stand ein zärtliches Leuchten in seinen Augen. „Nein, die nicht — aber das ist eben auch die Erste, die Einzige —" „

„Die Erste, die Einzige auch für Heino Nlftngen, dachte Afra, als sie langsam dem Hause zuschritt. Ob Heino der war, dem Ursula Guntram fürs Leben gehören wollte? Ob sein Name int Buch des Schicksals neben dem ihren stand? Afra konnte eS sich nicht recht denken, obschon ihr das Mäd­chen noch fremd war.

Frau Ulfingen saß im bequemen Morgenkleid vor ihrer Tasse und legte eben die Zeitung fort, als Afra eintrat. (Sie hatte nur schnell den Theaterbericht überflogen und sich dabei wieder einmal über den Kritiker geärgert, der ihr Feind war, feit sie sich zur Schützerin einer iungen Kunstnovize auf­geworfen hatte, die der Referent bös angegriffen. Nun. sie selbst störten seine Nadelstiche ja nicht. Sie war eine fertige, von der Kritik längst anerkannte Künstlerin, aber das Mäd­chen, das vorwärts kommen wollte, tat ihr leid, denn es weinte noch über jede weniger gute Besprechung. Fran Ul­fingen hätte dem Zeitungsmann gern den losen Mnnd ge­stopft, wenn fic nur gewußt haben würde, wie und womit.

Als Afra ihr den Morgengrnß bot, verflüchtigte stch der Aerger schnell.

„Da bist Du ja. Warst Du schon int Garten?"

„Ja, Tante. Ich habe Heinos Rosen bewundert." „Sein Steckenpferd, das er allen Menschen mit Wonne vor­reitet. Hast Du gut geschlafen?"

„Danke, ja."

„Auch etwas geträumt?"

„Wirklich? Etwas Gutes? Weißt Du — es ist ja Aber­glaube - aber ich bin eine alte Frau - und Träume sind für mich von großer Bedeutung. Was man in der ersten Nacht im fremden Hans träumt, daS geht in Erfüllung, sagt man. Also waS hast Du geträumt?"

Afras Blicke wanderten aus dem dämmerkühlen Zimmer hinaus in die Sonnenglnt. „Ich sah Mutter vor mir stehen, sprach sie mit verschleierter Stimme. „Sie reichte mir einen

Kranz —"

„Was war es Mr ein Kranz?"

„Ein kleiner — grütter —"

„Ein Myrtenkranz!" jubelte Frau Ulfingen. „Natürlich ein Myrtenkranz! Du wirst Dich in meinem Haus verhei­raten oder mindesteits verloben, Afra."

„Ach Tante —"

„Ja, ja, wirst sehen! Aber da laß Dich nur gleich warnen, Kind Verliebe Dich um alles nicht in einen Künstler, denn die sind unausstehlich. Selbst der Guntram, der doch sonst ein prächtiger Mensch ist, ist bis in die Fingerspitzen nervös. Ist ja auch fein Wunder. Was der studiert au einer neuen Nolle, davon hat das liebe Publikum keine Ahnung. Als „Brand" mußt Du ihn sehen, Afra! Du wirst erschüttert

Afra nickte. „Verkehrst Du auch sonst mit den Guntrams?"

„Freilich, sehr viel sogar- Wir sind ja Nachbarn. Die Ursula, sein Mädel, fit mein Patenkind, weshalb sie auch so gut geraten ist." In Frau Ulfingens braunen Angen saß der Schalk. „Ich habe bei ihrer Erziehung manch ein kräftiges Mort mitgeredet — bloß — geholfen hat cs nichts. Der Rupert Guntram macht ja doch immer, was er will. Ein Wunder, daß die Ursel trotzdem solch vernünftiges Ding geworden ist. Bon der Mutter hat sie es nicht, Gott sei Dank — und vom Vater scheint sie nur die guten Eigenschaften geerbt zu haben. Du wirst sie ja bald kennen lernen, fic und den Vater. Vor dem brauche ich Dich nicht zu warnen. Es sind zwar alle unsere Damen — vom Racksifch bis zur alten Frau — verliebt in ihn, aber er mach sich nichts daraus und denkt an keine zweite Ehe. Doch da ist fein Bruder, der Dr. Klaus Guntram, der —*

Afra legte lachend ihre Hand auf Fran Ulfingens Arm. „Tantchen, höre auf! Ich bin doch nicht hierher gereift, um mich zu verheiraten. Tas hätte ich in Weimar bequemer haben können."

In der rundlichen Wange der greifen Künstlerin vertiefte sich ein kinderbaftes Grübchen. „Haft recht. Afra. Alte Weiber werden fchwatzhaft. Ueberlafsen wir die ganze Heimlich- tuerci unserem Herrgott- Der wird schon die Sache einfädeln. Und nun erzähle einmal von Deinem Zuhause. Wir sind ja gestern noch kaum zn Worte gekommen. Du warst abgespannt und ich mußte ins Theater. Aber jetzt haben wir Zeit. Also Du lebst ganz allein in Weimar?"

Afra bejahte. „Ich habe nur eine junge Dienerin. Meine alte Martha starb leider vor einem halben Jahr."

„Und was tust Du nun so den ganzen Tag? Ist eS nicht recht langweilig für Dich?" .

Sie schüttelte den Kopf. „Bis jetzt habe ich noch allerlei studiert Und dann weißt Du wohl auch, daß ich Johanniterin wurde? Sanitütsrat Heilmann erbittet sich oft meine Hilfe. Nach meiner Rückkehr will ich mich unserem Orden ganz zur Verfügung stellen. ES ist so viel Mangel an Schwestern. Da ist eö schließlich Pflicht her Unabhängigen, ihre Kraft den lei­denden Menschen zu widmen."

Fran Ulfingen bewegte ziistiinmend daS Haupt. Was Afra da sagte, berührte sie wunderbar. Es war wie ein Friedens- hanch, der in ihre bunte Welt von irgendwoher hereinwebte. Ueberhaupt ging von dem Mädchen eine Ruhe ans. die wohl­tuend wirkte. Schon AfraS Art zu svrechen und sich zu bewegen hatte etwas Besänftigendes. Ihre Stimme war rote eine Lieb­kosung. Und ebenso hatte Afras Mutter, Fran UlfingenS jüngste Schwester, gesprochen und sich so bewegt. Afra glich ihr sehr, nur die Augen, diese großen, nachdenklichen Augen mit den langen Wimpern, die stammten ans der Familie Hodosch.